Marc Elsberg: Der Fall des Präsidenten | Leseprobe read’n’go

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»Mr. President, Sie haben das Recht zu schweigen!« 

Nie hätte die Juristin Dana Marin geglaubt, diesen Tag wirklich zu erleben: Bei einem Besuch in Athen nimmt die griechische Polizei den Ex-Präsidenten der USA im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs fest. Sofort bricht diplomatische Hektik aus. Der aktuelle US-Präsident steht im Wahlkampf und kann sich keinen Skandal leisten. Das Weiße Haus stößt Drohungen gegen den Internationalen Gerichtshof und gegen alle Staaten der Europäischen Union aus. Und für Dana Marin beginnt ein Kampf gegen übermächtige Gegner. So wie für ihren wichtigsten Zeugen, dessen Aussage den einst mächtigsten Mann der Welt endgültig zu Fall bringen kann. Die US-Geheimdienste sind dem Whistleblower bereits dicht auf den Fersen. Währenddessen bereitet ein Einsatzteam die gewaltsame Befreiung des Ex-Präsidenten vor, um dessen Überstellung nach Den Haag mit allen Mitteln zu verhindern …

Der Fall des Präsidenten - Die Festnahme

Die tief stehende Sonne hinter dem Privatjet strich über dessen schwarzen Lack und warf lange Schatten auf das Rollfeld. Ihre Strahlen blendeten Dana. Sie stand zweihundert Meter entfernt neben einem der Eingänge zum Flughafengebäude. Hier beachtete sie niemand. Kurz vor sechs Uhr abends fühlte sich die Luft auf ihrer Haut immer noch warm und schwül an.

Ein großer Mann ganz in Schwarz trat mit leicht gebeugtem Kopf aus der Tür des Flugzeugs. Routiniert sah er sich um. Ein zweiter folgte. Security. Wie erwartet. Mit prüfenden Blicken in die Landschaft stiegen sie herunter auf den Asphalt. Musterten kurz das Empfangskomitee. Gaben ein Zeichen nach oben. Daraufhin löste sich die Silhouette des Besuchers aus dem Schatten der Türöffnung. Eine mittelgroße, schlanke Figur mit den schlaksigen und doch gespannten Bewegungen eines Langstreckenläufers.

Federnden Schrittes kam er hinab. Seht her, wie viel Energie und Lässigkeit in mir stecken! Im Schlepptau zwei weitere Sicherheitsleute. Dahinter noch vier Personen. Zwei Männer, zwei Frauen. Assistentinnen, Kofferträger.

Bis vor dreieinhalb Jahren galt Douglas Turner als mächtigster Mann der Welt. Nach dem Ende seiner Amtszeit hatte er für sagenhafte achtzig Millionen Dollar Vorschuss seine Memoiren geschrieben (schreiben lassen), war in die Boards einiger Unternehmen eingezogen, hatte seine Stiftung eingerichtet und hielt Vorträge, für die er angeblich bis zu eine halbe Million Dollar kassierte. Jeweils. So wie diesen, für den er nach Athen gekommen war.

Mit dem bekannten Grinsen begrüßte er die Personen am Fuß der Flugzeugtreppe – vier Vertreter der Veranstalter und Hauptsponsoren, dazu persönliche Assistenten der Veranstalter, des Sponsors, zwei hochrangige Politiker und ein leitender Polizist. Meet and greet, genaue Zeitdauer und Orte waren im Vertrag fixiert. Nicht länger als notwendig.

Weitere Polizisten wachten an unauffälligeren Positionen über den Flughafen verstreut. Die meisten davon hatte Dana im Blick.

Die Truppe stieg in eine Stretchlimousine. Security und Entourage folgten in normalen schwarzen Pkw. Umständliche Einreiseformalitäten in den öffentlichen Zonen mit den Passagieren anderer Flüge waren keine vorgesehen. Komplett erspart wurde Turner die Prozedur als Privatperson aber nicht. Dafür würde er in den VIP-Bereich des Flughafens gebracht.

Zu dem Eingang, an dem Dana wartete.

Jahrelang hatten sie auf diesen Moment hingearbeitet. Alles genau vorbereitet. Sie bekamen nur diese eine Chance.

Jetzt durfte sie nicht scheitern. Sich keinen Fehler leisten.

Sie machte sich bereit.

Showdown.

Sanft hielt die Stretchlimousine vor dem Eingang zum Flughafengebäude. Vom Asphalt her strahlte noch die Hitze des Tages. Aus dem Wagen dahinter stiegen wieder zuerst die Sicherheitsmänner. Scannten kurz die Umgebung. Öffneten die Tür der Stretch.

Ein unwürdiges Fahrzeug für Menschen, die Bedeutung demonstrieren sollten und wollten. Wie sie sich mit gebeugtem Kopf und Rücken aus dem zu niedrigen Gefährt winden mussten. Keinerlei Macht und Erhabenheit. Selbst Douglas Turner bekam das nicht elegant hin.

Begleitet von dem Empfangskomitee und seiner Entourage, betrat er das Gebäude. Ein funktionaler Raum: ein paar Stühle und Tische, dahinter zwei Counter. Dazwischen warteten sechs uniformierte Beamte der Einreisebehörde. Der leitende Polizeibeamte vom Flugfeld wies Douglas Turner den Weg.

Niemand achtete auf die sechzehn Polizisten, die bis jetzt an den Wänden gewartet hatten und sich nun unauffällig der Gruppe näherten. Oder auf die Frau, die im Schatten neben dem Eingang gestanden hatte und hinter den Polizisten nun ebenfalls näher kam. Sicherheit für einen so hochrangigen Gast wurde erwartet.

Bis einer der Leibwächter sich misstrauisch umsah. Seine rechte Hand verschwand unter dem Jackett.

»Achtung, Mister President!«

Drei Polizisten stürzten auf den Leibwächter zu, die übrigen nahmen sich die anderen Sicherheitsmänner vor. Sie erwischten den Leibwächter, als er zu der Waffe im Brusthalfter griff. Einer der Polizisten fixierte dessen Arm mit der Waffe, die anderen verdrehten den freien Arm nach hinten und traten gegen seine Beine. Der Arm mit der Waffe schnellte senkrecht in die Höhe. Der Präsident und die anderen Anwesenden duckten sich. Ein ohrenbetäubender Knall ertönte. Aus dem Loch in der Decke rieselte Staub. Die Polizisten rangen den Mann zu Boden, traten auf seine Hand, entrissen ihm die Waffe. Die übrigen Leibwächter lagen bereits, fixiert von je drei Polizisten. Die verbliebenen Uniformierten der Einreisebehörde hatten Turner umringt.

»Douglas Turner?«, fragte jener Polizist, der dem Ex-Präsidenten direkt gegenüberstand. Eine rhetorische Frage, wie Turner gleich feststellen sollte, als sein verdutztes »Was soll …?« von dem uniformierten Gegenüber in tadellosem Englisch unterbrochen wurde: »Ich verhafte Sie im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen.«

»Das werden Sie alle furchtbar bereuen«, zischte der Ex-Präsident durch die Zähne.

Der Fall des Präsidenten - Das Video

Ein ungläubiges Atemholen lang schienen der Raum und die Menschen darin zu einem Standbild gefroren.

Die Sicherheitsmänner versuchten, sich aus dem Griff der Polizisten zu lösen. Turners Entourage wollte an den Uniformierten vorbeidrängen. Die Polizisten aber wichen nicht zur Seite.

»Das ist ein schlechter Scherz!«, rief einer der Veranstalter. »Haben Sie den Verstand verloren?!«, ein anderer.

Mehrere Personen aus Turners Assistententeam bestürmten die Mitglieder des Empfangskomitees, andere zückten ihre Telefone.

»Genug jetzt!«, forderte einer der Sponsoren, ein ältlicher Asketentyp in teurem Anzug. »Tun Sie etwas!«, forderte er den führenden Polizisten in ihrer Runde auf.

Der trat zu der Gruppe um den Präsidenten.

»Douglas Turner, bitte kommen Sie mit«, sagte er.

»Sie sind verrückt?!«, rief einer der griechischen Politiker und zog sein Mobiltelefon hervor. »Ich informiere sofort die Justizministerin!«

»Kalomira Stakis ist informiert«, entgegnete der oberste Polizist. »Was denken Sie denn?«

»Ist Ihnen bewusst, was Sie hier tun?«, fragte der Präsident mit seiner typischen Bariton-Singsangstimme. Alle anderen verstummten.

»Sie produzieren die größte diplomatische Krise nach dem Zweiten Weltkrieg«, erklärte er ruhig. Er blickte dem führenden Polizisten in die Augen. »Die Konsequenzen für Sie, Ihre Vorgesetzten, Ihr Land und Ihre Mitbürger sowie alle Verantwortlichen in Behörden und beim Internationalen Strafgerichtshof werden schon so unangenehm genug sein. Noch können Sie Schlimmeres abwenden.«

Turner blieb gleichmütig, schien sich seiner Sache sehr sicher.

»Dies ist lediglich eine Assistenzleistung für den Internationalen Strafgerichtshof, gestützt auf internationales Recht«, erwiderte der Polizist mit neutraler Stimme. »Hier«, er wies auf einen der Uniformierten neben sich, »steht Ihnen auch ein Dolmetscher zur Verfügung, falls Sie einen benötigen.«

»Die Vereinigten Staaten von Amerika erkennen die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs für US-Bürger nicht an«, sagte Turner. »Im Gegenteil haben sie mehrmals sehr deutlich gemacht, dass die USA die Verfolgung ihrer Bürger durch den Strafgerichtshof unter keinen Umständen dulden werden. Der American Service-Members’ Protection Act erlaubt dem US-Präsidenten jegliche Mittel, um betroffene US-Bürger zu befreien. Auch Waffengewalt.«

In dem Getümmel interessierte sich niemand für Dana. Während mehrere Mitglieder von Turners Begleitern bereits telefonierten – mit der US-Botschaft und dem US-Außenministerium wahrscheinlich, vielleicht auch direkt mit dem Weißen Haus –, stellte sie sich neben den Polizisten. Die Männer überragten sie alle fast um Haupteslänge.

»Ignorieren rechtsstaatlicher Institutionen ist üblicherweise eine Eigenschaft von Despoten«, sagte sie zu Turner, »und nicht der Führungsnation der freien Welt. Oder?«

Für einen Moment verschlug es dem Ex-Präsidenten die Sprache.

»Dana Marin, Vertreterin des Internationalen Strafgerichtshofs«, stellte sie sich vor. »Wenn Sie jemandem drohen wollen, dann bitte mir, nicht den Männern hier, die nur ihren Job machen.«

Ihr überraschendes Auftreten und ihre Entschiedenheit irritierten Turner und die anderen Anwesenden.

Mittlerweile wisperte seine gesamte Entourage, die während ihres Erscheinens nur kurz aufgeblickt hatte, aufgeregt in ihre Mobiltelefone. Auch einer der Politiker, einer der Veranstalter und der Sponsor telefonierten.

»Damit kommen Sie doch nicht durch!«, rief der zweite Politiker. Auf einigen Stirnen entdeckte Dana Schweiß.

»Ich würde vorerst auch nicht mit zu vielen Personen darüber reden«, erklärte Dana in Richtung der Telefonierenden. »Je mehr Menschen davon wissen, desto früher wird die Sache öffentlich.« Sie erhob ihre Stimme über das verärgerte Gezischel und die Einwürfe einiger Anwesenden. »Sie alle wollen sich sicher darauf vorbereiten, wie Sie in der Sache den Medien gegenübertreten.«

»Was werfen Sie dem Präsidenten überhaupt konkret vor?!«, rief einer der Politiker wütend.

»Dem Präsidenten ist nichts vorzuwerfen!«, korrigierte ihn harsch ein junger Mann aus Turners Gefolge, der aussah wie aus dem Katalog für angehende US-Kongress- oder Boardmitglieder, die ihre Karriere als Mitarbeiter einflussreicher Persönlichkeiten begannen.

»Der Internationale Strafgerichtshof hat eine Pressemeldung vorbereitet. Sie wird in etwa zwei Stunden erscheinen, sobald Mister Turner an seinen vorläufigen Aufenthaltsort verbracht wurde. Darin wird es mehr Informationen geben. So lange bleibt Ihnen also, Stellungnahmen auszuarbeiten.«

»Das werden Sie alle furchtbar bereuen«, zischte der Ex-Präsident durch die Zähne. Seine Gelassenheit war dahin. »Informiert sofort den Botschafter!«, rief er seinen Leuten zu.

»Gehen wir«, sagte Dana, und die Polizisten schoben Turner sacht, aber bestimmt zum Ausgang.

Niemand bemerkte, dass der Assistent des Sponsors während der gesamten Zeit mit dem Smartphone in seiner Hand nicht telefonierte.

»Ich will sofort alle an den Telefonen. Das Gericht, den EU-Kommissionspräsidenten, den deutschen Kanzler und den französischen Präsidenten, fürs Erste.«

Der Fall des Präsidenten - Mister President

»Arthur Jones! Arthur Jones!«

Das Brausen von zwanzigtausend Stimmen füllte das Target Center in Minneapolis, begleitet vom tausendfachen Winken der Papierwimpel in den Farben der Nationalflagge.

Auf dem Podium vorn, sehr klein, stand der amtierende Präsident, hinter ihm die übliche Schar handverlesener Unterstützer aus erkennbar allen Bevölkerungsgruppen, sorgfältig ausgewogen zusammengestellt. Frauen, Männer, Kinder, jung, alt, heller, dunkler, Insider würden auch ein Mitglied der LGBTQ-Community erkennen. Alle trugen dieselben Sweater mit dem rot-blau-weißen Schriftzug ARTHUR JONES FOR PRESIDENT.

Auf dem gigantischen Monitor hinter ihnen hob der lächelnde Präsident, zwanzigfach vergrößert, beschwichtigend die Arme, um seine Rede fortzusetzen.

Den Moment musste Derek nutzen. Gemeinsam mit etwa dreißig Technikern, Veranstaltungsmanagern und Mitgliedern des Wahlkampfpersonals beobachtete er die Szene aus dem Regieraum, einem großen Plexiglas-Ei oberhalb des Publikums und gegenüber der Bühne. Er hasste es, den Präsidenten unterbrechen zu müssen. Jones’ Zornesausbrüche waren gefürchtet. Gerade kostete er die Klimax seiner Rede aus, das Bad in der Menge, nach dem er so dürstete. Weiter wachsen würde seine Wut, sobald er den Grund für den Coitus interruptus erfuhr.

»Rede möglichst rasch beenden, Mister President«, sagte Derek so leise in sein Headset, dass es niemand anders im Plexiglas-Ei hörte. Auf dem Riesenmonitor erkannte er an Jones’ Gesicht, dass dieser die Nachricht über den Knopf in seinem Ohr gehört hatte, aber nicht glauben konnte. Glauben wollte. Der Präsident behielt sein Lächeln bei, änderte aber die beruhigenden Handbewegungen zu einem Winken, das den Jubel der Menge erneut anfachte. Ein Profi. Wollte jetzt Zeit gewinnen, um sichergehen zu können, dass er richtig verstanden hatte.

Zehntausende waren an diesem Morgen aus dem halben Bundesstaat angereist, um ihrem Idol zuzujubeln. Einen US-Präsidenten holte man nicht ohne triftigen Grund vorzeitig aus einer Wahlkampfrede vor einer randvollen Halle. Manche blieben sogar dann vor einer Schulklasse sitzen, wenn man ihnen ins Ohr flüsterte, dass die USA gerade angegriffen wurden. Vielleicht würden Medienanalysten sich auf den TV-Schirmen später in aufgeregten Interpretationen überschlagen, ob der Präsident in diesem Augenblick die Nachricht erfahren hatte. Würden seine Mimik hundertmal über die Bildschirme der Nation laufen lassen. Sie kannten Jones’ Wahlkampfreden mittlerweile, wussten, welche Themen darin vorkamen. Würden sich vorerst nur wundern, dass er diesmal Teile ausgelassen hatte. Später würden ihnen diese fehlenden Teile das Argument liefern, dass er wohl rascher hatte zum Schluss kommen müssen.

Doch genau das mussten sie verhindern. Deshalb sollte Jones von der Bühne gehen und sich einklinken in die bereits vorbereitete Krisenschaltung mit den wichtigsten Kabinettsmitgliedern in Washington und wo die sich sonst noch gerade aufhielten.

»Rede möglichst rasch beenden«, wiederholte Derek. »Asap.«

Der Präsident behielt sein Lächeln bei, senkte die Hände als Signal, dass er weitersprechen wollte, und nickte ein paarmal. Für das Publikum musste es aussehen wie eine zufriedene Anerkennung des zwanzigtausendfachen Jubels, doch der kurze Blick währenddessen hinauf zu dem Plexiglas-Ei, den Derek auf dem Großmonitor gut erkennen konnte, zeigte ihm, dass Jones verstanden hatte.

»Arthur Jones, amtierender und nächster Präsident der Vereinigten Staaten!«, rief der Moderator, während Jones winkend und federnden Schrittes von der Bühne ging.

Die Halle tobte. Abertausende Wimpel flatterten, von der Decke regnete rot-blau-weißer Glitter.

Umringt von Security, schritt der Präsident mit verhaltener Eile durch den abgezäunten Gang entlang der vorderen Publikumsreihen und schüttelte noch die eine oder andere Hand, bevor er in den Eingeweiden des Veranstaltungszentrums verschwand, begleitet von einem halben Dutzend Kameras und ein paar Handykameras ausgesuchter Medien, der Presseabteilung des Weißen Hauses und des Wahlkampfteams. Über sie konnte Derek auf den Monitoren im Backstagebereich Jones’ Weg verfolgen. Durch die weniger glamourösen Gänge mit Sichtbetonwänden und Rohren an der Decke.

Der Backstagebereich bestand aus sechs unterschiedlich großen Räumen. Einer war für den Präsidenten allein, einer für die Maske, einer für die Medien, die übrigen für Mitglieder des Wahlkampfteams. Eine Riesenmaschine, über siebzig Leute telefonierten, bedienten Social-Media-Kanäle, bearbeiteten nach, wuselten zwischen den Tischen umher. Und das waren nur die vor Ort. Aus dem übrigen Wahlkampfteam hatte Derek vorerst niemanden eingeweiht. Um möglichst wenig Aufsehen zu erregen, hatte er die Konferenzschaltung in Jones’ Garderobe vorbereitet. Niemanden würde es verwundern, wenn sich der Präsident kurz allein dorthin zurückzog.

Einige wunderten sich dennoch. Beim Durcheilen der Räume hatte Derek Gesprächsfetzen aufgeschnappt. Kürzere Rede heute. Migration kaum angesprochen. Vor allem gegen Ende gehastet.

Derek würde ihnen einen Grund liefern. Später. Jetzt platzte Jones durch die Tür, gefolgt vom Schwarm der Securitys, Assistenten und Kameras. Gratulationen von allen Seiten, trotzdem, Händeschütteln, kurzes Winken und »Danke« an das Team. Derek schloss sich dem Pulk um den Präsidenten an, wurde auf einen Wink von Jones ganz an ihn herangelassen.

»Du hast hoffentlich einen sehr guten Grund, mich vorzeitig da runterzuholen«, zischte er.

»Gut ist er nicht«, sagte Derek, »aber wahlentscheidend.«

Sie hasteten weiter Richtung Garderobe, vor deren Tür alle anderen zurückbleiben mussten. Derek schloss die Tür von innen. Nun waren da nur mehr er und der Präsident. Und auf den Bildschirmen von drei Laptops die Gesichter der Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrats.

Der Anblick erstickte Jones’ drohenden Wutausbruch. Dieser Aufmarsch bedeutete Ärger.

»Um siebzehn-zweiundvierzig Ortszeit, zehn-zweiundvierzig EDT, verhaftete die griechische Polizei in Athen Douglas Turner«, erklärte Derek. »Sie handelte aufgrund eines vorläufigen Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs.«

Jetzt hatte er Jones doch überrascht. Der Präsident allerdings besaß eine sehr schnelle Auffassungsgabe. Und kaltblütiges Kalkül. Er musterte Derek kurz.

»Geschieht ihm recht, dem Arsch«, grummelte er. »Anyway …« Er checkte seine Armbanduhr. Dann blickte er in die Runde auf den Laptopschirmen. »Siebzehn Minuten her. Es ist noch nicht offiziell«, sagte er. »Sonst wäre da draußen die Hölle los.«

»Noch nicht«, sagte Derek. »Vor fünfzehn Minuten erreichten die ersten Anrufe seiner Mitarbeiter das Außenministerium, die US-Botschaft in Athen, das Weiße Haus. Die Verhaftung fand nicht in der Öffentlichkeit statt. Medien waren keine anwesend. In etwa eineinhalb Stunden will der Strafgerichtshof eine Pressemeldung herausgeben. Sobald Turner an seinen vorläufigen Aufenthaltsort gebracht wurde.«

»Dazu wird es nicht kommen«, sagte Jones entschieden. »Die glauben doch nicht im Ernst, dass wir das zulassen? Was tun wir?«

»Wir erkennen die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs für US-Bürger nicht an«, klang die Stimme des Justizministers aus einem der Laptops. »Daher sollten wir direkten Kontakt vermeiden. Wir dürfen nicht einmal den Eindruck erwecken, dass wir uns auf ein Verfahren einlassen.«

»Wie lauten die konkreten Vorwürfe?«

»Will das Gericht mit der Pressemeldung bekannt geben. Unsere Leute sind dran, vorher etwas zu erfahren.«

»Trotzdem müssen wir mit ihnen reden«, sagte der Chief of Staff. »Wir haben mehrere Back Channels.« Inoffizielle Kontakte.

»Wir sollten ihnen sofort die Instrumente zeigen«, sagte der Außenminister, ein ehemaliger Fünf-Sterne-General mit gemeißeltem Gesicht unter dem kahl geschorenen Kopf. »Ich telefoniere gern mit der Chefanklägerin persönlich.«

»Keine direkten Kontakte«, wandte der Justizminister ein, »schon gar nicht auf so hoher Ebene …«

»Je höher die Ebene, desto besser«, widersprach der Außenminister. »Die müssen uns ernst nehmen. Sehr ernst!«

»Adam hat recht«, sagte Jones und meinte den Außenminister. »Wir müssen diese Sache beenden, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Das gelingt nur, wenn wir an allen Fronten sofort höchsten Druck aufbauen. Nicht nur beim Strafgerichtshof. Der sitzt in Den Haag. Sondern auch bei der niederländischen Regierung als Gastgeberin des Strafgerichtshofs. Bei den Griechen natürlich. Bei der Europäischen Union. Und bei den wichtigsten Staatschefs der Union. Das gesamte Arsenal androhen. Einreisesperren in die USA für alle Personen, mir egal, ob sie französischer Präsident, deutscher Kanzler oder einer dieser EU-Oberclowns sind. Wirtschaftliche Sanktionen. Verbote für europäische Banken, in den USA Geschäfte zu machen, Rückzug aus der NATO und so weiter. Zur Not sogar den American Service-Members’ Protection Act.«

»Es sind unsere Verbündeten«, gab der Außenminister zu bedenken.

»Papperlapapp! Verbündete tun so etwas nicht!«

»Das könnte aber auch unserer Wirtschaft …«, wandte die Ministerin für Homeland Security ein, doch Jones schnitt ihr das Wort ab.

»Es kommt ja nicht so weit! Aber androhen müssen wir deutliche Maßnahmen!«

»Wenn wir es nicht ernst meinen, sollten wir nicht damit drohen.«

»Ich meine das todernst«, bellte Jones. »Turner ist ein selbstgerechter, grenzdebiler, narzisstischer Mistkerl! Und Republikaner dazu! Aber wir können es nicht zulassen, dass ein ehemaliger US-Präsident von diesem Gericht auch nur ins Visier genommen, geschweige denn verhaftet wird! Wer ist der Nächste? Der chinesische Präsident? Der russische? Ich?! Haben die komplett den Verstand verloren?!!« Er fing Dereks Blick auf. Der rollte kurz mit den Augen Richtung Tür. Nicht zu laut. Da draußen waren Leute.

Jones schnaufte. Er schlug mit der Handfläche auf den Tisch, redete aber wieder mit normaler Lautstärke: »Ich will sofort alle an den Telefonen. Das Gericht, den EU-Kommissionspräsidenten, den deutschen Kanzler und den französischen Präsidenten, fürs Erste.«

»Und wenn die noch gar nicht Bescheid wissen?«, fragte der Verteidigungsminister. »Dann wecken wir schlafende Hunde.«

»Wenn die das verschlafen haben, wird es Zeit, dass sie aufwachen!« Arthur Jones stützte sich mit beiden Händen vor dem Laptop ab, auf dem der CIA-Chef eingespielt war. Beugte den Kopf wie ein Stier vor dem Angriff. »Wo wir über verschlafen reden«, fuhr er eiskalt fort. »Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Warum wussten wir nicht Bescheid? Warum wussten Sie nicht Bescheid?«, wandte er sich direkt an den Geheimdienstmann.

»Geheime Haftbefehle«, antwortete der ungerührt. »Die kann das Gericht in sehr kleinem Kreis halten. Wenn sie es geschickt genug anstellen …«

»Wenn sie es …?!«, donnerte Jones, beherrschte sich dann und sagte mit unterdrücktem Zorn: »Genau dafür sind Sie mit Ihren elektronischen Spielereien da! Geheimnisse gar nicht erst entstehen zu lassen! Oder sie rechtzeitig aufzudecken!« Er atmete durch. »In Ordnung«, sagte er. »Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche. Turner rauszuholen, bevor die Öffentlichkeit von der Geschichte erfährt. Und dafür zu sorgen, dass sie nie etwas davon erfährt.«

»Wir sollten trotzdem die Presseabteilungen mit einbeziehen«, sagte Derek. »Auch wenn wir Turner in der kommenden Stunde freibek…« Derek wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, noch bevor Jones ihm das Wort abschnitt.

»Wenn?!«, sagte der Präsident gefährlich leise. »Das ist keine Option.«

»Auch nachdem wir Turner freibekommen haben«, korrigierte sich Derek, »wird es Gerüchte geben. Dem Vernehmen nach waren zwei Dutzend Polizisten anwesend, mehrere Vertreter und Sponsoren der Veranstaltung, bei der Turner auftreten sollte, und zwei griechische Politiker. Irgendjemand wird etwas erzählen. Und sei es nur seiner Frau oder einem Freund. Das wird schwer bis nicht einzufangen sein. Deshalb müssen unsere Medienabteilungen sich vorbereiten. Weißes Haus und Wahlkampfteam.«

»Denen wollen wir ja wohl nicht davon erzählen?!«, fuhr der Präsident ihn an.

»Nein. Sie erfahren, dass von irgendjemandem böswillige Propagandagerüchte vorbereitet werden, um die Wahl zu beeinflussen, wahrscheinlich von russischen Trollfarmen.«

»Meinetwegen«, sagte Jones. »Aber vorsichtig.« Der Präsident klatschte in die Hände. »Also los! Lasst uns den Idioten rausholen, bevor jemand von der Geschichte Wind bekommt!«

In Dereks Hand hatte das Mobiltelefon zu vibrieren begonnen. Nachrichtenalarm. Einer nach dem anderen. Gleichzeitig wandte auf dem Laptop zuerst der CIA-Direktor kurz den Blick von der Kamera ab, nach unten, als läse er eine E-Mail oder etwas auf seinem Mobiltelefon, das wahrscheinlich vor ihm auf dem Tisch lag.

Derek hatte kein gutes Gefühl dabei. Er prüfte das Display.

»Fuck«, flüsterte er. »Mister President«, wandte er sich an Jones, »ich fürchte, die Situation hat sich gerade grundlegend verändert.«

Was Steve als US-Bürger darüber dachte? Gerade dachte er gar nichts. Sein ganzer Körper war ein einziger Schrei: Lauf weg!

Der Fall des Präsidenten - Kriegsverbrechen

»Hey, Steve, wach auf!«

Jemand hatte Steve die Kopfhörer vom Ohr gezogen. Statt Johnnie Taylor brüllte jetzt Jürgen hinein. Schon längst spuckten einem die Leute wieder direkt ins Ohr. Als hätte es Corona nie gegeben.

»Sieh dir das an!«

Steve schaute eigentlich gerade auf den Bildschirm. Mit seinen Kurven und Tabellen auf der einen Seite, dem App-Design auf der anderen.

»Was soll ich ansehen?«

Er blickte auf. In dem Loftbüro war alles wie immer. Zwanzig- und Dreißigjährige und zwei Vierzigjährige, die alles dransetzten, am jüngsten von allen auszusehen, standen in einer großen Traube um einen Bildschirm und starrten darauf. Oder auf ihre Handys. Oder auf beides. Nur dass sie alle das sonst eher für sich taten.

»Was?«, fragte er Jürgen. »Porno?«

»Besser.«

»Was denn nun?«

»Guck selbst.«

»Alter, jemand muss hier arbeiten.«

»Ist echt krass«, sagte er. »I mean – this is crazy!«

Als würde Steve es auf Englisch besser verstehen. Was er im Allgemeinen tat. So wie die meisten anderen hier.

Crazy. Krass. Die Ähnlichkeit war ihm noch nie aufgefallen. Selber Wortursprung? Musste er mal nachsehen. Widerwillig erhob er sich. Man wollte dann ja doch nicht der Spielverderber sein.

»Der ehemalige US-Präsident Douglas Turner wurde in Athen verhaftet«, erklärte Jürgen auf dem Weg. »Wegen Kriegsverbrechen!«

Seine Worte wirkten auf Steve, als hätte jemand einen Kübel Eiswasser über ihn ausgegossen.

Kühler Schweiß trat auf seine Stirn und Nase.

»Du machst Witze«, sagte er. Krächzte er.

»Nein! Schau!«

Jetzt stand er bei den anderen vor dem großen Bildschirm. Da lief ein Video.

Steve sah nur unscharfe Hinterköpfe irgendwelcher Menschen durch das Bild schwanken. Tumultartige Szenen. Dahinter, klein, immer wieder kurz ein paar Uniformierte. Einer der Beamten sprach zu einem der Männer in der vorderen Reihe, von dem Steve auch nur den Hinterkopf sah. Er ahnte, wessen. Die Bilder verwischten und verwackelten, Stimmen in verschiedenen Sprachen riefen durcheinander, hauptsächlich Englisch, doch Steve verstand kaum ein Wort. Er hörte genau hin. Die Stimmen klangen dumpf, verwaschen, weit weg. Aber wenn man wusste, was gesagt werden könnte, verstand man. Zuerst den Namen.

»Douglas Turner?«

Damit war eigentlich schon alles klar. Der Angesprochene erwiderte kurz etwas, doch der Polizist redete gleich weiter: »Ich verhafte Sie im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen.«

Sie führten ihn ab.

In der Menschentraube um Steve arbeiteten sieben Nationalitäten: Deutschland, Österreich, Dänemark, Schweden, Taiwan, Südkorea, Vereinigte Staaten. Aufgeregt riefen sie durcheinander. Kommentierten in allen möglichen Sprachen, vor allem auf Englisch.

Wie cool ist das denn? Die spinnen ja! Die trauen sich was! Das werden sich die Amis nicht gefallen lassen. Höchste Zeit, dass sich mal einer traut!

In diesem Laden waren die Meinungen eindeutig.

Tina, eine Schwedin, wandte sich an Steve. »Du kommst aus den USA. Was hältst du davon?«

Was Steve als US-Bürger darüber dachte? Gerade dachte er gar nichts. Sein ganzer Körper war ein einziger Schrei: Lauf weg! Verschwinde!

»Ja«, rang er sich ab. »Verrückte Sache.«

Das war unverbindlich. Er wollte das jetzt nicht mit ihr diskutieren. Oder mit irgendjemandem.

»Was ist passiert?«, fragte er.

Jetzt bloß nichts anmerken lassen.

»Ist gerade erst in den sozialen Medien aufgetaucht«, sagte Tina. »Ich weiß auch nicht mehr.«

»Noch weiß niemand mehr«, sagte Jürgen.

Steve musste mehr wissen. Er nestelte sein Telefon aus der Hosentasche. Wenn bloß seine Finger nicht so gezittert hätten.

Die Wahrheit. Eine Frage der Perspektive?

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