Claus Koch : 1968 Drei Generationen – eine Geschichte | Leseprobe read’n’go

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Der Mythos 68 und seine Folgen

REVOLTE MIT LANGZEITWIRKUNG

»1968« ist die Geschichte dreier Generationen, die sich in allem unterscheiden und doch so ähnlich sind. Rasant erzählt wie ein Roadmovie, das in den 1950er Jahren seinen Ausgangspunkt findet und seine Leser durch die wilden 60er Jahre bis zu den Kindern der 68er mitnimmt.
Drei Generationen, die Eltern der 68er, sie selbst und schließlich ihre Kinder treffen in diesem Buch aufeinander. Wie haben sie sich gegenseitig geprägt und beeinflusst, welche Spuren haben sie beim jeweils anderen hinterlassen?
Eine Zeitreise durch die hellen und dunklen Jahre der 68er,die Geschichte von Träumen, aber auch eines grandiosen Scheiterns, als die herbeigewünschte Allianz von Utopie und Revolte zerbrach. Persönliche Erzählung und Bericht aus einer Zeit, die unsere Gesellschaft bis heute prägt. Und am Ende die Frage, wie die Kinder der damals Aufständischen mit dem Erbe umgehen werden, das ihnen ihre 68er-Eltern hinterlassen haben. In einer Welt, die sich im Verhältnis zu damals keineswegs zum Besseren gewandelt hat.

 

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Das Erbe der 68er verstehen

Kindeskinder
Kinder

2017: »Wir können uns keine Alternative mehr vorstellen, aber die hatten wenigstens eine im Kopf.«

Leon und sein Freund Philemon, zwei 18-Jährige, sprechen über 68 und die fehlenden Aufstände von heute:

P: 1968 war für mich die letzte große politische Bewegung von Studenten, die wirklich etwas gebracht hat. Und es betraf vor allem die Sexualität und das Autoritäre. 1968 – das war ein Konflikt zwischen zwei Generationen. Aber es ging auch darüber hinaus. Mit dem Tod von Benno Ohnesorg wurde über Polizeiwillkür diskutiert. Die konnten dann nicht einfach so weitermachen wie vorher. Und dann kamen die Demokratisierungsprozesse um 1970 herum – alles Folgen von 68.

L: Was die Stärke der 68er-Bewegung betrifft, lag sie darin, dass die Studenten damals noch ein klares Feindbild hatten, das uns heute fehlt. Heute sind die Probleme eher versteckt und gleichzeitig so ineinander verwoben, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Sagen wir es mal so: Damals lagen die Dinge einfacher.

P.: Die 68er-Bewegung war die letzte, die noch ein gesellschaftliches Ideal anzubieten hatte, auch wenn das Modell, das sie anstrebten, eigentlich völlig absurd war. Aber es gab eine Utopie, an die die Leute geglaubt haben, sie hatten eine Vision. Wir diskutieren heute auch über gesellschaftliche Probleme, die existieren ja, aber wir finden für sie keine Lösung. Wir können uns keine Alternative vorstellen. Die von damals ist gescheitert, aber wenigstens hatten die eine im Kopf.

L.: Lass mich das mal mit einem Bild beschreiben. Wenn ein Wanderer einen Berg erklettert und er dabei umkommt, wird heute keiner mehr auf die Idee kommen, der Berg sei schuld. Alle werden auf den Bergsteiger zeigen und ihm die Schuld für sein Versagen geben. Es würde auch niemandem die Forderung einfallen, man solle den Berg abtragen oder ihn sprengen, damit das nicht noch einmal vorkommt. Mit anderen Worten: Niemand käme heute auf die Idee, den Kapitalismus abschaffen zu wollen, nur weil einzelne an ihm scheitern. Der Kapitalismus aber liegt vor uns wie der Berg und erscheint unüberwindbar – warum das Ganze dann überhaupt in Frage stellen?

P: Was in unserer Generation dann zu dieser großen Resignation führt. Wo sollen die Visionen denn herkommen, wenn sich keine Alternativen mehr aufzeigen lassen? Damit verbunden ist dieses hohe Maß an Hoffnungslosigkeit. Dass man sowieso nichts ausrichten kann. Man bewegt sich doch nur, wenn man eine Vision hat. Und die fehlt uns heute. Natürlich, ich kann mir schon vorstellen, mich politisch zu engagieren, klar, man soll nicht nur über alles reden, sondern auch was machen. Es sind so viele kleine Brandherde, wo etwas falsch läuft. Aber es ergibt vor unseren Augen einfach kein geschlossenes Bild, der große Zusammenhang fehlt, und es ist so schwer, für die vielen Einzelprobleme eine Lösung zu finden, weil sie dann eben doch wieder miteinander verbunden sind.

L.: Ideale haben wir schon, aber eben keine politischen, gesellschaftlichen Ideale, sondern mehr individuelle Ideale, die dann die politischen Ideale ersetzen. Wollen wir etwa ein kommunistisches Deutschland? Das wäre ja absurd! Aber was dann? Ein Deutschland ohne Kapitalismus? Die Einschränkung der Finanzströme? Das ist alles so abstrakt und obwohl es uns betrifft, so weit weg. Dann lieber Ideale, die sich auf ein erfülltes Leben beziehen, darauf, den Tag zu genießen, möglichst
viel mit den Freunden machen. Die 68er hingegen hatten da andere Orientierungspunkte, Marx, Mao, die Gesellschaft radikal verändern, die haben sich damit einen ganz eigenen Lebensstil aufgebaut, ein ganz eigenes Milieu, in dem sie mit ihren Freunden lebten, sich trafen, diskutierten. Heute ist das alles viel individualistischer geprägt, und wenn sie politische Ideale haben, dann beziehen die Leute ihre politischen Ideen auch zunächst auf sich. Die 68er hingegen wollten auch in die Köpfe der anderen Leute, wollten die Menschen verändern – wenn man das auf heute bezieht, dann müsste man eigentlich diesen ganzen Individualismus anzweifeln: Leute, kommt raus aus euren eigenen Köpfen!

P.: Wir wissen schon um die vielen Probleme, die es gibt und die uns ziemlich wütend machen. Aber selbst für die Menschenrechte einzutreten wirkt heute schon fast dämlich. Der Glaube daran, dass man sie global durchsetzen kann, schwindet doch mit jedem Tag, an dem man Nachrichten schaut. Manchmal kommt man dann zu dem Schluss, dass das alles sowieso nur noch chaotisch abläuft, und man resigniert. Wenn irgendwo eine Bewegung zustande kommen soll, dann muss es etwas geben, woran man glaubt, dass es auch eintritt. Und das ist heute schwierig. Schon die Probleme anzusprechen, kommt bei vielen nicht gut an, und man stößt schnell auf Ablehnung. Politik ist ein unschönes Thema geworden, weil die Schlussfolgerungen, die man aus politischen Überlegungen zieht, meistens deprimierend sind. Zum Beispiel beim Flüchtlingsthema, wie viele da über die Grenze kommen und wie schlimm das ist. Aber die Grundsatzfrage zu stellen, wieso kommen die eigentlich, was steckt dahinter, was wurden für Fehler gemacht, wie können wir das in Zukunft ändern, solche Grundsatzfragen werden ungern gestellt. Und warum? Meine Vermutung ist, weil die Antworten darauf ungemütlich sind. Zum Beispiel, dass unsere westliche Gesellschaft dafür eine Riesenverantwortung trägt. Wenn man so weit denkt, und das müsste man, dann müsste man ja quasi die Mentalität eines großen Teils der westlichen Welt ändern, müsste auf den eigenen Wohlstand verzichten, das wäre doch utopisch, so etwas vorzuschlagen, da kriegt man doch den Vogel gezeigt. Denn die Dinge, die man tun müsste, um die großen Probleme wirklich anzugehen, sind so immens, stellen so sehr unsere westliche Identität in Frage, unseren ganzen Lebensstil, dass man so weit gar nicht denken will. Und deswegen sind auch alle nach einer Diskussion, bei der es um politische Fragen geht, oft so furchtbar schlecht gelaunt. Dass man sich das nicht geben will, sich hinzusetzen und zu grübeln, was alles scheiße läuft, es belastet einen dann nur noch mehr. Das ist etwas, was die 68er richtig gemacht haben. Man kann nichts verändern, wenn man die Leute nicht erreicht, mit denen man zusammen etwas verändern will. Immerhin haben sie es versucht.

L.: Heute aber wollen die meisten nur ihr eigenes Leben verwirklichen. Um die hinter einer Flagge zu versammeln, dazu braucht man große Ideen, eine Utopie. Die 68er hatten sie, wir nicht.

P.: Dabei kommen auf unsere Generation genügend Probleme, die die 68er ja noch gar nicht hatten und die uns deprimieren. Unsere Generation schaut doch in eine wahnsinnig unsichere Zukunft: Völkerwanderungen, die auf Wassermangel beruhen, der afrikanische Kontinent, der vielleicht irgendwann total zusammenbricht, uns geht irgendwann das Öl aus, Klimawandel und Erderwärmung, Banken werden immer unsicherer, es wird ja schon vorausberechnet, wann der nächste Crash kommt. China, der Konflikt zwischen den USA und Russland, unsere Generation hat eine wahnsinnig unsichere Zukunft vor sich. Gut ich bin kein Psychologe, aber die meisten von uns wollen das alles lieber erst mal vergessen, verdrängen.

L.: Genau das ist der Unterschied zu 68. Da gab es nämlich eine Aufbruchsstimmung. Der Krieg war vorbei, und die Jungenwollten eine andere Welt als die ihrer Väter. Heute hingegen konzentriert sich alles auf den Augenblick. Auf einen selbst.

P.: Da und dort gibt es auch heute den Wunsch nach einer gemeinsam getragenen politischen Bewegung. So wie in Frankreich »Nuit debout«. Die Idee dahinter war doch genial, es gibt keine klaren Alternativen, also denken wir uns gemeinsam welche aus! Es gibt keine klaren Antworten, also finden wir sie. Dazu braucht man vielleicht gar keinen Feind, nur ein Problem, auf das man eine Antwort hat. Oder man muss für eine Antwort kämpfen, zusammen mit anderen. Muss sie gemeinsam finden. Aber viele Antwortmöglichkeiten auf das, was heute passiert, sind ungemütlich. Nimm nur mal die Klimaerwärmung, da müssten wir alle ganz schön tief in die Tasche greifen. Und das schmeckt uns nicht.

»Gesellschaftliche Veränderung fängt dort an, wo man wirklich etwas bewirken kann: im eigenen Leben.«

Lucien, 35, Generation Y, sieht die Situation ähnlich, wenn auch weniger pessimistisch als die Generation, die ihm jetzt folgt: Ich finde eine Grundhaltung, die das Private in den Vordergrund stellt, pragmatisch an die Probleme herangeht und skeptisch gegenüber gesellschaftlichen Utopien ist, wie es für die Generation Y häufig beschrieben wird, erst einmal sehr richtig. Allerdings darf eine solche Haltung nicht zu Zynismus, Nihilismus und einer rein egoistischen Weltsicht führen. Vielmehr fängt gesellschaftliche Veränderung erst einmal dort an, wo man wirklich etwas bewirken kann: im eigenen Umfeld, im eigenen Leben. Und das ist die schwierigste Aufgabe, die man sich stellen kann, weshalb viele nicht nur in meiner Generation Gandhis berühmte Aussage »Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt« nicht gerne hören oder sich sogar über solche Gedanken lustig machen. Aber wie soll es anders funktionieren? Ich kann meine Verhältnisse in Ordnung bringen, meinen Haushalt, meine Familie. Damit fängt es an. Anschließend kann ich vielleicht in meinem weiteren Umfeld etwas Gutes bewirken. Wenn ich wirklich weit damit komme, kann ich vielleicht anderen ein Vorbild sein und anderen Menschen im Rahmen meiner Möglichkeiten helfen. Das wäre schon eine riesige Leistung. Und es ist so viel schwieriger, differenzierter und langweiliger als Parolen zu brüllen oder sich gesellschaftliche Utopien auszudenken, die doch wieder in den Totalitarismus führen, wie es alle Utopien in der Geschichte getan haben, rechts wie links. Jedenfalls führt für mich der einzig gangbare Weg zwischen einer selbstgefälligen Haltung, der alles egal ist, und dem süßen Gift des Wunsches nach einer radikalen Veränderung der Welt, hin zu dem Versuch, das Unheil in mir selbst in den Griff zu kriegen – um es dann zu einer konstruktiven, positiven Kraft im Leben zu werden zu lassen. Vielleicht ist das sogar der Sinn des Lebens.

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Die Rückkehr der Revolte

»Die Vorstellung von einer anderen Gesellschaft ist praktisch undenkbar geworden. Wir sind dazu verdammt, in dieser Welt zu leben«, davon spricht auch der französische Historiker François Furet in seinem schon vor einigen Jahren erschienenen Buch »Am Ende der Illusion«. Womit er den leeren Raum beschreibt, in dem wir 68er uns nach 1989 befanden, als die Geschichte als eine von Klassenkämpfen, wie sie Marx beschrieben hatte, an ihr Ende gekommen schien und sich für uns, im Denken immer noch dem marxistischen Schema verhaftet, die Frage nach einer zukunftsträchtigen Utopie nicht mehr stellte.
Aber auch bei den uns nachfolgenden Generationen scheint seitdem die Welt zum Stillstand gekommen zu sein, und so herrscht bis heute eine merkwürdige Ruhe im Land. Dabei fragt sich, ob es nur die Ruhe vor dem Sturm ist oder das Eintauchen in den unvermeidlichen Zustand einer Weltordnung, für die es keine Hoffnung mehr auf Besserung gibt, da sich trotz aller offensichtlichen Ungerechtigkeiten keine Anhaltspunkte mehr finden lassen, die über das bestehende Unglück hinausweisen. Sind dieser skeptischen Generation junger Leute hier und heute also die Ideen für ein emanzipatorisches Projekt ausgegangen, sind ihr die Visionen einer besseren Welt, die das Denken und Handeln der 68er so sehr prägten, vollkommen abhandengekommen? Verpufften mit 68, wie Micha Brumlik schreibt, die utopischen Energien im Westen für immer? War der Mai 1968 nichts als ein letztes Aufbäumen, die Hoffnung auf eine Gesellschaft, die anders ist als die Bestehende, nicht aufzugeben?

 

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»Es ist nun an unseren Kindern, die Kämpfe für eine gerechtere Welt auszutragen.«

Claus Koch