Michael Schacht: 100 Tage Das Sterben meines Vaters | Leseprobe read’n’go

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30. Januar 2016.

Der Arzt sagt: »Ihrem Vater bleiben noch 100 Tage. Einer von Hunderttausend Patienten überlebt vielleicht länger. Rechnen Sie damit, dass er den Sommer nicht mehr erleben wird.«
Ich sage nichts. Schlucke nur. Es sind drei Sätze, die sitzen. So muss ertrinken sein. Da ist sie, die Realität. Der Tod, er klopft nicht an die Gartenpforte, er hat bereits die Haustür eingetreten. Der Tod sucht meinen Vater, weil er ihn aus unserem Leben reißen will. Mein Vater ist ab heute seine Beute. Mein Vater ist jetzt angezählt. 100 Tage.
Ich lasse mir nichts anmerken, aber zum ersten Mal, seitdem mein Vater vor einem halben Jahr an Lungenkrebs erkrankt ist, weiß ich wirklich nicht, was ich sagen soll. 100 Tage Restlebenszeit? Drei Monate und eine Woche? 2.400 Stunden? Das klingt nach nichts, so endgültig und auch so eindeutig. Ich weiß, dass mein Vater sterben wird. Aber so schnell? So real? So hoffnungslos? Und weiß er es auch? Will er es überhaupt wissen, oder will er seinen Tod ignorieren? Wie schon so vieles im Leben.
Alles, was nicht in sein Weltbild passte, gab es für ihn nicht. Einerseits eine große Kunst und für ihn wohl seine einzige Chance, ohne sichtbare Schrammen durchs Leben zu gehen. Andererseits war genau diese Eigenschaft für all seine Mitmenschen oft schwer zu ertragen, vor allem für mich. Doch einfach alles zu ignorieren, das geht jetzt für mich nicht mehr. Ich muss mich dem Tod stellen.
Mein Vater steht kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag, doch merklich älter geworden ist er bislang nicht. Seine Jahre zwischen fünfundvierzig und jetzt, also die, die ich mehr oder weniger bewusst erlebt habe, waren irgendwie alle gleich. Wahrscheinlich hat mein Vater das Älterwerden einfach auch ignoriert. Okay, seine Haare sind weniger und grauer, die Augenbrauen und die Ohren länger und die Abstände der nächtlichen Toilettengänge kürzer. Trotzdem stand er noch vor kurzem mit der Bohrmaschine auf der Leiter in meiner Wohnung oder fuhr fünfzig Kilometer lange Touren mit dem Rad – mit Fersensporn, aber ohne Pause. Alt wird mein Vaer also nicht, dafür über Nacht zum Tode verurteilt.
Der Krebs wurde durch einen Zufall entdeckt. Dass sich dieser traurige Zufall für mich im Rückblick als großes Glück herausstellen sollte, wusste ich zum Zeitpunkt dieser unumkehrbaren Diagnose ebenfalls noch nicht.
Mein erster Impuls bei der Erstdiagnose: Metastasierender Lungenkrebs – das ist ein Todesurteil für meinen Vater. Ich sollte Recht behalten. Das wusste ich damals nur noch nicht. Wahrscheinlich ist es die Berufskrankheit eines Journalisten, sofort zu googeln, was so eine Diagnose bedeutet.
Ein frühes Stadium bedeutet heilbar oder zumindest kontrollierbar. Ein fortgeschrittenes Stadium bedeutet fast immer den Tod, mal schneller, mal langsamer. Meist schneller. Ich las nächtelang über Tumorgrößen, Behandlungsmethoden und Krankheitsverläufe. Ich tat alles, was man in solch einer Situation besser nicht tun sollte, weil jeder Laie dann ziemlich schnell an seine emotionalen Grenzen kommt.
Der Krebs hat meinen Vater gezeichnet. Ihm einen Finger genommen, einen Teil seiner Lunge und seine Geschwindigkeit. Der Krebs bedroht seinen Zeh, seine Nebenniere, seine Wirbelsäule und seine Rippen. Er ist zurück in seiner Lunge. Und ob in seinem Gehirn wirklich keine Metastasen mehr wachsen werden, ist ungewiss.
Besiegen konnte der Krebs bislang noch nicht seine Würde und seinen Stolz. Seine Augen sind wach und wenn er uns zum Lachen bringen will, dann wackelt er mit den Ohren. Er tut das oft. Und er ist meines Wissens der einzige in der ganzen Familie, der das kann – und wird es wohl auch bleiben.
Mein Vater geht alleine. Er isst alleine. Er hat – wie immer – seinen eigenen Willen. Doch wie lange noch?
Frisst der Krebs ihn bei vollem Bewusstsein auf? Oder streckt er ihn mit einem Schlag nieder? Ich wünsche mir Letzteres. Nur bitte nicht so schnell. Ich möchte noch so viel mit ihm bereden.
Werden 100 Tage ausreichen?

 

100 Tage

Das Sterben meines Vaters

»100 Tage – 2400 Stunden – das klingt nach nichts ...« (Michael Schacht)

Michael Schacht versucht in seinem Buch, den zu erwartenden Tod des Vaters zu begreifen, sich ihm in den verbleibenden 100 Tagen wieder anzunähern und die restliche Zeit wie einen »Countdown des Lebens« bewusst zu gestalten und zu genießen. Sehr emotional erzählt er von Versöhnung und Verständnis, von Angst und Hoffnung, von Anteilnahme und Loslassen.

Mein Vater fragt: »Wollen wir nicht nochmal als Familie nach Dänemark fahren?« Ich stimme zu.

Der Sommer 2011 ist mir aus zwei Gründen besonders in Erinnerung geblieben. Den bisher schlimmsten Liebeskummer meines Lebens versuchte ich lange erfolglos zu verdrängen. Die Reise nach Dänemark anlässlich des fünfundsiebzigsten Geburtstags meines Vaters geht mir ebenfalls nicht aus dem Kopf.
Dänemark, speziell dessen Nordseeküste mit den breiten Stränden, wie in den Hamptons, war das Ziel unzähliger unbeschwerter Urlaube meiner Kindheit. Fuhr die Generation meiner Eltern in den Fünfzigern und Sechzigern entweder gar nicht in den Urlaub oder über die Alpen in Richtung Süden – wenn ich meiner Mutter glauben darf, zu sechst im VW Käfer mit den Kindern auf der Hutablage –, schaffte ich es in den Achtzigern mit unserem Audi 80 in metallic Grün gerade noch vier Stunden Richtung Norden. Berge gab es keine, dafür immerhin Dünen und kilometerlange Strände.
Warum es immer Dänemark sein musste? Ich weiß es nicht. Die Macht der Gewohnheit oder Mangel an Neugierde oder gar Geld? Vielleicht eine Mischung aus allem. Wir mieteten jedenfalls stets für drei Wochen ein Haus am Meer und nahmen die Fahrräder und unsere eigenen Bettdecken mit.
Dass meine Mutter gerne betonte, diese Reisen seien für sie ja eigentlich kein Urlaub, weil sie in Wahrheit ja nur ihren Haushalt verlagerte, wurde von meinem Vater Jahr für Jahr ignoriert. Dass mir schlecht wurde, wenn er im Auto rauchte, auch.
Ich gebe heute gerne zu – ich mochte diese Reisen trotzdem. Ich verschwand tagelang in den Dünen, machte meinen »Führerschein« im »Legoland«, zog kiloweise eigene Kerzen in einer Kunsthandwerksmanufaktur, sammelte schon Mitte der Achtziger Pfandflaschen (und hatte plötzlich mehr Geld als sonst in einem Monat, ach was, in einem Vierteljahr), las stundenlang die »Bravo« und lernte mit dem Wetterbericht und der dänischen Ausgabe der TV-Show »Glücksrad«, dem »Lykkehjulet«, sogar ein wenig dänisch. Mein Vater rasierte sich in diesen drei Wochen grundsätzlich nicht und wahrscheinlich waren diese Reisen die einzige Zeit seines Lebens, in der er sich einigermaßen frei fühlte.

Nun also alles noch einmal. Als mein Vater überraschend den Wunsch äußerte, als Familie nach Dänemark zu fahren, lag unsere letzte gemeinsame Reise schon über fünfzehn Jahre zurück. Ich hatte irgendwann aufgehört, mit meinen Eltern zu verreisen, weil ich mir mehr Erholung davon versprach, wenn sie ohne mich verreisten – und ich allein zu Hause blieb. Aber mittlerweile lebte ich schon lange allein und außerdem noch in einer anderen Stadt, so dass ich spontan einwilligte. Auch, weil mein Onkel und meine Tante zugesagt hatten. Eine Woche Happy Family – was kann da schon passieren? Ich sollte mich – wie so oft in diesen Fragen – irren.
Da waren wir nun also im Herbst 2011. Meine Mutter, meine Tante, mein Vater, mein Onkel und ich. Wir, diese mitunter merkwürdig dysfunktionale Familie, kamen uns räumlich so nah wie sonst nie: nämlich alle unter einem Dach. Alle in einem riesigen Wohnzimmer mit integrierter Küche, davon abgehend hatten wir winzige Schlafzimmer mit sehr schmalen Betten und sehr dünnen Wänden. Die Zimmer waren so klein, dass man wirklich nur darin schlafen konnte oder wollte. Ich las auf dieser Reise »Die Arena« von Stephen King und ein wenig fühlte ich mich in diesen Tagen ebenfalls wie unter einer Käseglocke. Kurzum – Privatsphäre gleich null, Konfliktpotenzial gleich einhundert. »Big Brother« oder das »Dschungelcamp« lassen grüßen. Denn von den angekündigten sieben September-Sonnentagen regnete es an sechs.
Draußen war es also nass, kalt und windig. Und drinnen wurde es von Tag zu Tag ebenfalls stürmischer.
Mein Vater und mein Onkel redeten den ganzen Tag entweder über ihre nächste Mahlzeit oder ihre letzte Krankheit.Fersensporn, Reizdarm, Schwindel, Fließschnupfen, Ohrensausen, Sodbrennen, Schulterschmerz, Kniearthrose oder Ischias – es schien mir so, als spielten sie Krankheits-Quartett in einer Endlosschleife. Sie taten es umso mehr, je länger das schlechte Wetter andauerte – und eigentlich wirklich immer, wenn sie gerade nicht am Essen waren – oder auf der Toillette saßen.
»Essen ist der Sex des Alters«, sagt meine Mutter dann immer. Aber was sind dann ihre Krankheiten für ältere Leute? »Ich bin krank, also bin ich«, scheint jedenfalls ein zumeist männliches Phänomen des Alters zu sein. Und das besonders in meiner Familie. Und zwar ohne, dass mein Vater bis dato etwas Dramatischeres als einen Beinbruch oder eine Korrektur der Nasenscheidewand erlitten hatte.
Meine Mutter und meine Tante sprachen bisweilen zunehmend über ihre mitunter kränkelnden Beziehungen, so dass ich, auch wenn ich mich noch so tief in mein über tausendseitiges Buch verkroch, ihre Gespräche schlichtweg nicht überhören konnte – so sehr ich es auch wollte. Und ich wollte wirklich! Wer will schon über das Beziehungsleben seiner älteren Verwandten nachdenken?
Ich fühlte mich wie in der Falle. Es folgten wiederkehrende Kämpfe um die Toilette, den Warmwasserverbrauch, die Stromkosten, das Auto, den Kühlschrank, die Musik, die Belüftung, die Beleuchtung, mein Benehmen, meiner Mutters Benehmen, meines Vaters Sturkopf.
Ich entzog mich einmal täglich der Situation, indem ich mich in meinen Mietwagen setzte und zum einzigen WLAN-Hotspot im Umkreis fuhr, um mich ein wenig abzulenken. Können wir keine Harmonie oder müssen wir uns reiben, um zu sein? Ist Streit unsere Art der Aufmerksamkeit füreinander? Oder langweilen wir uns einfach nur schnell mit uns? Ich habe meinen Vater nie gefragt. Wahrscheinlich hätte er mich spätestens bei dieser Frage für völlig verrückt erklärt. Denn – so sehr wir uns auch streiten konnten – im Gegensatz zu mir war er immer in der Lage, nach fünf Minuten alles wieder zu vergessen.
Am Ende dieser Woche bildete ich mir jedenfalls ein, dass ich meinen Therapeuten dringender als je zuvor brauche. Ich habe mir geschworen, dass ich so einen Familienurlaub so schnell nicht wieder machen werde.
Es sollte unsere letzte gemeinsame Reise werden.

Von Nähe und Loslassen

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»100 Tage – 2400 Stunden – das klingt nach nichts ...«

Michael Schacht