Sofia Lundberg: Das rote Adressbuch | Leseprobe read’n’go

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Über das Buch

Doris wächst in einfachen Verhältnissen im Stockholm der 1920er Jahre auf. Als sie zehn Jahre alt wird, macht ihr Vater ihr ein besonderes Geschenk: ein rotes Adressbuch, in dem sie all die Menschen verewigen soll, die ihr etwas bedeuten. Jahrzehnte später hütet Doris das kleine Buch noch immer wie einen Schatz. Und eines Tages beschließt sie, anhand der Einträge ihre Geschichte niederzuschreiben. So reist sie zurück in ihr bewegtes Leben, quer über Ozeane und Kontinente, vom mondänen Paris der Dreißigerjahre nach New York und England – zurück nach Schweden und zu dem Mann, den sie einst verlor, aber nie vergessen konnte.

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Jeden Tag wundert Doris sich aufs Neue, dass die ganze große Welt in diesem kleinen Rechner Platz hat. Dass sie, eine alte einsame Frau in Stockholm, mit jedem Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt treten könnte. Wenn sie wollte. Diese Technik füllt ihre Tage mit Inhalt. Und macht das Warten auf den Tod erträglicher. Jeden Nachmittag sitzt sie davor, manchmal auch schon früh am Morgen und spät am Abend, wenn der Schlaf nicht kommen will. Die Pflegerin Maria hat ihr beigebracht, wie das alles funktioniert. Skype, Mail. Sie hatte immer gesagt, dass niemand zu alt sei, um etwas Neues zu lernen. Doris hatte ihr Recht gegeben und hinzugefügt, dass niemand zu alt sei, um sich seinen Traum zu verwirklichen. Kurz darauf hatte Maria ihren Job gekündigt und wieder angefangen zu studieren.

Doris ist auch auf Facebook, Maria hat ihr einen Account eingerichtet. Sie hat drei Freunde. Maria ist eine davon. Und dann ist da noch ihre Nichte Jenny aus San Francisco und deren Sohn Jack. Ab und zu verfolgt sie, was in ihrem Leben so passiert, sieht Fotos und Filme aus einer anderen Welt.

Ihre Finger funktionieren nämlich noch einwandfrei. Sie sind langsamer als früher und tun zwischendurch weh, dann muss sie eine Pause einlegen. Sie schreibt, um ihre Erinnerungen zusammenzutragen. Um sich einen Überblick über ihr Leben zu verschaffen. Doris wünscht sich, dass Jenny diese Aufzeichnungen finden wird, wenn sie gestorben ist. Dass sie die Geschichten lesen und die Fotos ansehen wird und sich darüber freut. Dass sie die schönen Gegenstände erbt: die Möbel, die Gemälde, den handbemalten Becher. Denn sie werden hoffentlich nicht gleich alle in einen Container entsorgt?

Bei dem Gedanken bekommt sie Gänsehaut, legt die Finger auf die Tastatur und schreibt, um sich abzulenken. Die dunkelbraune Holzfassade der Werkstatt war mit Kletterrosen bewachsen, weißen Buschrosen, schreibt sie heute. Einen Satz. Danach herrscht Stille und sie reist durch ein Meer aus Erinnerungen.

- A -
ALM, ERIC

Es war 1928. An meinem zehnten Geburtstag. Als mir das Geschenk überreicht wurde, wusste ich schon, dass sich in der Verpackung etwas ganz Besonderes befand. Das konnte ich an dem Funkeln im Blick meines Vaters sehen. In seinen dunklen Augen, die sonst immer mit den Gedanken woanders waren. Heute warteten sie auf meine Reaktion. Das Geschenk war in feines, dünnes Seidenpapier gewickelt. Ich strich mit der Fingerspitze darüber. Die zarte Oberfläche, die aus einem Wirrwarr aus Mustern bestand. Und dann das Band, ein dickes rotes Seidenband. Es war das schönste Päckchen, das ich jemals bekommen hatte.

Das Geschenk war ein Adressbuch, das in rotes Glattleder gebunden war und beißend nach Färbemittel roch. „Darin kannst du alle deine Freunde eintragen“, sagte mein Vater und lächelte. „Alle Menschen, denen du im Laufe deines Lebens begegnest. Aus all den spannenden Städten und Ländern, die du bereisen wirst. Damit du sie nicht vergisst.“

Er nahm mir das Adressbuch aus der Hand und schlug die erste Seite auf. Unter A hatte er seinen Namen eingetragen. Eric Alm. Und darunter die Adresse und Telefonnummer seiner Werkstatt. Die Nummer war ganz neu, worauf er besonders stolz war. Denn zuhause hatten wir noch kein Telefon.

Er war ein großer Mann, mein Vater. Nicht physisch. Das gar nicht. Aber seine Gedanken waren groß, zu groß für das Leben, das er führte. Sie waren in der großen weiten Welt unterwegs, auf dem Weg zu unbekannten Orten. Ich hatte oft den Eindruck, dass er eigentlich gar nicht bei uns zuhause sein wollte. Er fühlte sich nicht wohl in diesem beengten Leben, ihn störte der Alltag. Er hatte einen unstillbaren Wissensdurst, und er füllte unser Haus mit Büchern. 

Er studierte fremde Länder und Kulturen, steckte kleine Nadeln in eine große Weltkarte, die er an die Wand gehängt hatte. Als hätte er diese Orte tatsächlich bereist. Eines Tages, sagte er immer, eines Tages würde er in die weite Welt fahren. Und dann klebte er Ziffern an die Nadeln. Einser, Zweier, Dreier. Nach Vorliebe gestaffelt. Vielleicht wäre er als Forschungsreisender besser durchs Leben gekommen?

Wenn da nicht die Werkstatt meines Großvaters gewesen wäre. Das Erbe, das er angetreten hatte und verwalten musste. Eine Pflicht, die es zu erfüllen galt. Auch nachdem sein Vater gestorben war, ging er jeden Morgen, zuverlässig und treu, in die dunkle Werkstatt und arbeitete Seite an Seite mit seinem Lehrling. Die dunkelbraune Holzfassade der Werkstatt war mit Kletterrosen bewachsen, weißen Buschrosen. Wenn sie ihre Blütenblätter verloren, sammelten wir sie ein und legten sie in Schalen mit Wasser: Wir produzierten unsere eigenes Parfum, das wir uns mit den Fingern an den Hals tupften. 

Seine Seele ist noch da, in mir. In seinem Stuhl, der unter dem Berg von Zeitungen verborgen ist und dessen Sitzfläche meine Mutter gewebt hat. Sein größter Traum war es, die Welt zu sehen, sie zu bereisen. Am Ende hat er nur einen bleibenden Eindruck in seinen vier Wänden hinterlassen. Mit den Ergebnissen seines Handwerks: Der Schaukelstuhl mit den zarten Verzierungen, den er für meine Mutter geschnitzt hatte. Die Holzornamente hatte er alle mit der Hand ausgesägt. Die Bücherregale, in denen noch heute Bücher von ihm stehen. Mein Vater.

- S -
SERAFIN, DOMINIQUE

Nach dem Tod meines Vaters sollte das Lachen zu Hause für lange Zeit verstummen. „Du bist die Älteste, du musst jetzt alleine zurechtkommen“, sagte meine Mutter und drückte mir einen Zettel in die Hand. Ich sah, wie sich ihre grünen Augen mit Tränen füllten, bevor sie sich umdrehte und wie besessen die Teller abwusch, von denen wir gerade gegessen hatten.

„Was meinst du damit?“, stieß ich hervor.

Sie unterbrach für einen Moment ihr geschäftiges Treiben, sah mir aber nicht in die Augen.

„Wirfst du mich raus?“

Wieder keine Antwort.

„Jetzt sag doch endlich was! Setzt du mich vor die Tür?“

Sie stand an der Spüle, den Blick gesenkt. „Du bist jetzt groß, Doris. Und das ist eine gute Arbeit, die ich dir besorgt habe. Auf dem Zettel steht die Adresse, du siehst, das ist auch gar nicht weit weg von uns. Wir werden uns sehen können.“

Am nächsten Morgen wachte ich auf und sah der brutalen und unleugbaren Wahrheit ins Gesicht, dass ich gezwungen war, die Geborgenheit meines Zuhauses für eine ungewisse Zukunft zu verlassen. Ohne Protest nahm ich die Tasche mit meinen Sachen, die mir meine Mutter gab. Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen, als wir uns verabschiedeten. Ich umarmte meine kleine Schwester und ging. Ohne ein Wort. In der einen Hand trug ich die Tasche, in der anderen drei Bücher meines Vaters, die ich mit einer dicken Schnur zusammengebunden hatte. Auf dem Zettel in meiner Jackentasche stand ein Name, den meine Mutter mit zierlichen Buchstaben aufgeschrieben hatte: Dominique Serafin. Darunter standen ein paar Instruktionen: Mach einen ordentlichen Knicks. Sprich deutlich. Ich ging durch die Straßen von Södermalm auf mein neues Zuhause zu: Bastugatan 5.

Als ich die Adresse erreicht hatte, blieb ich eine Weile vor dem modernen Gebäude stehen. Die großen schönen Fenster waren von roten Holzrahmen eingefasst. Die Fassade war aus Stein und ein schönes Kopfsteinpflaster führte in den Innenhof. Kein Vergleich zu dem einfachen Holzhaus, das bis dahin mein Zuhause gewesen war.

Langsam ging ich die Marmortreppe in den zweiten Stock hoch, blieb auf jeder Stufe stehen. Die Flügeltür aus dunklem Eichenholz war größer als alle Türen, die ich je gesehen hatte. Der Türklopfer war ein großer Löwenkopf. Es hallte dumpf durch das Treppenhaus, und ich starrte dem Löwen ängstlich in die Augen. Eine Frau öffnete die Tür und nickte mir zu, sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug eine weiße Schürze. Ich faltete meinen Zettel auf und wollte ihn ihr zeigen, als dahinter eine zweite Frau erschien. Die Schwarzgekleidete wich zur Seite und stellte sich mit geradem Rücken an die Wand.

Die andere Frau hatte rotbraunes Haar, das in zwei langen Zöpfen geflochten zu einem dicken Knoten im Nacken gewickelt war. Um ihren Hals hingen mehrere Reihen aus weißen, ungleich großen Perlen. Ihr Kleid war aus glänzender grüner Seide, reichte ihr bis zur Wade und hatte einen plissierten Rock, der raschelte, wenn sie sich bewegte. Sie war wohlhabend, das sah ich sofort. Sie musterte mich von oben bis unten, nahm dann einen Zug von ihrer Zigarette, die in einem langen, schwarzen Mundstück steckte und blies den Rauch zur Decke.

„Sieh mal einer an“, ihr französischer Akzent war deutlich zu hören, ihre Stimme ganz heiser vom Rauchen. „So ein hübsches Mädchen. Du darfst bleiben. Na komm, komm rein jetzt.“

Die Wohnung war groß und voller Kunstgegenstände, Skulpturen und wunderschönen Möbeln aus dunklem Holz. Es roch nach Rauch und nach etwas anderem, das ich nicht zuordnen konnte. Tagsüber war es immer ruhig und still. Sie war eine der Glücklichen, die niemals arbeiten musste und trotzdem vermögend war.

Abends hatte sie sehr oft Gäste. Frauen in wunderschönen Kleidern und mit Diamanten behangen. Die Männer trugen Anzug und Hut. Sie behielten ihre Schuhe an und liefen damit unbekümmert durch den Salon, als wäre es ein Restaurant. Die Luft war verraucht und es wurde sich auf Englisch, Französisch und Schwedisch unterhalten.

In diesen Nächten kam ich mit Gedanken und Themen in Berührung, mit denen ich mich noch nie zuvor beschäftigt hatte. Gleicher Lohn für Männer und Frauen, gleiches Recht auf Bildung. Philosophie, Kunst und Literatur. Und auch das Verhalten der Gäste war anders, als ich es gewohnt war. Lautes Lachen, aufgebrachtes Geschrei, Paare, die in den Fensternischen oder in dunklen Ecken standen und sich ungeniert küssten. Eine radikale Veränderung.

Ich machte mich ganz klein, wenn ich die Gläser einsammelte und verschütteten Wein aufwischte. Beine auf hohen Schuhen wackelten über den Boden, Pailletten und Pfauenfedern schwebten zu Boden und setzten sich in den Fugen zwischen den breiten Dielen fest. Dort lag ich bis in die frühen Morgenstunden, um alle Reste der Feiern mit einem kleinen Küchenmesser zu beseitigen. Wenn Madame aufwachte, musste alles wieder perfekt sein.

Die wenigen Stunden Schlaf auf der harten Matratze aus Rosshaar waren nie genug. Ich war erschöpft und entkräftet von den harten, langen Tagen und den kratzenden Nähten der schwarzen Dienstmädchenuniform. Und von der Hierarchie und den Ohrfeigen. Und von den Männern, die ungefragt meinen Körper berührten.

- N -
NILSSON, GÖSTA

Ich hatte mich daran gewöhnt, dass einige Gäste einfach einschliefen, wenn sie zu viel getrunken hatten. Es gehörte zu meinen Aufgaben, sie zu wecken und hinauszuwerfen. Aber dieser eine Mann schlief gar nicht. Er starrte. Die Tränen liefen ihm unaufhaltsam die Wangen hinunter, während er einen anderen Mann in einem Sessel anstarrte – jung, mit goldbraunen Locken, die seinen Kopf wie einen Heiligenschein umgaben –, der dort lag und schlief. Das weiße Hemd des jungen Mannes war aufgeknöpft und entblößte ein vergilbtes Unterhemd. Auf der sonnengebräunten Brust war ein Anker abgebildet, unsauber gezeichnet, in grünblauer Tinte.

„Es tut mir sehr leid, dass Sie traurig sind, mein Herr, aber ich…“

Er lehnte seine Schulter gegen die Armlehne des Ledersessels und legte seinen Kopf darauf.

„Unmöglich ist die Liebe“, nuschelte er und nickte.

„Sie sind betrunken. Bitte stehen Sie jetzt auf, Sie müssen die Wohnung verlassen haben, bevor Madame aufwacht.“ Ich bemühte mich, meine Stimme mit Nachdruck zu versehen.

Er hielt meine Hand festumklammert, als ich versuchte, ihn hochzuziehen. „Sieht das Fräulein es denn nicht?“

„Was soll ich sehen?“

„Dass ich leide!“

„Doch, das sehe ich sehr wohl. Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie ihren Rausch aus, dann wird auch das Leid weniger werden.“

„Lassen Sie mich bitte hier sitzen und diese Vollkommenheit betrachten. Lassen Sie mich diese lebensgefährliche Verführung genießen.“

Er verhedderte sich in seiner Ausführung, in dem Bemühen, die Stimmung zu beschreiben. Ich schüttelte nur den Kopf.

Das war meine erste Begegnung mit diesem fragilen Mann, und es würden noch viele folgen. Wenn sich die Wohnung langsam leerte und die Morgendämmerung über den Dächern von Södermalm aufging, saß er oft noch in einem der Sessel, tief in Gedanken versunken. Sein Name war Gösta. Gösta Nilsson. Er wohnte ein paar Häuser weiter die Straße hinunter, in der Bastugatan 25 und wurde mein Fels in der Brandung in dieser mir so fremden Umgebung. Ein Ersatz für die Eltern, die ich so sehr vermisste.

- S -
SERAFIN, DOMINIQUE

Sie war rastlos. Das hatten mir die anderen Dienstmädchen schon erzählt. Die Feste hielten den Alltag auf Abstand, die häufigen Umzüge die Traurigkeit. Ihre Aufbrüche waren immer überstürzt, unvorhersehbar. 

Fast auf den Tag genau ein Jahr, nachdem ich bei Madame angefangen hatte, kam sie in die Küche. Lehnte sich mit Hüfte und Schulter gegen das Mauerwerk des Holzofens. Die eine Hand fingerte an ihrer Hutkrempe, an dem Band unter ihrem Kinn, am Halsband, an ihren Ringen. Nervös, als wäre sie das Dienstmädchen und wir ihre Arbeitgeber. 

 „Paris!“ rief sie dann und warf die Arme in die Luft.

Diesem plötzlichen Ausbruch von Euphorie fiel eine kleine Vase auf dem Ofensims zum Opfer. Die kleinen Porzellanscherben flogen uns um die Beine. Ich bückte mich sofort, um sie aufzuheben.

Drückendes Schweigen. Ich spürte, wie ihr Blick an mir hängen blieb und hob den Kopf.

„Doris. Pack deine Tasche, wir fahren morgen früh. Ihr anderen könnt gehen, ich benötige euch nicht mehr.“

Sie wartete offensichtlich auf eine Reaktion. Sah, wie den anderen die Tränen in die Augen stiegen. Konnte die Angst in meinen sehen. Niemand sagte ein Wort. Also drehte sie sich um, hielt einen kurzen Moment inne und verließ dann eilig die Küche.

Aus dem Flur rief sie noch: „Wir fahren morgen früh um sieben mit dem Zug. Bis dahin hast du frei!“

So kam es, dass ich am nächsten Morgen in einem rüttelnden Waggon der dritten Klasse auf dem Weg nach Malmö saß.

Selten habe ich mich so einsam gefühlt, wie auf dieser Zugfahrt. 

Vor wenigen Stunden noch war ich, so schnell mich meine Beine trugen, durch die Straßen von Södermalm gerannt, um mich von meiner Mutter zu verabschieden. Sie lächelte, so wie sie es immer getan hatte, schob ihre Angst und Sorge beiseite und umarmte mich. Fest und lange. Ich spürte ihren Herzschlag, hart und laut. Ihre Hände und ihre Stirn waren von Schweiß bedeckt. Ihre Nase zu und ihre Stimme belegt, ich erkannte sie kaum wieder.

„Ich wünsche dir von allem genug“, flüsterte sie mir ins Ohr. „Genug Sonne, die Licht in deine Tage bringt, genug Regen, damit du die Sonne schätzen kannst, genug Glück, das deine Seele stärkt, genug Schmerz, damit du auch die kleinen Freuden des Lebens genießen kannst, und genug neue Begegnungen, damit du die Abschiede besser verkraftest.“

Die Worte meiner Mutter wurden mein Leitfaden im Leben. Sie gaben mir die Kraft und die Stärke, die ich brauchte. Genug Kraft, um alle Schwierigkeiten zu überstehen, die noch kommen sollten. Denen wir alle in unserem Leben begegnen.

Sofia Lundbergs Roman ist eine Hommage an das Leben und die Liebe

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Brief der Autorin

Sofia Lundberg im Videointerview

Im Video erzählt Autorin Sofia Lundberg, was sie zu ihrem Roman inspiriert hat.

Liebe Leser-/innen,

Als kleines Mädchen habe ich viel Zeit mit der Schwester meiner Großmutter verbracht. Sie hieß Doris und blieb ihr Leben lang unverheiratet. Als meine Großmutter sehr jung starb, zog Doris bei meinem Großvater ein und kümmerte sich um ihn und um meinen Vater. Doris liebte es zu backen und zu kochen, und nichts war tröstender als eine Umarmung von ihr. Außerdem erzählte sie wundervolle Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie allein in ihrer Wohnung. Nach ihrem Tod haben wir ihr Apartment ausgeräumt, und dabei habe ich in einem Bücherregal im Flur ihr Adressbuch gefunden. Es war voller Namen, die ich nicht kannte, die meisten waren durchgestrichen. Daneben hatte sie in zittrigen Buchstaben das Wort TOT geschrieben. Dieser Anblick hat mich so bestürzt, und der Gedanke daran, wie einsam sie zum Schluss gewesen sein musste, machte mich furchtbar traurig. Das hat mich nie richtig losgelassen. Und Jahre später entstand daraus die Idee für „Das rote Adressbuch“. Die echte Doris hat allerdings
ein nicht ganz so bewegtes und spannendes Leben gehabt wie meine Romanfigur.

 

Noch ein zweites Mitglied aus meiner Verwandtschaft war für mich eine große Inspirationsquelle. Der Onkel meines Großvaters mütterlicherseits war der Künstler Gösta Adrian-Nilsson, bekannt als GAN. Über ihn wurde in meiner Kindheit viel gesprochen. Meine Mutter ist ihm nur ein paarmal begegnet, aber sie erinnerte sich genau an die Wohnung in der Bastugatan in Stockholm, in der sich die Gemälde an der Wand stapelten und in der es stark nach Terpentin roch. Der Wert seiner Bilder stieg im Laufe der Jahre, und es war immer die Rede von einer Haushälterin, die alles geerbt hatte. Wir haben nie einen Namen erfahren, es hieß immer nur „die Haushälterin“. Ich habe mir oft ausgemalt,
wer sie gewesen sein mag. Bis heute aber weiß ich es nicht. Darum habe ich einfach beschlossen, es mir auszudenken, und habe die Begegnung von Doris und Gösta auf einem der Feste der französischen Madame inszeniert. Daraus hat sich dann die ganze Geschichte entwickelt.

Wie es sich anfühlt, als junges Mädchen in die große weite Welt katapultiert zu werden, damit kenne ich mich aus. Ich war noch sehr jung, als ich als Fotomodell entdeckt wurde.
Dreizehn Jahre alt. Wenige Jahre später wurde ich in den Ferien alleine nach Paris geschickt. Ich kann mich heute noch an das Gefühl erinnern, als ich zum ersten Mal in Charles de Gaulle aus dem Flieger stieg und die Rolltreppe in die Eingangshalle hinunterfuhr. Ich sprach damals nur wenig Englisch und hatte erst eine Auslandsreise unternommen. Ich wurde von der Agentur abgeholt und wohnte am Anfang auch bei der Agenturinhaberin zuhause. Mit einem anderen Model teilte ich ein Schlafsofa, und wir bekamen nach sechs Uhr abends nichts mehr zu essen. Das andere Mädchen sprach nur Französisch, darum konnten wir uns noch nicht einmal unterhalten. Und ich war immer hungrig. Später tauschte ich Paris gegen Mailand ein, und Anfang Zwanzig habe ich sogar mein Glück in New York probiert. Dort wurde ich aber auch, genau wie Doris im Buch, von einer Agentur zurückgewiesen. Sie verlangten von mir eine wochenlange Nulldiät, um noch mehr an Gewicht zu verlieren. Von streichholzdünn zu anorektisch. Da wollte ich nicht mehr mitmachen. Heulend stieg ich in den erstbesten Flieger nach Hause und habe angefangen zu studieren. Das war das Ende meiner Modelkarriere.

Seit Doris’ Tod habe ich mir viele Gedanken über das Alter und die Einsamkeit gemacht.
Darüber, dass wir die Lebenserfahrung der Alten nicht mehr wertschätzen. Dass wir aufhören, ihnen Fragen zu stellen. Als ich das Adressbuch fand, bekam ich ein furchtbar schlechtes Gewissen, dass ich Doris am Ende ihres Lebens viel zu selten besucht habe. Viele Leser meines Buches haben mir erzählt, dass sie der Roman dazu ermutigt hat, mit ihren älteren Verwandten wieder mehr ins Gespräch zu kommen. Das finde ich großartig, und es macht mich glücklich. Wenn Doris wüsste, was für eine fantastische Reise sie ermöglicht hat…

Herzlich,

Ihre Sofia Lundberg

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Sofia Lundbergs Roman ist eine Hommage an das Leben und die Liebe

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