Chloe Benjamin: Die Unsterblichen | Leseprobe read’n’go

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Scrolle los!

Wer führt ein erfüllteres Leben? Der, der Risiken eingeht – oder der, der vorsichtig ist?

Wie würdest du leben, wenn du wüsstest, an welchem Tag du stirbst?

Sommer 1969: Wie ein Lauffeuer spricht sich in der New Yorker Lower East Side herum, dass eine Wahrsagerin im Viertel eingetroffen ist, die jedem Menschen den Tag seines Todes vorhersagen kann. Neugierig machen sich die vier Geschwister Gold auf den Weg. Nichtsahnend, dass dieses Wissen für jeden von ihnen auf unterschiedliche Weise zum Verhängnis wird. Simon, den Jüngsten, zieht es Anfang der 1980-er Jahre nach San Francisco, wo er nach Liebe sucht und alle Vorsicht über Bord wirft. Klara, verwundbar und träumerisch, wird als Zauberkünstlerin zur Grenzgängerin zwischen Realität und Illusion. Daniel findet nach 9/11 Sicherheit als Arzt bei der Army. Varya wiederum widmet sich der Altersforschung und lotet die Grenzen des Lebens aus.

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SCROLLE, UM WEITERZULESEN

1969

Er hat zwei Jungs davon reden hören, letzte Woche, als er bei Shmulke Bernstein’s, dem koscheren Chinaimbiss, in der Schlange stand, um eins von den ofenwarmen Vanilletörtchen zu kaufen, die er so gern isst, selbst bei dieser Hitze. Die Schlange war lang, die Ventilatoren arbeiteten auf Hochtouren, und er musste sich vorbeugen, um zu hören, was die Jungs über die Frau sagten, die vorübergehend im vierten Stock eines Hauses in der Hester Street eingezogen war.

Mit pochendem Herzen ging Daniel zurück in die Clinton Street 72. Im Kinderzimmer hockten Klara und Simon auf dem Boden und spielten ein Brettspiel, während Varya im oberen Stockbett lag und ein Buch las. Zoya, die schwarz-weiße Katze, aalte sich auf dem Heizkörper in einem Viereck aus Sonnenlicht.

Daniel unterbreitete ihnen seinen Plan.

»Ich kapier’s nicht.« Varya stemmte einen schmutzigen Fuß gegen die Decke. »Was genau macht die Frau?« »Hab ich doch gesagt.« Daniel war aufgeregt, ungeduldig. »Sie hat Kräfte.«

»Was für welche?«, fragte Klara, während sie ihre Spielfigur verschob.

»Ich hab gehört«, sagte Daniel, »dass sie die Zukunft voraus sagen kann. Was einem im Leben passiert – ob man ein gutes oder ein schlechtes haben wird. Und noch was.« Er stützte sich mit den Händen am Türrahmen ab und beugte sich vor. »Sie kann einem sagen, wann man stirbt.«

Klara blickte auf. »Das glaubst du doch selber nicht«, sagte Varya. »Das kann keiner.«

»Und wenn doch?«, fragte Daniel.

»Dann würde ich’s nicht wissen wollen.«

»Warum denn nicht?«

»Darum nicht.« Varya legte ihr Buch weg, setzte sich auf und schwang die Beine über den Bettrand. »Was ist, wenn sie einem was Schlimmes sagt? Dass man ganz früh sterben muss?«

»Immerhin weiß man es dann«, sagte Daniel. »Und kann vorher noch alles machen.« Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann prustete Simon los. Sein hagerer Körper bebte geradezu vor Lachen.

Daniels Gesicht lief rot an. »Ich mein es ernst«, sagte er. »Ich geh dahin. Mich ödet es an, ständig hier drinnen in der Wohnung zu sein. Wer kommt mit, verdammte Kacke?«

So hat es angefangen ...

… mit einem Geheimnis, mit einer Mutprobe, und mit einer Feuertreppe, über die sie ihrer schwerfälligen, massigen Mutter entkamen, die, sobald sie sie untätig im Kinderzimmer erwischte, von ihnen verlangte, dass sie die Wäsche aufhängten oder die verdammte Katze aus dem Ofenrohr zogen. Die Geschwister Gold hörten sich um.

Ruby wusste alles über die Frau. »Vor zwei Jahren«, sagte sie, »als ich elf war, wurde meine Großmutter krank. Der erste Arzt meinte, es sei ihr Herz und sie würde in drei Monaten sterben. Aber der zweite Arzt meinte, sie würde sich wieder erholen und noch zwei Jahre leben.«

»Ein Hindu stirbt zu Hause«, fuhr sie fort, »im Kreis seiner Angehörigen. Sogar Papas Verwandte aus Indien wollten kommen, aber was sollten wir ihnen sagen? Ihr müsst zwei Jahre lang bleiben? Dann hat Papa von dieser rishika gehört. Er ist zu ihr gegangen, und sie hat ihm gesagt, an welchem Tag Dadi sterben würde. Wir haben Dadis Bett ins Wohnzimmer geschoben, so dass sie in Richtung Osten blicken konnte. Dann haben wir eine Kerze angezündet und bei ihr gewacht. Wir haben gebetet und gesungen. Papas Brüder sind mit dem Flugzeug aus Chandigarh gekommen. Ich habe mit meinen Vettern und Kusinen auf dem Boden gesessen. Wir waren mindestens zwanzig. Als Dadi am sechzehnten Mai gestorben ist, genau wie die rishika es vorausgesagt hatte, haben wir alle vor Erleichterung geweint.«

»Wart ihr nicht sauer?«

»Warum denn?«

»Weil die Frau eure Oma nicht gerettet hat«, sagte Varya. »Weil sie sie nicht gesund gemacht hat.«

»Die rishika hat uns die Gelegenheit gegeben, uns von ihr zu verabschieden. Dafür können wir ihr gar nicht dankbar genug sein.« Ruby aß den letzten Rest des Kugl, dann faltete sie die Folie zur Hälfte. »Jedenfalls hätte sie Dadi nicht gesund machen können. Die rishika weiß Sachen, aber sie kann sie nicht verhindern. Sie ist schließlich nicht Gott.«

Die rishika

Seht euch nicht so komisch um«, zischt Daniel. »Tut so, als wärt ihr hier zu Hause.«

Die Geschwister Gold eilen die Treppe hoch. Die beige Farbe blättert von den Wänden, die Flure liegen im Dunkeln. Im vierten Stock bleibt Daniel stehen.

»Und was machen wir jetzt?«, flüstert Varya. Sie genießt es, wenn Daniel nicht weiterweiß.

»Wir warten«, sagt Daniel. »Bis einer rauskommt.«

Aber Varya will nicht warten. Es macht sie ganz kribbelig, und so geht sie allein den Flur hinunter. Sie dachte, Magie würde spürbar sein, doch die Türen mit ihren zerkratzten Türknäufen und den aufgeschraubten Nummern sehen alle gleich aus. Die Vier der Nummer 54 hängt schief. Als Varya auf die Tür zugeht, hört sie Geräusche aus einem Fernseher oder einem Radio: ein Baseballspiel. In der Annahme, dass eine rishika sich nicht für Baseball interessiert, tritt sie wieder von der Tür zurück.

»Ja?« Die Stimme, die hinter der Tür ertönt, ist tief und mürrisch.

»Wir wollen zu der Frau«, ruft Klara. Stille.

Varya hält den Atem an. In der Tür befindet sich ein Spion, kleiner als der Radiergummi an einem Bleistift. Hinter der Tür räuspert sich jemand.

»Einer nach dem anderen«, sagt die Stimme.

Varya und Daniel tauschen einen Blick. Sie sind nicht darauf vorbereitet, sich zu trennen. Doch ehe sie dazu kommen zu verhandeln, wird ein Riegel zurückgeschoben, und Klara – was denkt sie sich dabei? – geht durch die Tür.

Als Varya allein ist, verschlimmert sich ihre Panik. Sie fühlt sich von ihren Geschwistern abgeschnitten, als stünde sie an der Küste und schaute zu, wie ihre Schiffe davonfahren. Sie hätte sie nicht mit hierhernehmen sollen.

Als die Tür erneut aufgeht, steht ihr der Schweiß in dicken Perlen auf der Oberlippe, und ihr Rockbund ist klatschnass. Aber es ist zu spät, um zu gehen, und die anderen warten. Varya drückt die Tür auf.

Und dann steht sie in einer winzigen Wohnung, die so vollgestopft ist, dass sie zunächst niemanden in dem Durcheinander sehen kann.

Varya hat plötzlich ein schlechtes Gewissen. In der Sonntagsschule hat Rabbi Chaim wider den Götzendienst gewettert und aus dem Traktat Avoda Sara vorgelesen. Ihre Eltern wären entsetzt, wenn sie wüssten, dass sie hier ist. Aber hat Gott die Wahrsagerin nicht genauso geschaffen wie Varyas Eltern? In der Synagoge versucht Varya zu beten, doch Gott antwortet ihr nie. Die rishika wird wenigstens mit ihr sprechen.

»Wo sind meine Geschwister?« Varyas Stimme klingt rau, und sie schämt sich dafür, dass man ihr ihre Verzweiflung anhört.

Die Jalousien sind heruntergelassen. Die Frau nimmt eine Henkeltasse vom oberen Regalbrett und hängt das Teeei hinein.

»Ich möchte wissen«, sagt Varya etwas lauter, »wo meine Geschwister sind.«

Ein Wasserkessel pfeift auf dem Herd. Die Frau schaltet das Gas ab und hält den Wasserkessel über die Tasse. Wasser schießt in einem dicken, klaren Strahl heraus, und ein Geruch wie von frisch gemähtem Gras breitet sich aus.

»Draußen«, sagt sie.

»Nein, sind sie nicht. Ich hab im Flur gewartet, und sie sind nicht rausgekommen.«

Die Frau macht einen Schritt auf Varya zu. Ihre Wangen sind teigig, und sie hat eine Knollennase. Sie hat die Lippen geschürzt. Ihre Haut ist goldbraun wie die von Ruby Singh.

»Wenn du mir nicht vertraust, kann ich nichts machen«, sagt sie. »Zieh die Schuhe aus. Dann kannst du dich setzen.«

»Sie weiß Sachen, diese rishika«, hat Ruby gesagt. »Dafür können wir ihr gar nicht dankbar genug sein.«

Die rishika setzt sich auf den Klappstuhl ihr gegenüber. Sie betrachtet Varyas verspannte Schultern, ihre feuchten Hände, ihr Gesicht.

»Dir geht es in letzter Zeit nicht besonders gut, nicht wahr, meine Kleine?«

Varya ist völlig überrascht. Sie muss schlucken. Dann schüttelt sie den Kopf.

»Und du möchtest, dass sich das ändert?«

Varya schweigt, aber ihr Puls rast.

»Du machst dir Sorgen«, sagt die Frau nickend. »Du hast Probleme. Du lächelst nach außen hin, du lachst, aber tief in deinem Herzen bist du nicht glücklich. Du bist allein. Hab ich recht?«

Varyas Lippen zittern, als sie nickt. Ihr Herz ist zum Überlaufen voll.

»Das ist schade«, sagt die Frau. »Daran müssen wir arbeiten.« Sie schnippt mit den Fingern und zeigt auf Varyas linke Hand. »Deine Handfläche.« Die Frau schaut Varya an. Ihre Augen sind glänzende schwarze Murmeln

»Ich kann dir helfen«, sagt sie.

Sie nimmt Varyas Hand, mustert zuerst die Form der Handfläche, dann die stumpfen, breiten Finger. Sanft biegt sie Varyas Daumen nach hinten; er lässt sich nicht weit biegen. Sie untersucht die Zwischenräume zwischen Ringfinger und kleinem Finger. Sie drückt die Kuppe von Varyas kleinem Finger.

»Wonach schauen Sie?«, fragt Varya.

»Nach deinem Charakter. Schon mal von Heraklit gehört?«

Varya schüttelt den Kopf.

»Griechischer Philosoph. Der Charakter des Menschen ist sein Schicksal – das hat er gesagt. Die beiden sind miteinander verbunden wie Geschwister. Möchtest du die Zukunft wissen?« Sie zeigt mit ihrer freien Hand auf Varya. »Schau in den Spiegel.«

»Und was ist, wenn ich mich ändere?« Es scheint Varya unmöglich, dass ihre Zukunft bereits in ihr ist wie eine Schauspielerin, die jahrzehntelang hinter den Kulissen auf ihren Auftritt wartet.

»Dann wärst du eine Ausnahme. Denn die meisten Menschen ändern sich nicht.« Die rishika dreht Varyas Hand um und legt sie auf den Tisch.

»21. Januar 2044«

Einen Moment lang hüpft Varyas Herz. 2044 wäre sie achtundachtzig, ein respektables Alter zum Sterben. Dann hält sie inne.

»Woher wissen Sie das?«

»Habe ich nicht gesagt, du sollst mir vertrauen?« Die rishika zieht ihre dichten Augenbrauen zusammen. »So ich möchte, dass du jetzt nach Hause gehst und über das nachdenkst, was ich gesagt habe. Wenn du das tust, wirst du dich besser fühlen. Aber sprich mit niemandem darüber, abgemacht? Was in deiner Hand geschrieben steht, was ich dir gesagt habe – das bleibt alles unter uns.«

Aber die rishika baut sich vor ihr auf wie eine Barriere. Sie kneift Varya in den Arm. »Alles wird gut für dich, meine Kleine.« Etwas Bedrohliches schwingt in ihren Worten mit, als wäre es wichtig, dass Varya sie hört, dass Varya daran glaubt.

»Alles wird gut.« Zwischen den Fingern der Frau färbt Varyas Haut sich weiß.

»Lassen Sie mich los«, sagt sie. Sie wundert sich selbst über die Kühle ihrer Stimme. Im Gesicht der Frau fällt ein Vorhang. Sie lässt Varya los und tritt zur Seite.

Chloe Benjamin

Chloe Benjamin, 28, lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Nathan Hill, in Madison, Wisconsin. Sie studierte literarisches Schreiben an der University of Wisconsin. Ihr Debüt “The Anatomy of Dreams” wurde mit dem Edna Ferber Fiction Book Award ausgezeichnet und stand auf der Longlist des Fiction First Novel Prize.

Foto von © Nathan Jandl

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