Bela B Felsenheimer: Scharnow | Leseprobe read’n’go

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Scharnow ist über(all).

 

© Bela B

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Was war das für eine verdammte Scheißidee gewesen?

Seit zwanzig Minuten schon schimpfte Trotsky vor sich hin.

»Trotsky, du Idiot! Da geh ich in diese beschissene Internetklitsche am Arsch der Heide, nur um nicht aufzufallen, und dann kriegt der Jungspund vom Tresen plötzlich Spaß am Spionieren?! Fuck! Fick Fuck Doppelkack!«

Er unterbrach seine Litanei, um am Eingang des Hauses 38b bei der Praxis von Dr. Brunner zu klingeln. Plötzlich überfiel ihn wieder der Drang zu niesen. Er fummelte das zerknüllte Taschentuch hervor und brachte es gerade noch vor der Eruption an seine Nase. Wieder Blut!

Mit einem Summen öffnete sich die Tür. Er atmete einmal tief durch, steckte das Taschentuch zurück in die Hosentasche und schüttelte die aufkeimende Beunruhigung ab.

Eigentlich war doch alles gut gelaufen. Die Texte im Chat mit den beiden Idioten vom Bund skeptischer Bürger waren eher unverfänglich gewesen. Das Wesentliche, die Angaben für den Anschlag, hatte er verschlüsselt auf einer eigens dafür gemieteten Website in Russland deponiert, die nach einmaligem Abruf nicht mehr existieren würde. Die Adresse war zu kompliziert, als dass der Junge vom Internetcafé sie sich hätte merken können. Die Typen vom BsB hatten mit Sicherheit schon die Website besucht. Falls der angebotene Service hielt, was er versprach, sollten die Informationen inzwischen zusammen mit der Seite verschwunden sein.

Er würde sich jetzt erst mal um seine Gesundheit kümmern.

Am Abend war dann genug Zeit, in aller Ruhe zu überprüfen, ob die Wutbürger vom BsB nicht nur Schaumschläger waren. Es machte Trotsky keinen Spaß, mit rechten Verschwörungstheoretikern zusammenzuarbeiten. Aber wenn diesen Deppen tatsächlich ein erfolgreiches Attentat gelang, würde das die Weltenlenker mal so richtig aufschrecken. Und die Drecksarbeit hätten andere für ihn übernommen. Wunderbar. So konnte er in Ruhe seinen nächsten Zug planen.

Trotsky betrat die Praxis und ging zum Empfangsbereich. Die Arzthelferin saß über einen Anmeldebogen gebeugt und telefonierte. Er sah nichts weiter als ihren dichten, goldblonden Haarschopf. Er nahm die Versicherungskarte aus seiner Brieftasche und legte sie auf den Empfangstresen. Eine feingliedrige Hand mit perfekt gefeilten Nägeln griff danach. Dann legte die junge Frau das Telefon zur Seite, hob den Kopf und sah ihn an.

»Herr Märse, der Arzt hat gleich Zeit für Sie.«

Trotsky stockte der Atem.

Die Lippen, die ihn mit dem Namen seines Mitbewohners ansprachen, waren perfekt. So elegant geschwungen wie die Linien am Kopf einer griechischen Statue, eingerahmt von zwei sensationellen Grübchen, die nicht nur attraktiv waren, sondern auch auf einen fröhlichen Charakter schließen ließen. Ihre Augen hatten die Farbe eines exotischen Meeres, in dem er sofort zu ertrinken drohte. Sie war zur Begrüßung aufgestanden. Er liebte große Frauen.

»Ich zeige Ihnen die Warte-Lounge.«

Dieses Wahnsinnsgeschöpf war vor einer Woche noch nicht hier gewesen. Sie hieß Sabrina, verkündete das Namensschild an ihrem ausladenden Vorbau. Warum stand da nur ein Vorname? Oder gab es vielleicht Menschen, die mit Nachnamen Sabrina hießen?

»Gehen Sie nachher mit mir etwas trinken?«, fragte Trotsky nicht, obwohl er genau das dachte.

»Danke«, dachte er nicht, sagte es aber.

Über der Tür zum Wartezimmer stand tatsächlich »Lounge«. Sabrina schenkte ihm ein warmes Lächeln, drehte sich mit einem lässigen Schwung, der ihre goldenen Haare wie in einem dieser kitschigen Shampoo-Werbespots durch die Luft wirbeln ließ, und ging Richtung Empfang zurück. Ungeniert stierte er auf ihren perfekten, sich entfernenden Hintern. Ein frischer Duft umwehte seine Nase. Das war kein Parfüm. Diese Frau roch von sich aus wie ein Engel.

Er ging zu einem Stuhl und setzte sich. Augenblicklich durchfuhr ihn ein stechender Schmerz. Das Ding an seinem Hintern hatte er fast vergessen. Trotsky verlagerte sein Gewicht genervt auf die unversehrte Pobacke. Im Netz hatte er nicht viel finden können, außer dass der wahrscheinlichste Grund für dieses dicke, eitrige Gewächs ein südafrikanischer Parasit war, der sogenannte Medinawurm. Als wäre er je in Südafrika gewesen. Lächerlich! Männer wie er wurden von atomaren Waffen durchlöchert, in Vulkane geworfen oder von außerirdischen Amazonen in Fetzen geliebt. Sie wurden definitiv nicht von einem exotischen Wurm zu Tode geeitert. Um sich abzulenken, dachte Trotsky wieder an Sabrina, und tatsächlich besserte sich seine Laune umgehend. Er sah sich in der Lounge um. Erdfarbene Stoffe an dezent beleuchteten Wänden. Zeitlos moderne, bequeme Möbel. Pflanzen, ein Aquarium, ein Brunnen. Ja verdammt, ein BRUNNEN! Daneben lagen fein geordnet zwischen Wasserspender und Espressomaschine Magazine für jeden Intellekt und Geschmack. Es gab sogar Comics! Vermutlich nannte man sie in solch gediegener Umgebung »Graphic Novels«, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie den ohnehin schon gut ausgerüsteten Warteraum zu einem unfassbar gut ausgerüsteten Warteraum machten. Diese Praxis wollte, dass man gerne wiederkam. Außerdem bestätigte sie das, was Trotsky sich in letzter Zeit öfter gedacht hatte. Nirgendwo war die Schere zwischen Arm und Reich so deutlich zu sehen wie in den Arztpraxen der Republik. Als Trotsky noch pflichtversichert war, hieß es höchstens: »Der Nächste, bitte!« Oder eine Nummer blinkte auf einem Display über einer grauen Tür – ein Aufruf, den man unweigerlich verpasste, wenn man zufällig gerade auf der Toilette war. Bei Dr. Brunner dagegen wurde er auf dem Laufenden gehalten. Und das von Sabrina. Er sah sich die Mitwartenden an. Außer ihm waren da nur noch zwei weitere Personen, eine Frau mittleren Alters und ein junger Mann. Beide waren deutlich besser angezogen als er und mit dem Lesen einer Illustrierten (sie) respektive dem Mobiltelefon (er) beschäftigt.

Eigentlich gehörte Trotsky nicht hierher. Ein alter Schulfreund, Peter Märse, der sich inzwischen als Erotik-Tänzer verdingte und den er vor Kurzem kontaktiert hatte, hatte Trotsky vorübergehend bei sich aufgenommen und ihm auch gleich die Karte seiner privaten Krankenversicherung in die Hand gedrückt, damit er sich mal richtig durchchecken lassen konnte. Tatsächlich hatten sich bei Trotsky in letzter Zeit ein paar Symptome gehäuft. Mit Schwindel und Wahrnehmungsstörungen hatte es angefangen. Danach kamen anhaltende Kopfschmerzen. Natürlich gab es in seinem Leben genug Anlässe, sich einen Dauerkopfschmerz zu holen. Er schlief zu wenig. Trank nicht genug Wasser. Grübelte sehr viel. Prügelte sich ständig. Schmerz war seit Jahrzehnten sein treuester Begleiter. Wie viele Schläge hatte er schon einstecken müssen?

Alleine die Bergmutation musste mindestens fünftausend Mal auf ihn eingedroschen haben. Und das war nichts gegen die Peitschenhiebe Tormentors, den eisernen Headlock von Screw oder den Höllenhammer des Übermenschen. Jeder Schlag hatte eine Geschichte, kam von einem Gegner, der seine Knochen und seinen Willen hatte brechen wollen. Keinem seiner Widersacher war das gelungen. Am Ende war Trotsky immer Sieger geblieben. Tatsächlich hatten seine außergewöhnlichen Sinne auf dem Weg zur Praxis von Dr. Brunner in der Ferne einen Tumult wahrgenommen. Das kam davon, wenn man im Freien unterwegs war. Er hatte dem Impuls widerstanden, der Unruhe auf den Grund zu gehen, war stattdessen mit dem Bus einen Umweg gefahren. Heute würde die Polizei sich darum kümmern müssen. Und nun ging er in diesem traumhaften Wartezimmer zum Wasserspender und goss sich einen Becher voll, den er hastig leerte. Selbst das Wasser schmeckte hier anders. Er hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie klares Wasser getrunken, das überhaupt irgendeinen Geschmack hatte. Er füllte den Becher ein zweites Mal und genoss es, hier zu sein. Der Brunnen plätscherte, das Aquarium summte, begleitet vom Planschen einiger sündhaft teurer Miniaturkarpfen, die Zimmerpflanzen wogten sachte im Wind der lautlosen Klimaanlage, und da war natürlich noch … Sabrina.

»Der Doktor hat jetzt Zeit für Sie, Herr Märse!«

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Er bedankte sich artig und folgte seinem weißen Engel. Die junge Frau führte ihn durch einen schmalen Gang, vorbei an akkurat aufgehängten Bildern mit surrealen, kubistischen Formen darauf. Trotsky mochte keine moderne Kunst. Zu viel Erklärung, zu viel Pose, ohne Relevanz für sein Leben. Für ihn kam Kunst von Können und einer möglichst naturgetreuen Wiedergabe der Wirklichkeit. Er empfand abstraktes Gekritzel auf Leinwand nicht als interessant oder wild, sondern nur als gewollt.

»Wunderbar, nicht wahr?«, schwärmte Sabrina. »Unser Chef ist ein angesehener Sammler.«

Trotsky kam sich mit einem Mal sehr hinterwäldlerisch vor. »Ich verstehe nicht viel von Kunst …«, stammelte er.

»Ich auch nicht«, kicherte sie, »aber nicht weitersagen!«

Trotsky zog die Möglichkeit in Betracht, sich zu verlieben. Sie öffnete eine Tür zwischen den Bildern, die er jetzt erst bemerkte.

»Da sind wir. Bitte treten Sie ein, Peter. Doktor Brunner ist in wenigen Sekunden bei Ihnen.«

Sie hatte ihn mit Vornamen angesprochen. Dass es nicht sein richtiger war, machte die Sache kompliziert, aber das sollte seinem Glück nicht im Wege stehen. Er nickte verunsichert.

»Bis später!«, verhieß sie ihm und ließ ihn allein. Ihr Lächeln schwebte noch einen Moment lang im Raum. Er nahm es an sich, wärmte sich daran und beschloss, sie beim Verlassen der Praxis nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Eine tiefe Männerstimme unterbrach ihn in seinen Gedanken.

»Herr Märse, nehmen Sie doch Platz.«

Doktor Brunner war ein braun gebrannter Mittsechziger, dessen Frisur davon zeugte, dass er erstens stolz auf sein immer noch volles, wenn auch inzwischen schlohweißes Haupthaar war und zweitens seine große Zeit ganz offensichtlich in den 1970ern zugebracht hatte. Sein Lächeln war freundlich, professionell. Nachdem Trotsky ihm gegenüber Platz genommen hatte, schlug der Arzt eine hellgraue Mappe auf, in der einige lose, bedruckte Blätter lagen, auf denen Trotsky kleine, mit Kugelschreiber geschriebene Haken und Vermerke erkennen konnte. Dr. Brunner schaute mit gerunzelter Stirn auf die Blätter, als suche er den entscheidenden Hinweis, um die Konversation zu beginnen. Dann legte er seine Hände, die Finger gespreizt, auf die Unterlagen und sah sein Gegenüber ein paar Sekunden lang ernst an, bevor er zu sprechen begann. Er hatte Trotsky nichts wirklich Gutes mitzuteilen.

Bela B über Scharnow

 

Der Roman spielt in Scharnow – warum ausgerechnet ein Städtchen in Brandenburg?
Mir war es relativ wichtig, dass es dicht dran an Berlin ist – aber halt auf dem Land. Berlin sollte so als verheißungsvolles Licht am Horizont erscheinen, die Großstadt – und 150 Kilometer um Berlin herum ist nun mal Brandenburg.

War es dir wichtig, dass es dazu ein Hörbuch gibt? Und wenn ja, war für dich klar, dass du es lesen möchtest?
Beide Fragen kann ich mit „Ja“ beantworten. Ich hab schon viele Hörbücher und Lesereisen gemacht und immer Texte von anderen gelesen – und es war ganz klar, wenn ich mein eigenes Buch schreibe, dass es natürlich ein Hörbuch davon geben soll, denn mir macht Lesen sehr viel Spaß. Es ist eine Form von Umgang mit der eigenen Stimme, die mich sehr erfüllt, das ist wie singen: man liest, man betont, man lotet aus, man entdeckt, also es ist eigentlich wie Musikmachen mit der Stimme, nur, dass man halt liest. Man formt eine Geschichte durch Ausdruck, durch alles Mögliche, und du erfährst sehr viel über dich selbst. Deshalb war auch natürlich klar, dass ich es selbst lesen würde, wenn das schon mein eigenes Buch ist. Ich hab so viele Fremdtexte gelesen; das hat mir viel Spaß gemacht, aber jetzt macht’s mir natürlich noch mehr Spaß, mein eigenes Buch zu lesen.

Du hast ja schon viele Hörbücher gelesen, aber das ist jetzt dein erster eigener Roman. Hat das einen Unterschied bei der Aufnahme gemacht, dass du jetzt deinen eigenen Text liest?
Ich hab wirklich schon viele Hörbücher gelesen, hab bei einigen Hörspielen mitgemacht und jetzt darf ich zum ersten Mal meinen eigenen Text lesen. Ich bin nun mal der Erfinder, der Vater diesen ganzen Figuren und kann hier bei der Hörspielaufnahmen noch mal mit allen umgehen, fast schon kommunizieren – oder, wie ein Puppenspieler, kommunizieren lassen. Das ist extrem reizvoll, es ist auch extrem neu für mich und macht natürlich noch mehr Spaß, mit den eigenen Kindern zu spielen, als mit denen von anderen.

Du trittst immer wieder bei Live-Lesungen auf, daher die Frage: Live-Lesung vs. Studioaufnahme: Was macht mehr Spaß? Was ist besser?
Bei einer Live-Lesung ist natürlich die Reaktion des Publikums gefragt. Da ich ja nun mal auch Musiker bin und einer von den Musikern, die viel mit ihrem Publikum kommunizieren, so ist es das bei meinen Live-Lesungen ähnlich. Ich bin natürlich auch extrem gespannt wie die Leute auf meine Figuren reagieren. Wenn ich jetzt John Niven live lese, dann bin ich selber „Fan“ und teile das mit den Leuten im Publikum. Jetzt wird das auf der Lesereise anders werden. Da trete ich zusammen mit diesem Haufen von Charakteren auf der Bühne auf und werd sehen, wie das Publikum darauf reagiert.
Im Studio bin ich mit meinen Figuren allein, das heißt, es ist wie zum Tee mit diesen ganzen Leuten, die ich mir ausgedacht habe – und da gibt es viele Überraschungen, die mir meine Figuren bereiten. Insofern 50/50 – ich find beides eigentlich gleich gut.

 

 

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