Bernhard Aichner: Bösland | Leseprobe read’n’go

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Komm mit ins Bösland ...

 

 

 

Sommer 1987. Auf dem Dachboden eines Bauernhauses wird ein Mädchen brutal ermordet. Ein dreizehnjähriger Junge schlägt sieben Mal mit einem Golfschläger auf seine Mitschülerin ein und richtet ein Blutbad an. Dreißig Jahre lang bleibt diese Geschichte im Verborgenen, bis sie plötzlich mit voller Wucht zurückkommt und alles mit sich reißt: Der Junge von damals mordet wieder …

 

 

 

 

Ein besonderer Tag.

Er hing an dem Gürtel, mit dem er mich immer geschlagen hat. Ich starrte sein Gesicht an, seinen offenen Mund, seine weiße Haut. Und die Hände, die still an seinen Armen herunterhingen. Da war nichts mehr, das mir Angst machte. Ich war glücklich, vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben.

 

1984. Der kleine Ben und der tote Mann. An einem Samstagmorgen war ich aufgewacht und hatte ihn gesucht. Mein zehnter Geburtstag war es. Ich wollte, dass er mich in den Arm nimmt, mir gratuliert. Ich machte Frühstück für ihn, Eierspeise, Orangensaft, ich deckte den Tisch für uns beide. Aber egal, wie laut ich nach ihm rief, er kam nicht. Ich dachte, er wäre ins Dorf gegangen, um ein Geschenk für mich zu besorgen. Eine Überraschung für dich, Ben. Ich hoffte, dass er sich zu diesem Tag etwas Besonderes für mich einfallen ließ. Ein neues Fahrrad für dich, Ben. Der Kassettenrekorder, den du dir schon so lange gewünscht hast. Du hast es dir verdient, Ben. So fleißig, wie du bist. Doch nichts.

 

Zwei Wochen war ich allein mit ihm gewesen. Zwei Wochen lang hatte er täglich seine Wut an mir ausgelassen. Deine Mutter ist schwach, sagte er. Ich werde dafür sorgen, dass du nicht so wirst wie sie. Dreckskuh nannte er sie. Weil sie zur Kur gefahren war, weil ihr Kreuz kaputt war und auch sonst alles. Sie hatte es nicht mehr ausgehalten. Es tut mir leid, Ben, ich muss kurz für mich sein. Sie hatte mich zurückgelassen bei ihm und war verschwunden. Da waren nur mehr seine Hände auf mir. Keine Geburtstagstorte für mich. In drei Wochen bin ich wieder da. Du schaffst das schon, hat sie gesagt. Obwohl ich nur ein Kind war.

 

 

Langsam kam alles wieder.

Mein Freund, der Grund, warum ich trotz allem immer wieder aufwachen wollte. Felix Kux. Der Sohn des Dorfarztes. Ich will nicht, dass du dich mit diesem reichen Schwachkopf triffst, hatte der Alte immer gesagt. Ich machte es trotzdem und bekam Schläge dafür. Aber Kux war es wert. Er war der einzige Mensch, mit dem ich reden konnte. Kux war meine Insel, er bewahrte mich vor dem Untergehen, dem Ertrinken. Verwundet und traurig ging ich an sein Land, wenn der Alte mit mir fertig war. Kux war für mich da, er nahm mich auf, er war so etwas wie Heimat. Er kümmerte sich um mich. Und er war auch der Erste, den ich anrief damals.

 

Bitte komm, habe ich gesagt. Es ist etwas passiert. Und Kux war neugierig. Ob es etwas Gutes sei, fragte er mich. Ich sagte Ja und starrte das grüne Telefon an, das vor mir auf dem Tischchen im Gang stand. Die Wählscheibe, die Zahlen. Kurz hatte ich überlegt, in der Kuranstalt anzurufen, es meiner Mutter zu sagen, den Bestatter anzurufen, Kux’ Vater. Er wäre gekommen und hätte den alten, bösen Mann einfach vom Balken geschnitten. Doktor Kux hätte sich wahrscheinlich widerwillig auch um mich gekümmert, um den ungeliebten Freund seines Sohnes, den Jungen aus armen Verhältnissen. Er hätte keine andere Wahl gehabt, er hätte den Tod feststellen und mich zu meiner Mutter bringen müssen. Das wollte ich aber nicht. Ich wollte, dass sein Sohn kommt, nicht er. Mein Freund, nicht sein Vater. Beeil dich, sagte ich. Dann legte ich den Hörer auf, wartete. Bis er kam und mit mir wieder nach oben ging.

 

 

Es ist noch lange nicht vorbei.

 

Sie standen Schlange vor dem Haus. Und sie bezahlten. Einer nach dem anderen legte Münzen in Kux’ Hand, sie hatten ihre Sparschweine geplündert, sie waren neugierig und aufgeregt, keiner wollte es verpassen. Der jüngste war acht Jahre alt, der älteste siebzehn. Die halbe Dorfjugend wollte eine Leiche sehen, den Erhängten. Kux war durch das Dorf geradelt und hatte die Werbetrommel gerührt. Er hatte ihnen eine Fahrt mit der Geisterbahn versprochen, sie sollten etwas sehen, das sie noch nie zuvor gesehen hatten. Einen Toten zum Anfassen. Ein großes Geheimnis war es, das alle teilen wollten. Einen ganzen Nachmittag lang. Und wir verkauften Tickets dafür. Sie kamen in Scharen, irgendwann konnten wir es nicht mehr aufhalten. Einer nach dem anderen war auf den Dachboden gestiegen, sie hatten das Bösland gestürmt.

 

Entsetzte Gesichter waren es, in die wir schauten, als sie ihn da hängen sahen. Sie hatten Angst, gruselten sich, die meisten hielten nur ein paar Augenblicke lang durch, sie ertrugen es nicht, hielten sich die Hände vor die Münder. Sie wurden kleinlaut, obwohl sie noch kurz zuvor damit geprahlt hatten, kein Problem damit zu haben, dem Tod ins Auge zu sehen. Sie stolperten eilig wieder die Treppen nach unten, liefen so schnell sie konnten davon. Kux und ich blieben zurück. Wir lachten, freuten uns, zählten die Münzen. Schnell verdientes Geld. Genug, um beim Konditor eine schöne Torte zu kaufen und unsere erste Flasche Wein.

 

 

Keine Tabletten mehr. Nie wieder.

–  Und was ist dann passiert?
–  Sie haben uns bestraft.
– 
Wie?
–  
Hausarrest, Belehrungen und Verachtung. Aber alles war besser als das, was vorher gewesen war.
– 
Ihre Mutter und die Eltern Ihres Freundes haben sich sicher große Sorgen um Sie gemacht.
– 
Nein, das haben sie nicht.
– 
Sie beide waren zehn Jahre alt. Sie sind die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen. Ich nehme an, es wurde Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt,                         ­­           ­­­  um Sie zu finden.
– 
Wir waren nicht wichtig.
– 
Wie meinen Sie das?
– 
Es zählte nur, was die Leute im Dorf dachten. Nichts sonst. Meine Mutter wollte im Erdboden verschwinden, sie konnte es nicht ertragen, dass man sich das
    Maul über uns zerriss. Und auch Kux‘ Vater schämte sich. Was passiert war, passte nicht in seine Welt.
–  Sie meinen die Sache mit der Leichenschau?
– 
Ja. Er verbot seinem Sohn den Umgang mit mir, Kux junior musste sich von mir fernhalten, er sollte funktionieren und keine Schwierigkeiten mehr machen.
­­ Drei Wochen lang haben wir uns nicht mehr gesehen.

– 
Und dann?
– 
Haben wir uns heimlich getroffen.
– 
Wo?
– 
Im Bösland.
– 
Warum dort? Warum haben Sie ausgerechnet diesen Ort ausgewählt, um Ihre Freundschaft zu pflegen?
– 
Dieser Ort gehörte nur uns. Meine Mutter hat den Dachboden nach seinem Tod gemieden.
– 
Nach dem Tod Ihres Vaters?
–  Ja.
– 
Warum sprechen Sie es nie aus?
– 
Was?
– 
Das Wort Vater.
– 
Ist das wichtig?
– 
Ich denke schon, dass Ihr Vater eine sehr wesentliche Rolle in Ihrem Leben gespielt hat.
– 
Er hat sich aufgehängt, und man hat ihn eingegraben. Mehr war da nicht.
– 
Haben Sie geweint bei der Beerdigung?
– 
Nein.
–  Und später?
– 
Ich war einfach nur froh, dass er nicht mehr da war.
– 
Und wie hat Ihre Mutter reagiert?
– 
Sie hat gesagt, dass ich für das alles verantwortlich bin. Sie hat den ganzen Tag geheult, wochenlang. Ihre Welt war zusammengebrochen.
– 
Und Ihre?
–  I
ch habe eine neue entdeckt.
– 
Wie meinen Sie das?
– 
Wovor ich jahrelang Angst gehabt hatte, wurde plötzlich zu meinem allerschönsten Ort. Es hat sich so angefühlt, als hätte ich gewonnen.
– 
Gewonnen?
– 
Ich habe überlebt. Und er ist gestorben.
– 
Aber der Tod eines Menschen ist doch ein Verlust und kein Gewinn. War da neben der Erleichterung nicht noch etwas anderes?
– 
Was denn?
– 
Erinnern Sie sich auch an schöne Momente, die Sie mit Ihrem Vater teilten? Dinge, nach denen Sie sich gesehnt haben? Was ist mit dem, was Sie sich von
­ ihm erwartet und nie bekommen haben?
– 
Da ist nichts.
– 
Waren Sie nicht wütend, dass er einfach verschwunden ist? Dass er Sie allein gelassen hat?
– 
Er hat seine Strafe bekommen, oder?
– 
Im Bösland?
– 
Ja.
–  W
ieso nennen Sie es immer noch so?
– 
Weil es so heißt. Weil es immer so geheißen hat.
– 
Erzählen Sie mir, was Sie dort gemacht haben, Sie und Ihr Freund.
– 
Wir hatten Spaß.
– 
Alkohol?
– 
Auch.
– 
Was noch?
– 
Hundert schöne Dinge. Kux und ich, wir haben uns gutgetan. Ich hatte nur ihn. Und er hatte nur mich.
– 
Das klingt schön.
– 
War es auch. Niemand hat uns gesagt, was wir tun sollen uns was nicht. Drei Jahre lang war alles in bester Ordnung. Es hätte immer so weitergehen können.
– 
Ist es aber nicht, oder?
– 
Nein.
– 
Wollen wir jetzt darüber reden?
– 
Nein.
– 
Lassen Sie sich Zeit. Wir müssen nichts überstürzen, alles wird Ihnen wieder einfallen, Sie werden sehen.
– 
Es tut weh, wenn ich daran denke. Was da noch war. Ich will das nicht. Mich erinnern. Ich kann nicht, verstehen Sie?
– 
Ich werde Ihnen etwas verschreiben.
– 
Nein. Keine Tabletten mehr. Nie wieder.
– 
Die Tabletten machen es leichter, glauben Sie mir.
– 
Ich habe Nein gesagt.
– 
Wie Sie möchten, Ben.
– 
Ich werde jetzt gehen.
– 
Sehen wir uns nächste Woche?
– 
Ich weiß es nicht.

 

 

 

 

Bernhard Aichner

Bernhard Aichner (geb. 1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Internationale Erfolge feiert er mit seiner Totenfrau-Trilogie. Bereits zuvor machte er in seiner Heimat Österreich Furore mit seinen Krimis um den Totengräber Max Broll. Für »Interview mit einem Mörder«, den vierten Max-Broll-Krimi, wurde er mit dem Friedrich-Glauser-Preis 2017 ausgezeichnet.

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Ulrich Noller, WDR

»Die Welt will die blutigen Bücher dieses Tirolers.«

Elmar Krekeler in der Welt am Sonntag