Jessica Schulte am Hülse: »Verrat« | Leseprobe read’n’go

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Über »Verrat«

Was, wenn deine größte Hoffnung zu deinem größten Albtraum wird?

Verrat. Sieben Verbrechen an der Liebe – das sind sieben Geschichten, die uns teilhaben lassen an den Verletzungen, die sich Menschen willentlich oder unwillentlich im Namen der Liebe antun. Gemein ist den Erzählungen ein Verrat, der die Liebe zwischen zwei Menschen beschädigt, belastet, zerstört.

Am Ende jeder Geschichte stehen die Menschen traumatisiert oder auch befreit vor den Scherben dessen, was einmal Vertrauen, Geborgenheit, Freude und tiefe Liebe war.

Sieben wahre Geschichten über das Scheitern der Liebe: packend, traurig und von großer psychologischer Intensität.

Jessica Schulte am Hülse über »Verrat«

Jessica Schulte am Hülse, Porträt

»Gibt es einen größeren Verrat als den an der Liebe? Als an dem Menschen, der einem vertraut hat? Und gibt es einen größeren Schmerz als die Erkenntnis, dass man ein Liebe verloren hat? In diesem Buch erzähle ich in sieben wahren Geschichten vom Scheitern, von Abgründen und davon, was Menschen bereit sind auszuhalten im Namen der Liebe.«

Jessica Schulte am Hülse

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Kopfurlaub

Wer hätte gedacht, dass es so schwer sein könnte, sich die Pulsadern am Handgelenk zu öffnen? Mit dem schärfsten Küchenmesser schlug Jenny immer wieder auf dieselbe Stelle ein. Es begann zu bluten – aber nicht genug. Der Widerstand ihrer Haut machte sie aggressiv. Kratzen. Hauen. Schneiden. Wie, um Himmels willen, machte man das? »Nicht mal das schaffe ich!«, schrie es in ihr. Reste von Kokain, das ihr sonst immer so gut half zu vergessen, dass sie ihren Mann eigentlich längst hätte verlassen müssen, lagen noch auf dem Küchentisch. Jenny schob die Krümel zusammen. Sie hackte sie nicht klein, sondern zog sie so die Nase hoch. Danach putzte sie intensiv den Tisch, bevor sie sich wieder ihren Pulsadern widmete. Leise seufzte Jenny abwesend vor sich hin und starrte abwechselnd auf das Messer und ihre zerkratzten Unterarme. Sie saß auf dem Küchenboden und hörte einen Moment ihrem rasenden Herzen zu. Dann griff sie erneut zur Klinge. Hart, wütend, wild entschlossen vollbrachte sie mit einem einzigen kräftigen Schnitt ihr Werk. Erst links, dann rechts. Jetzt strömte das Blut schön gleichmäßig hervor.

Es tat nicht weh, bis Jenny daran denken musste, dass im Zimmer nebenan ihr Mann und ihre Tochter tief und fest schliefen. Ihr Herz krampfte. Kurz. Panisch ermahnte sie sich, jetzt nicht in eine Kokaindepression zu verfallen, sondern das durchzuziehen. Sie rannte ins Bad, umwickelte die blutenden Gelenke mit Mullbinden. Überall erkannte sie die blutigen Spuren ihrer Tat: auf dem Boden, im Gästebett, am Waschbecken. Ihre Tochter sollte das nicht sehen. Sie war doch erst zwei Jahre alt. Jenny wischte den Boden, schrubbte das Waschbecken, zog das Bett ab, schmiss die Laken und Bezüge in die Waschmaschine und stellte 95 Grad ein. Nichts sollte in dem schicken Loft in Hamburg-Eppendorf auf ihren Selbstmordversuch hindeuten. Vorerst nicht. In Schönschrift verfasste Jenny eine kurze Nachricht, die sie in der Mitte des blitzblank gewienerten Tisches platzierte:

Guten Morgen,
ich bin im Krankenhaus – bitte sag Klara, ich sei arbeiten.
Ich melde mich.
In Liebe
Jenny

Danach wählte sie die 112 und erklärte mit fester Stimme, was sie gerade ihren Pulsadern angetan hatte. Jenny zog ihren Bademantel über ihren Schlafanzug, steckte ihre Krankenkassenkarte und etwas Geld in die linke Tasche und wartete barfuß vor der Haustür, im Schatten hinter einem Baum versteckt, auf den Krankenwagen, während das Blut durch die provisorischen Verbände sickerte. Auch ihr schneeweißer Bademantel war voller Spuren. Langsam ging die Sonne auf, der Himmel war wolkenlos von schönstem Blau, Vögel zwitscherten, ein Reinigungsfahrzeug säuberte gemächlich surrend die Straße – es würde ein wundervoller Spätsommertag werden. Körperliche Schmerzen empfand Jenny immer noch nicht, ihr war nur ein wenig schwindelig. Zum Glück wirkte das Kokain noch, und die typische bleierne Müdigkeit und die grausamen Zukunftsängste machten sich noch nicht breit.

Als der Krankenwagen ohne Sirenengeheul – darum hatte Jenny bei ihrem Notruf eindringlich gebeten – um die Ecke bog, trat sie aus dem Schutz des Baumes auf die Straße. Die Sanitäter parkten, stiegen aus, und Jennys Knie gaben nach. Sie drohte ohnmächtig zu werden. Einer der zwei Männer fing sie auf, der andere holte die Trage aus dem Wagen. Jenny wurde fixiert und hochgehievt. Ihre Augenlider zitterten unkontrolliert. Behutsam wickelte der Sanitäter die Mullbinden von Jennys Gelenken, dickflüssig rot pulsierte Blut im Takt ihres Herzschlags hervor.

»Ich werde Ihnen jetzt einen Druckverband anlegen und Sie an einen Tropf hängen, da Sie vermutlich relativ viel Blut verloren haben. Im Krankenhaus werden die Wunden genäht.«
Konzentriert beobachtete er Jennys Gesicht und leuchtete in ihre Pupillen.
»Haben Sie Drogen genommen?«
»Ja, Kokain.«
»Wie viel?«
»Ich weiß nicht genau, vielleicht ein Gramm.«

Der Wagen fuhr an. Jenny war erleichtert. Es kam ihr vor, als führe sie in einen wunderschönen Urlaub, an einen sicheren Ort, an dem man sich um sie kümmern würde. Tränen füllten ihre braunen Augen und liefen ihre Wangen hinunter. Sie würde Christian endlich verlassen. So viel stand fest.

Endlich musste sie nicht mehr so tun, als wäre alles normal

In der Universitätsklinik Eppendorf angekommen, wurde Jenny sofort in einen kleinen ambulanten OP-Saal geschoben. Dort wartete sie – ganz allein mit ihrer unsagbaren Müdigkeit. Sie hasste sich in diesem Moment für ihre Schwäche, und langsam wurde ihr klar, was sie getan hatte. Dass sie es wirklich getan hatte. Am liebsten wäre Jenny aufgesprungen und wieder nach Hause gefahren, aber dafür war es jetzt zu spät. Es gab Dinge, die konnte man nicht ungeschehen machen. »Bleib ruhig«, ermahnte sie sich. Sie atmete tief ein, sie atmete tief aus. Dann döste sie weg. Als eine Person den Raum betrat, schreckte Jenny hoch. Einen Moment wusste sie nicht mehr, wo sie war. Aschgraue Ringe zierten ihre Augen.

»Guten Morgen, ich bin Dr. Henseler. Ich werde Ihre Schnittwunden nähen.« Der Arzt war um die fünfzig Jahre alt, wenige graue Haare lagen in einem dünnen Kranz um seinen ansonsten kahlen Schädel. Durch seine unmoderne, schwere Brille, die seine Augen leicht vergrößerte, sah er aus wie ein schlecht gelaunter Uhu. Jenny bemühte sich, sich auf Details zu konzentrieren, um nicht panisch zu werden. Eine Angewohnheit, die sie sich antrainiert hatte, wenn die Wirkung der Droge nachließ und die Angstzustände ihre Gedankenwelt zu übernehmen drohten. Details. Sich alles einprägen und dann im Geiste wiederholen, damit die Depression möglichst wenig Raum in ihrem Kopf einnehmen konnte. »Sie wissen, dass Sie, wenn Sie sich umbringen wollen, nicht quer, sondern längst die Adern aufschneiden müssen?« Mit den Fingern fuhr Dr. Henseler Jennys Unterarme entlang. Erst links, dann rechts. »So geht das, wenn man es ernst meint.« Er machte eine kurze Pause: »Ich werde Sie nach dem Nähen in die Psychiatrie überweisen. Dort müssen Sie mindestens eine Woche zur Beobachtung bleiben – auch wegen des Drogenmissbrauchs. Meine Anästhesistin wird Ihnen jetzt ein Plexusanästhetikum spritzen, das lokal ihre Arme betäubt, und ein leichtes Beruhigungsmittel«, ergänzte er emotionslos. Jenny nickte. Das konnte sie gut. Das machte sie oft. Das hatte sie über die Jahre in der Beziehung mit Christian verinnerlicht: nicken und akzeptieren, was er sagt. Mit so viel Härte in der Klinik hatte sie nicht gerechnet. Ihre Trennung begann anders, als sie es sich ausgemalt hatte. Zielstrebig begann die Depression in ihr hochzukriechen, sich ihrer zu bemächtigen. Wie ein bösartiger Zwerg setzte sie sich fest auf Jennys Brust. Das Atmen fiel jetzt schwer. Tränen sammelten sich in ihren Augen. In dem kargen OP-Zimmer gab es rein gar keine Details, nur ein Bett, weiße Schränke mit OP-Utensilien, die sie sich hätte einprägen können. Dr. Henseler begann zu nähen. Es kam Jenny äußerst grob vor. Nachdem der Arzt sein Werk vollbracht hatte und Jennys Gelenke professionell bandagiert waren, kam eine Krankenschwester mit einem Rollstuhl zu ihr an den OPTisch: »Ich bringe Sie jetzt rüber in die Geschlossene.« Jenny nickte. Sie wusste, was auf sie zukommen würde. Sie hatte sich seit Wochen umfassend informiert. Eingewiesen zu werden bedeutete vor allem, dass Jenny endlich nicht mehr so tun müsste, als wäre alles normal. Denn das war es schon lange nicht mehr. Viel zu lange. In der Psychiatrie würde sie zum Nachdenken kommen und es endlich schaffen, sich von ihrem untreuen, ewig lügenden Gefährten zu trennen und damit von den Huren, den Drogen, dem Fremdgehen und der permanenten Frage, ob Christian ihr gerade die Wahrheit sagte oder nicht. Er würde keine Chance mehr haben, sie weiter zu manipulieren. Christian hatte Jenny gebrochen – ihre Selbstwahrnehmung systematisch zerstört. Sein manipulatives Talent war bei ihr auf einen fruchtbaren Boden gefallen.

Die Aufnahme in die geschlossene Abteilung der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Eppendorf verlief zügig und unkompliziert. Jenny vergaß fast, dass sie eigentlich längst in einer tiefen Phase der Depression hätte sein müssen. Fahrig strich sie sich wieder und wieder durch die Haare. Ihre Augen waren halb geschlossen; unruhig zuckte sie immer wieder zusammen. Sie sah mitleiderregend aus. Eine andere Krankenschwester kam und brachte sie auf ihr Zimmer. Vorerst ein Einzelzimmer. »Ihre behandelnde Ärztin kommt gleich und wird Ihnen alles erklären, einen Medikamentenplan aufstellen und Sie für verschiedene Therapiestunden eintragen. Besucher können nur zu Ihnen kommen, wenn Sie die Namen in diese Liste schreiben.« Die Schwester reichte ihr ein leeres Blatt Papier. Jenny hatte nur zwei Namen: den ihrer Mutter und Christians. »Sie wirken erstaunlich gefasst«, sagte die Krankenschwester aufmunternd. Jenny nickte und brachte ein »Danke« zustande, zog den Bademantel aus und legte sich ins Bett. Geschafft. Das Beruhigungsmittel wirkte fabelhaft: Sie verspürte fast keine Angst vor dem nächsten Tag. Details interessierten sie nicht mehr. Sie fiel in einen komatösen Schlaf. Ohne einen Traum. Zum Glück.

Jenny und Christian – wie alles begann

Jenny und Christian hatten sich drei Jahre zuvor an der Universität in Hamburg kennengelernt. Sie war vierundzwanzig und studierte im sechsten Semester Politikwissenschaften, er war als Radiomoderator beim NDR schon stellvertretender Leiter des Politik-Ressorts. Er liebte seinen Job, und seine Zuhörer liebten seine prägnante Stimme, die durch ihre tiefe Wärme sehr männlich wirkte. Er bekam Liebesbriefe von Frauen, nur weil sie seine Stimme gehört hatten. Auf einem Symposium hatte Christian einen Vortrag gehalten und sich anschließend den Fragen der Studenten gestellt. Der Hörsaal war brechend voll und Christian zelebrierte sichtlich seinen Auftritt. Wie viele kleine Männer kompensierte er seine 1,65 Meter Körpergröße durch eine extrem hohe Meinung von sich selbst. Da Jenny etwas zu spät zu der Veranstaltung kam, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf einen der freien Plätze in der fast leeren ersten Reihe zu setzen. »Nehmen Sie ruhig Platz, dann fühle ich mich hier vorne nicht ganz so allein«, sagte Christian. Gekicher im Hörsaal. Jenny errötete.

Christian war zwölf Jahre älter als Jenny. Auf dem Empfang nach dem Vortrag kam er selbstsicher auf sie zu. »Sie sitzen wohl nicht gerne in der ersten Reihe«, sagte er. »Nicht wirklich«, antwortete Jenny. Christian nahm Jennys Hand, als hätte er nie etwas anderes getan, und zog sie hinter sich her bis zu dem kleinen Weinstand, der in einer Ecke des Raums aufgebaut worden war. »Weiß oder rot?«, fragte er. »Weiß«, entgegnete Jenny. Sie stießen an, und Christian begann Jenny auszufragen: über ihr Studium, ihre beruflichen Pläne danach, in welche Bars und Clubs sie gerne ging, ihre politische Meinung. Sie vollführte intellektuelle Gedankensprünge, bei denen es Christian – was selten geschah – vor Bewunderung fast die Sprache verschlug. Jenny sezierte und analysierte Themen schnell, knapp und mit unglaublicher Präzision. Warum wohl spricht er ausgerechnet mit mir?, fragte sie sich während ihrer Ausführungen immer wieder. Christian legte ganz selbstverständlich seinen Arm um ihre Taille, holte immer wieder Wein. Seine ganze Aufmerksamkeit schien nur ihr zu gelten. Er vermittelte Jenny das Gefühl, die einzige Frau im Raum zu sein. Dass sie schlicht die attraktivste Studentin war, wäre Jenny nie in den Sinn gekommen: Modelmaße, ihre langen rotbraunen Haare trug sie zu einem wippenden Pferdeschwanz gebunden. Jennys von Sommersprossen gesprenkeltes Gesicht besaß diese Strahlkraft, als würde es mehr Licht reflektieren als andere. Ihre optischen Reize widersprachen ihrem skeptischen Wesen. Schon seit ihrer Kindheit begleitete Jenny das ungute Gefühl, dass alle permanent ihr Verhalten beurteilten und mangelhaft fänden. Mit ihrer scheuen Intelligenz vermittelte sie Christian den Eindruck einer Gazelle, die ihre Umgebung pausenlos abtastete – jederzeit bereit, sich mit einem Sprung ins Unterholz zu flüchten.

Christian war ein Jäger, und Jenny hatte seinen Instinkt geweckt. Sie passte perfekt in sein Beuteschema. Was Christian einmal im Visier hatte, ließ er nicht entkommen. Mit Geschick, Geduld und viel Gefühl erlegte er Jenny schon an diesem ersten Abend. Sein selbstbewusstes Auftreten und seine absolute Konzentration allein auf sie gaben ihr ein Gefühl von Sicherheit.

Nach dieser ersten Begegnung waren Jenny und Christian unzertrennlich. Sie zogen nach zwei Wochen zusammen und waren von nun an nur noch als Paar unterwegs: sehr verliebt und unglaublich attraktiv. Das Hamburger Abendblatt nannte sie, nachdem sie das erste Mal zusammen auf einer Kinopremiere gewesen waren, »Hamburgs neues Traumpaar«. Christian liebte diese Aufmerksamkeit, Jenny war sie unangenehm.

Als Jenny und Christian ein Jahr zusammen waren, bestand sie ihren Master in Politik- und Medienwissenschaften. Für Jenny war von Anfang an klar, dass sie direkt im Anschluss promovieren würde. Einen Doktorvater hatte sie bereits, und neben der Arbeit an ihrer Dissertation jobbte sie in einem Café und half anderen Studenten, sich auf ihre Bachelor- und Master-Prüfungen vorzubereiten. Alles schien so makellos und beneidenswert harmonisch – als seien Christian und Jenny direkt einer Soap-Opera entstiegen. Streit gab es nie. Vielleicht war schon das verdächtig. Sie ergänzten sich perfekt, auch in ihren Fehlern.

Jenny war Christians Stimme, seinem Geruch und Körper geradezu verfallen. Sie erlebte eine Intimität und Orgasmen, die sie vorher in dieser Intensität nicht gekannt hatte. Es war, als könnte Christian zu ihrer sorgsam versteckten Seele durchdringen. Mit ihm an ihrer Seite verspürte Jenny Energie und Geborgenheit: Christian schien ihr jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Außerdem war er der perfekte Hausmann: kaufte ein, organisierte große Dinnerpartys mit Freunden, kochte, putzte und sah dabei auch noch fantastisch aus. Jenny blühte auf. Sie fühlte sich nur noch selten beobachtet und negativ bewertet. Zumindest eine Zeit lang.

Wenn Jenny und Christian ein Abendessen auf ihrer großen Terrasse veranstalteten, war der Tag davor ausgefüllt mit Einkäufen. Christian liebte es, in Feinkostabteilungen und Weinläden sein Wissen zu präsentieren. Jenny kümmerte sich um den aufwendig gedeckten Tisch und die Blumendekoration. Wenn sie am frühen Abend die letzten Vorbereitungen trafen und Christian mit seiner Kochschürze am Herd wahre Wunder vollbrachte, hörten sie klassische Musik, Dean Martin oder französische Chansons. Manchmal sah Jenny sich mit einem Glas Wein in der Hand in der großen Küche verwundert um und strahlte vor sich hin. Unmerklich nickte sie, ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Wenn sich alle versammelt hatten, gab Christian den zuvorkommenden Gastgeber, Jenny bediente und hielt sich im Hintergrund. Schauspieler, Künstler, Politiker, Journalisten, Studenten und Professoren saßen an der langen Tafel unterm Sternenhimmel auf der Dachterrasse. Es wurde viel getrunken, die Gespräche waren laut und lebhaft, schwollen an und ebbten ab, es ging um Kultur, Politik, Ehekrisen, Liebe, schmutzige Witze und oft auch um Christians Sendung, die inzwischen mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden war. Wenn die Runde aus guten Freunden bestand, wurde gegen Mitternacht der erste Joint gedreht, Kokain lag auf einem silbernen Tablett mitten auf dem Tisch. Jenny machte manchmal mit, wirkliches Interesse hatte sie anfangs noch nicht an den Drogen, die bei Christian zu einem gelungenen Abend dazugehörten.

Wenn er eine Auszeit brauchte, fuhr er mit Jenny in seinem Porsche Cayenne an die Nordsee. Christians Familie besaß ein Haus in Dänemark. Nach Jennys Universitätsabschluss und bevor sie mit der Dissertation beginnen wollte, planten Christian und sie, eine Woche in dem reetgedeckten Haus zu verbringen. Die Luft roch nach Salz, vom Garten aus konnte man die Dünen sehen, hinter denen sich kilometerweit der Blokhus Strand erstreckte. Es war November, und kaum angekommen, machte Jenny sich daran, in dem kleinen Ofen im Wohnzimmer ein Feuer zu entfachen, während Christian in der Küche ihre Vorräte auspackte und verstaute. Er öffnete eine Flasche Crémant und brachte Jenny ein Glas. »Ich bin glücklich«, sagte Jenny, die in dicken Wollsocken und einem übergroßen Karohemd aussah wie ein kleines Mädchen. Christian küsste sie, sie liebten sich auf dem Boden vor dem Ofen. Christian machte Jenny einen Heiratsantrag und überreichte ihr einen goldenen Ring mit einem kleinen Rubin in Form eines Herzens. In dieser Nacht wurde Jenny schwanger. Dass sie vor zwei Monaten die Pille abgesetzt hatte, wusste Christian. Sie wünschten sich beide ein gemeinsames Kind. Alles war so unbeschwert und harmonisch. Christians Untiefen und Abgründe lernte Jenny erst in ihrer Schwangerschaft kennen.

Nichts war so schmerzhaft und zersetzend wie dieses Misstrauen

Christian war ein Mann mit starker Persönlichkeit. Einer, der gerne im Mittelpunkt stand. Im Zentrum. Er verstand sich blendend darauf, Blicke und Aufmerksamkeit sämtlicher Frauen auf sich zu ziehen. Und: Sein Verlangen nach Bestätigung war fast beängstigend. Seine Hände konnten es auf Partys, Abendessen und Veranstaltungen nicht unterlassen, permanent auf irgendwelchen Pobacken ihre sanften Kreise zu ziehen. Abenteuerlustig wanderte sein Blick in jedes Dekolleté. Stets umarmte er Frauen einen Moment zu lang und zu intensiv, die meisten fühlten sich geschmeichelt. Jenny lernte, das zu ignorieren. Unangenehm war es ihr trotzdem, und es nagte an ihrem Selbstwertgefühl. Das einstige Empfinden, für Christian die einzige Frau im Raum zu sein, wurde zu einer trüben Erinnerung aus einer längst vergangenen Zeit. Für Christian schienen, seit Jenny schwanger war, jeder Hintern und jeder Busen interessanter als die seiner Freundin. Stets verglich sich Jenny mit den anderen Frauen und fühlte sich unterlegen. »Du bist krankhaft eifersüchtig, Schatz. Sprich darüber doch bitte mit einem Psychoklempner«, war Christians Standardsatz, wenn Jenny ihn darauf ansprach, dass er auf einer Party wieder extrem und für jeden offensichtlich mit einer seiner zahlreichen Praktikantinnen geflirtet hatte. »Du musst dringend etwas gegen deine Ängste unternehmen«, säuselte er ihr am nächsten Tag ins Ohr. Wie sehr er sie liebe, betonte er stets, und dass er es doch gar nicht nötig habe, sie zu betrügen, denn schließlich sei er ja mit der attraktivsten Frau der Welt zusammen. »Ich würde dich nie hintergehen, das ist doch nur Spaß.« Jenny glaubte ihm, weil sie ihm glauben wollte. Auch Jennys Freundinnen himmelten Christian an und beneideten sie um ihre Beziehung. »Worüber kannst du dich denn beklagen?«, wurde Jenny immer kopfschüttelnd gefragt. Aus ihrer Sicht hatte Jenny einen Mann, der sie auf Händen trug, ein Baby in ihrem Bauch, einen Verlobungsring am Finger, um Geld musste sie sich keine Sorgen machen. Christian war wirklich mehr als großzügig. Ihre Jobs hatte Jenny mit Beginn der Schwangerschaft aufgegeben, theoretisch könnte sie sich voll und ganz auf ihre Dissertation konzentrieren. Jenny nickte.

Je länger sie mit Christian zusammen war, desto heftiger wurden seine Flirt-Eskapaden und desto öfter attackierte er Jenny. Statt Christian zur Rede zu stellen, wurde Jenny so paranoid, wie Christian es ihr einredete. Sie glaubte, sie sei krankhaft eifersüchtig, und nicht, dass ihr Mann notorisch untreu sei. Jenny begann eine Psychoanalyse, und ihr Analytiker war der Ansicht, Jenny leide unter einem Kindheitstrauma, einer übermäßig großen Verlustangst.

In der Schwangerschaft nahm Jenny achtundzwanzig Kilo zu. Christian schlief nicht mehr mit ihr. Beruflich war er viel unterwegs. Es lief sehr gut für ihn. Als Journalist genoss er hohes Ansehen, flog für Interviews mit der Kanzlerin im Airbus der Bundesregierung mit, gewann Preise, sein Gehalt stieg, er wurde als neuer Chefredakteur des Senders gehandelt. Abends ging er immer öfter nicht ans Telefon, wenn Jenny ihn anrief. Mit jeder Woche der Schwangerschaft wurde sie misstrauischer und unsicherer. Sie begann, ihn fast stündlich anzurufen, schickte massenhaft SMS und E-Mails, über seine Assistentin ließ sie Christian Nachrichten zukommen, und in verschiedenen Hotels terrorisierte sie die Rezeption mit Anrufen. Wenn Christian nach Hause kam, durchwühlte sie seine Taschen. Einmal fand sie Kondome und rastete vollkommen aus. Christian lachte sie aus. »Die haben sie mir als Werbegeschenk auf einer Veranstaltung gegeben.« – »Gehst du noch regelmäßig zu deiner Therapie?«, fragte er besorgt hinterher. Jenny nickte. Sie schämte sich für ihre Unterstellungen.

Nichts war so schmerzhaft und zersetzend wie dieses Misstrauen. Ihre Dissertation kam nur schleppend voran, weil Jenny sich ununterbrochen mit der Frage beschäftigte, was Christian gerade tat. Ihr Bauch war monströs, ihre Beine und Brüste geschwollen und ihr einst schmales Gesicht ein konturloser Ballon. Ihre skeptische Schüchternheit kehrte zurück, gepaart mit Ängsten und dem Gefühl totaler Unzulänglichkeit. Sie fühlte, dass irgendetwas nicht stimmte in der Beziehung zwischen Christian und ihr. Und sie ging davon aus, dass es an ihr lag.

Wieder einmal verbrachten sie ein Wochenende in Dänemark. Das erste seit Monaten. Jenny und Christian machten einen langen Spaziergang am Strand. Es war kühl an diesem Samstag im März. Der Wind blies. Oben auf einer Düne blieben sie stehen und schauten auf das aufgewühlte Meer. Die See war rastlos und unerbittlich grau. Am Himmel rasten die Wolken vorbei, und eine aufgeregt schnatternde Formation Wildgänse stieg in die Höhe. Christian umarmte Jenny von hinten und streichelte dabei zärtlich ihren Bauch. »Ich bin glücklich«, sagte er, strich ihr Haar zur Seite und küsste ihren Nacken. »Wir bekommen ein Kind.« Jenny fühlte nur Zweifel. Sie sagte nichts. Sie wollte diesen schönen Moment nicht zerstören. Immer und immer wieder hatte Christian ihr vorgeworfen, alles kaputt zu machen mit ihrer krankhaften Eifersucht.

Zwei Wochen später hatte sie Christian fünf Tage nicht erreicht. Fünf Tage lang hörte sie seine Interviews und Kommentare im Radio. Sie hatte sein Umfeld wieder wie eine Furie mit ihren Anrufen terrorisiert. An der Stimmlage der Assistentin und der Angestellten in den Hotels glaubte Jenny Mitleid zu hören. Mitleid mit der betrogenen Frau? Oder Mitleid mit der hysterischen, fetten Schwangeren? Jenny wollte nie eine dieser Frauen sein, die die Hosentaschen ihrer Männer durchwühlten, doch genau so eine war sie jetzt. Als sie den Schlüssel in der Haustür hörte, lag Jenny in der Badewanne. »Schatz, ich bin in der Wanne«, rief sie sehnsüchtig. Christian betrat das Bad. »Bist du vollkommen übergeschnappt?«, fragte er. »Was soll das? Ist es, weil du schwanger bist?«, fügte er etwas ruhiger hinzu. Er setzte sich auf den Rand der Wanne. Dann packte er sie am Hals. Drückte sie, ohne ein weiteres Wort, einfach unter Wasser. Sie strampelte, schnaubte, wehrte sich. Nach unendlich langen dreißig Sekunden ließ er von ihr ab. Christians Brust hob und senkte sich vor Anstrengung, sein Gesicht war ausdruckslos, seine Stimme eiskalt: »Siehst du, wozu du mich gebracht hast? Ich muss hier raus, sonst werde ich noch verrückt. Warum vertraust du mir nicht? Du bist so ein undankbares Miststück«, sagte er, bevor die Haustür wieder ins Schloss fiel. Jenny nickte. Sie hatte Angst. Halb stand sie unter Schock, weil Christian ihr gegenüber noch nie handgreiflich geworden war, halb hatte sie immer schon damit gerechnet, dass er sich eines Tages nicht mehr kontrollieren könnte, wenn ihm etwas missfiel. Jenny weinte. Sie hatte mit ihrer Kontrollsucht alles zerstört. Jenny fühlte sich schrecklich schuldig, löschte alle Nummern von Sekretärinnen und Assistentinnen. Sie würde ihm nie wieder hinterherspionieren. Auch in dieser Nacht kam Christian nicht nach Hause. Immer wieder nahm Jenny ihr Telefon in die Hand. Immer wieder legte sie es weg. Am nächsten Tag fragte sie Christian nicht, wo er die Nacht verbracht hatte.

Jennys geborgtes Selbstbewusstsein

Drei Monate später kam Klara zur Welt. Die Geburt fiel Jenny erstaunlich leicht. Sie dauerte gerade mal zwei Stunden. Christian war in seiner Aufregung so fürsorglich und einfühlsam, dass er sämtliche Schwestern und die Hebamme im Krankenhaus zu Freudentränen rührte. Stolz hielt er Klara auf dem Arm und liebkoste Jenny, als hätte es nie einen einzigen Disput gegeben. Als sei alles Vergangene wirklich Vergangenheit, und von jetzt an würde es nichts und niemanden mehr für ihn auf der Welt geben als Klara und Jenny. Da war er wieder: der Vorzeigemann. Der, den alle Frauen sich erträumten, der, den auch Jenny für ihren Traummann hielt.

Nach der Schwangerschaft blühte Jenny wieder auf: innerhalb kürzester Zeit hatte sie wieder ihre Traumfigur, ihre Dissertation kam gut voran, Klara war ein unkompliziertes Baby. Auf der Straße sah Jenny bewundernde Blicke, wenn sie als Familie mit Kinderwagen unterwegs waren. Ja, sie waren ein tolles Team. Als Vater war Christian von Anfang an sehr engagiert. Er wickelte und badete sein kleines Mädchen, er kaufte die süßesten Bodys und Kleidchen. Er war vollkommen vernarrt in Klara. Wenn Jenny die beiden beobachtete, hüpfte ihr Herz vor Freude. Ein Au-pair-Mädchen aus Chile wurde eingestellt, als Klara ein halbes Jahr alt war, und Christian bekam tatsächlich den Posten als Chefredakteur.

Eine Weile ging es gut. Besonders, weil Klara da war; Klara mit ihrer grenzenlosen Liebe. Die Mutterrolle erfüllte Jenny mit einer größeren Freude, einem Frieden, als sie je zu hoffen gewagt hatte. Jenny war zuversichtlich, zufrieden – wie ausgewechselt.

Nur Sex hatten sie und Christian weiterhin kaum noch. Um Christian zu gefallen und mit den vielen – wie Jenny dachte – schöneren, jüngeren, wilderen Frauen mithalten zu können, tat sie Dinge, die sie eigentlich gar nicht wollte und die ihr nach und nach emotional den Boden unter den Füßen wegrissen: Sie nahm Drogen mit Christian und seinen Freunden und beschwerte sich nie, wenn sie dann nach einer Stunde Schlaf mit Klara auf den Spielplatz ging, während Christian seinen Rausch bis nachmittags auskurierte. Sie knutschte auf Partys mit wildfremden Frauen vor den Augen Christians, damit er begriff, dass sie nicht verklemmt war. Sie begleitete Christian und zwei seiner besten Freunde in einen Puff. »Das La Bohème ist eher eine Bar, in der man aber auch mit einem Mädchen aufs Zimmer gehen kann«, hatte Christian ihr erklärt. Jenny war neugierig und auch schon so angetrunken, dass es ihr wie ein großer Spaß vorkam, als Frau mit in solch einen Laden zu gehen. Und im La Bohème lernte sie auch, wie man ganz einfach an der Bar Kokain bestellte: Champagner mit Schuss lautete das Codewort. Jenny ging als Erste mit dem Röhrchen auf die Toilette. Das Kokain, dieses geborgte Selbstbewusstsein – sie liebte es plötzlich.

Es half ihr, die Frau zu sein, die sich Christian an seiner Seite wünschte. Doch obwohl sie alle diese Dinge für ihn tat, schaffte er es weiterhin, ihr ein Gefühl von Minderwertigkeit zu geben. So hatte er Jenny emotional und psychisch vollkommen im Griff. Jedes Mal, wenn sie einen kleinen Erfolg vorweisen konnte, wenn beispielsweise die Fortschritte ihrer Dissertation von ihrem Doktorvater gelobt wurden, sagte Christian nur: »Brauchst du tatsächlich meine Anerkennung, nur weil du ein paar Seiten vollgeschrieben hast? Schatz, das ist ja wirklich armselig.« Jenny nickte. Diese Opfer muss ich bringen, redete sie sich ein. Dann war Christian wieder weg. Er musste viel reisen, ans Telefon ging er tagelang nicht. Dieses Mal blieb Jenny ruhig. Dabei war diese Ruhe das Letzte, was sie brauchte. Jenny brauchte Ablenkung, um nicht wieder ihrem alten Muster des Kontrollwahns zu verfallen.

Instinktiv spürte sie, wenn sie sich auch nur für eine Sekunde weiter einzugestehen begann, was Christian tat, wenn er unterwegs war, wenn sie diese Bilder zuließe, dann wäre sie tot. Dann könnte sie diese Beziehung nicht mehr aufrechterhalten. Also verschloss sie die Augen, trank auf Partys mehr als ihr guttat, und später am Abend kam Kokain dazu. Sie kramte in Christians Jacketttasche, der dann meistens gerade wieder zärtlich den Arm um eine wildfremde Frau gelegt hatte, fand das Röhrchen mit dem weißen Pulver und ging damit auf die Toilette. Sie tanzte, unterhielt sich stundenlang und behielt in ihrer Erinnerung nur die hellsten und lustigsten Momente der Nacht. Den Rest schmiss sie weg. In einer Ecke ihres Kopfes befand sich ein Mülleimer, in dem alles verschwand, was Jenny nicht sehen wollte.

Später würde sie im morgendlichen Dämmerlicht Arm in Arm mit Christian nach Hause gehen, sie würden sich vielleicht küssen, und wenn er betrunken genug war, vielleicht auch mal wieder miteinander schlafen. Seit Jenny wieder schlank war, fasste er sie auch ab und zu wieder an. Den nächsten Tag würde sie schon irgendwie überstehen. Au-pair Clarina würde morgens zu ihrem Deutschkurs gehen, Jenny sich übermüdet und ausgelaugt um Klara kümmern. Es war wie immer.

Nach solchen Partynächten bewegte sich Jenny wie eine Marionette durch den Tag. Nur die zu erfüllenden Pflichten hielten sie zusammen. Und wenn sie es geschafft hatte, etwas Kokain übrig zu lassen, halfen auch diese Reste, die sie, in Miniportionen verteilt, heimlich konsumierte. Manchmal fühlte sich Jenny, als ob ein fremder Mensch in ihrer äußeren Hülle und mit einer Maske ihres Gesichts durch ihr Leben laufen würde.

Ihr Aussehen veränderte sich: Ihr Gesicht war aufgedunsen vom Trinken, von den Drogen und von zu wenig Schlaf. Man sah Jenny inzwischen an, dass etwas ganz und gar nicht stimmte – auch wenn sie nach außen immer weiter die Starke gab, die keine Probleme hatte. Als Beweis dafür, ihr Leben weiterhin im Griff zu haben, arbeitete Jenny wie eine Wahnsinnige an ihrer Doktorarbeit. Die Schnelligkeit und Konsequenz, mit der sie ihre Promotion vorantrieb, gaben ihr das Gefühl, alles andere sei ebenfalls in Ordnung. Parallel profilierte sie sich vor sich selbst als perfekte Mutter: Mehrmals in der Woche hatte Klara Besuch von mindestens vier Kindern. Jenny kochte für die Kita, ging mit Klara zum Schwimmen, Englischunterricht, organisierte Elternabende. Sich selbst spürte sie kaum noch. Dass sie sich nicht mehr spürte, erst recht nicht. Christian war nur noch selten da.

Schon als Kind hatte sie gelernt, die Angst zu verdrängen

Die Fähigkeit, Warnsignale einfach zu ignorieren und Lügen zu akzeptieren, hatte Jenny schon bei ihrer Mutter Theresa gelernt. Theresa war wie Christian sehr talentiert darin, sich Vorkommnisse oder Erlebnisse so zurechtzubiegen, dass sie in ihr Selbstbild passten. Auch Theresa hatte Jenny manipuliert, auch Theresa hatte ein Suchtproblem. Bei ihr war es der Alkohol. Jennys Vater hatte ihre Mutter verlassen, als Jenny dreizehn Jahre alt war, weil er die Hirngespinste und Lügen seiner Frau nicht mehr aushielt. Theresa erfand Geschichten, die sie voller Inbrunst erst in Kneipen erzählte und später zu Hause. Jenny hatte sich schon als kleines Kind in ihrem Kopf einen Mülleimer zugelegt, in den sie bei Bedarf die unangenehmen Situationen mit ihrer Mutter hineinwerfen konnte. Die Trennung ihrer Eltern war für Jenny gar nicht so schlimm. Nun hatte sie zwei Kinderzimmer und konnte zwischen Mama und Papa im Wochentakt hin- und herwechseln.

Seit ihr Vater ausgezogen war, gab es keinen Streit mehr. Davor oft. Vor allen Dingen, wenn ihre Mutter betrunken war. Es gab Geschrei und Prügeleien, und immer wieder stand die Polizei vor der Tür. Dann öffnete Jenny den Beamten und erklärte, dass alles nur ein Missverständnis sei und in bester Ordnung. Jennys Mutter umarmte sie dann und ergänzte lächelnd an der Wohnungstür: »Nur ein Ehestreit. Nichts weiter.« Die Beamten zogen erleichtert ab. Jenny wischte das Blut weg. Kopf-Mülleimer auf, Kopf-Mülleimer zu. Jenny hatte als Kind in solchen Situationen nie Angst gehabt – dachte sie. Dabei hatte sie schon als Kind gelernt, die Angst einfach zu verdrängen. Jennys jüngeres Ich hatte bereits mit der Perfektion der Verdrängung von unangenehmen Gefühlen begonnen, Jennys älteres Ich hatte diese überlebenswichtige Strategie einfach nur fortgesetzt. Nur eine Szene kroch ab und zu hervor: Bis heute wachte Jenny nachts manchmal auf, weil sie davon träumte, wie ihre Mutter nach zu viel Alkohol immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand lief. Ihr Vater wollte Theresa festhalten; sie schaffte es dennoch, immer wieder ihren Schädel mit einem dumpfen Knall gegen die Wohnzimmerwand zu rammen. Trotz dieser Situationen wusste sie, dass beide Eltern sie unendlich liebten. Sie war Einzelkind, gut in der Schule, sportlich, beliebt und sowohl für ihre Mutter als auch für ihren Vater das Wichtigste. Über diese »schlimmen Abende«, wie Papa Wolf immer sagte, wurde offen geredet. Die Erinnerung blieb.

Wann genau ihr Bewusstsein für sich selbst dann komplett aus der Halterung gerissen war, wann sie damit begonnen hatte, Verrat an sich selbst zu begehen, konnte Jenny im Nachhinein nicht rekonstruieren. Hatte es schon in ihrer Kindheit angefangen? Hatte Christian sie dazu getrieben? Oder waren es die Drogen? Das Geräusch, dieser dumpfe, ekelhafte Ton knackender Schädelknochen, wenn sie gegen die Wand schlugen, verfolgte Jenny nach Klaras Geburt immer öfter in ihren Träumen. Aber jetzt war es Mama Theresa, die krampfhaft versuchte, ihre Tochter davon abzuhalten, ihren Kopf gegen die Wand zu knallen. Jenny und ihre Mutter hatten die Rollen getauscht: Nun war es Jenny, die sich selbst zerstörte und dies partout nicht sehen wollte.

»Sie sind kokainabhängig«, stellte die Ärztin fest

Nach einigen Stunden Schlaf wurde Jenny von einem sanften Klopfen an der Tür ihres Einzelzimmers in der Psychiatrie geweckt. Frau Dr. Lammertz, Jennys Ärztin, trat ein. Sie besprachen kurz den Medikamentenplan und wann Jenny zu ihrer ersten Einzelstunde kommen sollte. »Heute am Nachmittag ist noch etwas frei«, sagte Frau Dr. Lammertz. »Kommen Sie bitte um 16 Uhr.« Dann erklärte sie Jenny noch, zu welchen anderen Terminen sie vom nächsten Tag an gehen sollte: Gruppentherapie, Entspannungsübungen, Nachsorge ihrer Narben. Es war 12 Uhr, und Jenny ging in den Essensraum. Zum ersten Mal sah sie, wer sonst noch auf ihrer Station untergebracht war. Die meisten sahen müde und bedrückt aus – verlebt. Jenny wollte sich nicht unterhalten und ging mit dem Mittagessen auf ihrem Tablett zurück in ihr Zimmer. Hunger hatte sie eigentlich nicht, aber sie zwang sich, ein paar Happen des Eintopfes zu sich zu nehmen. Für 14 Uhr hatte sich Christian angekündigt. Er war schon am Morgen ihrer Einlieferung von der Klinik darüber informiert worden, dass Jenny für mindestens eine Woche geschlossen-stationär behandelt werden würde. Er sollte ihr ein paar Sachen bringen: Waschzeug, Zahnbürste, Schlafanzüge, Sportzeug, Bücher. Computer und Mobiltelefone waren auf der Geschlossenen verboten. Als Christian, ohne zu klopfen, ihr Zimmer betrat, saß Jenny auf einem Stuhl am Fenster und starrte durch das vergitterte Glas in den parkähnlichen Garten. Er stellte die Tasche mit ihren Sachen auf das Bett und setzte sich daneben.

Jenny konnte nicht anders, sie ging zu ihm, setzte sich auf seinen Schoß und weinte bitterlich. Ihr ganzer Körper bebte. Was hatte sie nur getan? Für einige Minuten hielt Christian sie fest. Sie umklammerte ihn geradezu. Sanft löste er sich aus ihrer Umarmung und schob sie neben sich aufs Bett. Er zeigte auf die Tasche: »Wenn du das wirklich willst, dann mach es. So eine Mutter braucht Klara ganz sicher nicht. Zwischen deinen Sachen ist das Messer.« Jennys Beine zitterten, als ob ein unsichtbarer Marionettenspieler die Fäden in der Hand hätte und sie gerade neu sortieren würde. Ihre Enttäuschung spiegelte sich in seiner wider. Jenny kam sich unglaublich dumm und einfältig vor. Sie hatte Christian und Klara verraten mit ihrem Selbstmordversuch. Oder nicht? Bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte, stand Christian auf und ging. Er drehte sich nicht einmal um. Es blieb sein einziger Besuch in der Psychiatrie.

Zwei Stunden später saß Jenny in dem kleinen Büro von Frau Dr. Lammertz, über den Vorfall mit Christian sprach sie nicht. »Sie sind kokainabhängig«, stellte Frau Dr. Lammertz sachlich fest, nachdem sie den Aufnahmebericht überflogen hatte. »Ich habe es konsumiert«, entgegnete Jenny. »Ich bin aber nicht abhängig«, ruderte sie gleich wieder zurück. »Ich brauchte das Zeug nur, um mich von meinem Mann zu befreien und abzuschalten.« Die Therapeutin deutete auf ihre verbundenen Gelenke: »Und das brauchten Sie auch?« »Das gehörte zu meinem Plan. Ich habe mein Leben im Griff, schreibe an meiner Dissertation. Ich bin eine verantwortungsvolle Mutter.« »Das nennen Sie verantwortungsvoll?« Dann schwieg Frau Dr. Lammertz und schaute Jenny einfach nur an. Abwartend, aber nicht abwertend. Jenny rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her, wie ein kleines Mädchen, das sich beim Lügen ertappt fühlte. Erinnerungen schossen während der abscheulichen Stille durch ihren Kopf: Toilettenschüsseln, Schlaftabletten, Huren, Panikattacken, das permanente schlechte Gewissen, Lügen, Kokain. Immer wieder Kokain. Der Gedanke daran, dass sie in den letzten Monaten fast nur allein unterwegs gewesen war, während Christian und das Au-pair Clarina sich liebevoll um Klara gekümmert hatten, hielt sie unangenehm im Klammergriff. Aber noch war Jenny nicht bereit, die Geschichte des Trennungsplans und des kontrollierten Konsums aufzugeben. Noch konnte sie die Wahrheit nicht annehmen. Am liebsten hätte Jenny die Therapeutin mitsamt ihrem Stuhl einfach umgekippt. Was bildete sich diese Dr. Lammertz eigentlich ein? Eine weltfremde Ärztin, die vom Leben außerhalb des sicheren Klinikgeländes keine Ahnung hatte, und von Jennys erst recht nicht. »Ich bin aber nicht abhängig«, wiederholte Jenny beinah tonlos. Nicht mal sie selbst glaubte sich ihre Worte in diesem Moment. »Wie Sie meinen«, entgegnete Frau Dr. Lammertz. Als Jenny das Zimmer verließ, drückte sie ihr einige Broschüren in die Hand: »Ich würde mich freuen, wenn Sie sich das mal ansehen.« Jenny nickte. Es waren Angebote verschiedener Suchtkliniken. Therapiedauer: drei Monate. Mindestens. Nach dieser ersten Einzelstunde, die in Wahrheit nur fünfzehn Minuten dauerte, weil Jenny kein Wort mehr sagte und bockig auf den Boden starrte, begann etwas in Jenny zu arbeiten. Immer wieder nahm sie die Broschüren in die Hand, die nun auf ihrem Nachttisch lagen. Sucht?

In der Nacht wachte Jenny auf. Es herrschte eine bedrohliche Unruhe auf den Fluren der Psychiatrie, als ob nachts die Ängste der Patienten Freigang hätten. Irgendwo schrie eine Frau, Jenny meinte auf dem Flur ein Wimmern zu hören und nervöse Schritte. Auf und ab. Auf und ab. Einmal mehr redete sich Jenny ein, dass sie weit entfernt von diesem unkontrollierten, unglücklichen Zustand ihrer Mitpatienten war. Stocksteif lag sie in ihrem Bett, als eine Schwester ihren Kontrollgang machte: »Brauchen Sie noch etwas? Eine Schlaftablette?« Jenny nickte. Den Rest der Nacht hörte sie nichts mehr.

In den Gruppentherapien der nächsten Tage schwieg Jenny beharrlich und lauschte mit hochrotem Kopf den Geschichten anderer Patienten: eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, die als Bankangestellte arbeitete und die Koks nahm, weil sie sich vollkommen überfordert fühlte. Ein wunderhübsches junges Mädchen, das aufgrund ihres Cannabiskonsums jetzt an einer Angststörung litt. Ein BWL-Student aus Südafrika, der behauptete, mit Diamanten gehandelt zu haben, bevor er der größte Ecstasydealer Hamburgs wurde und dann selbst darauf hängen blieb. Und eine erschütternd bescheiden aussehende ältere Dame, die erst ihren Mann verloren hatte und dann so viel soff, dass sie sowohl ihren Job als auch ihre Wohnung und ihre Freunde verlor. Die Schicksale und Umstände all dieser Menschen rührten Jenny.

Dieser Moment, in dem alles klar wurde, jede Lüge aufgedeckt, tat unsagbar weh

Nach vier Tagen brach der erste Damm. Ohne einmal abzusetzen, erzählte Jenny in einer Einzelstunde bei Frau Dr. Lammertz von dem Abend, an dem sie sich für ihren Suizid entschied und ihr klar wurde, dass ihr gesamtes Leben mit Christian eine Lüge war, weil sie die Realität verdrängt hatte. Einen Monat zuvor war Jenny einen Tag eher als geplant von einem Besuch bei ihren Eltern aus Kiel zurück nach Hamburg gekommen. Christian hatte sie extra nichts gesagt, weil sie glaubte, er wäre ja eh nur genervt, wenn sie ihn über so unwichtige Details informieren würde. Klara blieb noch in Kiel bei Jennys Mutter Theresa, weil Clarina für zwei Wochen zu ihrer Familie nach Chile geflogen war. Jenny hatte einen wichtigen Besprechungstermin bei ihrem Doktorvater. Sie freute sich darauf, war gut vorbereitet. Als sie die Wohnungstür aufschloss, hörte sie die typischen Geräusche. In ihrem Bett fickte Christian seelenruhig irgendwen. Jenny wurde schlecht. Plötzlich waren alle sorgfältig verdrängten und verharmlosten Bilder und Verdächtigungen wieder da. Die Wahrheit hob ihr hässliches Haupt: Christian hatte ihr einen Mann vorgelogen, der er nicht war. Plötzlich fügten sich Situationen und Verdachtsmomente aneinander wie in einem Daumenkino: alle diese heimlichen Küsse, Christians Hände an den Pos und Busen jeder halbwegs attraktiven Frau. Die Kondome. Jennys Kehle war wie zugeschnürt, als würde sie von einer unsichtbaren Hand gewürgt.

Dieser Moment, in dem alles klar wurde, jede Lüge aufgedeckt, tat unsagbar weh. Wie ein Sterben. Die Realität zerstörte jede Illusion, und vielleicht war das das Schlimmste: Ohne Halt stürzte Jenny ins Bodenlose. Das Leben, die Familie und die Liebe, wie sie zuvor doch irgendwie existierten, waren vorbei. Ausgelöscht. Sie wünschte sich sehnlichst die Lüge zurück, weil die Wahrheit zu quälend war. Aber: das Wesentliche passte brutal gut zusammen. Leider. Manche Dinge konnte man nicht ungeschehen machen. Für einige Sekunden gelang es Jenny nicht, ihren Blick von den sich rhythmisch bewegenden, schwitzenden Körpern abzuwenden. Sinnlos, unfair, brutal. Irrtum ausgeschlossen. Verdrängung nicht möglich – Jenny war nüchtern, und der Mülleimer in ihrem Kopf stand nicht bereit. Der Teil ihres Herzens, der immer noch voller Liebe für Christian war, wollte die andere Frau zerreißen, in klitzekleine Stückchen. Stattdessen wurde Jennys Leben zerfetzt.

Ohne ein Geräusch verließ sie die Wohnung und lief einfach drauflos. Bis zur Alster. Einmal um die Alster herum. Ziellos irrte sie weinend umher, auf der Suche nach Ablenkung. Plötzlich stand sie vor dem La Bohème. Jenny wurde begrüßt wie eine alte Freundin, eine Leidensgenossin, deren Anwesenheit eine Selbstverständlichkeit war. Jenny plauderte mit der ältesten Dame des Hauses, die nur noch hinter der Bar arbeitete und für das Frühstück der Frauen am Morgen zuständig war. Dann ging sie mit Mariella auf die Toilette. »Ich teile jetzt mit dir, später bist du dran«, sagte Mariella. Natürlich wussten die Frauen alle, dass Jenny immer großzügig bei Puffmutter Tina Koks einkaufte und früher oder später alle einlud. Jenny liebte diesen Zwischenbereich des menschlichen Daseins, wenn ihr Körper von Alkohol und Drogen über dem Boden zu schweben schien, wenn der nächste Morgen unendlich weit entfernt war und nichts existierte als verworrene Gespräche. Die Nacht wurde zu einer Art Wachtraum, einer Zwischenwelt, real und dennoch weit entfernt von der wirklichen Welt. Man hatte das Gefühl, es seien nur wenige Minuten vergangen, und plötzlich wurde es hell. Die Nacht wurde zum Tag und hinterließ eine Lücke. Kopfurlaub.

Erst gegen 6 Uhr morgens verließ sie das La Bohème. Es war ein Samstag, und zum Glück waren kaum Menschen unterwegs. Die Sonne, das verdammte Übel nach solchen Nächten. Viel zu hell, zu warm – zu alltäglich. Drinnen hatte sie verdrängt, wie hart die Normalität des nächsten Tages sein würde. Nun kam der Absturz: Jennys Blick wurde blicklos. Das Taxi bog um die Ecke, und Jenny ließ sich auf die Rückbank fallen. Sie gab ihre Adresse an. Nur noch nach Hause kommen. Dann könnte sie sich dem Alltagstrott unterwerfen, so den Tag überstehen. Den Termin mit ihrem Doktorvater würde sie absagen müssen. Zum Glück hatte sie noch einen Rest Kokain in ihrer Handtasche. Das Stöhnen der Frau klang Jenny wie ein Tinnitus in den Ohren, als sie an diesem Morgen erneut die Tür zu ihrer Wohnung aufschloss. Christian war nicht da, das Bett fein säuberlich gemacht. Nichts deutete mehr auf den Verrat hin.

Jenny übernimmt Verantwortung für ihr Leben

Frau Dr. Lammertz hatte Jennys Erzählung kein einziges Mal unterbrochen. Sie reichte ihr ein Taschentuch. »Jetzt können wir anfangen zu arbeiten.« Jenny weinte, aber nicht bitterlich. Schon am nächsten Tag unterschrieb Jenny, ohne zu wissen, warum, einen Antrag auf eine dreimonatige Therapie in Schleswig-Holstein. Frau Dr. Lammertz zog erstaunt die Augenbrauen hoch: »Das ging ja schnell. Freut mich.« Was Frau Dr. Lammertz nicht wusste, war, dass Christian angerufen hatte. Über das Schwesternzimmer ließ er sich durchstellen – enge Familienangehörige hatten diese Möglichkeit. Er entschuldigte sich für sein Verhalten, er umwarb Jenny, versprach ihr eine neues, ein harmonischeres Zusammensein. »Wir sind doch eine Familie.« Verführerisch perlten die Worte von seiner Zunge und schwebten direkt in Jennys Herz. »Ich will dir helfen. Wir gehören doch zusammen.« Sie lauschte gebannt. Da war sie wieder: seine Stimme. Fast hätte Jenny ihm von dem Abend erzählt, an dem sie ihn in flagranti erwischte. Aber sie hielt sich zurück. Durch den Medikamentencocktail, den sie jeden Tag einnahm, arbeiteten ihre Gefühle und ihr Intellekt im Sparmodus, ohne Höhen und Tiefen. Zwei Wochen später bekam sie die Zusage für einen Therapieplatz in Schleswig-Holstein. »Sie haben wirklich Glück, so schnell einen Platz zu bekommen. Und Sie machen das einzig Richtige, Sie fangen an, Verantwortung für sich, Ihre Tochter und Ihr Leben zu übernehmen«, sagte Frau Dr. Lammertz erfreut. »Was bist du nur für eine egoistische Mutter, dass du dein Kind allein lässt«, waren Christians Worte.

Auf der Fahrt in die Klinik redete Christian ununterbrochen auf Jenny ein. Christian hielt nichts von dem dreimonatigen Aufenthalt. »Kannst du das nicht selbst in den Griff bekommen, so dämlich kannst du doch nicht sein«, schimpfte er. »Du lässt dein Kind im Stich. Was bist du nur für eine egozentrische Person, die nur an sich denkt.« Er drohte, ihr das Erziehungsrecht für Klara zu entziehen. Verkrampft saß Jenny auf dem Beifahrersitz und starrte auf die Straße, prägte sich jedes Detail ein. Christians Stimme wurde zu einem Hintergrundgeräusch. Zu gern hätte Jenny sofort ein Gramm Kokain bestellt und eine Flasche Wein geöffnet. »Wann bist du so schwach geworden?«, fuhr Christian fort. Jenny wusste keine Antwort. »Schau mich an. Stürze ich so ab, wenn ich mal Drogen nehme?« Jenny versuchte zu kontern: »Du schläfst auch immer aus, und ich bin für Klara da.« Christian lachte nur höhnisch. »Ich arbeite Tag und Nacht, um euch ein gutes Leben zu ermöglichen, und sitze nicht an irgendeiner traurigen Fantasie namens Doktorarbeit.« Jenny nickte. Christian hatte es wieder geschafft: Jenny war angewidert von sich selbst. Ihr gerade erwachtes winzig kleines Selbstwertgefühl hatte sich während der anderthalb Stunden Autofahrt mit Christian in nichts aufgelöst.

»Das Gefühl, gebrochen zu werden, kennt er nicht«, war der letzte Gedanke in Jennys Kopf, bevor sie auf dem Parkplatz der Klinik hielten, Jenny ausstieg und Christian sie mit ihrem Gepäck stehen ließ. Mit durchdrehenden Reifen fuhr er los. Unsicher wagte Jenny einen Blick über das Gelände, bevor sie sich mit ihrem kleinen Rollkoffer auf den Weg zur Aufnahme machte. Hier würde sie die nächsten drei Monate verbringen. Klara würde jedes Wochenende kommen und von Freitag bis Sonntag bei Jenny übernachten dürfen. Das war die Bedingung, sonst hätte Jenny sich nicht darauf eingelassen. Christian hatte hingegen von Anfang an angekündigt, er würde für keine Therapiesitzung zur Verfügung stehen: »Du bist süchtig, Jenny, nicht ich.« Jenny hatte einfach nur genickt.

Jenny ging zu dem Eingang mit dem Schild Aufnahme, richtete sich in ihrem Zweibettzimmer ein, absolvierte mit einer anderen neuen Patientin den Rundgang über das Klinikgelände. Die Klinik erinnerte eher an ein Hotel als an ein Krankenhaus. Es gab ein Schwimmbad, einen Werkraum, eine Minigolfanlage, man konnte Boote mieten, in den Fitnessraum gehen oder in die Bibliothek. Als sie die vielen anderen Suchtkranken in dem großen Esssaal sitzen sah – es waren sicher zweihundert Menschen –, wurde Jenny klar, wie verwundbar wir alle doch waren. Wie viele vor der Wahrheit weglaufen, weil sie glauben, sie könnten sie nicht aushalten.

Die Therapeuten in der Klinik verstanden sich gut darauf, in Jennys Leben zu blättern wie in einem ihnen bekannten Buch. Jenny fing an mitzumachen. Es schmerzte. Es fiel ihr schwer, über Lügen, Sucht und Schuldgefühle zu sprechen. Über Scham. Darüber, wie lange sie zugelassen hatte, dass Christian mit ihr spielte, wie labil sie gewesen war und wie sie sich verändert hatte. Früher hatte Jenny nie Drogen genommen. Früher war sie zielstrebig und zuverlässig. Früher war sie vielleicht ein wenig scheu und skeptisch, aber ihr wacher Geist hatte immer die Oberhand behalten. Jeder Satz in den Gruppensitzungen kam Jenny so mühsam über die Lippen, als müsste sie mit bloßen Händen im ewigen Eis buddeln. Ihre Erinnerungen an bestimmte Abende wieder zusammenzusetzten dauerte manchmal tagelang – bis sich in ihrem Kopf zwischen Verdrängung, Wahrheit und Drogenrausch eine halbwegs logische Einheit bildete. Zuzugeben, dass Christian mit Lügen und Verschweigen seine Machtgelüste und Allmachtsfantasien an ihr ausgelebt hatte wie an einem dressierten, ängstlichen Hund, dauerte fast zwei Monate. In einer Gruppensitzung bat der Therapeut die Patienten reihum zu erzählen, was ihre Wünsche seien, was sie sich selbst gern Gutes tun würden. Jenny war die Einzige, die darauf keine Antwort wusste. »Gut zu funktionieren, das habe ich mir immer gewünscht«, sagte sie lediglich. Dann verließ sie wütend den Raum und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Sie verkroch sich in ihrem Bett, drehte sich zur Wand und tat, als ob sie schliefe.

Am zweiten Wochenende kam Klara zu Besuch. Das kleine Mädchen glaubte, dass ihre Mama in dem wunderschönen Hotel an ihrer Doktorarbeit schreiben würde. So hatten ihre Eltern es ihr erklärt. Klara liebte die Klinik. Sie gingen schwimmen und spazieren. Klara durfte auf einer Matratze direkt neben ihrer Mama schlafen. Als Klara abends müde vor sich hin murmelnd versuchte, gegen den Schlaf anzukämpfen, ließ sie Jennys Hand nicht los – auch nicht, als sie längst eingeschlafen war. In dieser Nacht mit Klara bekam Jenny, trotz der Schlaftablette, kein Auge zu. Langsam begriff sie, dass die psychische Schussfahrt, auf der sie sich befand, kurz davor gewesen war, sie zu vernichten. Jenny begann die Augen zu öffnen, wirklich zu öffnen, und blickte auf ihr verwüstetes Leben. In der Klinik fühlte sie sich wohl, vor Christian und vor sich selbst geschützt. Die zerstörerische Phase musste ein Ende haben. Dennoch wollte Jenny immer noch versuchen, die kleine Familie, bestehend aus Klara, Christian und ihr, zu erhalten. »Wenn ich wieder stark bin, wird es funktionieren «, redete Jenny sich ein. Wie diabolisch Christian wirklich war, erkannte sie erst am folgenden gemeinsamen Weihnachtsfest.

Jenny besuchte sämtliche Seminare über Sucht und Workshops zum Thema Persönlichkeitsstörungen, die angeboten wurden. Sie ging zu Meditationskursen, etwas, was ihr noch vor einigen Wochen vollkommen lächerlich vorgekommen wäre, sie machte jeden Tag Sport und sprach immer offener in den Gruppen- und Einzeltherapien. »Ich allein bin dafür verantwortlich, was ich mache. Ich allein trage die Verantwortung für mich und mein Leben «, sagte sie in ihrer letzten Stunde bei ihrem Lieblingstherapeuten Dr. Niemann. Der Therapeut lehnte sich in seinem Stuhl zurück: »Sind Sie nicht ein wenig streng mit sich selbst?« Jenny schüttelte energisch den Kopf. Dr. Niemann sagte, dass er stolz auf ihre Entwicklung sei und sie über Weihnachten zu ihrem Freund und ihrer Tochter nach Hause dürfe. Jenny war seit knapp drei Monaten abstinent.

Am 22. Dezember bestieg Jenny den Regionalexpress nach Hamburg. Sie freute sich auf ihr erstes Wochenende in Freiheit. Christian würde erst am 23. Dezember spätabends zurück sein. Jenny konnte zusammen mit Clarina und Klara einkaufen gehen, Vorbereitungen treffen, den Baum schmücken. Als sei sie nie weg gewesen, klappte alles zu Hause. Jenny strahlte wieder, als würde ihr Gesicht mehr Licht als andere einfangen.

Doch als Christian kam, sah er sie mit einem Blick an, der nur Verachtung in sich trug. »Ach, haben sie den Junkie rausgelassen?«, fragte er zur Begrüßung. Jenny tat so, als habe sie es nicht gehört. Die Szenerie am festlich gedeckten Weihnachtstisch glich einem Schachspiel, bei dem nur noch zwei Figuren auf dem Feld standen: Jenny und Christian. Beide wogen ab, welcher Zug als Nächstes folgen sollte, welches die beste Strategie sei. Sie wussten es nicht. Die Stille zwischen ihnen dehnte sich aus, bis der ganze Raum davon erfüllt war. Während Christian immer zügiger den Wein in sich hineinschüttete, ruhte Jennys Blick auf ihrer vergnügt auf dem Küchenboden spielenden Tochter. Klara hatte keine Ahnung, dass sie genau dort saß, wo Jenny vor drei Monaten ihr eigenes Blut weggewischt hatte.

Auch beim Geschenkeauspacken, zu französischen Chansons und Weihnachtsliedern von Dean Martin, kam kein Gespräch zustande. Nur Klara plapperte vor sich hin und genoss die Nähe ihrer Mutter. Christian betrank sich und wählte ganz offensichtlich die Nummer eines Dealers. Jenny blieb nüchtern. Es fiel ihr nicht schwer. Christian verabschiedete sich, um mit einigen Freunden noch in einer Bar zu feiern. Nur Klara bekam zum Abschied einen Kuss. Die Tür fiel ins Schloss. Christian war weg, und Jenny war fassungslos, weil sie zum ersten Mal Erleichterung darüber empfand, dass er weg war. Jenny brachte Klara ins Bett, räumte auf und bemerkte, wie viel sie mitbekam, wenn sie nüchtern blieb. Details? Nein, jedes Detail!

Erst am Morgen kurz vor 5 Uhr kroch Christian zu ihr ins Bett. Er roch nach Alkohol und Zigaretten. So wie Jenny früher auch immer. Seine Beine zuckten unkontrolliert, und Jenny ertrug seine Nähe kaum. Dann schaltete er seine Nachttischlampe an, stand auf und schrie: »Schau mich nicht so überlegen an: Du bist in der Psychiatrie gewesen. Nicht ich.« Jenny nickte. »Du bist süchtig. Nicht ich.« Jenny nickte. »Du hast dir die Pulsadern aufgeschnitten, während unsere Tochter direkt nebenan geschlafen hat. Nicht ich.« Jenny nickte. »Also frage dich bitte mal ernsthaft, wer hier komplett versagt hat? Nicht ich.« Jenny nickte. Christians Blick ruhte verächtlich auf Jenny, die sich im Bett immer tiefer in ihr Kissen vergrub. »Und wer heult jetzt hier schon wieder und hat sich nicht im Griff – trotz des ganzen Therapie-Tam-Tams? Hier läuft alles, auch ohne dich. Wer braucht dich schon?« Christian schwankte ein wenig. »Ich nicht.« Er knallte die Tür zu und verzog sich ins Gästezimmer. Da war es wieder, dieses Gefühl von Unterlegenheit, das sich über die letzten Jahre in Jenny ausgebreitet hatte, in alle Poren gekrochen war. Ihr neues drogenfreies Selbst war noch fragil. Sie stand auf und fand sich vor dem Kühlschrank wieder, auf der Suche nach Alkohol. Nur für eine Sekunde. Wütend über sich selbst schüttelte sie den Kopf, schloss die Tür wieder und ging zurück ins Bett. Sie würde keinen Verrat mehr an sich begehen, sich nicht mehr ausschalten, um Christians Lügen und Manipulationen ertragen zu können. Nie wieder.

Sie schaltete das Licht aus. Zum ersten Mal seit gut drei Jahren erkannte sie, dass es tatsächlich absolut sinnlos war, weiter für diese Beziehung zu kämpfen. Sie drückte das Kopfkissen an ihren Körper und umarmte es liebevoll, wie früher Klara, als sie noch ein Säugling war. Nur so konnte Jenny wieder einschlafen. Sie wimmerte. Er würde sich nicht ändern. Nie. Eine Geschichte, die Christian immer und immer wieder während der ausgelassenen Abendgesellschaften erzählte, ging ihr nicht mehr aus dem Sinn: An einem Flussufer trifft ein Skorpion auf einen Frosch. »Lieber Frosch, nimmst du mich auf deinem Rücken mit zur anderen Uferseite? Ich kann nicht schwimmen.« Der Frosch erwidert: »Nein, das werde ich nicht tun. Sobald wir in der Mitte des Flusses angekommen sind, wirst du mich mit deinem Giftstachel stechen, und wir werden beide sterben.« Darauf der Skorpion: »Warum sollte ich das tun? Wenn ich dich steche, so werde auch ich ertrinken, und ich hätte nichts gewonnen.« Der Frosch überlegt kurz und entschließt sich letztlich, den Skorpion doch mit zur anderen Flussseite zu nehmen. In der Mitte des Flusses angekommen, holt der Skorpion mit seinem Stachel aus und sticht den Frosch in den Rücken. Mit den letzten Atemzügen fragt der Frosch: »Warum hast du das getan? Jetzt sterben wir beide.« »Ich bin ein Skorpion, es ist meine Natur, ich kann nicht anders.« Und beide ertrinken.

Die Trennung von Christian

Jenny war nicht mehr bereit, für Christian zu ertrinken. Als sie ihm am nächsten Tag endlich sagte, dass sie ihn verlassen und der Umzugswagen in drei Wochen vor der Tür stehen würde, grinste er ironisch: »Du liebst mich, du kannst mich gar nicht verlassen. Ohne mich bist du doch gar nicht überlebensfähig. Ich muss doch nur abwarten, dann gibt sich auch diese Laune wieder, Schatz. Erkennst du nicht, wie sehr ich dich liebe?« Jenny schüttelte den Kopf. »Ich bin überlebensfähig. Ich werde dich verlassen.« Christian weinte, schluchzend wie ein kleines Kind. Er wechselte innerhalb weniger Sekunden die Rolle: vom Übermenschen zum hilflosen Etwas. Ein »Verlass mich nicht« glaubte Jenny in seinem verheulten Murmeln zu erkennen. Aber seine Tränen erzeugten in ihr kein Mitleid mehr. Sie hatte keine Lust, ihn zu trösten. Es war zu spät – sie hatten sich verloren. Jenny wusste, dass Christian in erster Linie sich selbst bemitleidete. Seine narzisstischen Züge hatte sie endlich durchschaut.

Mitte Januar waren Jennys Möbel im Umzugswagen verstaut. Auf der Straße standen die Packer, tranken Cola und rauchten an dem Baum, hinter dem sich Jenny vier Monate zuvor versteckt hatte. Klara war wieder bei Jennys Mutter in Kiel. Jenny warf einen letzten Blick in die Wohnung, durchschritt noch einmal alle Zimmer. Die Vorfreude auf ihr neues Leben wurde abgelöst von Abschiedsschmerz. Christian stand beklommen in einer Ecke der Terrasse und nippte an einer Tasse Tee. Erschöpft. Seine Mundwinkel bebten. Er konnte Jenny nicht in die Augen sehen. »Tschüss«, sagte sie und machte einen Schritt auf ihn zu. Christian nahm sie in den Arm. Sie hielten sich aneinander fest. Minutenlang. Da war immer noch diese Vertrautheit, diese Verbundenheit, die unendlich schien. Dann löste sich Jenny. Es war so weit. Es war Zeit zu gehen. Ein jäher Schmerz durchfuhr sie. Sie drehte sich um, ging weg von Christian. Durch die Küche, durch den Flur, durch die Eingangstür, raus aus ihrem Zuhause, für das sie nun keine Schlüssel mehr besaß. Die Treppe runter. Einen Fuß vor den anderen. Sie drehte sich nicht um. Am Briefkasten stand ihr Name neben seinem, wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Die Wunden an Jennys Handgelenken waren verheilt, dünne, weiße Narben waren zurückgeblieben.

Eine Woche nach ihrem Auszug zog eine blonde junge Frau bei Christian ein. Eine, von der Jenny noch nie etwas gehört hatte. Eine, die glaubte, sie sei die einzige Frau im Raum, wenn Christian mit ihr sprach. Sein selbstbewusstes Auftreten und seine absolute Konzentration allein auf sie gaben ihr ein Gefühl von Sicherheit.

»Im Namen der Liebe ist man bereit, mehr auszuhalten, als man sich je hätte vorstellen können«

Im Interview schildert Jessica Schulte am Hülse, wie sie begann, wahre Trennungsgeschichten aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis zu sammeln und literarisch aufzubereiten. So entstand ihr erstes Buch »Verrat«. Unter dem Titel »Kopfurlaub« hat sie darin auch ihre eigene Geschichte veröffentlicht. Eine Geschichte über einen Prozess schleichender Selbstzerstörung und darüber, was Menschen im Namen der Liebe bereit sind auszuhalten.

 

Verrat – Sieben Verbrechen an der Liebe«, Ihr Debüt. Wie kam es dazu, dass Sie Geschichten über doch sehr tragische Liebesbeziehungen aufgeschrieben haben?

Jessica Schulte am Hülse: Angefangen hat alles mit meiner eigenen Trennungsgeschichte. Die auch ziemlich hart war. Natürlich glaubt man immer, die eigenen Erlebnisse seien die schlimmsten und eigentlich kann es gar nichts Schmerzhafteres geben. Also dachte ich zuerst, ich schreibe über meine eigene Scheidung, auch um sie zu reflektieren und aufzuarbeiten. Dann habe ich immer mal wieder im Bekannten- und Freundeskreis davon erzählt, was mir passiert ist, und musste feststellen, dass beinah jeder eine Story zu erzählen hatte, die noch unglaublicher war.

 

Und diese Geschichten haben Sie dann gesammelt?

Jessica Schulte am Hülse: Ja, ich habe Kontakt zu den Betroffenen aufgenommen und angefangen, Interviews zu führen. Es hat mich selbst umgehauen: von Suizid über perfektes Doppelleben bis hin zu der Veränderung und Verleugnung der Identität war alles dabei. In jeder der Geschichten gab es eben diesen Verrat. Dieses Ausnutzen des Vertrauens des Partners. Ein Verbrechen auf emotionaler Ebene.

 

Somit beruhen die Kurzgeschichten alle auf wahren Begebenheiten?

Jessica Schulte am Hülse: Ja. Wobei sie natürlich literarisch aufgearbeitet wurden und, wenn gewünscht, auch verfremdet. Sprich Orte, Zeiten, Familienverhältnisse und Berufe stimmen nicht mit denen der realen Personen überein.

 

Da der Auslöser, dieses Buch zu schreiben, Ihre eigene Geschichte war, stellt sich natürlich die Frage, ob Ihre eigene denn noch dabei ist?

Jessica Schulte am Hülse: Ja, auch meine Geschichte konnte dann schlussendlich mit den anderen Dramen noch mithalten …

 

Welche ist es denn?

Jessica Schulte am Hülse: Meine eigene Geschichte ist die mit dem Titel »Kopfurlaub«. Wobei man sagen muss, dass auch diese Story verändert und umgearbeitet wurde. Die Eckpfeiler stimmen natürlich. Allerdings stecken in der Erzählung Facetten und Lebenserfahrungen aus mehreren Beziehungen drin. Als Autor kann man sich eben schlecht von seinen Ängsten, Erfahrungen und Erlebnissen trennen.

 

Man kann, ohne zu übertreiben, sagen, dass »Kopfurlaub« tatsächlich ziemlich mitnimmt. Es kommt zu vielen emotionalen Verletzungen innerhalb dieser Beziehung, und letztlich endet das Drama in Drogenabhängigkeit und einem Selbstmordversuch der Protagonistin. Wie war es, das aufzuschreiben; durchleidet man die Vergangenheit noch einmal?

Jessica Schulte am Hülse: Bis zu einem gewissen Grad schon. Als ich mich nach all den Jahren wieder mit meiner Sucht, dem Selbstmordversuch, anschließendem Aufenthalt in der Psychiatrie und später mit der Therapie und dem Entzug beschäftigt habe, hat es mich sehr mitgenommen. Einerseits kann ich es mir heute gar nicht mehr vorstellen, dass ich diese Person gewesen bin. Andererseits kommen die Erinnerungen so extrem wieder hoch, dass auch Wut und Trauer einen während des Schreibens noch einmal begleiten. Definitiv ist es mir leichter gefallen, die anderen Geschichten aufzuschreiben.

 

Wie erklären Sie sich, dass es überhaupt so weit kommen konnte, dass Sie in diesen selbstzerstörerischen Strudel geraten sind?

Jessica Schulte am Hülse: Oh, da spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Sicherlich habe ich sehr geliebt und war auch jahrelang unglaublich glücklich. Aber das ist ja im Umkehrschluss genau das, was auch alle diese sieben Kurzgeschichten eint: Im Namen der Liebe ist man bereit, mehr auszuhalten, als man sich je hätte vorstellen können. Man erträgt mehr und stellt sich selbst mehr infrage. Jeder Freundin hätten man einen Vogel gezeigt und versucht, sie zu beschützen. Wenn man aber selbst in der Liebesfalle steckt, sieht man das eben nicht mehr. Ich habe Dinge ertragen und mit mir machen lassen, die ich heute nicht mehr nachvollziehen kann.

 

Die Angst vor der Wahrheit und damit dem Schritt in Richtung Trennung sind also größer als die Angst davor, sich selbst zu schaden?

Jessica Schulte am Hülse: Definitiv. Wer verliert schon gern seine Familie, seine Liebe, seinen Sinn im Leben? Die Angst vor dem Alleinsein und dem Verlust all dessen, was einem wichtig war, lähmt. Macht blind. Lässt einen die Wahrheit verdrängen.

 

Ab wann kam bei Ihnen die Sucht ins Spiel?

Jessica Schulte am Hülse: Das war ein schleichender Prozess. Erst waren es nur einige Partys, auf denen getrunken wurde. Später kam ab und zu Kokain dazu. Mehr und mehr verselbstständigt hat sich mein Konsum über Jahre hinweg. Der Konsum wurde zu einem Verdrängungsmechanismus. In dem Buch nenne ich den Rausch ja auch »geliehenes Selbstbewusstsein«. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nüchtern eigentlich überhaupt kein Selbstbewusstsein mehr.

 

Wie sind Sie aus dieser selbstzerstörerischen Phase wieder heraus gekommen?

Jessica Schulte am Hülse: Rückblickend muss ich sagen, dass ich ohne diese Phase der Selbstzerstörung psychisch vermutlich nicht so gesund wäre, wie ich es heute bin. Der Absturz hat dazu geführt, dass ich in der Klinik gelandet bin und Hilfe annehmen musste. Und auch wollte. Die Therapie hat mich gerettet. Hätte ich das alles nicht so aufgearbeitet, wäre ich vielleicht noch immer sehr viel unsicherer. Erst durch den auch räumlichen, monatelangen Abstand zu der Beziehung konnte ich mich in der Klinik endlich wieder auf mich konzentrieren. Das war der entscheidende Schritt dafür, dass ich mich später trennen konnte.

 

Wie weit sind Sie für die Recherche für Ihr eigenes Kapitel gegangen? Sind Sie an Orte zurückgekehrt, an denen Sie sich damals aufgehalten haben?

Jessica Schulte am Hülse: Ich bin noch einmal über das Klinikgelände gewandert und habe mir die vielen Patienten angesehen, die gerade ihre Therapie absolvieren. Das war wahnsinnig deprimierend. Also für mich! Es hat mich traurig gemacht. Es hat mich daran erinnert, wie schnell sich das Leben ändern kann. Im Positiven wie im Negativen.

 

Inwieweit geben Sie auch anderen die Schuld an Ihrer Sucht?

Jessica Schulte am Hülse: Damals habe ich die Schuld immer irgendjemand anderem zugeschoben. Ich war das Opfer. Heute finde ich das Wort Schuld vollkommen unpassend. Schlussendlich habe ich das alles selbst getan, mir angetan. Wenn man jemand anderem die Schuld an seinem eigenen Verhalten gibt, ist das nicht mehr als eine Ausrede dafür, nicht selbst Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Wenn man nicht lernt, für sich selbst verantwortlich zu sein, kommt man – meiner Meinung nach – von einer Sucht nicht los.

 

Ist Untreue der größte Verrat an der Liebe?

Jessica Schulte am Hülse: Das kann man nicht verallgemeinern. Dafür sind Beziehungen und Erwartungen an eine Beziehung viel zu unterschiedlich. Ich denke, Ehrlichkeit spielt eine Schlüsselrolle. Durch alle sieben Geschichten zieht sich eben dieser Verrat, der auf Unaufrichtigkeit beruht. Auf einer bewussten Täuschung des Partners. Ich weiß, es ist eine unglaubliche Enttäuschung festzustellen, dass der Mensch, mit dem man über Jahre hinweg zusammengelebt hat, nicht der war, der er vorgab zu sein.

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»Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, damit wir das Leben finden, das auf uns wartet.«

Oscar Wilde