Val Emmich: Dear Evan Hansen (Schreiber) | Leseprobe read’n’go

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Nobody Deserves to be Forgotten

Der introvertierte und ängstliche Evan hat von seinem Therapeuten und seiner Mutter den Auftrag bekommen, am ersten Schultag endlich mehr auf seine Mitschüler zuzugehen. Doch er scheitert grandios schon daran, auch nur einen zu bewegen, auf seinem Gipsarm zu unterschreiben.

Frustriert macht Evan sich in der Pause an seine zweite Aufgabe, jeden Tag einen Brief an sich selbst zu schreiben, in dem er erklärt, warum sein, Evans, Tag ein ganz fantastischer Tag sein wird. Doch anders als sonst haut Evan diesmal keine weichgespülten Wahrheiten in die Tasten, sondern bringt die echte, schmerzhafte Fülle seiner Empfindungen zu Papier.

Und mit dieser kleinen Tat beginnt alles.

Meine Ungeschicklichkeit

steht in direkt proportionalem Verhältnis zur Anzahl glotzender Mitschüler.

Der Brief

Ich lege die Finger auf die Tastatur. Keine Lügen mehr.

 

Lieber Evan Hansen,

es hat sich herausgestellt, dass dies doch kein ganz fantastischer Tag gewesen ist. Das wird auch keine ganz fantastische Woche oder ein ganz fantastisches Jahr werden. Warum auch? Ach, ich weiß, weil es Zoe gibt. Und all meine Hoffnung hängt an Zoe. Die ich nicht mal kenne und die mich nicht kennt. Aber vielleicht, wenn ich es tun würde. Wenn ich vielleicht einfach mit ihr reden könnte, so richtig reden, dann vielleicht – dann wäre vielleicht trotzdem nichts anders.

Ich wünschte, alles wäre anders. Ich wünschte, ich wäre Teil von irgendwas. Ich wünschte, irgendwas, das ich sage, wäre von Bedeutung – für irgendwen. Denn – sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: Würde es jemand merken, wenn ich morgen verschwunden wäre?

Herzliche Grüße,

dein bester und allerliebster Freund, Ich

Es hat sich herausgestellt, dass dies doch kein ganz fantastischer Tag gewesen ist.

Connor Murphy

Ich mache mir nicht die Mühe, den Brief noch mal durchzulesen. Ich klicke auf Drucken und springe vom Stuhl auf, mit frischer Energie. Was für eine irre Idee, genau das zu sagen, was man fühlt.

Ich drehe mich um, will zum Drucker, aber stattdessen renne ich beinahe den Schul-Rowdy Connor Murphy über den Haufen. Ich zucke zusammen und mache mich darauf gefasst, geschubst

zu werden, aber er behält seine Hände bei sich.

»Also«, sagt Connor. »Was ist passiert?«

»Wie bitte?«

Sein Blick geht nach unten. »Dein Arm.«

»Na ja«, sage ich, »ich hab diesen Sommer als Park-Ranger-Assistent gearbeitet und eines Morgens auf meiner Runde habe ich diese tolle zwölf Meter hohe Eiche gesehen – und ich bin raufgeklettert und einfach … runtergefallen.

»Du bist aus einem Baum gefallen?«, sagt Connor. »Das ist das beschissen Traurigste, was ich je gehört habe. Denk dir lieber eine gescheitere Geschichte aus.«

»Ja, ist wohl besser«, gebe ich zu.

Nachdem er seine Haare hinters Ohr gestrichen hat, fällt ihm was auf. »Auf deinem Gips hat keiner unterschrieben.«

Ich guck mir meinen Gipsverband ganz genau an: immer noch leer, immer noch erbärmlich.

Connor zuckt mit den Schultern. »Ich unterschreib. Hast du einen Edding?«

Ich will Nein sagen, aber meine Hand hintergeht mich, indem sie in die Tasche greift und ihm den Stift hinhält. Mit den Zähnen reißt Connor die Kappe ab, dann schnappt er meinen Arm.

»Voilà«, sagt Connor, als er sein Meisterwerk vollendet hat.

Ich schaue runter. Da, auf der Seite meines Gipses, erstrecken sich sechs der größten Großbuchstaben, die ich je gesehen habe:

CONNOR

Connor nickt, bewundert sein Werk. »Jetzt können wir beide so tun, als hätten wir Freunde.«

»Da ist was dran«, sage ich.

»Übrigens«, sagt Connor und greift nach einem Stück Papier, das unter seinem Arm klemmt. »Gehört dir das? Hab ich im Drucker gefunden. Lieber Evan Hansen. Das bist du, oder?«

Innerlich krümme ich mich. »Äh, das? Das ist nichts. Nur was, das ich so geschrieben hab.«

Er liest weiter und seine Miene verändert sich. »Weil es Zoe gibt.« Er schaut auf. Eis im Blick. »Meinst du damit etwa meine Schwester?« Er presst die Lippen aufeinander, und jetzt sehe ich, dass unsere flüchtige Verbindung zerrissen ist. Ich weiche zurück.

»Deine Schwester? Nein, das hat absolut gar nichts mit ihr zu tun.«

Mit einem einzigen bedrohlichen Schritt löscht er den schützenden Abstand zwischen uns aus.

»Lüg nicht, Scheißer. Ich weiß, was das hier ist. Du hast es geschrieben, weil du wusstest, dass ich es finden würde.«

»Was?«

Er rammt mir einen ausgestreckten Finger zwischen die Augen. »FICK. DICH.«

Connor dreht sich um und rauscht auf den Ausgang zu.

Die Luft weicht aus meinen Lungen, mein Körper entspannt sich. Aber die Erleichterung währt nur eine Sekunde. Während ich Connor Murphy aus dem Raum walzen sehe, rufe ich hinter ihm her, aber er ist zu schnell. Als er zur Tür hinausschlüpft, hält er dabei eine völlig andere Handgranate in der geballten Faust: meinen Brief.

Wir sind so viele, wir einsamen Seelen. Wir marschieren gemeinsam weiter. Klettern, fallen, fliegen himmelhoch.

Einige Tage später

»Entschuldigung«, sage ich, weil es sich so anfühlt, als würde ich in irgendwas reinplatzen. »Über den Lautsprecher ist durchgesagt worden, dass ich ins Schulleiterbüro kommen soll?«

»Du bist Evan«, sagt der Mann. Keine Frage, aber trotzdem eine Frage, also nicke ich bejahend.

Er setzt sich gerade hin und sieht mich endlich richtig an.

»Mr Howard ist vor die Tür gegangen. Wir wollten vertraulich mit dir sprechen. «

Er weist auf einen freien Stuhl. Er will, dass ich mich setze. Ich verstehe nicht, was hier vorgeht. Wer sind diese Leute?

Von der Uni sind sie nicht, dazu wirken sie zu … bedrückt. Aber ich hab keine Ahnung, wie man auszusehen hat, wenn man von der Uni ist. Ich hab nur gehört, dass Troy Montgomery, der Star der Footballmannschaft, in der Schule von Delegierten verschiedener Colleges besucht worden ist, die mit ihm sprechen wollten. Aber er ist Sportler und anscheinend ein sehr talentierter, und ich bin nur ein Junge, der mal den dritten Platz in einem zweitklassigen Kurzgeschichtenwettbewerb gewonnen hat. Also, wer sind diese Leute und was wollen sie von mir?

Ich setze mich, obwohl mir die Stimme in meinem Kopf sagt, ich solle stehen bleiben.

Der Mann richtet seinen Schlips so, dass er genau zwischen seine Beine fällt. »Wir sind Connors Eltern. «

Da ist es: das Schlimmste, was passieren könnte. Ich hab gewartet und gewartet und hier ist es endlich. Aber ich weiß immer noch nicht, was es ist. Warum wollen Connor Murphys Eltern mit mir sprechen? Und das auch noch vertraulich?

Nicht zu glauben, dass dies die beiden Menschen sind, die Connor Murphy zustande gebracht haben. Und Zoe Murphy auch. Man kann sich kaum vorstellen, dass Connor und Zoe denselben Ursprung haben. Wo haben Zoes Haare diesen Rotstich her? Und warum ist Connor so hager, wenn sein Vater die Statur eines Kampfpanzers hat? Ich glaube, wenn man sich meine Eltern anschaut, wird ziemlich klar, wie diese Kombination jemanden hervorbringen konnte, der aussieht wie ich.

Mr Murphy legt eine Hand über die seiner Frau. »Nur zu, Schatz.«

»Ich mach das, so schnell ich kann«, zischt sie.

Wenn ich als Kind meine eigenen Eltern habe streiten sehen, fand ich das unangenehm. Wie sich nun erweist, ist es exponentiell unangenehmer, die Eltern anderer dabei zu beobachten. Ich gehe davon aus, dass ich gleich erfahren werde, warum sowohl Connor als auch Zoe während der letzten Tage in der Schule gefehlt haben. Und wenn sie dies ausgerechnet mir mitteilen wollen, dann kann es nur etwas mit meinem Brief zu tun haben. Eine andere Verbindung zwischen uns allen gibt es nicht.

Aber es ist doch interessant, dass Mr Murphy sich und seine Frau als Connors Eltern vorgestellt haben, oder? Und nicht als Zoe und Connors Eltern. Natürlich geht es hier um Connor. Ganz klar. Die Frage ist: Was hat er jetzt wieder getan? Nach langer Stille holt Mrs Murphy etwas aus ihrer Handtasche und drückt es mir in die Hand. »Das ist von Connor. Er wollte, dass du es bekommst. «

Ich muss nicht mal hinsehen, ich weiß auch so, was es ist. Ich fühle es. Mein Brief – er ist wieder da, endlich, in meinem Besitz. Aber noch kann ich nicht ausatmen. Wer weiß, auf welchem Weg der Brief hierhergekommen ist und wem er dabei unter die Augen geraten ist. Wenn Connor wollte, dass ich ihn bekomme, warum hat er ihn mir nicht selbst gegeben? Wo ist er?

»Wir hatten deinen Namen noch nie gehört«, sagt Mr Murphy. »Connor hat dich nie erwähnt. Aber dann haben wir ihn da gesehen: Lieber Evan Hansen. «

Die Vorstellung, dass Mr und Mrs Murphy meinen Brief gelesen haben, ist peinlich genug, das ist mal sicher, aber nicht auf dieselbe Art peinlich wie bei Connor. Oder wenn Zoe ihn gelesen hätte. Ich muss mehr erfahren. Wer hat diesen Brief noch gesehen? Und wie ist er in Mrs Murphys Handtasche gelangt?

»Wir wussten nicht, dass ihr beide befreundet wart«, sagt Mr Murphy.

Mir ist nach Lachen zumute. Wenn diese Leute wüssten, welche Qualen ich in den letzten achtundvierzig Stunden wegen ihres Sohnes ausgestanden habe, würden sie uns ganz bestimmt nicht Freunde nennen.

»Wir hatten gedacht, Connor habe keine Freunde«, sagt er.

Also, diese Bemerkung trifft schon eher zu. Soweit ich das einschätzen kann, würde ich sagen, ja, Connor ist ein echter Einzelgänger. Das haben wir gemeinsam.

»Aber dieser Brief«, sagt Mr Murphy, »scheint ziemlich klar darauf hinzudeuten, dass du und Connor … oder dass Connor dich zumindest dafür gehalten hat …«

»Nein«, sage ich. »Sie verstehen das nicht. «

»Doch«, sagt Mrs Murphy. »Dies sind die Worte, die er dir mitteilen wollte.«

»Seine letzten Worte«, ergänzt Mr Murphy.

Wieder kommt die Botschaft nicht gleich an. Ich sehe zu ihm hin. Und zu ihr. Was ich in ihren Gesichtern eben noch für Demütigung gehalten hatte, gleicht plötzlich etwas völlig anderem.

»Entschuldigung. Was meinen sie mit letzte Worte? «

Mr Murphy räuspert sich. »Connor ist von uns gegangen. « Ich weiß nicht, was das heißen soll. Haben sie ihn aufs Internat geschickt? Ist er abgehauen und hat sich einer Sekte angeschlossen?

»Er hat sich das Leben genommen«, sagt Mr Murphy.

Ich wünschte, ich wäre Teil von irgendwas.

Endlich dazugehören

Es klingelt und auf geht’s in die Mittagspause. Durch die offene Doppeltür trete ich ein in dieses Bombardement aus Gerüchen und Geräuschen. An meinem üblichen Tisch gibt es jede Menge freie Plätze. Als ich mich setze, sagt jemand: »Hey, Evan.«

Der Junge mir gegenüber kommt mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, wie er heißt.

»Sam«, sagt er. »Wir haben Englisch zusammen.«

»Oh. Stimmt. Hey.«

Sam beugt sich wieder über sein Essen. Ich starre in seinen dichten Haarwald. Wo kommt der denn her? Ich hab praktisch die ganze Highschool-Zeit als Unsichtbarer zugebracht. Auf einmal bemerkt zu werden, erfüllt mich mit einem seltsamen und beunruhigenden Gefühl.

Da ich den Blick nun schon mal gehoben habe, gucke ich noch einen Moment länger hoch und verschaffe mir einen Überblick über meine Umgebung. Wie ich schon befürchtet hatte, werde ich angestarrt. Die starrenden Blicke kommen von überall aus der Cafeteria.

Ich senke den Kopf und wickele mein Sandwich aus. Ich nehme einen großen Bissen von dem Erdnussbutter-Gelee-Brot. Die Bank wackelt, jemand setzt sich neben mich.

»Oh mein Gott, wie geht es dir?«, fragt Alana Beck. »Wie läuft es denn so bei dir?«

Meine Reaktionszeit bei sozialer Interaktion verläuft immer in Zeitlupe, aber bei Alana wird der Effekt noch extremer. Ihr Strahlen ist wie das vom Schnee reflektierte Licht der Sonne. Paralysierend. Ich weiß nicht genau, warum es sie so interessiert, wie es mir geht, aber es ist nett, dass sie fragt.

»Mir geht’s ganz gut, würde ich sagen.«

Sie verzieht das Gesicht wie unter Schmerzen. »Du bist phänomenal.«

»Ich?«

»Jared hat allen von dir und Connor erzählt, wie nah ihr euch wart, dass ihr beste Freunde gewesen seid und so.«

Jetzt bin ich der vom Schmerz Verzerrte. Kann ein Magengeschwür eigentlich spontan entstehen?

»Alle reden davon, wie tapfer du diese Woche gewesen bist«, sagt Alana, sie hat die Hände gefaltet, eine Nonne, die einen bettlägerigen Patienten tröstet.

»Wirklich?« Meine Stimme bricht, ich auch … fast. Ich sehe mich schnell um. Gucken deshalb alle ständig zu mir rüber?

»Also, jeder andere in deiner Lage würde zusammenbrechen «, sagt Alana. »Dana P. hat gestern in der Mittagspause so sehr geweint, dass sie sich einen Muskel im Gesicht gezerrt hat. Connor bringt die Schule wirklich zusammen. Echt unglaublich. Leute, mit denen ich noch nie gesprochen haben, wollen plötzlich mit mir reden, weil sie wissen, wie viel Connor mir bedeutet hat.«

Ich mache den Mund auf, kann aber nichts rausbringen. Mein Puls geht dreimal so schnell wie normal. Ein langer Zug aus dem Wasserglas bringt kaum Abhilfe. »Mir war gar nicht klar, dass du mit Connor befreundet warst.«

»Nicht so richtig befreundet. Wir waren eher Bekannte. Aber gute Bekannte. Wahrscheinlich hat er mich nie erwähnt oder so«, ergänzt sie.

Ich weiß nicht, ob sie eine Frage stellt oder ob das eine Aussage ist.

»Willst du die Wahrheit wissen?«, fragt sie. »Ich glaube, irgendwie hab ich immer gewusst, dass ihr beide Freunde wart. Du hast es total gut verborgen, aber ich wusste das einfach. « Sie lehnt sich zu mir rüber. »Sag’s mir.«

»Was soll ich dir sagen?«

»Dieses Foto von Connor, das alle posten? Das, auf dem der andere Typ weggeschnitten ist? Der andere Typ bist du, oder?«

Sie betrachtet mich eingehend. Ich hab solche Angst, dass ich nicht mal atmen mag.

Sie lächelt. »Ich hab es gewusst.«

Ich hab überhaupt nichts gesagt. Ich hab überhaupt nichts gemacht. Nicht genickt, gezwinkert oder gezuckt.

»Halt durch, Evan«, sagt sie, ehe sie geht.

Heute bist du einfach du. Kein Verstecken. Keine Lügen. Nur du. Und das ist absolut genug.

Erfahre, wieso Evan vorgibt, der beste Freund eines toten Jungen gewesen zu sein

 

 

 

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