Breakdown | Leseprobe read’n’go

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Sie musste sterben.

Und du bist schuld.

Die verbotene Abkürzung

Die schwarze Schrift auf reflektierendem weißen Hintergrund wirkt so einladend, dass ich im allerletzten Augenblick, als es fast schon zu spät ist, links abbiege, um die Abkürzung zu nehmen, die Matthew mir verboten hat. Hinter mir hupt jemand aufgebracht, und als das Gellen mich auf der schmalen Straße in den Wald verfolgt, erscheint es mir wie ein Omen.
Selbst mit Fernlicht kann ich kaum erkennen, wohin ich fahre, und bedaure sofort, die durch viele Scheinwerfer erhellte Fernstraße verlassen zu haben.

Vor mir biegen sich die Bäume von einem plötzlichen Windstoß, der meinen kleinen Wagen durchrüttelt, und während ich mich bemühe, ihn auf der Straße zu halten, treffe ich plötzlich auf eine Senke. Einige beängstigende Sekunden lang verlassen alle vier Räder den festen Boden, und mein Magen rebelliert, als säße ich in einer Achterbahn. Als sie dann krachend wieder aufsetzen, überflutet eine Welle Motorhaube und Frontscheibe, sodass ich vorübergehend blind bin.
»Nein!«, rufe ich aus, als der Mini in der mit Wasser gefüllten Senke zum Stehen kommt. Die Angst davor, hier im Wald liegenzubleiben, löst einen Adrenalinschub aus, der mich zur Tat antreibt. Krachend lege ich den ersten Gang ein und gebe Gas. Der Motor heult auf, aber der Wagen setzt sich gehorsam in Bewegung, pflügt mit einer Bugwelle durchs Wasser und überwindet den Anstieg aus der Senke. Mein Herz, jagt im Takt mit den Scheibenwischern, die auf der Frontscheibe wie verrückt hin und her gehen, und ich brauche ein paar Sekunden, um wieder zu Atem zu kommen.

Einige Minuten später lässt ein jäher Donnerschlag mich so heftig zusammenzucken, dass meine Hände das Lenkrad nicht mehr halten können. Der Wagen schleudert gefährlich nach links, und als ich ihn mit zitternden Händen abfange, empfinde ich plötzlich Angst, ich könnte es vielleicht nicht heil bis nach Hause schaffen. Ich versuche mich zu beruhigen, aber ich fühle mich bedrängt — nicht nur von den Elementen, sondern auch von den Bäumen, die vor mir einen makabren Tanz aufführen, sich drehen und winden, bereit, mein kleines Auto von der Straße zu holen und dem Sturm in den Rachen zu werfen. Wenn Regen aufs Autodach trommelt, heulender Wind die Scheiben klappern lässt und die Scheibenwischer wie verrückt arbeiten, fällt es schwer, sich zu konzentrieren.

Der Regen drängt:

Fahr zu! Fahr zu! Fahr zu!

Die Panne

Als ich schon denke, diese Fahrt werde niemals enden, bewältige ich eine Kurve und sehe etwa hundert Meter vor mir die Heckleuchten eines Autos. Ich stoße einen zittrigen Seufzer der Erleichterung aus und gebe etwas mehr Gas. Weil ich darauf fixiert bin, zu dem anderen Wagen aufzuschließen, habe ich ihn schon fast erreicht, bevor ich erkenne, dass er gar nicht fährt, sondern schlecht geparkt an einer kleinen Ausweichstelle steht. Überrascht kann ich ihm gerade noch ausweichen, verfehle ihn nur um eine Handbreit, starre im Vorbeifahren aufgebracht zu dem anderen Fahrer hinüber und mache mich bereit, ihn anzubrüllen, weil er seine Warnblinkanlage nicht eingeschaltet hat. Eine Frau, deren Gesichtszüge im starken Regen verschwimmen, erwidert meinen Blick.

Weil ich vermute, dass sie eine Panne hat, halte ich ein kleines Stück vor ihr und lasse den Motor laufen. Sie tut mir leid, weil sie unter so schrecklichen Umständen aus ihrem Auto steigen muss, und während ich in den Rückspiegel sehe — mit leicht perverser Freude darüber, dass außer mir noch jemand so töricht gewesen ist, in dieser Nacht durch den Wald zu fahren —, stelle ich mir vor, wie sie nach ihrem Schirm tastet. Mindestens zehn Sekunden vergehen, bevor mir klar wird, dass sie nicht aussteigen wird, und ich bin irritiert, denn sie erwartet doch wohl nicht, dass ich bei strömendem Regen aussteige und zu ihr zurückrenne? Außer, sie wäre durch irgendetwas am Aussteigen gehindert — aber würde sie in diesem Fall nicht blinken oder hupen, um mir zu signalisieren, dass sie Hilfe braucht? Als weiterhin nichts passiert, fange ich an, meinen Sicherheitsgurt zu lösen, während ich weiter in den Rückspiegel starre. Obwohl ich sie nicht deutlich sehen kann, ist es doch irgendwie seltsam, wie sie mit eingeschalteten Scheinwerfern einfach nur dasitzt, und mir fallen wieder die Storys ein, die Rachel mir in unserer Jugend erzählt hat: von Leuten, die bei jemandem halten, der anscheinend eine Panne hat, nur um zu erleben, dass ein in der Nähe versteckter Komplize ihren Wagen stiehlt; von Fahrern, die anhalten und aussteigen, um einem auf der Straße liegenden verletzten Reh zu helfen — und brutal überfallen werden, weil alles nur gestellt war. Ich schnalle mich rasch wieder an. Im Vorbeifahren habe ich in dem anderen Wagen außer der Frau niemanden gesehen, aber das heißt nicht, dass sie nicht auf dem Rücksitz versteckt darauf lauern können, aus dem Auto zu springen.

Ein weiterer Blitz zuckt herab, schlägt irgendwo in der Nähe ein. Der böig auffrischende Wind lässt Zweige ans Beifahrerfenster klopfen und scharren, als versuche jemand, sich dort Einlass zu verschaffen. Mir läuft ein kalter Schauder über den Rücken. Ich fühle mich so verwundbar, dass ich die Handbremse löse und ein kleines Stück weiterfahre, um die Unbekannte zu provozieren, damit sie etwas — irgendwas — tut, das mir zeigt, dass sie nicht will, dass ich wegfahre. Aber noch immer kommt nichts. Widerstrebend halte ich erneut, weil es mir nicht richtig erscheint, davonzufahren und sie allein zurückzulassen. Andererseits will ich auch nichts riskieren. Bei näherer Überlegung muss ich mir sagen, dass sie nicht ängstlich gewirkt hat, als ich vorbeigefahren bin: Sie hat nicht verzweifelt gewinkt oder sonst wie gezeigt, dass sie Hilfe braucht. Also ist vielleicht schon jemand — ihr Ehemann oder ein Abschleppdienst — unterwegs. Hätte ich eine Panne, würde ich als Ersten Matthew anrufen, statt mich auf fremde Autofahrer zu verlassen.

Während ich noch unschlüssig dasitze, wird der Regen stärker und trommelt drängend aufs Autodach: Fahr zu! Fahr zu! Fahr zu! Damit nimmt er mir den Entschluss ab. Ich löse die Handbremse und fahre möglichst langsam an, um der Unbekannten eine letzte Chance zu geben, mich zurückzurufen. Aber das tut sie nicht.

Aus dem Radio im Erdgeschoss kommt "Lovely Day".

Die Tote

Als ich aufwache, sitzt Matthew mit einem Becher Tee in der Hand neben mir auf der Bettkante.
»Nicht weit von hier ist eine Frau tot aufgefunden worden«, sagt er so leise, dass ich ihn fast nicht verstehe. »Ich hab’s vorhin im Radio gehört.«
»Wie schrecklich!« Ich stelle meinen Becher auf den Nachttisch und wende mich wieder Matthew zu. »Was meinst du mit ›nicht weit von hier‹? In Browbury?«
Er streicht mir eine Haarsträhne aus der Stirn. Die Finger auf meiner Haut sind weich. »Nein, viel näher, irgendwo zwischen hier und Castle Wells.«
»An welcher Straße?«
»An der Blackwater Lane.« Er beugt sich zu mir, will mich küssen, doch ich weiche ihm aus.
»Lass das, Matthew.« Ich sehe ihn an, während mein Herz hinter den Rippen flattert wie ein Vogel in seinem Käfig, und warte darauf, dass er lächelt und mir erklärt, dass er weiß, dass ich letzte Nacht auf dieser Straße zurückgekommen bin, und mich nur ein bisschen aufziehen wollte. Aber er runzelt lediglich die Stirn.
Ich starre ihn an. »Ist das dein Ernst?«
»Ja.« Er wirkt ehrlich verwirrt. »Du weißt, dass ich so was nicht erfinden würde.«
»Aber … « Mir ist plötzlich übel. »Woran ist sie gestorben? Haben sie das im Radio gemeldet?«
Er schüttelt den Kopf. »Nein, nur dass sie in ihrem Auto gesessen hat.«
Ich wende mich leicht von ihm ab, sodass er mein Gesicht nicht sehen kann. Das kann nicht diese Frau gewesen sein, sage ich mir. Niemals!

Tot. Heißt das, dass sie Selbstmord begangen hat?

Bin ich schuldig?

Letzte Nacht wurde auf der Blackwater Lane zwischen Browbury und Castle Wells in einem Auto eine Tote aufgefunden. Sie war brutal ermordet worden. Wenn Sie zwischen 23.20 und 1.15 Uhr auf dieser Straße gefahren sind oder jemanden kennen, der dort unterwegs war, bitten wir Sie, sich umgehend bei uns zu melden.

Ich strecke die Hand aus, die zittert, und schalte das Radio aus. Brutal ermordet. Die Worte hängen in der Luft, die plötzlich so heiß und stickig ist, dass ich das Fenster öffnen muss, um durchatmen zu können. Hätten sie nicht einfach nur »ermordet« sagen können? War »ermordet« nicht schon schlimm genug? Ein Auto hält neben mir, und sein Fahrer erkundigt sich durch Zeichen, ob ich wegfahren will. Als ich den Kopf schüttle, fährt er weiter, aber keine Minute später wiederholt sich dieses Spiel, und danach gleich wieder. Aber ich will nicht wegfahren; ich will nur bleiben, wo ich bin, bis der Mord es nicht mehr in die Nachrichten schafft, bis jedermann sich weiterbewegt und die brutal ermordete Frau vergessen hat.

Ich weiß, dass ist dumm, aber mir kommt es vor, als sei ich schuld an ihrem Tod. In meinen Augen brennen Tränen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Schuldgefühl jemals abnehmen wird, und die Vorstellung, es für den Rest meines Lebens ertragen zu müssen, scheint ein viel zu hoher Preis für einen egoistischen Augenblick zu sein. Wahr ist jedoch, dass sie vielleicht noch leben würde, wenn ich mir die Mühe gemacht hätte, auszusteigen.

Hat der Mörder herausbekommen, wer ich bin?

Es klingelt...

Der Anruf kommt, als ich den Geschirrspüler einräume, und ich denke, dass das Rachel sein muss, die mich fragen will, wie’s im Hotel war. Aber als ich abhebe, ist niemand dran — oder viel mehr sagt niemand etwas, denn ich spüre, dass am anderen Ende jemand ist. Plötzlich erinnere ich mich an einen Anruf, den ich gestern bekommen habe, und verschiedene andere in der Woche davor. Das Schweigen. Ich halte den Atem an, horche auf den leisesten Laut, der mir bestätigen kann, dass dort jemand atmet. Aber ich höre nichts — keine atmosphärischen Störungen, keine Atemzüge, keinen Laut —, als halte auch er den Atem an. Er. Unbehagen erfasst mich, und ich lege abrupt auf.

Ich hatte mir vorgenommen, Stundenpläne für September aufzustellen, aber ich kann mich nicht darauf konzentrieren. Als das Telefon erneut klingelt, beginnt mein Herz sofort zu rasen. Keine Panik, ermahne ich mich, das ist Matthew oder Rachel oder irgendeine Freundin, die anruft, um mit dir zu schwatzen. Aber die Nummer ist unterdrückt.

Ich weiß nicht, warum ich trotzdem den Hörer abnehme. Vielleicht liegt’s daran, dass ich bereits verstehe, was von mir erwartet wird. Ich möchte etwas sagen, möchte ihn fragen, wer er ist, aber sein eisiges Schweigen schnürt mir die Kehle zu, sodass ich nur lauschen kann. Aber ich höre wieder nichts und knalle mit zitternder Hand den Hörer auf die Gabel. Mein Haus erscheint mir plötzlich wie ein Gefängnis. Ich haste nach oben, hole Smartphone und Umhängetasche aus dem Schlafzimmer, springe ins Auto und fahre nach Castle Wells. Auf dem Weg zu einem Café mache ich halt, um eine Karte zu kaufen, die ich Janes Ehemann schicken will, und kann beim Bezahlen unmöglich die Zeitungsstapel an der Kasse und die Schlagzeilen ignorieren, die neue Entwicklungen im Mordfall Jane Walters verkünden. Eigentlich will ich nichts darüber lesen, aber um vielleicht zu erfahren, dass die Po­lizei dem Mörder schon auf den Fersen ist, kaufe ich trotz­dem eine Zeitung. Im Café nebenan finde ich einen ruhigen Tisch in einer Ecke, schlage die Zeitung auf und beginne zu lesen.

Bisher hat die Polizei angenommen, der Mord an Jane sei eine Folge eines zufälligen Angriffs gewesen, aber da sich nun jemand gemeldet hat, der anscheinend am Freitagabend gegen 23.30 Uhr — also vor ihrer Ermordung — an ihrem auf der Blackwater Lane geparkten Wagen vorbeigefahren war, ändert sich die gesamte Richtung der Ermittlungen, weil es sug­geriert, Jane habe ihren Mörder gekannt und sei in dieser Nacht wie vielleicht schon in der Woche zuvor auf dieser einsamen Waldstraße mit ihm verabredet gewesen. Die Medien haben sich auf ihr Privatleben gestürzt und spekulieren, sie habe einen Liebhaber gehabt, weil ihre Ehe zerrüttet gewesen sei, sodass ich ihren armen Mann bemitleide — obwohl es auch Spekulationen gibt, er könnte seine Frau ermordet haben. Wie meine Zeitung schreibt, hätte er seine Alibis — die beiden kleinen Töchter, auf die er angeblich aufgepasst hatte — leicht lange genug alleinlassen können, um zur Blackwater Lane hinauszufahren und die Tat zu verüben.

Zu dem Artikel gehört ein Foto eines Messers, das nach An­sicht der Polizei der Tatwaffe ähnlich sein dürfte, und als ich das Küchenmesser mit schwarzem Griff und feinem Wellen­schliff sehe, krampft mein Magen sich zusammen, und mein Herz rast los wie ein Formel-1-Rennwagen. Mir wird schwindelig, ich schließe die Augen, aber als ich sie wieder öffne, ist die Angst weiter da, nimmt sogar zu. Vielleicht hat der Mörder bereits im Wald gelauert und war kurz davor, seine schreckliche Tat zu begehen, als ich vor Janes Auto gehalten habe. Hat er mich gesehen, glaubt er vielleicht, ich müsste ihn gesehen haben? Vielleicht hat er sich mein Kennzeichen für den Fall gemerkt, dass ich ihm gefährlich werden könnte. Und dieser Fall kann jetzt eingetreten sein. Er weiß, dass jemand sich an die Polizei gewandt hat, und errät vielleicht, dass ich das war. Er weiß nicht, dass ich der Polizei nichts erzählt habe, dass ich ihr nichts hätte erzählen können. Entscheidend ist, dass er weiß, es gibt mich. Hat er herausbekommen, wer ich bin, und sind die Anrufe, bei denen sich keiner meldet, als Drohung gemeint?

Meine Nackenhaare sträuben sich, und ich werfe mich herum, aber dort ist nichts.

Bilde ich mir alles ein?

Was ich empfinde, ist nicht Angst, sondern Entsetzen. Es lässt mich erbleichen und raubt mir den Atem, verkrampft mein Inneres und macht meine Glieder kraftlos. Und dann lässt es mich ohne Sinn und Verstand die Straße entlanghet­zen: weg von den Häusern an der Einmündung, zurück zu meinem Haus vor dem Wald am Ende der Straße. In der Stille des Nachmittags sind meine Schritte laut, und als ich mit häm­merndem Herzen und vor Anstrengung laut keuchend, scharf in unsere Einfahrt abbiege, rutsche ich auf dem losen Kies aus. Der Boden scheint mir entgegenzukommen und prellt die Luft aus meiner Lunge. Und als ich, nach Atem ringend, daliege und meine Hände und Knie zu brennen beginnen, verspottet mich die Stimme in meinem Kopf: Hier ist niemand!

Ich rappele mich mühsam auf, hinke zur Haustür und ziehe die Schlüssel vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger aus meinen Jeans, um die aufgeschürften Handfläche zu schonen. In der Diele bin ich auf dem Weg zur Treppe froh, dass ich die Alarmanlage nicht eingeschaltet habe, als ich das Haus ver­lassen habe, denn in meinem jetzigen Zustand hätte ich sie vermutlich wieder ausgelöst. Als ich langsam die Treppe hinaufsteige, brennen meine Augen von zurückgehaltenen Trä­nen. Ich lasse sie erst fließen, als ich die Schürfwunden säubere, weil ich dabei so tun kann, als weinte ich wegen meiner schmerzenden Hände und Knie. Die Wahrheit ist jedoch, dass ich nicht weiß, wie viel mehr ich noch ertragen kann. Ich schäme mich darüber, wie erbärmlich schwach ich seit Ja­nes Tod geworden bin. Ich weiß, dass ich mich besser halten würde, wenn ich nicht schon mit Gedächtnislücken kämpfen müsste. Aber weil das Damoklesschwert einer möglichen Demenzerkrankung über mir hängt, habe ich alles Selbst­vertrauen eingebüßt.

Ein Singsang in meinem Kopf trällert:

Du wirst verrückt. Du wirst verrückt.

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»Ein packender Psychothriller über Freundschaft und Liebe und das schreckliche Gefühl den Verstand zu verlieren.«

USA Today

»Breakdown ist ein spannender Thriller, der dich alles infrage stellen lässt: die Familie, die du liebst, die Freunde, denen du vertraust, sogar deinen eigenen Verstand.«

Wendy Walker, Bestsellerautorin