Barry Jonsberg: Das ist kein Spiel | Leseprobe read’n’go

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Risiko

Jamie ist 16 Jahre alt und ein Mathe-Genie. Verblüffend logisch und ehrlich ist sein Blick auf seine eigene Familie – und darauf, dass da etwas schief läuft. Zum Beispiel bei Summerlee, seiner rebellischen älteren Schwester. Als die an ihrem 18. Geburtstag mehrere Millionen im Lotto gewinnt, sagt sie sich endgültig von der Familie los – und provoziert eine Kettenreaktion von Unheil. Jamies kleine Schwester Phoebe wird entführt und der Kidnapper verlangt zwei Millionen. Ausschließlich mit Jamie will er darüber verhandeln. Warum? Wieso weiß der Täter so viel über Jamie? Und weshalb fühlt sich das Ganze wie ein einziges Duell an, bei dem Jamies Kombinationsgabe auf eine tödliche Probe gestellt wird?

»Zwei Spieler spielen dieses Spiel und mein Verstand tritt gegen deinen an.«

Wir näherten uns dem Endspiel und ich war am Zug

Ich sitze aufrecht im Bett und halte die Pistole in meiner rechten Hand. So habe ich die ganze Nacht gesessen. Meine Hand tut weh, weil ich den Pistolengriff zu fest umklammert habe. Ich habe nicht geschlafen, auch wenn ich es anfangs noch versucht habe.

Jemanden zu erschießen, ist nicht einfach. Ich weiß das von meinen Recherchen. Zwei Seiten sind zu beachten – die physische und die psychologische. Die psychologische Seite stellt das offensichtlichste Problem dar. Es ist eine Sache, in einer Schießanlage auf Ziele zu schießen, und eine ganz andere, eine Pistole auf etwas aus Fleisch, Blut und Verstand zu richten. Logisch. Einem Menschen in die Augen zu schauen, die Waffe auf ihn zu richten und gleichmäßigen Druck auf den Abzug auszuüben in dem Wissen, dass es einen Punkt gibt, an dem der Hammer auf eine Zündspitze trifft, was Sprengstoff zur Explosion bringt und als Folge eine Patrone durch die Luft fliegen lässt. Es dauert weniger als eine Sekunde vom Krümmen des Fingers bis zur Verletzung eines Körpers, wenn sich Metall durch Fleisch bohrt und alles auf seinem Weg zerstört.

Alles ist Ursache und Wirkung

Aber diese Wirkung ist gigantisch, steht in keinem Verhältnis zur physikalischen Ursache. Minimaler Druck, zarter als eine Liebkosung. Leben ausgelöscht.

Dann ist da noch der physikalische Teil. Herbeiführung von Tod durch einen Schuss. Die meisten Menschen machen sich darüber keine Gedanken, weil es im Fernsehen so einfach aussieht. Im Fernsehen sieht alles einfach aus. Vielleicht wäre es mit einem Gewehr anders. Aber ich habe eine Handfeuerwaffe. Der Rückstoß einer Handfeuerwaffe bewegt den Lauf, was die Geschossbahn verändert. Nicht zu treffen, ist ganz einfach. Ohne Übung ist es tatsächlich viel einfacher, daneben zu schießen, als zu treffen. Ich habe keine Übung. Ich werde nah herangehen müssen. Nah genug, um zu sehen, wie die Augen sich weiten, und die Angst zu riechen. Nah und persönlich wird es werden. Während der Nacht war ich viele Stunden mit diesen Gedanken beschäftigt. Sie kreisen in meinem Kopf, summen wie Insekten.

Bevor ich ins Bett ging, habe ich meine Kleider zurechtgelegt. Dunkle Jeans, schwarzes T-Shirt. Schwarze Turnschuhe. Ich komme mir vor wie ein wandelndes Klischee, ziehe die Sachen aber trotzdem an.

Der Rucksack liegt unter meinem Bett, das Seil an die Trageschlaufe geknüpft. Er ist schwer, und meine Muskeln verkrampfen sich, als ich ihn durchs Fenster auf die Erde hinunterführe. Sobald ich das Gewicht nicht mehr spüre, lasse ich das Seil los. Dann schwinge ich ein Bein übers Fensterbrett und strecke die rechte Hand nach dem Regenrohr aus. Mein Zimmer liegt im ersten Stock, deshalb das Regenrohr. Ich bin nicht sportlich. Es liegt nicht in meiner Natur, Regenrohre hinunterzurutschen, aber ich schaffe es, nicht abzustürzen.

Erleichtert stehe ich auf dem Rasen und blicke mich um. Büsche und Bäume bedrängen mich mit dunklen Schatten. Nichts ist vertraut.

Ich mache den ersten Schritt, und der zweite ist schon einfacher, der dritte noch einfacher. Mein Körper bewegt sich, und mein Kopf folgt unterwürfig, still und feige, froh, dass der Rhythmus der Muskeln das Kommando übernimmt.

Ich trete auf die Straße und wende mich nach rechts. Ringsherum ist es dunkel. Ringsherum ist es still. Die Spieltheorie hat mich an diesen Punkt gebracht, und ich muss gehen, wohin sie mich führt.

Auch wenn das kein Spiel ist.

Was ist die Spieltheorie?

Definition
Anwendung

Definition »Spieltheorie«

Die Spieltheorie ist eine mathematische Methode. Sie berücksichtigt das rationale Entscheidungsverhalten in sozialen Konfliktsituationen, in denen jeder Spieler nicht nur die eignen Aktionen, sondern auch die seinen Gegenspielers berücksichtigen muss, um Erfolg zu haben.

Anwendung der »Spieltheorie«

Die Spieltheorie lässt sich nicht nur bei Brett- und Gesellschaftsspielen  anwenden, sondern auch bei »abstrakten« Spielen und Situationen. Grundsätzlich spielen zwei Spieler gegeneinander, die in ihren Entscheidung eigentlich unvollständige Informationen berücksichtigen, nämlich die Aktionen ihres Gegenspielers. Mithilfe von mathematischen Formeln lassen sich diese Konflikte darstellen.

Weiter ohne Hintergrund

Was hat Jamie an diesen Punkt gebracht?

Ihn, der sich nie für mutig gehalten hat?
Doch seine kleine Schwester Phoebe wurde entführt...


… fünf Monate früher ...

„Ich hab’s dir schon zehn Millionen und sechzig Mal erzählt. Weshalb willst du es noch einmal hören?“

„Damit zehn Millionen und einundsechzig Mal draus werden.“

Phoebe trug den Pyjama, den ich ihr vor knapp zwei Jahren zu ihrem sechsten Geburtstag gekauft hatte. Er war über und über mit mathematischen Gleichungen bedruckt. Von den meisten hatte sie keine Ahnung. Sie ist noch sieben, okay? Aber sie liebte sie.

Einige Gleichungen waren verblasst, aber auch das machte ihr nichts aus. Phoebe interessierte sich nicht für Mathematik. Sie interessierte sich für mich, ihren Bruder.

Jetzt kniete sie auf dem Bett, den mageren Hintern auf den Knöcheln, und hüpfte auf und ab.

Ich liebte es, wenn sie das tat. „Es gibt da diese wunderschöne Prinzessin und sie heißt Phoebe“, sagte ich. „Sie ist so umwerfend schön, so wunderwunderhübsch, so oh-mein-Gott-das-hält-man-ja-im-Kopf-nicht-aus-fantastisch, dass Prinzen aus nah und fern kommen und um ihre Hand anhalten.“

„Das muss aber eine tolle Hand sein.“

„Es ist eine sagenhaft tolle Hand, doch sie wollen auch die übrigen Teile von ihr.“

„Die Zahl der Prinzen, die um ihre Hand anhalten dürfen, wird auf drei beschränkt. Sie heißen …“

„Luke, Alex und Corey.“

Phoebe änderte die Namen nach Lust und Laune. Corey war immer dabei, weil er ihr bester Freund aus der dritten Klasse war. Luke tauchte gelegentlich auf, aber Alex war mir neu. Er musste in der Schule gemein zu Phoebe gewesen sein. Ich speicherte die Information. „Sie beschließen, gegeneinander zu kämpfen. Der Sieger gewinnt Phoebes Hand.“

„Und ihre übrigen Teile.“

„So ist es. Sie wählen also ihre Waffen …“

„Ratten.“

„Was?“

„Ratten.“

Ich ließ mich darauf ein. „Ninjaratten. Wenn man sie nach jemandem wirft, hängen sie sich an die Halsschlagader der Zielperson und beißen sie tot. Jetzt ist es aber so, dass Luke ein Profi-Ninjarattenwerfer ist. Wenn er eine Ratte drei Mal wirft, trifft er drei Mal. Alex ist auch nicht schlecht. Er trifft …“

„Zwei von drei Malen.“

„Genau. Aber der arme Corey. Also, er ist kein Held im Rattenwerfen. Bei drei Versuchen trifft er nur ein einziges Mal. Die Prinzen stehen also mit ihren Ratten in der Hand im gleichen Abstand da. Wir wollen ja fair bleiben. Und dann sagt Prinzessin Phoebe: ‚Damit es wirklich fair zugeht, müssen die Freier ihre Ratten nacheinander werfen, bis nur noch einer steht. Aber sie müssen nacheinander werfen. Und außerdem ist es nur fair, wenn der schlechteste Ninjarattenwerfer anfangen darf.‘“

„Das ist richtig fair.“

„So ist es. Corey fängt also an, dann kommt Alex und dann Luke. Wenn noch zwei stehen, machen sie weiter, bis nur noch ein Prinz übrig bleibt.“

„Auf wen sollte Corey als Ersten zielen?“

„Das, meine liebe Schwester, ist die Frage.“

Überlege, was dein Gegenspieler will, und nutze es zu deinem Vorteil.

„Bei seinem ersten Versuch sollte er auf Luke zielen, weil Luke nie sein Ziel verfehlt.“

Phoebe wusste die richtige Antwort, weil wir das Spiel schon eine Million und sechzig Mal gespielt hatten, dennoch musste es jedes Mal gleich ablaufen.

„Falsch, Dumpfbacke“, sagte ich. „Spektakulär falsch. Coreys Chancen stehen drei zu eins, dass er Luke tötet. Selbst wenn er super viel Glück hätte, bleibt Alex als nächster Werfer. Und das wiederum bedeutet, die Chancen stehen zwei zu drei, dass Corey hinüber ist.“

„Ich weiß, ich weiß! Er sollte auf Alex zielen.“

„Noch falscher, Dumpfbacke“, erwiderte ich. „Megaspektakulär falsch. Wenn er richtig viel Glück hat, ist Alex tot. Bleibt noch Luke, und der verfehlt sein Ziel nie. In diesem Fall ist Corey definitiv hinüber.“

„Das ist doof.“

„Du bist doof.“

„Bin ich nicht. Sag mir die Antwort.“

„Okay.“ Ich tat, als wolle ich mich anders hinsetzen. Doch dann packte ich sie unter den Achseln und wirbelte sie auf den Rücken. Sie kreischte, aber ich war zu schnell. Ich warf mich auf sie, senkte den Kopf und mein Pony kitzelte sie im Gesicht. Sie drehte sich hin und her, lachte dabei aber so fürchterlich, dass ihr Rotz aus der Nase lief.

„Igitt, wie eklig“, sagte ich. „Du bist eine eklige, doofe Dumpfbacke.“

Sie schrie jetzt vor Lachen, versuchte aber gleichzeitig zu reden.  „Aber … ich bin trotzdem … wunderschön.“

„Zugegeben“, sagte ich, „eine wunderschöne, eklige Dumpfbackenprinzessin. Hör zu, Tropfnase. Das nennt sich Spieltheorie, was bedeutet, dass du dir nicht nur überlegst, was du tun willst, sondern auch was die anderen tun werden. Wenn Alex als Erster drankäme, auf wen würde er zielen?“

„Auf Luke.“

„Korrekt. Denn wenn er es nicht tut, ist er tot. Luke weiß, dass Alex die größte Gefahr darstellt, also wird er ihn zuerst ausschalten. Wenn Alex Luke tötet, kommt Corey als Nächster dran, und er hat eine Chance. Corey sollte mit seiner Waffe in die Luft schießen.“

„MIT SEINER RATTE, Tropfnase!“

„Richtig. Mit seiner Ratte. Indem er sein Ziel bewusst verfehlt, hat er die Garantie, dass von den anderen beiden einer stirbt. Entweder Luke oder Alex sind tot und Corey ist als Nächster dran. Statistisch gesehen ist das seine beste Chance, die Hand der Prinzessin zu erhalten, von den übrigen Teilen ganz zu schweigen.“

„Und?“

„Und was?“

„Gewinnt er?“

„Keine Ahnung. Darum geht es nicht. Das ist Spieltheorie, Dumpfbacke, kein Märchen.“

„Und mich nennst du doof, dabei weißt du nicht einmal, wie die Geschichte ausgeht!“

Ich stand auf und zog die Bettdecke über sie. Sie kuschelte sich sofort ein, sodass nur noch ihre feuchte Nase herausschaute. Ich wuschelte ihr durchs Haar und ging zur Tür. Als ich schon halb durch war, drehte ich mich noch einmal um. „Okay. Corey gewinnt. Er gewinnt die wunderhübsche Phoebe, doch nach einer Woche merkt er, dass sie eine doofe Dumpfbacke mit tropfender Nase ist, und wirft sich seine eigene Ratte an seinen eigenen Hals.“

„Aber er verfehlt sein Ziel in zwei von drei Malen!“

Ich musste so lachen, dass mir fast selbst Rotz aus der Nase gelaufen wäre.

„Ich hab dich lieb, Jamie“, sagte sie, als ich die Tür schloss.

„Klar“, erwiderte ich. „Du magst zwar doof sein, aber völlig durchgeknallt bist du nicht.“

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»Es ist die Ehrlichkeit, die Direktheit und die Unvermitteltheit, die einen bei Barry Jonsberg so verblüffen lassen.«

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