Christine Brand: Blind | Leseprobe read’n’go

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Nathaniel ruft Alisha, die bei der Tür gewartet hat, fasst das Geschirr und macht sich auf den Nachhauseweg.

Die App

Nathaniel ruft Alisha, die bei der Tür gewartet hat, fasst das Geschirr und macht sich auf den Nachhauseweg. Mit dem neuen Haarschnitt fühlt er sich für das Familienessen gleich viel besser gewappnet. Obwohl er bereits ein Geschenk für seine Mutter besorgt hat, beschließt er, unterwegs noch Blumen zu kaufen. Er fragt sein Handy, wo der nächste Blumenladen liegt, und lässt sich dorthin dirigieren. In der Hoffnung, dass der Akku des Geräts nicht leer ist, bevor er am Ziel angekommen ist, was mit unerschütterlicher Regelmäßigkeit immer wieder passiert. Doch dieses Mal passt es. Er entscheidet sich für Sonnenblumen, denn er erinnert sich vage daran, wie sie aussehen; die Tapete im Schlafzimmer seiner Eltern zeigte ein Sonnenblumenfeld. Sonnenblumen verbindet er mit Wärme. Vielleicht, weil er als kleiner Knirps früh morgens oft zwischen seine Eltern ins warme Bett gekrochen ist. Wieder zu Hause, holt Nathaniel seine drei Hemden aus dem Schrank, tritt hinaus auf den Balkon, weil es dort heller ist als in seiner abgedunkelten Wohnung, und öffnet auf seinem Handy per Sprachbefehl die App Be my eyes. Ein nahezu blinder Däne hat sie aus der Not heraus erfunden, seither haben Zehntausende von Sehenden und Blinden sie heruntergeladen. Die Idee dahinter ist simpel: Es sind oft Kleinigkeiten des Alltags, die Blinde vor immense Probleme stellen – und bei denen ihnen ­Sehende aus der Ferne weiterhelfen können. Nathaniel nutzte die App zum ersten Mal, als er sich ein Sandwich streichen wollte und sich nicht sicher war, ob der Käse das Verfalldatum schon überschritten hatte und schimmlig war. Und jetzt will er wissen, welches der drei Hemden blau ist. Blau ist die Lieblingsfarbe seiner Pflegemutter.

»Wir waren schon einmal miteinander auf diesem Kanal verbunden.«

Carole

Caroles Tasche vibriert. Ein ungewohnter Klingelton dringt aus ihrem Innern. Bitte lass mich diesmal schnell genug sein, denkt Carole, als sie realisiert, dass es sich nicht um einen normalen Anruf handelt. Dass es ein Blinder ist, der ihre Hilfe braucht. Vor gut einem Jahr hat sie Be my eyes heruntergeladen. Doch da sie im Schlund ihrer Tasche immer eine Ewigkeit nach dem Telefon angeln muss, war sie meist zu langsam, wenn eine Anfrage reinkam. Der Person konnte bereits geholfen werden, teilte ihr die App jeweils mit. Das letzte Mal, als ein Anruf einging, hatte sie das Telefon zwar rasch gefunden, sich aber beim Eintippen des Sperrcodes derart unbeholfen angestellt, dass der Anrufer aufgegeben hatte, wie ihr die Nachricht Dieser Person konnte nicht geholfen werden bestätigte. Sie hatte sich grün geärgert und den Sperrcode ihres Handys ausgeschaltet, damit ihr das nicht ein zweites Mal passiert. Und jetzt scheint es tatsächlich zu klappen.
»Hallo, hier ist Nathaniel. Können Sie mich sehen?«
»Im Moment höre ich Sie nur. Aber ich bin da. Voilà, nun hab ich auch ein Bild.«
Eine Frau, denkt Nathaniel. Jung muss sie sein. Hübsch hört sie sich an. Und irgendwie kommt ihm die Stimme bekannt vor.
»Hallo. Ich bin zu einem Essen eingeladen und möchte mein blau kariertes Hemd anziehen«, fährt er fort, während er das Handy vor sein Gesicht hält. »Können Sie mir helfen, es zu finden?«
»Klar.« Carole hält inne, als sie Nathaniel sieht. »Kennen wir uns nicht? Wir kennen uns!«
»Wir kennen uns?« Nathaniel weiß, dass diese Stimme keiner seiner Freundinnen gehört.
»Wir waren schon einmal miteinander auf diesem Kanal verbunden.«
Darum also kommt ihm die Stimme vage bekannt vor.
»Damals war ein Filmteam bei dir, und du hast ihnen gezeigt, wie die App funktioniert.«
Nathaniel registriert, dass die Frau vom Sie zum Du gewechselt hat. Er erinnert sich wieder an sie. »Ach, du bist das«, sagt er mit einem Schmunzeln und schiebt gleich nach: »Wer bist du denn?«

Ein schrilles Kreischen tötet den Satz.

Tote Leitung

»Ich bin Carole. Und klar, ich werde dir gerne helfen. Mit dem Hemd.«
Genau, das Hemd, denkt Nathaniel, darum hatte er ja angerufen.
»Warum willst du wissen, welche Farbe dein Hemd hat?«, fragt Carole.
»Ich bin zum Essen eingeladen. Die Lieblingsfarbe meiner Mutter ist Blau. Darum will ich das blau karierte Hemd anziehen.«
Nathaniel schwenkt das Handy auf die drei Hemden, die er bereitgelegt hat.
»Wenn du einfach so vor die Tür gehst – überlegst du dir dann auch, welche Farben deine Kleidung hat?«
»Ja, schon.«
Er schwenkt zurück auf sein Gesicht.
»Warum?«, fragt Carole.
»Wenn ich gut gelaunt bin, möchte ich mich hell anziehen, wenn ich ernst drauf bin, eher schwarz. Doch oft greife ich daneben. Und kürzlich hat mir auf der Arbeit ein Kollege ein Kompliment für mein rosa Hemd gemacht. Dabei besitze ich gar keine rosa Hemden. Wir haben dann herausgefunden, dass es sich in der Wäsche verfärbt haben muss. Aber verlang mal von einem Blinden, die Wäsche nach Farben zu sortieren …«
Nathaniel sagt es mit einem Lachen, doch Carole fühlt Mitleid in sich hochsteigen. Das ist auch so etwas; sie ist viel gefühlsduseliger geworden, seit sie schwanger ist.
»Ja, das geht natürlich nicht.« Etwas Schlaueres fällt ihr nicht ein. Nathaniel hört im Hintergrund Verkehrslärm. Eine Tram quietscht in den Schienen, als sie an Carole vorbeifährt.
»Aber ich hab eine Lösung gefunden.«
»Wie denn? Mit der App?«
»Nein, es gibt spezielle Tüchlein, die man der Wäsche beilegen kann, damit sie nicht abfärbt.«
»Das wär auch was für mich!«, ruft Carole. »Meine Wäsche verfärbt sich nämlich auch ständig, obwohl ich die Farben sehen kann.«
Plötzlich ist es ruhiger am anderen Ende der Leitung. Nathaniel hört eine Tür zufallen, hört Caroles Schritte. Stufen steigen. Ein Treppenhaus.
»Können wir jetzt rasch nach dem Hemd schauen?«
»Entschuldige, natürlich.«
Nathaniel zeigt Carole mit der Handykamera seinen Hemdenstapel.
»Es ist das in der Mitte. Blaukariert.«
Ein Schlüssel klimpert, eine Tür wird aufgeschlossen.
»Danke. Darf ich dich noch was fragen?«
»Nur zu.«
»Welche Haarfarbe hast du?«
»Du willst wissen, welche Haarfarbe ich habe?«
»Ja.«
»Warum?«
»Nur so.«
Sie hat braune Haare, denkt Nathaniel, sie hört sich an, als hätte sie braune Haare.
»Meine Haare sind …« Carole hält abrupt inne.
Nathaniel hört sie atmen, doch plötzlich ist es ganz still, als würde sie die Luft anhalten. »Hallo?«, fragt er. »Bist du noch da?«
»Blond. Dunkelblond.« Caroles Stimme klingt auf einmal hektisch.
»Alles in Ordnung?«
»Wart mal einen Moment. Hallo?«
Nathaniel hört am anderen Ende der Leitung ein lautes »Was machen Sie …«. Ein schrilles Kreischen tötet den Satz. Nathaniel zuckt zusammen, der schreckliche Schrei bricht ab, es folgt ein Rumpeln, als falle ein Sack Kartoffeln auf den Boden. Ein schleifendes Geräusch. Der Summton.
»Hallo?«, brüllt Nathaniel in sein Telefon. »Hallo! Hallo!«
Doch die Leitung bleibt tot.

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Seine Welt ist dunkel. Er ist blind. Doch er hat ihren Schrei gehört – und seine Sinne haben ihn noch nie getäuscht ...

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Sebastian Fitzek