Peter Swanson: Alles, was du fürchtest | Leseprobe read’n’go

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Was, wenn …

… die Wahrheit deine furchtbarsten Ängste übertrifft?

Der neue Thriller von Bestsellerautor Peter Swanson!

Eine düstere Vorahnung, beinahe schlimmer als die Panik, erfasste sie.

Wohnungstausch

„Kate, Sie würden sich bestimmt auch ohne Hilfe in Corbins Wohnung zurechtfinden, aber ich dachte, ein Empfangskomitee kann nicht schaden.“ Nachdem der Portier Kates Gepäck in den Aufzug geladen hatte, ließ sich Carol den Schlüssel von ihm geben und führte Kate die gewundene Treppe hinauf. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zu Fuß gehen? Das ist meine tägliche Übung.“
Kate – erleichtert, dass sie nicht in einem Aufzug fahren musste – antwortete, sie würde sehr gern zu Fuß gehen.
Im zweiten Stock wandte sich Carol nach links. Kate folgte ihr in einen dunklen, mit Teppichboden ausgelegten Gang mit einer Tür links, einer rechts und einer am Ende. Eine Frau etwa in Kates Alter klopfte gerade an die linke Tür. Wahrscheinlich diejenige, die vorhin im Innenhof an ihr vorbeigeflitzt war, vermutete Kate.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Carol laut.
Die Frau drehte sich um. „Arbeiten Sie hier? Können Sie mir einen Schlüssel für diese Tür besorgen? Ich mache mir Sorgen um meine Freundin.“ Sie sprach mit näselnder, vor Aufregung schriller Stimme.
„Wieso machen Sie sich Sorgen?“, fragte Carol. „Stimmt etwas nicht?“
„Ich kann sie nicht erreichen. Wir waren zum Lunch verabredet, und ich habe bei ihr in der Arbeit angerufen, aber dort ist sie ebenfalls nicht aufgetaucht. Es sieht ihr einfach nicht ähnlich, wissen Sie. Ich habe ihr ungefähr tausend SMS geschickt.“
„Tut mir leid“, sagte Carol. „Ich selbst habe keinen Schlüssel, aber Bob, unserer Portier, kann Ihnen sicher weiterhelfen. Wie heißt Ihre Freundin?“
„Audrey Marshall. Kennen Sie sie?“
„Gewiss, meine Liebe, wenn auch nur flüchtig. Reden Sie mit Bob. Er wird Ihnen helfen. Sie hätten sich sofort an ihn wenden sollen.“
Kate wurde sich bewusst, wie ängstlich sie sich an der getäfelten Wand des Flurs entlangdrückte. Durch die hektische Frau mit ihrer schrillen, panischen Stimme dehnte sich ihre eigene Panik wieder wie ein Ballon in ihrer Brust aus. Und ihre Tabletten lagen für den Augenblick unerreichbar in ihrem Necessaire im Rollkoffer.
„Sehr ungewöhnlich“, sagte Carol, als sie einen Schlüssel in die Tür am Ende des Flurs steckte, „dass sich jemand hier im Gebäude aufhält, ohne vorher den Portier gesprochen zu haben. Ich bin davon überzeugt, dass alle Bewohner wohlauf sind“ sagte sie, als wäre noch keiner Menschenseele jemals etwas Schlimmes widerfahren. Solche gut gemeinten, aber lachhaften Erklärungen gab auch Kates Vater gern von sich. Kate ihrerseits hatte im selben Moment, in dem sie die Frau verzweifelt an die Tür ihrer neuen Nachbarin klopfen sah, gewusst, dass jemand gestorben war. Diese Gewissheit war unumstößlich, auch wenn sich Kate durchaus im Klaren darüber war, dass ihr Verstand der Logik folgte, ständig alles bis zur schlimmstmöglichen Folgerung zu treiben. Sie hatte an diesem Tag bereits gewusst, dass der junge Mann mit der schweißnassen Stirn und dem Fusselbart im Abflugbereich einen selbstgebastelten Sprengkörper in seinem Rucksack hatte. Und sie hatte gewusst, dass die Turbulenzen, die über dem Atlantik auftraten, immer heftiger werden und zuletzt einen Flügel des Jets so mühelos abreißen würden wie ein sadistisches Kind den Flügel eines Schmetterlings. Beides war nicht eingetreten, aber das bedeutete noch lange nicht, dass hinter der Tür nebenan keine tote oder sterbende junge Frau lag. Natürlich lag da eine.
Eine düstere Vorahnung, beinahe schlimmer als die Panik, erfasste sie.
Wäre sie nur nicht nach Amerika gekommen.

Was er tat, war falsch, das wusste er genau. Aber er konnte nicht aufhören.

Das Fernglas

In der Wohnung auf der anderen Seite des Innenhofs brannte Licht. Alan sah hinüber, seine Augen brauchten einen Moment, bis sie sich angepasst hatten. Die Frau, die dort wohnte – Alan erinnerte sich nicht an ihren Namen, falls er ihn überhaupt je erfahren hatte – hatte ihre Vorhänge nur halb zugezogen. Sie saß auf ihrer Couch, den Rücken an einer der Armlehnen, ein Buch offen im Schoß. Eine einzige hohe Lampe über ihr produzierte einen Kegel aus warmem gelbem Licht. Auf dem Kaffeetisch vor der Couch standen ein Glas Rotwein und eine offene Flasche. Es war so ein idyllisches, fast klischeehaftes Bild, dass Alan laut auflachte. Er machte einen Schritt nach links, damit er genau in der Lücke zwischen den Vorhängen stand.
Die Frau zuckte zusammen und sah von ihrem Buch auf. Alan trat instinktiv einen Schritt zurück, überzeugt, ertappt worden zu sein. Sie stand auf, ohne jedoch in Richtung Fenster zu blicken und verschwand aus dem Blickfeld. Als sie zur Couch zurückkehrte, lief diese weiße Katze namens Sanders neben ihr her und sprang auf den Beistelltisch. Die Frau nahm Platz, widmete sich wieder ihrem Buch und kraulte Sanders beiläufig unter dem Kinn. Er gehörte einer Bewohnerin auf der anderen Seite des Gebäudes, durfte aber nach Belieben in der Wohnanlage umherstreifen. Alan hatte ihn schon oft in der Eingangshalle gesehen, manchmal schlief er dort auf dem Empfangstisch.
Alan knipste eine Lampe in der Nähe aus, so dass sein eigenes Wohnzimmer fast ganz im Dunkeln lag, und beobachtete weiter die Frau. Sie sah so im Reinen mit sich aus, so zufrieden in der kleinen Sphäre ihrer Existenz, dass Alan einen fast körperlichen Schmerz in der Brust empfand, ein heftiges Verlangen, mit ihr zusammen zu sein. Er stellte sich vor, wie er ausgestreckt auf der anderen Seite der Couch lag und ihre nackten Füße sich berührten. In seiner Phantasie gingen sie vollkommen ungezwungen miteinander um.
Ihm fiel das kleine Fernglas ein, das er in dem Jahr gekauft hatte, als er sich mit ein paar Collegefreunden ein Saison-Ticket für die Celtics ganz oben unter dem Stadiondach geteilt hatte. Er erinnerte sich nicht mehr, wohin er es geräumt hatte, tippte aber darauf, dass es sich noch in der Leinenumhängetasche befand, die er damals immer dabeigehabt hatte. Er ging nachsehen, und er hatte richtig getippt. Als er das Fernglas in der Hand hielt, zögerte er. Irgendwo war ihm bewusst, dass es einen gewaltigen Unterschied machte, ob man seiner Nachbarin einfach durch das Fenster zusah oder sie mit einem Fernglas beobachtete. Nur für einen Moment, sagte er sich. Um einen wirklich guten Blick auf sie zu erhaschen, vielleicht sogar zu sehen, was sie liest.
Er kehrte ans Fenster zurück und spähte durch das Fernglas, durch das sie kaum zwei Meter entfernt wirkte. Er konnte ihre Züge deutlich erkennen, ihre Kleidung, wie sie sich geistesabwesend an ein Ohrläppchen fasste. Das Buch hieß Wölfe, große schwarzweiße Lettern auf einem roten Cover. Sie befeuchtete mit der Zunge die Fingerspitze, bevor sie umblätterte.
Alan spürte, wie sein Atem langsamer und schwerer ging. Er fühlte sich schmutzig, wenn er sie so aus der Nähe betrachtete. Was er tat, war falsch, das wusste er genau. Aber er konnte nicht aufhören.

Er erzählte ihnen nicht, dass er wusste, wer Rachael Chess getötet hatte.

Eine flüchtige Bekanntschaft

Corbin hätte Rachael niemals kennengelernt, wenn er nicht kurz nach dem Tod seines Vaters beschlossen hätte, die Beziehung zu seiner Mutter und seinem Bruder zu verbessern. Beide beabsichtigten, den Juli und August in dem Haus in New Essex an der Nordküste von Massachusetts zu verbringen, und Corbin fragte, ob er sich ihnen für zwei Wochen anschließen dürfe.
An seinem zweiten Abend in New Essex aß er im Rusty Scupper – ein Grillrestaurant, das vom Haus seiner Mutter aus zu Fuß erreichbar war. Dort lernte er Rachael Chess kennen. Sie hatte gerade ihren alljährlichen zweiwöchigen Pflichturlaub angetreten und war nun ebenfalls auf der Flucht vor ihrer Familie, die das ganze Jahr über in einem Haus im südlichen Teil der Stadt direkt am öffentlichen Strand wohnte. Er begleitete sie nach Hause, und sie saßen auf der vorderen Veranda und unterhielten sich stundenlang. Er erzählte ihr vom nicht lange zurückliegenden Tod seines Vaters und vom schrecklichen Rest seiner Familie. Sie erzählte ihm, dass sie mit einem ihrer Lehrer an der Schwesternschule geschlafen hatte, einem verheirateten Mann.
Bei Sonnenaufgang küssten sie sich und verständigten sich auf ein zweiwöchiges Techtelmechtel ohne weitere Verpflichtungen. Er ging im milchigen Licht der Morgendämmerung am Strand entlang nach Hause und empfand eine seltsame Ruhe, als würde sich die Welt gerade zu seinen Gunsten verändern.
Die beiden verbrachten beinahe jede Sekunde der nächsten zwei Wochen zusammen. Rachael war ein offenes Buch, sie erzählte Corbin intimste Details aus ihrem komplizierten Leben. Corbin verspürte den brennenden Wunsch, ihr von Claire in London und Linda Alcheri in Connecticut zu erzählen. Das kam natürlich nicht in Frage, aber es war das erste Mal überhaupt, dass er gerne mit einer anderen Person über diese Ereignisse gesprochen hätte. Und die Erinnerung an Claire und Linda führte dazu, dass er plötzlich von schrecklichen Albträumen gequält wurde, in denen die beiden Morde miteinander verschmolzen und sich mit dem Bild vermischten, wie er Rachael mit einem Jagdmesser in der Hand über den Strand jagte. Am Ende der zwei Wochen, als sie beide zu ihrem normalen Leben zurückkehrten, war er tief betrübt, aber auch erleichtert.
Zwei Monate später schickte ihm Rachael eine SMS: Sie sei über den Columbus Day wieder ein Wochenende bei ihren Eltern, und ob er nicht auch kommen wolle. Er antwortete, er müsse dienstlich verreisen – was der Wahrheit entsprach, denn er fuhr zu einer Firmenklausur auf die Kaimaninseln. Er war sich nicht sicher, ob er Rachael überhaupt hätte wiedersehen wollen, selbst wenn er Zeit gehabt hätte. Er hatte die Alpträume nicht vergessen.
Als Corbin von der Klausur zurückkam, erfuhr er aus den Nachrichten, dass Rachael Chess ermordet worden war. Ein Strandgutsammler hatte ihre Leiche am Montagmorgen im Dünengras entdeckt.
Corbin meldete sich eine Woche lang krank und verließ in dieser Zeit die Wohnung in Beacon Hill nicht, die sein Vater ihm vermacht hatte. Corbin verriet nicht, dass er das ermordete Mädchen von der Nordküste gekannt hatte, obwohl die Polizei eine Aussage von ihm aufgenommen hatte. Eine Freundin von Rachael hatte ihnen erzählt, dass sie und Corbin verbandelt gewesen waren. Ein Beamter hatte ihn am Telefon befragt und dann vermutlich sein Alibi mit Hilfe von Corbins Firma überprüft. Corbin hatte angegeben, es sei nichts Ernstes gewesen, und sie hätten seither kaum Kontakt gehabt.
Er erzählte ihnen nicht, dass er wusste, wer Rachael Chess getötet hatte.

Er beobachtet dich. Er ist ganz nah. Aber du siehst ihn nicht.

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»Lesen Sie Swansons Roman am besten bei Tageslicht. Es wird Ihnen eiskalt den Rücken hinunterlaufen!«

Library Journal

»Die gekonnt heraufbeschworene Atmosphäre des Bostoner Winters bietet den perfekten Hintergrund für die sich steigernde Paranoia, die bald schon nicht mehr zu stoppen ist.«

Booklist