Meike Winnemuth: Bin im Garten | Leseprobe read’n’go

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Das Jahr des großen Wachsens – Meike Winnemuths neues Abenteuer

»Ein Jahr im Garten leben. Gemüse anbauen. Bäume pflanzen. Blümchen natürlich auch. Wurzeln schlagen. Boden unter den Füßen finden, und zwar einen, den ich persönlich dorthin geschaufelt habe.« Weltreisende sucht Ort zum Bleiben: Mit Tempo und Witz erzählt Meike Winnemuth in ihrem Tagebuch von ihrem neuen Abenteuer – dem ersten eigenen Garten. Vom Träumen und Planen, Schuften und Graben, Säen, Pflanzen, Ernten, Essen. Vom großen Wachsen (Muskelkater!) und Werden (plötzlich: geduldig!). Und entführt uns dabei an einen paradiesischen Ort wahren Lebens, mit Radieschen und Schnecken, mit Rittersporn und anderen blauen Wundern. Das Buch wird nach höchsten ökologischen Standards (Cradle to Cradle) hergestellt und nicht in Folie eingeschweißt.

Die Zeit vergeht anders im Garten. Besser.

Das neue Jahr bricht an

1. Januar
Es ist spät geworden gestern, es war viel Champagner im Spiel und ab einem gewissen tragischen Punkt viele Gläser »Lütje Minze« bei meinen Nachbarn Uwe und Helga, zu denen wir nach Mitternacht gezogen waren. »Lütje Minze« ist ein Produkt der örtlichen Schnapsbrennerei, es vernichtet bei jedem Schluck zehntausend Gehirnzellen, die Mehrheit der Geschmacksknospen und nahezu die gesamte Restwürde, die man an einem Silvesterabend noch hat.
Jetzt ist früher Nachmittag, Zeit fürs Frühstück. Und Zeit, das neue Jahr zu begrüßen. Ganz, ganz leise.
»Nie wieder Lütje Minze«, murmelt meine beste Freundin Katharina in ihren Kaffee.
»Nie wieder«, sage ich.
Sie blickt in den trüben Garten hinaus. »Und du willst wirklich das ganze Jahr hierbleiben?«
»Jepp.«
Das ist zumindest der Plan. Er ist noch etwas wacklig, aber geht ungefähr so: ein Jahr im Garten leben. Gemüse anbauen. Bäume pflanzen. Blümchen natürlich auch. Wurzeln schlagen. Boden unter den Füßen finden, und zwar einen, den ich persönlich dorthin geschaufelt habe. Ein guter Plan – ich weiß nur noch nicht, ob ich ihm gewachsen bin.
Denn große Ahnung, was ich hier tue, habe ich eigentlich nicht. Und Erfahrung schon gar nicht. Eigentlich nur Sehnsucht, aber die ist ja, wie ich weiß, der beste Treibstoff von allen. Die hat mich einmal um die Welt getragen, die hat mich mein Leben gleich mehrmals umkrempeln lassen. Und jetzt hat sie mich an diesen Ort geschwemmt, fern der Stadt, nah am Meer, das nächste Kino 30 Kilometer entfernt. In eine kleine quadratische Hütte mit einem Holzofen und ohne Waschmaschine, aber mit einem Garten. Meinem Garten.
Meiner neuen Welt.
»Du und Garten? Das hältst du doch gar nicht aus, dann kannst du doch gar nicht mehr reisen«, hatten viele gesagt, als ich davon erzählte. Kann ich vielleicht nicht, will ich aber auch nicht. Ich bin gereist, wirklich viel gereist, das war und ist schön. Aber an einem Ort war ich eben noch nie: da, wo ich bleiben will.
Hier.

2. Januar
Katharina muss zurück nach Hamburg ins Büro, ich fahre sie zum 20 Kilometer entfernten Bahnhof.
»Pass auf deinen Rücken auf, ja? Und gib Bescheid, wenn du Hilfe brauchst«, sagt sie zum Abschied.
»Ja, Mutti.«
Ab jetzt bin ich wieder allein, Zeit für eine Bestandsaufnahme. Ahnung, wie gesagt: überschaubar. Jahrzehntelang hatte ich keinerlei Kontakt mit irgendeiner Form von Grünzeug, bestenfalls mit Supermarkt-Basilikum, das nach spätestens zwei Tagen still im Topf verschied.
Als ich jünger war, kam mir Gärtnern vor wie Oper: langweilig, witzlos, ein Hobby für alte Leute mit zu viel Zeit, eine Geheimgesellschaft, zu der man keinen Zutritt hat. Ein bisschen weltabgewandt fand ich das alles, ein Kreisen um die kleine Scholle, die man beackert, ein Leben auf Knien. Leute mit Gärten konnten nie wegfahren. »Wir würden ja gern, aber der Gaaarten…«, hieß es dann immer. Ich habe nie verstanden, was so toll daran sein soll, vom eigenen Lattenzaun eingeknastet zu sein. Ich war jung, ich hatte Besseres zu tun als Blumen zu gießen.
Mit 40 zog ich in eine Wohnung mit einer großen Dachterrasse. Hier mussten Pflanzen her, das sah sogar ich ein. Vermutlich war ich inzwischen einfach reif dafür. Einiges wie das Gärtnern, der Whisky und das Tragen von Hausschuhen erschließt sich ja erst im Alter, da muss man reinwachsen.

Einfach mal machen – es könnte ja gut werden.

Erste Schritte

20. Januar
Ich habe gerade ein nützliches kleines Buch für Gemüse-Neulinge gelesen, Alice Holdens Anpflanzen. Fang an mit zehn einfachen Gemüsesorten. Alles, was darin steht, ist ganz bestimmt goldrichtig. Deppensicher beginnen mit Kräutern, Salaten, Mangold, roter Bete, Zucchini – mit Gemüse also, das von Kindergartenkindern gezogen werden kann. Aber ich mag nun mal keine Zucchini, ich finde Zucchini einen Skandal. Rote Bete? Bäh. Ich will pflanzen, was ich gern esse, nur dann werde ich alles drangeben, um meine Ernte durchzubringen. Einer Zucchini würde ich im Zweifel kaltlächelnd beim Sterben zusehen.
Nachdem ich mich eine Woche lang durch die Saatenkataloge gefressen habe, beschließe ich, einfach zu bestellen, was interessant klingt und Spaß verspricht. Im Zweifel die abwegigere Option wählen, bloß nicht das, was ich genauso gut im Supermarkt kaufen kann. Also natürlich die violetten Möhren, natürlich die blauen Kartoffeln und die ‘Rote Emmalie‘ und ‘La Ratte‘ und ‘Angeliter Tannenzapfen‘, nur des Namens wegen, und die gute alte ‘Linda‘, weil die wirklich super schmeckt und außerdem mal fast von der Kartoffelindustrie weggemobbt wurde. ‘Linda’ ist ein Survivor, die muss in meinen Garten.
Dazu Borlotti-Bohnen, Zuckererbsen, Radicchio di Treviso, Fenchel, Mairübchen, Topinambur, Palmkohl. Ich habe keine Ahnung, wie Palmkohl schmeckt, ich habe nur Fotos gesehen und weiß, dass er spektakulär schön ist: eine blaugrüne Kohlfontäne, die auch gut in einer antiken Urne aussähe. Also wird er angebaut; falls er nicht schmeckt, ist er wenigstens dekorativ. Und die Minigurke Melothria, die im Katalog aussieht wie eine murmelgroße Wassermelone. Entzückend.
Ach, und Tomaten, viele, viele Tomaten. Alles, bloß keine Zucchini.

11. Februar
Ich habe ein neues Samstagsritual: morgens im Bett die aktuelle Folge der britischen Radiosendung Gardener’s Question Time hören, die inzwischen ganz oben auf der Liste abonnierter Podcasts in meinem iPhone steht. Es beginnt immer sehr feierlich: »This (Kunstpause) is the BBC.« Ein Sprecher kündigt in distinguiertem Oxford-Englisch an, dass die Zuhörer sich jetzt leider 45 Minuten von ihren Gärten trennen müssten, am Ende der Sendung sagt er dann beinahe singend: »And now back to the weeding!«, husch, zurück ans Jäten.
Die Sendung wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, sie wird seit 1947 live übertragen. Ein Expertenpanel reist durch Gemeindesäle, Dorfgemeinschaftshallen und Gartenclubs im ganzen Land und beantwortet Fragen aus dem Publikum: wie man Artischocken züchtet, was die beste Kletterrose für eine Nordwand ist, warum der Maulbeerbaum einfach nicht tragen will.
Hin und wieder muss einer der Sachverständigen ersetzt werden, zum Beispiel 1974, als der legendäre Gartenfachmann Fred Streeter im Alter von 98 Jahren an den Folgen einer gebrochenen Hüfte starb; er war im Garten gestolpert. Heute heißen die Experten – only in England – Bob Flowerdew, Bunny Guinness und Pippa Greenwood.
Hillary aus Leicestershire ist die erste Fragestellerin an diesem Samstag. »Ich habe zwei Baumpäonien aus Samen gezogen, die jahrelang bestens in meinem Garten wuchsen. Dann hab ich eine davon einer Freundin geschenkt, und die bei mir verbliebene ist eingegangen. Warum? Tut mir übrigens leid: Ich habe sie extra ausgegraben, um sie mitzubringen, aber ich habe sie auf dem Küchentisch vergessen.«
Ich kichere leise in die Kissen und schäme mich sofort dafür.
Ein Experte mutmaßt Trauer. »Standen die beiden einander nahe? Im Beet, meine ich. Und wie alt waren sie?«
»Etwa zwei Meter auseinander. Sie waren schon etwas betagt.«
Es ist einfach zu wundervoll.

Die Natur hat immer das Sagen.

Die erste Ernte

1. Mai
Gestern kamen die Erdbeeren. Fräulein ‘Mieze Schindler‘ reiste gut verpackt in Begleitung von zwei ‚Senga Sengana‘. Mieze produziert nämlich ausschließlich weibliche Blüten, sie braucht also einen Befruchter. Oder Bestäuber. Es hat auf jeden Fall was leicht Anrüchiges: Ohne Herrenbegleitung geht die Mieze nicht ins Beet.
‘Mieze Schindler‘ muss man sich wie eine etwas kapriziöse Dame vorstellen: Sie neigt zur Frucht- und Blattfäule, trägt nur wenig und die Beeren gammeln schnell weg. Deshalb ist sie zur kommerziellen Nutzung völlig ungeeignet, in einem Supermarkt wird man sie niemals kaufen können, nicht mal auf dem Wochenmarkt. Alles spräche gegen sie, wäre da nicht ihr unglaublich aromatischer Geschmack – so konzentriert und intensiv wie der einer Walderdbeere. Gezüchtet wurde sie 1925 von Professor Otto Schindler aus Pillnitz, dem ersten Direktor der Höheren Staatslehranstalt für Gartenbau in Dresden, der sie nach seiner Frau Mieze benannte. ‘Mieze Schindler‘ war in der DDR sehr verbreitet, sie war sozusagen die ‘Senga Sengana‘ des Ostens.
Im Zuge der Wiedervereinigung teilt sich Mieze bei mir nun also ein Hochbeet mit ihrer Reisebekanntschaft ‘Senga Sengana‘ sowie einigen namenlosen Erdbeeren aus dem Baumarkt, die schon seit zwei Jahren so unverdrossen wie ertragreich in einem Kübel wachsen, außerdem mit einem Borretsch, weil der angeblich die Befruchtung fördert. Knoblauch soll auch gut sein für Erdbeeren, und der wächst direkt nebenan im Nachbarbeet. Vielleicht setze ich noch eine Ringelblume dazu, die soll den Boden von Nematoden reinigen, lästigen Fadenwürmern. Außerdem finde ich, so eine Mieze braucht ein Blümchen, um es sich an den Hut zu stecken.
Auf der Terrasse hingegen ziehen sechs Emporkömmlinge namens ‘Kletter-Toni‘ ein. Das sind rankende Erdbeeren, die nicht alle gleichzeitig, sondern nach und nach reifen, perfekt zum Naschen im Vorbeigehen. Je drei teilen sich einen 30 Zentimeter weiten Kübel und eine Metallspirale, an der sie sich in die Höhe schrauben sollen. ‘Mieze Schindler‘ und ‘Kletter-Toni‘: Das klingt nach einer Gangster-Komödie aus den dreißiger Jahren oder einem Roman von Erich Kästner. Ich liebe die beiden schon jetzt.

11. Mai
Die erste Ernte, die nicht aus meiner Duschkabine stammt: Radieschen.
Radieschen kriegen schon Vierjährige hin. Säen, feucht halten, nach fünf Wochen mit einem sanften Plopp aus der Erde ziehen, essen. Und doch bin ich irrsinnig stolz: selbst angebaut! Und tatsächlich genießbar! Ich möchte die ganze Zeit nur kichern und um die Beete hopsen.
Wenn etwas im Garten klappt, ob nun eine Blume blüht oder ein Kraut gedeiht, befällt einen augenblicklich eine milde Form von Gotteskomplex. Das habe ICH gemacht, ganz allein! Man lässt es wachsen, am dritten Tag erntet man, und siehe, das Werk ist wohlgetan. Man schreitet durch die kleine Welt, die man da persönlich erschaffen hat, durch das kleine Königreich, das man mildtätig regiert, und fühlt sich auf lächerliche, aber tiefempfundene Weise erhaben.
Das ist schon ein in jeder Hinsicht komisches Machtgefühl, das einen da durchströmt. Selbstwirksamkeit nennt es die Psychologie, ein etwas sperriges Wort für ein menschliches Urbedürfnis: etwas aus eigener Kraft hinzukriegen. Etwas zu schaffen, eine selbstgestellte Aufgabe zu bewältigen, sei es ein 10-Kilometer-Lauf oder ein gedeckter Apfelkuchen. Ein Gemüsegarten ist eine Mischung aus beidem: Sport und Essen.
Bei mir kommen als Erste die längliche rot-weiße Sorte ‘French Breakfast‘ und die runde gelbe ‘Zlata‘ auf den Tisch. Zu Ehren von ‘French Breakfast‘ esse ich die Radieschen à la française, mit Butter und Salz. Unbeschreiblich köstlich, knackig, zart, von nur milder Schärfe.
Und nächstes Mal schneide ich vielleicht sogar die dreckigen Wurzelspitzen ab.

Meike Winnemuth, »Bin im Garten«

Im eigenen Garten darf man alles, nur eins nicht: dasselbe machen wie die Nachbarn.

Die Autorin

Meike Winnemuth, 1960 in Neumünster geboren, ist freie Journalistin, Autorin und preisgekrönte Bloggerin (www.meikewinnemuth.de). Ihr Buch »Das große Los. Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr« wurde ein enormer Publikumserfolg. Sie lebt in Hamburg und an der Ostsee.

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