Luca D’Andrea: Das Böse, es bleibt | Leseprobe read’n’go

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Wenn die Schrecken der Vergangenheit zum Grauen der Gegenwart werden

Südtirol, im Winter. Marlene ist auf der Flucht, panisch steuert sie ihr Auto durch den Schneesturm. Im Gepäck: ein Beutel mit Saphiren, den sie ihrem skrupellosen Ehemann aus dem Safe entwendet hat. Wegener ist der Kopf einer mafiösen Erpresserbande, und Marlene weiß, dass er seine Killer auf sie hetzen wird. Da stürzt ihr Wagen in eine Schlucht. Marlene erwacht in einer abgelegenen Berghütte, gerettet von einem wortkargen Alten. Bei ihm und seinen Schweinen glaubt sie sich in Sicherheit vor ihrem Mann. Bald jedoch stellt sie mit Entsetzen fest, dass von dem Einsiedler eine noch größere Gefahr ausgeht …

»Das ist die Angst, sagte sie sich, weiter nichts. «

Wie alles begann ...

Marlene, zweiundzwanzig Jahre alt, melancholische blaue Augen, zweifellos hübsch und zweifellos in Panik.

Zweimal Klopfen ...

und die Worte »Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?«.
Marlene betrachtete in dem metallenen Gehäuse des Tresors ihr Spiegelbild und schalt sich eine dumme Gans.
Metall, nicht Lebkuchen. Und keine Hexe weit und breit. Das ist die Angst, sagte sie sich, weiter nichts.
Sie ließ die Schultern sinken, hielt die Luft an, wie ihr Vater immer, bevor er den Abzug des Gewehrs betätigte, atmete aus und versuchte sich zu konzentrieren.
Hexen gab es nicht. Und Märchen waren reine Lügengeschichten.
Nur das Leben zählte, und Marlene war dabei, ihr Leben für immer zu ändern.
Die Zahlenkombination war leicht zu merken. Eins. Drei. Zwei. Dann eine Vier. Eine Drehung mit dem Handgelenk und noch eine Vier. Geschafft. So einfach, dass Marlenes Hände sich von ganz allein bewegten. Sie drückte die stählerne Klinke nieder und biss die Zähne zusammen.
Ein Schatz.
Bündel von Geldscheinen, aufgestapelt wie Brennholz für die Stube. Eine Pistole, eine Schachtel Munition und ein Beutel aus Samt. Unter der Schachtel lugte eine Kladde hervor, die hundertmal mehr wert war als das ganze Geld.
An ihren knittrigen Seiten klebte Blut, und es versteckten sich dort auch ein paar lebenslange Haftstrafen: eine unendlich lange Liste mit Namen von Gläubigern und Schuldnern, Freunden und Freunden von Freunden, alles notiert in der winzigen, nach links geneigten Handschrift von Herrn Wegener.
Marlene verschwendete keinen zweiten Blick darauf.
Die Pistole, die Munition und die Geldscheine interessierten sie nicht. Der Samtbeutel hingegen ließ ihre Hände feucht werden. Sie kannte seinen Inhalt, sie kannte seine Macht, und sie hatte Angst davor.
Das war kein simpler Diebstahl, was sie da tat. Nennen wir die Dinge beim Namen.
Das, was die junge Frau, der das Herz bis zum Halse schlug, da gerade tat, nannte sich »Verrat«.

»Graue wirbelnde Schneemassen. Ein gähnender Abgrund. «

Was dann geschah ...

Eine Karriere, die aus Schutzgelderpressung, Betrug und Mord besteht. Mit einem Mann wie Robert Wegener scherzt man nicht ...

Herr Wegener hatte seine Augen und Ohren überall.

Und Marlene würde ihm nur entkommen, wenn sie nicht weiter ihre Zeit vertrödelte und endlich die Flucht ergriff. Ohne länger an die möglichen Konsequenzen zu denken, die sie gerade heraufbeschworen hatte, schnürte Marlene den Samtbeutel zu, steckte ihn in die Innentasche ihrer Daunenjacke, verschloss den Tresor und verließ das Schlafzimmer.
Sie lief nach draußen. Die Nacht empfing sie mit einem leichten Nordwind.
Ohne stehen zu bleiben, eilte sie zu ihrem grauen Fiat 130, ließ den Motor an und fuhr los.
Die Stadt verschwand im Rückspiegel. Straßenlaternen glitten vorüber. Der goldene Ehering wurde achtlos aus dem Fenster geworfen. Die verschlafene Stadt. Der Gebrauchtwagenhändler.
Ein kurzer Zwischenhalt, und dank eines prall mit Geldscheinen gefüllten Briefumschlags wurde aus dem Fiat 130 ein cremefarbener Mercedes W114 mit unverdächtigem Nummernschild, korrekten Papieren, nagelneuen Reifen und vollem Tank.
Kein Dank. Kein Gruß.
Weiter gen Westen.
Abgesehen von den ersten Schneeflocken verlief alles nach Plan.
Jedenfalls bis zu dem Kontrollposten der Carabinieri ein paar Kilometer vor Mals. Verdammter Mist. Sie wusste genau, dass Herr Wegener jeden in der Hand hatte. Auch die Uniformierten.
Und jetzt: dem Schicksal ins Auge sehen oder umdrehen?
Ihre Angst und die immer dichter fallenden Schneeflocken ließen sie auf die Bremse treten, sie bog in die erstbeste Nebenstraße ein. Der Schnee legte sich in dicken Schichten auf die Fahrbahn. Als das Auto ins Schlingern geriet, beschloss das Mädchen mit dem Leberfleck über den geschwungenen Lippen, auf jeden Fall weiterzufahren, den Blick abwechselnd auf die ansteigende Straße und die Landkarte auf dem Beifahrersitz gerichtet.
Plötzlich merkte Marlene, dass der Mercedes die Bodenhaftung verlor, ruckartig nach links ausscherte, sich einmal um die eigene Achse drehte und zu fliegen begann.
Es war schrecklich.
Scheinwerferlicht durchschnitt die Dunkelheit. Graue wirbelnde Schneemassen. Ein gähnender Abgrund.
Baumstämme, die einfach nicht weichen wollten und bis ins kleinste Detail zu erkennen waren.
Der Aufprall.
Mit voller Wucht.
Wimmern, das vom Scheppern des Blechs übertönt wurde. Höllisches Kreischen, das diesmal wirklich an das Quietschen der Hexenhaustür erinnerte.
Marlene flehte lauthals zu Gott.
Und während der namenlose schwarze Berg sich über ihr erhob, verwandelte sich ihr Schrei in ein Röcheln. Die Liebe war das Letzte, was sie beschwor. Die Liebe, die sie dazu gebracht hatte, den gefährlichsten Mann zu verraten, den sie je gekannt hatte. Die Liebe, die einen Namen hatte.
»Klaus.«
Marlenes letztes Wort vor der Dunkelheit.

»Er wusste, dass diese Frau eine Gefahr für ihn darstellte … «

Ein schreckliches Geheimnis ...

Er lebt in einer abgelegenen Berghütte. Die einen Kellerraum hat, den niemand betreten darf. Unter keinen Umständen.

Am Fuß der Berge hatte Simon Keller die junge Frau aufgelesen.

Reiner Zufall. Oder vielleicht auch Schicksal. Normalerweise bewegte Simon Keller sich nicht so weit vom Hof fort. Es gab keinen Grund dazu. Aber am Himmel hatte sich der erste Schneesturm des Jahres angekündigt und ihn gezwungen, ins Tal hinunterzugehen und die Fangeisen einzusammeln, die er brauchte, um im Winter frisches Fleisch zu haben. Er hatte den ganzen Nachmittag bis in den Abend hinein damit zugebracht, bis er erschöpft und unterkühlt beschloss, nach Hause zurückzukehren.
Neben der Fahrbahn hatte er sie entdeckt. Vollkommen reglos, in einem schrottreifen Auto. Nichts mehr zu machen, hatte er gedacht. In der Gegend kam es durchaus vor, erst recht im Winter, dass man auf Tote stieß. Meist waren sie erfroren. Schmuggler, Wilddiebe. Reisende. Simon Keller verweigerte diesen armen Teufeln niemals einen letzten Segen und ein Abschiedsgebet. Genau aus dem Grund war er die Böschung hinuntergeklettert. Überrascht hatte er festgestellt, dass die junge Frau noch lebte.
Er hatte sie aus dem Auto gezerrt, fest abgerubbelt, um ihren Kreislauf wieder in Schwung zu bringen, sie über seine Schulter geworfen und zu seinem Hof getragen. Dort prüfte er mithilfe einer brennenden Kerze die Reaktion ihrer Pupillen, reinigte ihre Wunden, nähte den tiefsten Schnitt, den an ihrer Stirn, und verband dann ihren Kopf mit vorher abgekochten Leinenstreifen. Er gab ihr auch von seinem Trank gegen die Schmerzen.
Wenn die junge Frau aufwachte, würde sie ihm jede Menge Fragen stellen (Wo bin ich? Wer bist du? Was ist passiert?), und das beunruhigte ihn. Er wusste, dass diese Frau eine Gefahr für ihn darstellte. Dass sie ihm auf die Schliche kommen würde. Und er wusste auch, dass er sein Geheimnis unter keinen Umständen preisgeben durfte.

Luca D'Andrea über »Das Böse, es bleibt«

Ich möchte gute Geschichten erzählen, die von starken Figuren getrieben sind und dem Leser deshalb im Gedächtnis bleiben. Mit den Figuren nehme ich mir fundamentale Fragen unserer Welt vor. Zum Beispiel: Was passiert, wenn unsere moralischen Normen, unsere Ethik dermaßen unter Druck geraten, dass sie zerbrechen? Was macht es mit uns, wenn wir mit der brutalen Wirklichkeit unserer selbst konfrontiert werden?

Atemlose Spannung in der Südtiroler Bergwelt

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»So packend! DAS BÖSE, ES BLEIBT beweist erneut, dass Luca D’Andrea ein ganz besonderer Autor ist!«

Corriere della Sera

»Glaubwürdige Charaktere, ein Plot, der einen fesselt bis zur letzten Seite. Kein Wunder, dass dieser Roman zum Bestseller wurde.«

La Repubblica