Claudia Praxmayer: Bienenkoenigin (Heyn) | Leseprobe read’n’go

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Welcome to the Beehive!

Die 19-jährige Mel weiß nach ihrem Collegeabschluss noch nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anstellen will. Vor die Wahl gestellt, die akademischen Karrierewünsch ihrer Wissenschaftlermutter zu erfüllen oder bei ihrem Vater als zweiter Chéf im Restaurant einzusteigen, entschließt sie sich erst mal für – keins von beidem.

Mit Hilfe ihres Vaters will Mel sich ein Jahr Auszeit gönnen, um zu überlegen, wo ihr eigener Weg sie hinführen soll. Sie lebt zusammen mit ihren Mitbewohnern Leo, Coco, Ozzy und Josh in einer alten Villa auf einem weitläufigen Grundstück am Rande von San Francisco, dem Beehive. In dessen Garten, umschwirrt von ihren Bienen, ist Mel glücklich.

Was sie jedoch nicht ahnt: die Gefahr ist nur einen Flügelschlag entfernt…

 

Mel und die Bienen

Ich trinke meinen Tee aus, stelle die Tasse in die Spüle und greife nach dem Messer, das auf der Anrichte liegt. Die Terrassentür knarzt, als ich sie öffne, und ich füge meiner Liste Türangel ölen hinzu. Kühle Februarluft strömt herein, wischt über mein Gesicht wie ein Waschlappen und vertreibt den letzten Rest Müdigkeit. Ich schiele auf meine schmutzigen Gummistiefel, die wie zwei gut erzogene Hunde auf den Holzplanken warten. Wie jeden Morgen graut mir davor, mit den nackten Füßen in dieses klamme Universum einzutauchen. Dass ich Socken anziehen könnte, fällt mir dummerweise immer erst in diesem Moment ein. Und wie jeden Morgen führt mich mein Weg zuallererst hinüber zu dem hohlen Apfelbaum, der von der Februarsonne in goldenes Licht getaucht wird. Überall steigt Feuchtigkeit aus dem Boden auf und webt zarte Nebelschleier zwischen Beete und Büsche. Auch wenn ich dieses Naturschauspiel in den letzten Wochen oft zu Gesicht bekommen habe – die Schönheit des Augenblicks verzaubert mich jedes Mal aufs Neue.

Ich gehe noch einen Schritt näher Richtung Baum. Wie immer spüre ich es zuerst auf der Höhe des Magens. Ein Summen, eine Art Vibrieren, das sich in konzentrischen Kreisen immer weiter und weiter ausbreitet. Mein Brustkorb, mein Hals, die Stimmbänder, der Kopf – alles wird davon in Schwingung versetzt. Meine rechte Hand wandert in den Nacken, so als ob ich mich vergewissern müsste, dass mein Fellchen immer noch an Ort und Stelle ist. Natürlich ist es da. Es wird immer da sein. Hypertrichose, haben die Ärzte gesagt, als ich zur Welt gekommen bin. »Das verliert sich«, war sich die Verwandtschaft einig. Meine Mutter hätte ihnen vermutlich gerne geglaubt. Einzig Nana, meine Großmutter, mochte den winzigen goldbraunen Flaum in meinem Nacken. »Er macht dich zu etwas Besonderem, Mel«, hat sie immer gesagt. Dafür bin ich ihr noch heute dankbar.

Ich gehe so nahe an den Baumstamm, dass ich mir die goldenen Waben durch den Spalt im Holz ansehen kann – wie jeden Tag, seit die Bienen bei uns auf dem Grundstück leben.

Die Schönheit des Augenblicks verzaubert mich

Sie sind nur wenige Wochen nach mir eingezogen und haben ihre kleine Republik in diesem abgestorbenen Apfelbaum errichtet. Bei diesem Gedanken muss ich auch heute wieder lächeln, ich schließe die Augen und lege den Kopf in den Nacken. Das Vibrieren wird jetzt stärker, versetzt meine Stimmbänder in Schwingung. Ein Summen steigt aus meinem Kehlkopf auf, zaghaft erst, dann mit jedem weiteren Ton kräftiger. Die Melodie erwacht zum Leben und fliegt hinaus zu den Bienen.

Die Worte dieses Liedes habe ich längst vergessen, aber das macht nichts, sie verstehen mich auch so. Ich muss die Augen nicht öffnen, um zu wissen, dass die ersten Bienen aus dem Stock geflogen kommen. Ich kann das zarte Sirren ihrer Flügel hören. Mein Kopf wird leer, nichts existiert mehr außer dieser Melodie, die tief aus meinem Innersten aufsteigt. Töne und Bienen, die mich jetzt zu Hunderten umschwärmen, mich umtanzen, liebkosen. Samtene Insekten, die mir ihre Geheimnisse zuflüstern, mich trösten, mein Herz leicht werden lassen. Sie wissen immer genau, in welcher Stimmung ich mich befinde. Was hätte ich in den letzten Monaten nur ohne sie gemacht. Auf der Suche nach mir selbst, nach meinem Leben.

Das Summen schwillt an und ebbt ab, wie die Wellen eines Ozeans. Ich tauche ein in dieses Meer, gebe mich hin, verliere das Gefühl für Zeit und Raum. Die Bienen bestimmen den Rhythmus. Plötzlich, wie auf einen unsichtbaren Befehl hin, schwärmen sie in alle Himmelsrichtungen davon.

Als das Summen verstummt, öffne ich die Augen, blinzle und stehe eine Weile verwirrt da. Es dauert immer einen Moment, bis ich wieder im Hier und Jetzt ankomme. Noch halb in Trance beobachte ich das geschäftige Treiben am Einflugloch.

Es ist so unglaublich, fast ein Wunder. In einer Zeit, in der Bienen selten geworden sind, hat sich dieses Volk damals ausgerechnet unseren Garten ausgesucht. Über Nacht haben wir unzählige neue Mitbewohner bekommen.

Das Summen schwillt an und ebbt ab, wie die Wellen eines Ozeans

Am nächsten Morgen

Obwohl ich mich lieber wieder in mein Bett verkriechen würde, nehme ich mir den Kühlschrank vor. Er muss dringend ausgemistet werden. Ich reiße die Tür auf und starre in das Chaos: Schüsseln mit den Resten vom Abendessen, Butter, Joghurts, angeschnittene Zitronen, Eier, die ich vor einigen Tagen aus den Nestern geholt und nicht verarbeitet habe. Ich stelle alles auf die Arbeitsplatte, sortiere aus, werfe weg, wische aus. Aber egal wie sehr ich mich auf die Arbeit konzentriere, meine innere Unruhe will einfach nicht verschwinden.

Ich stolpere aus der Terrassentüre, meine Füße finden in die Gummistiefel. Wie ferngesteuert gehe ich auf den hohlen Baum zu und überlasse mich dem vertrauten Ritual, hoffe, dass die Bienen mir helfen werden, mein Gleichgewicht wiederzufinden.

Und so stehe ich da, eine Hand im Nacken, mit geschlossenen Augen – und kein Ton will mir über die Lippen kommen. Tränen brennen hinter meinen Lidern, ich versuche, mich besser zu konzentrieren, lasse mich tiefer sinken, tauche in meinem Unterbewusstsein nach Bildern aus dem Traum. Das Vibrieren setzt ein, hart und scharf. Meine Stimme zittert, ich kann den Ton nicht halten, die Melodie, zum Greifen nah, entgleitet mir.

Ich versuche es noch einmal und endlich werde ich ruhiger. Vertraute Töne steigen aus meinem Kehlkopf, umgarnen meine Gedanken und befreien das Lied aus ihrem Griff. Mein Summen wird kräftiger, die Tonfolge harmonisch und geläufig. Ich fühle die ersten Bienen mehr als ich sie höre. Ein unglaubliches Gefühl des Zutrauens durchflutet mich und ich lasse meiner Stimme freien Lauf.

Plötzlich,
ein
Schmerz

Als ob mich etwas getroffen hätte, an der Stirn, genau an der Stelle zwischen den Augenbrauen. Ich singe weiter. Ein Brausen erhebt sich, tobt um mich, als ob ein jäher Sturm eingesetzt hätte. Ich bin irritiert, verspüre aber keine Angst. Ich weiß einfach, dass mir die Bienen kein Leid zufügen werden. Ich singe weiter. Wieder ein Schmerz, dieses Mal an der Wange. Dann an der Lippe. Immer mehr Bienen fliegen gegen mich an, prasseln wie Hagelkörner auf mich ein. Sie stechen nicht, sie fliegen einfach gegen mich, als ob ich eine Glasscheibe wäre.

Ich kann die Unruhe spüren, die plötzlich durch den Schwarm geht. Es ist wie ein Zittern, das langsam auf mich übergreift. Ich fröstle, und erst jetzt wird mir bewusst, dass ich zu singen aufgehört habe und der Ansturm der Bienen vorbei ist.

Mein Atem geht schnell, ich wage nicht, die Augen zu öffnen. Ich spüre, nein, ich weiß, dass etwas geschehen ist. Die Bienen haben versucht, es mir mitzuteilen. Aber ich habe sie nicht verstanden. Ich hole tief Luft und zwinge meine Augenlider auseinander. Sie sind schwer wie Blei.

Die Helligkeit reizt meine Sehnerven, ich brauche einen Moment, bis ich wieder klar sehen kann. Unruhig wandert mein Blick über die Beete, den Rasen und schließlich zum Baum. Ich weiß nicht, wonach ich Ausschau halten soll, aber ich brauche nur eine Sekunde: Direkt vor mir, auf dem kleinen Brettchen, das ich vor dem Einflugloch zum Stock angebracht habe, sehe ich es. Eine zitternde Kugel. Hunderte Bienen, zusammengeballt zu einer vibrierenden Masse.

Als ich keinen Meter mehr davon entfernt bin, glaube ich, einen Geruch wahrzunehmen. Kurz und flüchtig, wie der Duft einer überreifen Banane im Obstkorb. Plötzlich kommt Unruhe in die zitternde Kugel. Die ersten Bienen lösen sich aus dem Verbund, die anderen folgen schnell. Sie fliegen heute nicht aus, sondern bleiben in meiner Nähe, als ob sie meine Reaktion beobachten würden auf das, was jetzt auf dem Brett vor mir liegt und meinem Blick vorher durch ihre Körper verborgen geblieben ist.

Eine glänzende, große schwarze Biene.

Vorsichtig schiebe ich sie auf meine Handfläche, um sie aus der Nähe zu betrachten. Die Biene ist so schwarz, als würde sie alles Licht absorbieren. Ich bringe sie noch näher an meine Augen, plötzlich zuckt meine Hand, als ob sie unter Strom stünde. Was zur Hölle ist das? In letzter Sekunde beherrsche ich mich, das Ding auf den Boden zu schleudern.

In meiner Handfläche liegt, matt in der Sonne schimmernd, eine Drohne.

Das ist Mel wichtig:

Das Beehive
Seine Bewohner

Das Beehive 🏡

Die alte Villa ist wie eine Zeitkapsel aus der Vergangenheit, ein Ort voller Magie und vor allem eins: ein wundervolles Zuhause für Mel und ihre Mitbewohner. Sie füllen es mit Leben, mit dem Summen von Stimmen und ihren Ideen, ihren Träumen; ganz wie in einem Bienenstock, einem beehive.

 

 

Die Mitbewohner des Beehive

Mel

hatte die Idee diese WG zu gründen. Ihre große Leidenschaft ist das Kochen, die sie im Beehive voll ausleben kann.

 

Josh

hat die Villa von seiner Tante geerbt. Er ist ein wenig kauzig und arbeitet bei einer der letzten Tageszeitungen in San Francisco.

 

Ozzy

gibt sich gerne geheimnisvoll. Er kann aus einem kleinen Stück Papier nahezu jedes Tier falten und so bevölkern nicht nur echte Bienen das Haus.

 

Leo

arbeitet auf der größten Indoor-Farm San Franciscos in einem umgebauten Hochhaus. Er hat den Garten des Beehives in ein kleines Paradies verwandelt.

 

Coco

organisiert das Leben in der WG. Sie glänzt als eine der jüngsten Studentinnen der Stanford-Universität und arbeitet unermüdlich an ihrem Forschungsprojekt.

 

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Einige Stunden später...

Die Haustüre, Schritte, Stimmen. Plötzlich stehen Coco und Leo im Raum, sie donnert wütend ihren Helm in die Ecke.

»Hier seid ihr also alle! Habt ihr eure Handys in den Müll geworfen oder warum geht keiner ans Telefon?«

Unter einer dicken Schicht Erschöpfung glimmt ein Fünkchen Ärger in mir auf. Coco und ihre Auftritte. Immer Drama, immer Diva. Aber der Schock legt mich lahm wie eine Überdosis Morphium. Ich kann mich nicht bewegen, nichts sagen, spüre nur ein dumpfes Pochen.

»Nur Leo konnte ich erreichen, und jetzt finde ich euch hier gemütlich beim Teetrinken, während ich meinen Arsch an der Uni riskiere, um …«

Cocos zorniger Redeschwall endet abrupt, als ihr Blick an mir hängen bleibt.

»Was ist los?«

Sie starrt mich an, und als ich keinen Ton von mir gebe, springt Ozzy ein und fasst die Situation zusammen. Coco lässt sich auf einen Stuhl fallen

»Shit. Und ich dachte, ich hätte schlechte Nachrichten.«

Täglich grüßt das Murmeltier, denke ich. Wie oft haben wir in den letzten Tagen an diesem Tisch gesessen und schlechte Nachrichten ausgetauscht? An diesem Tisch, der für mich bis vor Kurzem der Inbegriff von Gemeinschaft und Behaglichkeit gewesen ist. Doch seit die Drohne in unser Leben geflogen ist, scheint auch im Beehive nichts mehr wie früher. Ich raffe mich auf und schaue Coco an.

»Was sind das für schlechte Nachrichten?«

»Ich hatte heute endlich Gelegenheit, an der Uni ein paar Tests mit der Drohne zu fahren. Die könnten mich den Kragen kosten, aber ich wollte es einfach wissen. Eines kann ich euch sagen: Dieses Mistding ist bestimmt nicht dazu gebaut worden, friedlich Blumen zu bestäuben.«

»Sondern?«, kommt es wie aus der Pistole geschossen von Ozzy.

»Das werde ich euch jetzt der Reihe nach erzählen.«

Stirbt sie,
stirbst auch du

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Mich hat es von der ersten Seite an gefesselt!«

Regina aus Obernburg

»Es treibt einem zeitweise den kalten Schauer über den Rücken. Eine Welt ohne Bienen? Ein Albtraum!«

Christa aus Buxtehude

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