Vargas: Der Zorn der Einsiedlerin | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

»Ein Mann in Carcassonne durch Spinnenbiss ums Leben gekommen. – Müssen wir uns fürchten vor der Braunen Einsiedlerspinne?«

Ein Spinne als Mordwaffe?

»Ich meinte die Einsiedlerspinne. Kennen Sie die?«
»Nein, ich habe nur über sie gelesen.«
»Fünf Opfer, drei Tote«, sagte Veyrenc. »In so kurzer Zeit. Vielleicht schwebt …«
»Vielleicht?«, fiel ihm Danglard ins Wort.
»… ein Schatten über allem?«, vollendete Veyrenc.
»Der seine Flügel ausbreiten könnte?«, ergänzte Adamsberg.
Danglard schüttelte den Kopf und schob seinen leeren Teller von sich.
»Drei Tote, so weit exakt. Aber das betrifft Ärzte, Epidemiologen, Zoologen. Uns in keinem Fall. Es gehört nicht in unsere Kompetenz.«
»Was man vielleicht überprüfen sollte«, sagte Adamsberg. »Deshalb bin ich morgen mit einem Fachmann für Spinnen, einem Araignologen oder Arachonologen, keine Ahnung, ich hab vergessen, wie er sich nennt, ist aber auch nicht so wichtig, im Museum für Naturgeschichte verabredet.«
»Ich kann es nicht glauben«, sagte Danglard, »ich kann es nicht glauben. Kommen Sie zu uns zurück, Kommissar. Verdammt, in welchen Nebeln haben Sie denn Ihren Durchblick verloren?«
»Ich sehe recht gut im Nebel«, sagte Adamsberg trocken und legte beide Hände flach auf den Tisch. »Ich sehe darin sogar besser als anderswo. Ich will also offen sein, Danglard. Ich glaube nicht an eine ungewöhnliche Vermehrung der Einsiedlerspinne. Ich glaube nicht an eine so auffällige und so plötzliche Mutation ihres Gifts. Ich denke, dass diese drei Männer ermordet wurden.«
Schweigen trat ein, bevor Danglard die Sprache wiederfand. Adamsbergs große Hände hatten sich nicht bewegt, sie lagen noch immer fest auf dem Holz der Tischplatte.
»Ermordet«, wiederholte Danglard. »Von Spinnen
Adamsberg ließ sich Zeit mit der Antwort. Dann lösten sich seine Hände vom Tisch und tanzten ein bisschen durch die Luft.
»In gewisser Weise ja.«

»Ich persönlich sehe nichts im Nebel. Aber manchmal sehe ich ein bisschen voraus.«

Schatten im Nebel

Veyrenc und Adamsberg kehrten langsamen Schritts zurück, mit offenen Jacketts, denn die frühe Juninacht war lau, doch zuvor hatten sie klugerweise Danglard nach Hause gebracht, der ziemlich benommen war, nicht vom Wein allerdings, wohl aber von der Erklärung des Kommissars.
»Nur so viel zu deiner Verabredung im Museum, Jean-Baptiste, es heißt ›Arachnologe‹«, sagte Veyrenc.
»Einen Moment, das notiere ich mir besser.« Adamsberg öffnete im Dunkeln sein Notizheft, schrieb sich das Wort auf, wie Veyrenc es ihm buchstabierte, dann zeichnete er noch rasch eine Spinne daneben.
»Spinnen haben acht Beine, acht. Das habe ich dir schon mal gesagt.«
»Und Insekten sechs«, sagte Adamsberg und korrigierte seine Skizze, »jetzt fällt’s mir wieder ein.«
Er steckte das Heft in seine Jackentasche, wo seine Hand auf eine zerknitterte Zigarette stieß, die er seinem Sohn Zerk gemaust hatte. Er zog sie heraus, sie war nur noch zur Hälfte mit Tabak gefüllt, und zündete sie an.
»Du siehst das also im Nebel«, bemerkte Veyrenc seelenruhig und lief weiter.
»Ja. Was soll ich sonst tun?«
»Das, was du schon tust. Ich persönlich sehe nichts im Nebel. Aber manchmal sehe ich ein bisschen voraus.«
»Und was siehst du da vorn?«
»Ich sagte es, Jean-Baptiste, diesen Schatten.«

Vergangen, doch nicht vergessen ... Gibt es etwas, das du nie verziehen hast?

Das Waisenhaus

»Sie schlichen nachts nach draußen und hatten nur die Qual der Wahl, um ihre Viecher aufzutreiben. Im Sommer gab es immer ziemlich viele Spinnen. Dann wählten sie ihre Opfer aus, und sobald es dunkel wurde, steckten sie dem Kind die Spinne ins Hemd oder in die Hose. Und was geschehen sollte, geschah. Sobald die Spinne sich in die Enge getrieben fühlt, beißt sie zu. Diese infamen kleinen Schurken. Ich habe diese Spinnenbande aus tiefstem Herzen gehasst. Mein Vater hat alle Maßnahmen ergriffen, die in seiner Macht standen. Die Aufsicht an den Türen zum Schlafsaal verstärken, die Kleidungsstücke jeden Morgen ausschütteln lassen, die Wirtschaftsgebäude abschließen. Aber das reichte nicht aus. Sie waren bösartig, und auch stolz darauf, stolz auf ihre Männlichkeit und berauscht von der Macht, die sie innerhalb des Waisenhauses besaßen. Und sie erreichten immer, was sie wollten, denn der Sadismus bringt eine Menge Energien und Ideen hervor. Wenn, meine Herren, eines jener kleinen Opfer sich im hohen Alter schließlich an ihnen gerächt haben sollte, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Einsiedlerspinne um Einsiedlerspinne, nun, dann lassen Sie es in Ruhe. Nichts würde mir mehr gefallen.«

.... Bist du bereit, hinter das finstere Geheimnis zu schauen?

Jetzt kaufen!   € 23,00 

»Vargas schreibt die schönsten und spannendsten Krimis in Europa.«

Tobias Gohlis, DIE ZEIT

»Wer Fred Vargas noch nicht kennt, der hat etwas verpasst!«

Berliner Zeitung