Luca D'Andrea: Der Wanderer | Leseprobe read’n’go

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Die Leiche einer jungen Frau an einem unzugänglichen Bergsee. Ein Tarot-Zeichen, das vom Bösen kündet. Ein Wanderer, dem keiner entkommt.

Mit Entsetzen blickt Sibylle auf das Foto ihrer toten Mutter. Es kam in einem Brief ohne Absender. Zwanzig Jahre ist es her, dass man die Leiche der »narrischen Erika«, die aus Tarotkarten die Zukunft las, an einem abgelegenen Bergsee gefunden hat. In Kreuzwirt waren sich alle einig: Selbstmord. Aber das Foto weckt Sibylles Zweifel. Was war damals wirklich geschehen? Zusammen mit dem Schriftsteller Tony, der als junger Lokaljournalist über den Leichenfund berichtet hatte, macht sich Sibylle auf die Suche nach der Wahrheit. Dabei stoßen sie auf ein dunkles Geflecht aus Lügen, Eifersucht und Verrat, Drogen, Okkultismus und Wahnsinn – und stellen mit Entsetzen fest, dass Erika nicht das einzige Opfer war. Auch sie selbst schweben bald in Lebensgefahr…

Verliebt. Wütend. Und tot.

22. März 1999, acht Uhr morgens.

Milani, der den Citroën zwischen zwei am Waldrand parkende Carabinieri-Autos manövriert hatte, machte eine Vollbremsung. Er hatte ein breites Grinsen im Gesicht und sagte: »Es gibt eine Leiche. Bisher weiß man nur, dass sie Erika hieß. Vielleicht hat sie sich umgebracht. Weißt du, was ein echter Hit für deine Karriere wäre? Vergewaltigung. Oder ein nekrophiler Bastard. Vielleicht ein Serienkiller. Damit macht man Auflage. Die Leute sind total scharf auf Serienkiller.«
»Sollte nicht besser ein erfahrener Kollege diesen Artikel schreiben?«
»Kannst du deinen Namen fehlerfrei schreiben? Ja? Wenn du mich fragst, reicht das, um so einen Artikel runterzuschrubben. Oder hast du Schiss?«
Sie betraten den Wald und kamen kurz danach zum Torfmoor.
Aus einiger Entfernung sahen Milani und Tony die am Seeufer miteinander diskutierenden Carabinieri, die Kriminaltechniker in ihren weißen Overalls und vor allem das Tuch, unter dem blonde Haare hervorlugten.
Tony hatte noch nie in seinem Leben eine Leiche gesehen.
»Vergewaltigt. Wetten wir um ein Bier?«
»Ich wette nie«, erwiderte Tony.
»Du musst noch viel lernen, Greenhorn. Aber deswegen sind wir ja hier. Weißt du, wie ein Weichei wie du zu einem knallharten Journalisten wird?«
Sie blieben vor dem Absperrband stehen, mit dem die Polizei den Tatort gesichert hatte.
Unversehens gab der Fotograf Tony einen so heftigen Stoß, dass dieser das Gleichgewicht verlor und ausrutschte – genau neben die Leiche. Auge in Auge.
Aber was hieß hier schon »Leiche«. Die Leiche war ein Mädchen. Eine junge Frau … Traurig. Verwundert. Erschreckt. Heiter. Verängstigt. Strahlend. Bestürzt. Geistesabwesend. Glücklich. Verliebt. Wütend. Und tot.  

20 Jahre lang wollte man in dem kleinen Südtiroler Dorf Kreuzwirt glauben, dass Erika Knapp oder, wie sie von allen genannt wurde: »Erika die Narrische«, da sie aus Tarot-Karten die Zukunft las, Selbstmord begangen hat.
Bis Sibylle, ihre inzwischen erwachsene Tochter, einen Brief ohne Absender in ihrem Briefkasten findet …

Was ist damals wirklich geschehen?

Ein Brief von einem schüchternen Verehrer?
Schön wär’s gewesen. Sondern ein Schwarz-Weiß-Foto. Das Foto, das es eigentlich gar nicht geben konnte. Erika, die am Seeufer lag. In ihrem Maturaballkleid. Die Haare schlammverdreckt. Das Gesicht zum Himmel gewandt. Und neben der Leiche ein Symbol, das jemand in den Schlamm gezeichnet hatte. Auf keinem Ermittlungsfoto war dieses Symbol, das Lächeln des Kolibri, zu sehen.
Ein Foto, das besagte: »Hast du den ganzen Quatsch wirklich geglaubt? Vergiss das Wort ›Selbstmord‹. Ersetz es durch ›Mord‹. Und lass dir seinen Klang auf der Zunge zergehen.«
Seit diesem Tag hatte Sibylle nicht mehr richtig geschlafen und angefangen, Fragen zu stellen: Was ist damals wirklich geschehen?

Irgendetwas stimmte nicht mit Erikas Tod.

Und je mehr Sibylle nachbohrte, umso mehr Verbindungen, Widersprüche und Zufälle tauchten auf, die ihr keine Ruhe ließen und sie in der Gewissheit bestätigten, dass sie keineswegs den Verstand verloren hatte. Ganz und gar nicht.
Erika hatte sich nicht umgebracht. Erika war umgebracht worden.
»Verdammte Scheiße!«
Sibylle setzte den Helm auf und gab Gas. Die Yamaha heulte auf. Sie brauchte Luft. Brauchte den Rausch der Geschwindigkeit. Nur das. Die Geschwindigkeit pustete ihr Gehirn durch. Während das Adrenalin sie beruhigte. Und sie musste zu Tony, er war damals am Tatort.
Sie durchquerte Kreuzwirt, fuhr von der asphaltierten Straße ab und weiter auf den unbefestigten Wegen zwischen den Bäumen hindurch, ließ den Torfgeruch hinter sich und bog in den Wald ein, steigerte ihr Tempo weiter, wich den herabhängenden Ästen aus, ließ das Geröll unter sich aufspritzen – bis etwas Großes, Rotes und Böses ihr den Weg abschnitt.

Luca D'Andrea

Luca D’Andrea wurde 1979 in Bozen geboren, wo er heute lebt. Er stieg mit seinem ersten Thriller sofort in die Riege der internationalen Top-Autoren auf: »Der Tod so kalt« erschien in rund 40 Ländern und hat sich weltweit 400.000 mal verkauft. Wochenlang stand der Roman unter den ersten 5 der Spiegel-Liste. Gegenwärtig wird »Der Tod so kalt« verfilmt. Luca D’Andreas zweites Buch, »Das Böse, es bleibt«, ebenfalls ein Spiegel-Bestseller, wurde mit dem Premio Scerbanenco, dem renommiertesten italienischen Krimipreis, ausgezeichnet. Sein neuester Thriller, »Der Wanderer«, führt wie seine früheren Bücher in seine Heimat Südtirol.

Luca d’Andreas dritter Thriller »Der Wanderer« ist Hochspannung pur.

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»D'Andrea spielt gekonnt mit den Nerven des Lesers.«

Le Monde des Livres

»Seine Figuren erinnern an die Protagonisten in Jo Nesbøs Romanen: Sie verkörpern den Inbegriff des Bösen.«

El País