Elisabeth Herrmann: Die Mühle | Leseprobe read’n’go

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Sieben Jugendliche in einem perfiden Psychospiel, aus dem es kein Entkommen gibt

The Court – das waren die Coolen. Die Unerreichbaren. Die Helden von Lanas Schulzeit. Wie kann es sein, dass ausgerechnet Lana an eine Einladung zu einem Kurztrip mit der Überflieger-Clique kommt? Jahre, nachdem sie alle ihre alte Schule verlassen haben?
Die Kings und Queens der coolen Clique sind zwar wenig begeistert, als Lana statt ihres siebten Mitglieds bei ihrem Treffen auftaucht. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse. Der Trip führt die Clique in die einsame Wildnis. Alles hier scheint für sie vorbereitet zu sein. Nur wer hat eigentlich die Einladungen verschickt? Wer hat seltsame Spiele für sie organisiert? 

Was Lana über die Mitglieder von »The Court« weiß...

Die Boys
Die Girls

Joshua

Der King, Joshua. Er hatte immer alle um sich geschart. Sie angezogen wie ein Magnet die Eisenfeilspäne. Wie ein Licht die Motten. Wie ein König seinen Hofstaat. Er war der Zeus auf dem Olymp der Götter, wenn wir bei diesem etwas überstrapazierten Begriff bleiben wollen. Blaue Augen, römische Nase, ein energisches Kinn mit einem Grübchen in der Mitte. Die blonden Haare hatte er damals kurz getragen. Nun fielen sie ihm in leicht gewellten Strähnen in die Stirn und auf die Schulter. Er sah einschüchternd gut aus…

 

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Stephan

Stephan trug eine schwarze Hipster-Brille und den dazugehörigen, unvermeidlichen Vollbart. Allerdings sah seiner aus, als würde er ihn jeden Abend mit Schuhcreme bürsten. Die dunkelbraunen Haare waren akkurat getrimmt, sein Anzug sah aus wie in der Savile Row genäht, aber all das konnte nicht davon ablenken, dass er eigentlich schon immer ein durchschnittlicher Typ gewesen war.

 

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Tom

Tom war schon immer sehr höflich gewesen. Höflich und kalt. Der Blick seiner dunklen, fast schwarzen Augen könnte durch einen hindurchsehen, als ob man gar nicht da wäre. Er war einen halben Kopf größer als ich, hatte kurze braune Haare und die stillen Zügen eines Melancholikers, der außer sich selbst niemandem auf der Welt Sympathien entgegenbrachte. Das Auffälligste an ihm war eine klotzige, goldene Uhr mit Mondphasen. Sie passte nicht. Mondphasen waren etwas, das Tom so fremd sein musste wie Strickleggins.

 

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Siri

Ein elfenzartes, wunderschönes Mädchen – die Eisprinzessin hatte ich sie heimlich getauft. Siri hatte immer noch diesen wiegenden, hüftbetonten Gang, mit dem sie entweder schon laufen gelernt hatte oder den sie sich über zehn Staffeln Germanys Next Topmodel antrainiert hatte. Die glatten Haare flossen wie Gold über ihre Schultern, sie trug Jeans, eine Lederjacke und einen kleinen Hut, der bei jeder anderen affig ausgesehen hätte. Irgendeine miese kleine Fee musste beim Verteilen der optischen Vorzüge unserer Jahrgänge einen über den Durst getrunken haben. Warum sonst hatte Siri diese attitude mitbekommen, die in jedem Mann den Beschützer- und Besitzerinstinkt wecken musste? Sie war schon immer ein Biest gewesen…

 

 

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Cattie

Cattie war mindestens einen Kopf größer als ich. Aus einem blassen, rothaarigen Mädchen war eine taffe Businessfrau geworden. In ihrem grauen Kostüm und mit dem kinnlangen, gerade geschnittenen Bob hätte sie als zukünftige Managerin eines Dax-Unternehmens auftreten können. Blass war sie immer noch. Ein gekonntes Make-up verlieh ihrem Gesicht Tiefe, ließ die hellen Augen riesig erscheinen und den Mund geradezu puppenhaft klein. Sie wirkte ein bisschen … overdressed im Gesicht. Als ob sie sich eine Maske geschminkt hätte, um das Mädchen von einst komplett dahinter verschwinden zu lassen. Ihr Lächeln wirkte freundlich, ihre Stimme klang warm. Aber irgendetwas ließ mich vorsichtig sein.

 

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Franziska

Franziska hatte ich von allen am meisten gemocht. Sie war so … normal. Sie trug niemals teure Markenklamotten oder monogrammbedruckte Handtaschen, sie war nett zu den Jüngeren und hatte uns immer für voll genommen. Damals war sie Schulsprecherin gewesen. Also ziemlich uncool für ein Mitglied der berüchtigtsten Angeberclique. Die braunen Haare fielen ihr locker über die Schultern. Sie trug ein schlichtes Strickkleid und schwere Boots dazu.

 

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Der versteinerte Hochzeitszug

Der Chauffeur öffnete uns die Wagentüren, wartete, bis jeder sein Gepäck im Kofferraum verfrachtet hatte, schlug die Türen zu und setzte sich nach vorne. Eine dunkle Glasscheibe trennte uns von ihm.

„Nobel nobel.” Wir vier Mädels saßen auf der Rückbank, uns gegenüber machten sich Joshua, Stephan und Tom breit. Toms Bankermiene nach zählte er wohl gerade zusammen, was der ganze Spaß mittlerweile kostete.

„Dann machen wir es uns mal gemütlich.” Stephan öffnete die Bordbar. „Whiskey? Cognac? Eine Zigarre, meine Herren?”

„Nicht im Auto”, giftete Siri. Sie musste schlecht geschlafen haben, denn ihre Seidenmähne wirkte zerknittert und der Lidstrich betonte ihre roten Augen eher, als dass er davon ablenkte.

Stephan sammelte die Zigarren ein und steckte sie sich in die Brusttasche seiner Jacke. Es war frisch gewesen am frühen Morgen. Ein erster Vorbote des Wetterumschwungs. Tom genehmigte sich einen Cognac, Stephan, Joshua und wir Mädels lehnten ab.

Ich saß am Fenster. Der Wagen hatte über enge Serpentinen das Tal verlassen. Für ein paar hundert Meter gönnte uns die Straße den Ausblick auf die Zuckerbäckerkulisse von oben. Die prächtigen Bauten links und rechts des schmalen Flusses, die Boulevards, die sich gerade belebten. Über der Stadt lag ein kaum sichtbarer Schleier, ein Hauch aus einer längst vergangenen Zeit.

„Wunderschön.” Franziska beugte sich über mich, um besser aus dem Fenster sehen zu können. “Wann sind wir eigentlich zurück?”

„Keine Ahnung.”

Stephan klopfte an die Scheibe, aber der Chauffeur schien uns nicht zu hören. Er verließ die Hauptstraße, um auf eine Art asphaltierten Waldweg einzubiegen. Als wir über die ersten Schlaglöcher fuhren, schaukelte die Limousine wie ein Schiff. Eine Weile ging es steil bergauf. Die meiste Zeit versperrten Bäume die Sicht. Ab und zu aber konnte ich einen Blick bergab erhaschen. Ganz schön steil, ging es mir durch den Kopf. Wir entfernten uns mehr und mehr von der Zivilisation. Der Wagen fuhr langsamer, wir passierten eine Art Schranke, die sich hinter uns wieder senkte, und steuerten direkt hinein in dichten, dunklen Wald.

Ein Hauch aus einer längst vergangenen Zeit

Ein Schild. Dreieckig, rot umrandet, mit einem Totenkopf. Der grinsende Mund war mit groben Strichen zugenäht.

„Hast du das gesehen?“, fragte ich Siri.

„Was?“ Sie sah von ihrem Handy hoch.

„Da war ein Warnhinweis. Mit einem Totenkopf.“

Stephan, der mir gegenüber am Fenster saß, spähte hinaus. Wieder rumpelte das Auto über die buckelige Piste.

„Steinschlag“, sagte Joshua.

„Nein. Es war ein Totenkopf drauf … Und sein Mund war zugenäht.“

„Zugenäht?“, wiederholte Siri. „Wie näht man etwas auf einem Schädel zu?“

„Wahrscheinlich wachsen hier Giftpilze“, sagte Tom. „Der Kaiserwald scheint mir ein recht …“

Holla, die Waldfee! Das nächste Schlagloch hatte es wirklich in sich. Siris Handy schlitterte über den Wagenboden, Tom vergoss seinen Cognac auf Stephans Hose.

„Pass doch auf!“, schrie der wütend.

Tom grinste. „Was ich eigentlich sagen wollte: Der Kaiserwald scheint ein recht wildes Gebirge zu sein. Dünn besiedelt. Heimstatt von Bären und Wölfen.“

Franziska schüttelte den Kopf. „Vor allem von den Bären, die du anderen aufbindest. Sind wir nicht bald da?“

Joshua klopfte erneut an die Scheibe, aber der Chauffeur schien taub zu sein. Als er das Tempo verlangsamte, versuchte Franziska, die Tür zu öffnen. Es ging nicht.

„Wir sind eingesperrt. Hammer. Er hat die Kindersicherung eingeschaltet.“

Der Wagen schlingerte um eine Ecke Und ich wurde ans Fenster gepresst. Ich starrte in den Abgrund.

„Bist du verrückt geworden?“, zischte Stephan. „Schau mal raus, wo wir sind! Der Nächste, der aussteigen will, wartet, bis wir da sind!“

Franziska verschränkte die Arme und schmollte.

Siri wischte ihr Handy sorgfältig ab und wollte sich erneut in die Nachrichten ihrer Fans vertiefen. „Ich hab kein Netz.“ Sie hob das Handy in alle vier Himmelsrichtungen. „WTF!“

Die anderen checkten ihren Empfang – niente. In der allgemeinen Motzerei fiel es keinem auf, dass der Weg wieder breiter wurde und wir zügiger vorankamen. Ich erkannte einen Fluss, vielleicht war es der gleiche, der unten im Tal so ruhig durch die Stadt floss. Hier oben war er wild und reißend. Das Wasser brach sich an großen Steinbrocken und prallte an eine steile Felswand, die sich direkt gegenüber erhob.

 

Ich starrte in den Abgrund

Der Wagen hielt auf einer Art Vorplatz. Ein Plateau, das sich hoch über den Fluss erhob und von dem aus eine Hängebrücke hinüber auf die andere Seite führte. Ein lauter Klick und die Türen waren entriegelt. Wir sahen uns fragend an. Schließlich zuckte Stephan mit den Schultern und stieg als Erster aus.

Der Anblick war überwältigend. Wir standen am Rande einer Schlucht. Auf unserer Seite dichter Wald, auf der anderen ein Höhenmassiv mit gewaltigen Brocken, die ein Riese aufeinander geworfen haben musste. Aus dem Dickicht, das sich in die Ritzen klammerte, traten Felsnadeln hervor; von Ferne sahen sie aus wie ein Dutzend versteinerter Menschen. Ich konnte mir vorstellen, dass dieser Ort in früherer Zeit so etwas wie das Disneyland einsamer Wanderer gewesen sein musste. Dieser steinerne Hochzeitszug, verbunden mit einer bluttriefenden Legende, brachte die Fantasie für die nächsten mühsamen Kilometer ordentlich auf Trab.

Tief unter uns brüllte der Fluss.

Ich überlegte noch, ob ich jemals einen Fuß auf diese Hängebrücke setzen würde, als Franziska mich am Arm berührte. Wir alle trauten unseren Augen nicht.

Auf dem Plateau gegenüber stand ein Tisch. Um ihn herum sieben Stühle. Die Tafel sah aus, als hätte man sie aus dem Ballsaal des Grandhotels direkt dorthin gebeamt. Die weiße Damastdecke, die fast den Boden berührte und sich im Wind bewegte, der gewaltige silberne Kerzenleuchter, die Gläser, die Teller. Es sah unwirklich aus, wie eine Geistererscheinung oder eine Fata Morgana. Aber wir hatten nicht viel Zeit, das Wunder zu bestaunen. Vorerst.

Hinter meinem Rücken hörte ich das leise Geräusch eines startenden Motors. Die Limousine wendete und fuhr … davon.

„Was zum Teufel … He!“ Joshua sprintete los. Wer nicht wie Siri und Cattie in Pumps unterwegs war, rannte ebenfalls schreiend in die Richtung, in die sich der Wagen entfernte. Er verschwand hinter der nächsten Biegung. Wir würden ihn nicht mehr einholen.

Vielleicht hätten wir ihn eingeholt.

Wenn es uns wichtig genug erschienen wäre. So wichtig wie eine Sache auf Leben und Tod beispielsweise. Aber wer denkt schon an so was, wenn man sich auf Überraschungen gefreut hat? Das war wohl eine davon – oder nicht? So blieben wir, etwas aus der Puste, irgendwann stehen und kehrten zu den beiden Ladies an der Brücke zurück, die uns schon mit leuchtenden Augen erwarteten.

„Champagner!“, rief Siri und wies hinüber zu dem Tisch, neben dem ein silberner Topf stand. Ich hätte das aus der Entfernung nicht erkannt. Cattie streifte ihre Schuhe ab und betrat vorsichtig die Brücke. Die Konstruktion schien, zumindest in der Nähe der Verankerung, stabil zu sein. „Kommt schon. Worauf wartet ihr?“

Tom war als einer der Letzten zu uns zurückgekehrt. „In dem Wagen war mein Gepäck. Das Notebook, mein Ladekabel …“

„Mein Make-up, meine Unterwäsche, mein Negligé …“, setzte Cattie die Verlustaufzählung fort. Allerdings nicht ganz so frustriert. „Ja und? Wir werden wieder abgeholt. Ist das nicht eine zauberhafte Idee?“

„Also los.“ Joshua drängte sich vor und betrat nach Siri die Hängebrücke. Einer nach dem anderen folgte den beiden. Die Brücke schaukelte sacht unter dem Gewicht, aber sie war stabil und mit schweren, fast armdicken Seilen gesichert. Damit auch niemand zur Seite wegrutschte, waren von Pfosten zu Pfosten Taue gespannt. Ich war die Vorletzte. Nur Tom stand noch abwartend da, aber niemand machte kehrt. Mit einem Seufzer ging er schließlich hinter mir her.

Tief unter uns brüllte der Fluss

Hängebrücken sind eine vertrackte Sache. Anfangs kommen sie einem vertrauenerweckend vor, aber dann, nach ein paar Metern, beginnen sie zu schwingen. Siri, die schon fast in der Mitte angelangt war, knickte auf ihren hohen Schuhen um und klammerte sich panisch an Joshua. Ihr Schrei gellte durch das Rauschen des Flusses bis zu Tom und mir, die wir noch fast am Anfang waren. Die Brücke pendelte bestimmt einen halben Meter hin und her. Das hört sich nicht weltbewegend an. Aber dreißig Meter hoch über einer Schlucht ist das alles andere als beruhigend.

„Was ist?“, brüllte Tom hinter mir so laut, dass ich zusammenzuckte.

Ich konnte sehen, dass Joshua beruhigend auf Siri einredete und es ihm schließlich gelang, sie weiterzuziehen. Je näher ich der Mitte kam, desto mehr schwand auch mein Mut.

„Langsam! Macht langsam!“

Aber keiner hörte mich. Im Gegenteil: Sie rannten los, um so schnell wie möglich ans andere Ende zu kommen. Dadurch geriet das ganze höllische Ding noch mehr in Bewegung. War diese Brücke überhaupt für so viele Leute auf einmal gebaut worden? Die Holzbretter unter meinen Füßen ächzten bei jedem Schritt. Begleitet wurde diese unheilvolle Melodie noch vom Scharren der eisernen Seile in ihren Halterungen, die wohl lange nicht mehr so beansprucht worden waren. Ich wäre am liebsten auch losgerannt, aber ich hatte Angst, höllische Angst. Unter mir tobte der Fluss. Steile, spitze Felsen ragten aus der Schlucht. Es war so laut hier, als ob das Echo hundertfach verstärkt von den Wänden zurückgeworfen würde. Meine Hände verkrampften sich um die Taue.

„Geh weiter!“ Tom gab mir einen Schubs zwischen die Schultern. Ich stolperte los, den Blick starr auf die anderen gerichtet.

Siri hatte das andere Ende erreicht. Sie sank zusammen. Joshua und Cattie beugten sich über sie. Stephan und Franziska nahmen sich in die Arme.

„Los!“

Noch zehn Meter. Acht. Fünf. Drei. Geschafft —

In dem Moment, in dem ich zum letzten Mal den Fuß hob, um auf festen Grund zu kommen, gab es ein metallisches Schnalzen. Etwas schoss schnell wie ein Peitschenhieb an mir vorüber. Der Holzsteg kippte zur Seite.

Unter uns lauerte der Tod

Ich verlor den Halt, die Balance, schlicht den Boden unter den Füßen und fiel in die Taue. Tom schrie auf. Es ging alles so schnell, so rasend schnell! Und trotzdem habe ich bis heute das Gefühl, alles in Zeitlupe zu sehen. Wie er mit den Armen in der Luft ruderte, wie sein entsetzter Blick begriff, was geschehen würde … Er rutschte einfach weg.

“Tom!”, schrie ich.

Er prallte zwei Meter von mir entfernt in die Seile. Der Ruck schleuderte mich hoch. Die Brücke hatte sich komplett gewendet. Wir hingen in den Tauen, die an den mickrigen Pfosten eingehängt waren. Einer löste sich krachend. Unsere Schreie gellten in meinen Ohren, als wir einen halben Meter in Richtung Abgrund rutschten.

“Lana!”

In Panik sah ich mich um. Joshua stand am Brückenkopf. Noch hielt das verdammte Ding. Aber es knirschte, Holz splitterte, und irgendwo schabte mit einem grässlichen Ton Eisen auf Eisen.

“Nimm das! Halt dich fest!”

Er hielt einen Ast in meine Richtung, aber es war sinnlos.

“Hilfe!”, schrie Tom. “Hilfe!”

“Hör auf zu zappeln!”, schrie ich ihn an. “Keine unnötige Bewegung. Klar? Ist das klar?”

Die Seile waren wie ein Netz. Ein äußerst grobmaschiges Netz, um genau zu sein.

“Du musst da raus”, keuchte ich und versuchte, vorsichtig nach oben zu klettern. Die Hängebrücke bedankte sich, indem sie noch mehr schwankte und ein ganzes Symphoniekonzert an bedrohlichen Tönen von sich gab.

“Wie denn?”

Tom starrte verzweifelt in die Tiefe. Einen Sturz würden wir nicht überleben. Die einzige Chance war, festen Boden zu erreichen, bevor die ganze Konstruktion im wahrsten Sinne des Wortes den Bach hinunterging.

“Benutz die Taue wie eine Strickleiter. Langsam, ganz langsam.” Ich zog mich hoch, und das war verdammt schwierig, weil ich keinen Widerstand hatte. Endlich bekam ich einen Fuß auf das untere Seil.

“Los jetzt.”

Tom antwortete nicht. Aber keine drei Meter entfernt zeterte sich die Meute die Seele aus dem Leib.

“Komm schon! Du schaffst es!”

“Los, zieh dich hoch, verdammt noch mal!”

“Beeil dich! Sonst fliegt dir das Ding um die Ohren!”

Sehr hilfreich. Tom zitterte. Ich wahrscheinlich auch, aber ich hatte keine Zeit, darauf zu achten. Ich hielt mich mit einer Hand an dem oberen Seil fest, das der umgedrehten Hängebrücke am nächsten war, und reichte ihm die andere.

“Tom, nimm meine Hand.”

“Das geht nicht. Dann falle ich.”

“Nimm meine Hand.”

“Nein!”

Ein Ruck, alle schreien auf. Die Brücke hatte sich ein weiteres Stück aus der Verankerung gelöst. Aber sie hielt. Sie hatte sich ungefähr einen halben Meter nach unten bewegt und mir dabei fast den Arm ausgekugelt.

“Tom!” Der Abstand zu Joshua hatte sich vergrößert. “Nimm meine Hand.” Ich versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben. Dabei spürte ich, wie die Panik in mir hochkroch. In kürzester Zeit würde sie jeden logischen Gedanken pulverisieren. “Ich zieh dich hoch und dann hangeln wir uns über die Seile in Sicherheit. Verstanden?”

Er nickte und löste die Finger von dem Seil. Im nächsten Moment hatte er es wieder fest umschlossen.

“Tom!”, schrie ich. “Wenn du jetzt nicht mitmachst, dann kann ich dir nicht helfen! Wir schaffen das. Ich verspreche es dir. Wir schaffen das!”

Langsam, unendlich langsam, nahm er die rechte Hand vom Seil und reichte sie mir. Ich packte sie und zog, so fest ich konnte. Die Brücke schien sich erneut einmal um sich selbst drehen zu wollen, und dann lagen wir in einer riesigen Hängeschaukel, aus der wir uns nicht befreien konnten. Wieder schrien alle anderen auf. Wir hingen jetzt fast waagrecht. Unter uns lauerte der Tod.

“Jetzt hangeln wir uns zu den anderen. Okay? Bist du okay?”

Er nickte hastig.

“Halt dich am Holz fest.” Ich griff nach der Unterseite der Brücke. Ein Brett löste sich und sauste direkt an meiner Schläfe vorbei in die Tiefe. Langsam arbeiteten wir uns vor. Drei Meter. Sie können länger sein als einmal zum Mond und wieder zurück.

“Super!”, schrie Joshua. “Ganz große Klasse.”

Zwei Meter.

Er warf den Ast weg, legte sich auf den Brückenkopf und robbte uns entgegen.

Einen Meter.

Endlich erreichte ich ihn. Er zog erst mich und dann Tom an Land. Keuchend ging ich ein paar Schritte und sank dann völlig erschöpft auf die Knie.

“Toll gemacht.” Stephan hieb mir so fest auf die Schulter, dass ich fast kopfüber im Waldboden gelandet wäre.

Hinter meinem Rücken spielten sich herzzerreißende Wiedersehensszenen ab. Ich kam gerade auf die Beine, da schoss der zweite Peitschenknall über die Schlucht. Die Brücke fiel mit einem fast eleganten Schwung von unserer Seite herunter, schlug am anderen Ende noch einmal auf und baumelte dann wie eine vergessene Strickleiter am buchstäblich seidenen Faden vom anderen Brückenkopf in den Abgrund.

Brillant, dramatisch und nervenzerreißend

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