Sarah Bailey: Dark Lake | Leseprobe read’n’go

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Sie haben eine Leiche gefunden.

Mein Handy klingelt, als ich mein Haar trockenrubbele: Es ist Felix, und ich sehe seinen Namen auf dem Display und denke an so Einiges.

„Jawoll, hey.“ Ich bemühe mich, unbeschwert zu klingen. „Bin schon unterwegs. Geh gleich aus der Tür.“

„Fahr direkt zum See, Gem“, sagt er; wie ich es liebe, wenn sich sein Akzent um meinen Namen legt.

Ich versuche den Sinn seiner Worte zu verstehen. „Warum? Was ist passiert?“

„Sie haben eine Leiche gefunden. Es ist eine Lehrerin aus Smithson, eine Rosalind Ryan.“

Das Zimmer kippt zur Seite weg. Ich lasse mich schwer aufs Bett fallen, greife mir an die Kehle und zwinge mich, weiter zu atmen. Felix redet weiter, ihm ist nichts aufgefallen. „Offenbar ist sie auch hier zur Schule gegangen. In deinem Alter. Wahrscheinlich hast du sie gekannt.“

 

Rosalind ist tot

Der See.

Östlich der Stadtmitte liegen ein großer See, umgeben von dichtem Buschland, und ein beliebter Stadtpark. Sonny Lake heißt zwar eigentlich Smithson Lake, wird aber von keinem so genannt. Warum, weiß ich nicht, aber so lange ich zurückdenken kann, ist es der Sonny Lake.

Der See grenzt an die Rückseite der städtischen Highschool. Als Grundschülerin bin ich mit Mum hergekommen, um die Enten zu füttern und im Gras nach vierblättrigen Kleeblättern zu suchen. Als ich dann auf der Highschool war, gingen wir an den See, um Zigaretten zu rauchen, geklauten Alkohol zu trinken und mit Jungs zu knutschen. Der alte Pavillon am Ende einer Brücke lieferte das perfekte Setting für eine Geisterstunde, und der alte Holzturm in der Lichtung nebenan gab einen einwandfreien Beobachtungsposten ab, um Schmiere zu stehen. Am oberen Ende der knarzenden gewundenen Treppe erreichte man einen Ausguck, von dem aus man den gesamten See und den Haupt-Highway sehen konnte, ganz bis zur Highschool. Es war auch ein Superversteck. Vor seinem Tod verbrachten Jacob und ich viele Stunden hier oben mit Reden, Küssen und mehr. Ich schließe kurz die Augen und sehe sein junges Gesicht vor mir. Er kommt mir jetzt so weit weg vor.

 

Rosalind ist tot.

Am Sonny Lake wimmelt es schon von Polizisten, die gerade mit einem Absperrband neugierige Passanten verbannen. Im Sommer ist der See ein beliebter Treffpunkt, und vor etwa zwei Jahren ließ der Gemeinderat einen dieser modernen Spielplätze mit abgerundeten Kanten am Nordende des Parks zusätzlich zum altersschwachen im Westen bauen, aber ich habe mir noch nie einfallen lassen, mit Ben herzukommen; hier lauern viel zu viele Erinnerungen für einen Sonntagnachmittagsausflug zum Spielplatz.

Leute in Joggingklamotten stehen in der Nähe beieinander und unterhalten sich leise, als ich vorbeigehe. Dann entdecke ich ihn. Detective Sergeant Felix McKinnon, mein Partner. Alles in mir blubbert weich, und wie immer kann ich nur staunen, was für eine Wirkung er auf mich hat. Mit gerunzelter Stirn bückt er sich zu einem Mann von der Spurensicherung, der direkt neben dem Weg auf dem Boden herumpinselt. Etwas weiter weg, beim Schilf, sehe ich eine weiße Plane. Casey, unser Fotograf, steht links davon und knipst wie wild drauflos.

Dass Rosalind Ryan tot ist, lasse ich langsam in mein Bewusstsein einsickern. Mit jähem Schrecken fällt mir auf, dass ich endgültig erwachsen bin. Ich weiß noch, wie sich ihr Sommerschulkleid an ihre kurvenreiche Figur schmiegte. Und wie mir meine eigene Uniform bis unter die Knie hing, wie ich versuchte, sie an Taille und Saum abzustecken, damit sie mehr wie ihre aussah. Ich atme tief ein und langsam aus. Auf dem Weg zum See hinunter setze ich eine neutrale Miene auf und versuche die altbekannten Bilder von Rosalind wegzuschieben, die sich in mein Gesichtsfeld drängen wollen. Ich versuche alles auszublenden. Die Sonne bricht durch die letzten Wolken und sengt wie Feuer. Die Luft ist geladen. Trocken. Wir werden uns beeilen müssen. Sie rasch von hier wegbringen.

 

Um sie rum schwammen Blumen im Wasser. Sahen aus wie Rosen ....

 

„Und hast du sie gekannt? Aus der Schule?“, fragt er.

Ich nicke und schaue auf die Wasserfläche hinaus. Zwei Enten dümpeln nebeneinander her, die Köpfe schön gezeichnet, wie Theatermasken.

„Sie ist nicht der Typ, den man vergisst.“

„Ja, das hab ich mir gedacht. Aber wart ihr befreundet?“

„Das war auf der Highschool! Wir waren alle mal befreundet, mal zerstritten. Du weißt schon, wie das in dem Alter so ist.“

Er runzelt die Stirn und scheint etwas anderes sagen zu wollen, also schneide ich ihm rechtzeitig das Wort ab. „Felix, ist das unser Fall?“

Er sieht mich immer noch neugierig an, sagt aber: „Ich glaub schon. Ich war da, als der Anruf kam, und Jonesy hat mich gebeten, dich anzurufen.“

Ich werde von einem wohlbekannten Sog ergriffen. Ein neuer Fall. Die Räder in meinem Kopf beginnen zu schnurren, während ich damit anfange, mir Optionen zurechtzulegen. Aber da liegt doch Rosalind Ryan tot im Wasser, denke ich. Sie ist es. Meine sonst so funktionstüchtigen Hirnwindungen kommen nicht vom Bild ihres Gesichts los, das wie bei einer Fehlschaltung auf einem defekten Computerbildschirm flackert. Hinter uns klickt Caseys Kamera in einem festen Rhythmus, der sich mir in die Gehörgänge bohrt. Bewusst hole ich ein paarmal tief Luft und sage dann: „Gut. Ich will den Fall wirklich gerne übernehmen. Weißt du –“, und damit drehe ich endlich den Kopf, um Felix in die Augen zu sehen, „– ich hab sie ein bisschen aus der Schule gekannt, aber das ist kein Thema. Echt nicht.“

Ich versuche den pochenden Schmerz in meinem Unterleib zu ignorieren. „Also, wer hat sie gefunden?“

„Der Typ da drüben neben Jimmy.“

Ich sehe den gut gebauten Mann in Joggingkleidung an, der neben Jimmy, einem unserer Streifenpolizisten, auf einer Parkbank sitzt.

„Ich geh und rede mit ihm.“

„Okay. Mach nicht zu lange – wir müssen sie uns ansehen, bevor wir hier abhauen.“

Ich gehe zu unserem Zeugen rüber. „Guten Tag.“

Jimmy und der Mann sehen zu mir hoch.

„Ich bin Detective Sergeant Gemma Woodstock.“

Jimmy lächelt mir kurz zu. „Das ist Connor Marsh. Er hat heute Morgen die Leiche gefunden. Als er seine Runden um den See lief.“

„Guten Tag, Mr. Marsh“, sage ich.

„Um ehrlich zu sein, ich bin nur eine gejoggt. Eine Runde. Bin nicht mehr so fit wie in meiner Jugend.“ Dabei sieht er mich nicht an, sondern hält den Blick auf einen Stock zu seinen Füßen gesenkt, den er mit den Schuhen hin und her schiebt.

„Erzählen Sie mir, wie es war, als Sie die Leiche entdeckt haben“, sage ich.

„Ich bin gejoggt. Gleich da unten, um die Kurve.“ Er zeigt auf eine Wegbiegung unten, etwa zwanzig Meter von Rosalinds Leichnam entfernt. „Gerade hatte ich mir überlegt, dass ich nicht noch eine Runde drehen wollte, und bin langsamer geworden, da hab ich sie im Wasser gesehen.“ Er atmet geräuschvoll aus. „Erst hab ich nicht gewusst, was es war. Hab mir gedacht, vielleicht Müll oder so. Und dann ist mir plötzlich irgendwie in einer grusligen Eingebung aufgegangen, was ich da gesehen hab. Ich bin total ausgeflippt.“ Connor streicht sich die Haare aus der Stirn und fährt fort: „Ich hab gehört, wie ein Polizist gesagt hat, dass sie Lehrerin an der Schule ist.“

Ich erwidere seinen Blick, sage aber nichts und setze eine unbewegte Miene auf.

„Die kenne ich. Sie war dort auch Schülerin, genau wie wir. Und was für eine hübsche.“ Connor sieht mich an. „Wahrscheinlich Ihre Stufe, oder?“

Jimmys Kopf ruckt in meine Richtung. Ich beachte ihn nicht.

„Connor, ist Ihnen heute Morgen sonst jemand aufgefallen? Irgendwer, der sich hier aufhielt? Jede noch so kleine Einzelheit, an die Sie sich erinnern, kann hilfreich sein.“

„Eigentlich nicht. Nicht richtig. Irgendwann muss ich an einem vorbeigelaufen sein, der seinen Hund ausgeführt hat. Jedenfalls glaub ich, dass es ein Mann war. Vielleicht älter. Sorry, ich hab nicht drauf geachtet.“

„Schon gut. Wenn Ihnen noch irgendwas einfällt, melden Sie sich einfach.“

„Haben die Blumen irgendwas zu bedeuten?“

„Die Blumen?“

Connor nickt. „Ja, um sie rum schwammen Blumen im Wasser. Sahen aus wie Rosen.“

 

 

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Sie war so schön.

Jetzt ist sie tot.