Gregor Sander: Alles richtig gemacht | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

Freunde kommen, Freunde gehen, Freunde bleiben

Thomas und Daniel kommen aus Rostock und sind noch jung, als es mit der DDR zu Ende geht, aber alt genug, um sich von der aufregenden neuen Zeit mitreißen zu lassen. Die ungleichen Freunde ziehen nach Berlin, betreiben die Makrelen-Bar, das Leben scheint eine einzige Party. Sie fallen von einer großen Liebe in die nächste, sind sich mal nah und mal fremd. Doch irgendwann muss Daniel verschwinden, nachdem sie sich in New York erfolgreich als illegale Kunsthändler betätigt haben. Jahre später taucht er wieder auf, als ob nichts gewesen wäre. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als Thomas’ inzwischen bürgerliche Rechtsanwaltsexistenz gewaltig durchgeschüttelt wird: Seine Frau ist weg und hat die beiden Töchter gleich mitgenommen. Hat Daniel etwas damit zu tun, und wer hat hier überhaupt etwas richtig gemacht?

Deutschlandradio Kultur

»Gregor Sander kann Szenen schreiben, in denen man fast spazieren gehen kann.«

1. Montag

Noch fünf Minuten, dann hat es die Morgensonne über die Pappeln geschafft, und ich beschließe, so lange sitzen zu bleiben. Der Rasen ist noch taufeucht und frisch gemäht, und es gibt nicht vieles, das mich so beruhigt wie der Anblick und der Duft von frisch geschnittenem Gras. Spießig, klar, aber ist so.
Ich stelle die Kaffeetasse auf mein linkes Knie, und die Wärme durchdringt den Stoff sofort. Nur schwer konnte ich der Versuchung widerstehen, mir dazu eine Zigarette anzuzünden. Die Schachtel lag auf der Kaffeemaschine, neben der noch die Flasche Chardonnay vom Vorabend stand. Die war leer, die Schachtel ist es nicht, auch wenn nur noch drei Zigaretten darin stecken. Das muss wieder aufhören, denke ich. Das Saufen, diese Qualmerei, und überhaupt muss das alles wieder ins Lot kommen hier. In dem Moment treffen mich die ersten Sonnenstrahlen.

Als ich Daniel Rehmer das erste Mal sah, stand er ganz allein vor meiner Klasse in der Theodor-Körner-Schule.

Die Wohnung, die Daniel und seine Mutter dort in der Fischbank bewohnten, lag unterm Dach, hatte schräge Wände und Fenstergauben. Man konnte von hier oben die rotgeklinkerte Nikolaikirche sehen und die Petrikirche mit ihrem Turmstumpf, bei dem seit dem Krieg die hohe Messingspitze fehlte. Dahinter die Warnow mit dem alten Stadthafen, der auch verloren wirkte, seit es den großen Überseehafen in Petersdorf gab und hier nur noch ein paar kleinere Schiffe vor den alten Speichern lagen. Selbst die Fischer waren ja draußen in Marienehe. Die Möwen kreischten trotzdem vor dem Fenster. Manchmal lockten wir sie mit altem Brot an, und sie flogen fast ins Zimmer, fingen den Brocken im Flug und drehten ab.

Mit Daniel konnte ich Fahrrad fahren, bis wir unsere Beine nicht mehr spürten.

Ich stecke den Zündschlüssel ins Schloss, doch bevor ich umdrehen kann, sagt jemand hinter mir: »Willst du wirklich noch fahren, Piepenburg? Du stinkst wie ’ne Kneipe.«
Ich zucke zusammen und stoße mit dem Kopf gegen die Sonnenblende vor mir, die noch ausgeklappt ist. Im Rückspiegel sehe ich, dass jemand im dunklen Kapuzenpullover hinter mir sitzt. Mit verschränkten Armen. Ich erkenne nur den Rand der Kapuze, kein Gesicht. Da ist nur ein schwarzes Loch. Mein Herz rast bis hoch zum Hals. Ich brauche das Gesicht nicht zu sehen, ich brauche mich auch nicht umzudrehen. Ich weiß, wer da sitzt. Sofort weiß ich das.

Gregor Sander

Gregor Sander, geboren 1968 in Schwerin, lebt als freier Autor in Berlin. Für seine Romane und Erzählungen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Sein Romandebüt »Abwesend« war für den Deutschen Buchpreis nominiert, die Verfilmung seines Romans »Was gewesen wäre« kommt im Herbst 2019 in die Kinos.

Freunde kommen, Freunde gehen, Freunde bleiben

Jetzt
kaufen
20€

»Gregor Sander ist einer der ersten, der für eine junge, gesamtdeutsche Literatur steht: Suchen und Scheitern ist überall.«

Oliver Seppelfricke, Deutschlandfunk