Jennifer L. Armentrout: Und wenn es kein Morgen gibt | Leseprobe read’n’go

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Heute

Mir tat alles weh und ich konnte mich nicht bewegen. Meine Haut spannte, meine Muskeln brannten, als stünden sie in Flammen, und meine Knochen schmerzten bis ins Mark.

Verwirrung überkam mich. Mein Gehirn fühlte sich wie benebelt an. Ich versuchte die Arme anzuheben, doch sie waren bleischwer und wollten sich nicht rühren.

Ich meinte, ein Piepen zu hören, und Stimmen, aber weit entfernt, so als würde ich an einer Tunnelöffnung stehen und die Geräusche drängten vom anderen Ende zu mir herüber.

Ich konnte nicht sprechen. Da … da war etwas in meinem Hals, ganz hinten in meiner Kehle. Mein Arm zuckte ohne Vorwarnung und irgendetwas zupfte an meinem Handrücken.

Warum ließen sich meine Augen nicht öffnen?

Panik stieg in mir auf. Warum konnte ich mich nicht bewegen?

Etwas Schlimmes war passiert. Etwas sehr Schlimmes. Ich wollte doch einfach nur die Augen öffnen. Ich wollte …

Ich liebe dich, Lena.

Ich liebe dich auch.

Stimmen hallten durch meinen Kopf, eine davon gehörte mir, das wusste ich genau, und die andere …

»Sie wacht auf.« Eine weibliche Stimme drang durch den Tunnel zu mir und unterbrach meine Gedanken.

Schritte näherten sich, ein Mann sagte: »Ich gebe jetzt das Propofol.«

»Das ist schon das zweite Mal, dass sie aufwacht«, erwiderte die Frau. »Eine echte Kämpferin. Ihre Mutter wird sich freuen.«

Kämpferin? Ich begriff nicht, worüber sie redeten, warum sie meinten, dass meine Mutter sich freuen würde …

Wär’s nicht besser, wenn ich fahre?

Wärme strömte durch meine Adern, flutete von meinem Hinterkopf aus durch meinen ganzen Körper, und dann gab es keine Träume mehr, keine Gedanken und keine Stimmen.

Gestern

»Ich will damit nur sagen, dass du fast Sex mit dem da hattest!«

Ich schaute mit gerümpfter Nase auf das Handy, das Darynda Jones, kurz Dary genannt, mir fünf Sekunden nachdem sie ins Joanna’s gekommen war, unter die Nase hielt.

»Oh Mann«, murmelte ich. »Was macht er da bloß?«

»Nach was sieht’s denn aus?« Darys Augen hinter dem weißen Plastik-Brillengestell waren weit aufgerissen. »Er vögelt einen aufblasbaren Plastikdelfin.«

Ich kniff die Lippen zusammen. Yap, genau so sah es aus.

Sie zog ihr Handy weg und legte den Kopf schief. »Wie konntest du nur?«

»Er sieht eben süß aus – ich meine, er sah süß aus«, erklärte ich lahm und schaute mich um. Zum Glück war sonst niemand in Hörweite. »Und außerdem habe ich nicht mit ihm geschlafen.«

Sie verdrehte die dunkelbraunen Augen. »Dein Mund klebte an seinem und seine Hände …«

»Na schön!« Ich wedelte abwehrend mit den Händen. »Ich hab’s kapiert. Es war ein Fehler, mit Cody rumzumachen. Das ist mir klar. Glaub mir. Und ich bemühe mich auch sehr, das Ganze aus meinem Gedächtnis zu tilgen. Wobei du mir im Moment keine große Hilfe bist.«

Sie beugte sich über den Tresen zwischen uns und flüsterte: »So leicht kommst du mir nicht davon!« Ich kniff die Augen zusammen und sie grinste. »Aber ich kann dich schon verstehen. Seine Muskelpakete sind echt krass. Er ist ein bisschen dämlich, aber dafür lustig.« Sie machte eine dramatische Pause.

»Und er ist Sebastians Freund.«

Mein Magen zog sich zusammen. »Das hat nichts mit Sebastian zu tun.«

»Ach nee.«

»Du hast echt Glück, dass ich dich so gut leiden kann.« Nun ging ich ebenfalls zum Angriff über.

»Ich hab keine Angst vor dir. Du liebst mich, das weiß ich.« Sie klatschte mit den Händen auf den Tresen. »Musst du am Wochenende arbeiten?«

Freundinnen für immer.

Einige Stunden später...

Ich setzte mich aufs Bett und wollte gerade anfangen zu lesen, da klopfte es leise an meine Balkontür. Eine Schrecksekunde lang saß ich da wie erstarrt. Mit klopfendem Herzen sprang ich auf und ließ das Buch auf mein Bett fallen.

Das konnte nur einer sein: Sebastian.

Ich schob den Riegel zurück und öffnete die Tür. Unwillkürlich breitete sich ein strahlendes Lächeln auf meinem Gesicht aus. Auch mein restlicher Körper war nicht zu bremsen, und so warf ich mich, ohne groß nachzudenken, durch die Türöffnung.

Dort prallte ich mit einem größeren und deutlich härteren Körper zusammen. Sebastian brummte, als ich die Arme um seine breiten Schultern schlang und mein Gesicht an seine Brust presste. Glücklich sog ich den vertrauten, frischen Geruch des Waschmittels ein, das seine Mutter schon seit ewigen Zeiten verwendete.

Auch Sebastian schlang ohne jedes Zögern die Arme um mich.

Wie immer.

»Lena.« Seine Stimme klang tief – tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte. Dabei war er nur einen Monat weg gewesen. Aber ein Monat konnte sich wie eine Ewigkeit anfühlen, wenn man jemanden sonst fast jeden Tag sah. Wir waren den Sommer über in Kontakt geblieben, hatten uns Nachrichten geschickt und sogar ein paarmal telefoniert, aber das war nicht das Gleiche, wie ihn hier zu haben.

Sebastian erwiderte meine Umarmung und hob mich ein paar Zentimeter vom Boden hoch, bevor er mich wieder absetzte. Er neigte den Kopf zu mir, worauf sich sein Brustkorb fest gegen mich drückte. Eine Hitzewelle schoss bis zu den Zehen durch mich hindurch.

»Du hast mich vermisst, was?«, sagte er und wickelte meine nassen Haare um seine Finger.

Ja. Und wie ich ihn vermisst hatte. 

 

Ich hatte ihn viel zu sehr vermisst.

»Nein.« Meine Stimme wurde von seiner Brust gedämpft. »Ich dachte nur, du wärst der sexy Typ, den ich vorhin im Restaurant bedient habe.«

»Ja, klar.« Er lachte leise in mein Haar. »Es gibt keine sexy Typen im Joanna’s.«

»Woher willst du das wissen?«

»Es gibt zwei Gründe: Erstens bin ich der einzige heiße Typ, der dort hingeht, und ich war nicht da«, erklärte er.

»Wow. Wie bescheiden, Sebastian.«

»Ich sage nur die Wahrheit.« Sein Tonfall war unbekümmert und fröhlich. »Und zweitens: Wenn du mich mit jemand verwechselt hättest, würdest du längst nicht mehr wie eine Klette an mir kleben.«

Okay, da hatte er recht.

Ich trat zurück und ließ die Arme sinken. »Ach, halt die Klappe.«

Wieder lachte er leise. Ich liebte dieses Lachen. Es war ansteckend, selbst wenn man schlechte Laune hatte. Man musste einfach mitlachen.

»Ich dachte, du kommst erst am Samstag zurück«, sagte ich und trat in mein Zimmer.

Ich drehte mich um und konnte ihn nun im Licht des Zimmers richtig sehen. Es war mir etwas peinlich, es zuzugeben – und ich würde es auch nie tun! –, aber sein Anblick brachte mich völlig aus dem Konzept.

Sebastian war … er war einfach bildschön, und das, ohne es auch nur im Geringsten darauf anzulegen. Was man nicht über viele Jungs sagen konnte – und auch nicht über viele Mädchen.

Seine Haare hatten eine Farbe irgendwo zwischen Braun und Schwarz, sie waren kurz an den Seiten und oben etwas länger, sodass ihm immer eine leicht zerzauste Strähne in die Stirn fiel. Außerdem hatte er verboten lange Wimpern und Augen so tiefblau wie Jeans. Sein Gesicht war kantig, mit hohen Wangenknochen, einer schmalen Nase und einem markanten Kinn. Eine Narbe zog sich durch seine Oberlippe, direkt neben dem wohlgeformten Amorbogen. Sie stammte von einem Footballtraining im zweiten Highschool-Jahr, als er nach einem Treffer den Helm verloren hatte. Sein Schulterpolster war gegen seinen Mund geknallt und hatte die Lippe aufgerissen.

Aber das machte sein Gesicht noch interessanter.

Die Zeit für die Liebe ist jetzt!

Er lächelte zu mir hinauf. »Übrigens hast du eine neue Sommersprosse bekommen.«

»Was?« Ich drehte den Kopf zu ihm. Schon seit ich denken konnte, sah mein Gesicht so aus, als wäre es mit einer Sommersprossen-Kanone beschossen worden. »Du kannst doch unmöglich erkennen, ob ich eine neue habe.«

»Klar kann ich das. Beug dich mal vor. Ich kann sie dir sogar zeigen.«

Ich zögerte.

»Komm schon.« Er winkte lockend mit dem Finger.

Ich atmete flach ein und beugte mich zu ihm. Meine Haare rutschten über meine Schulter, während er die Hand hob.

Das Grinsen war zurück und umspielte seine Lippen. »Direkt hier …« Er drückte seine Fingerspitze mitten auf mein Kinn. Ich holte scharf Luft. Seine Wimpern senkten sich. »Die hier ist neu.«

Einen Moment lang konnte ich mich nicht rühren. Ich saß einfach stocksteif da, den Oberkörper leicht zu ihm geneigt, und spürte seine Fingerspitze an meiner Haut. Die Berührung war so zart, dass diese Reaktion eigentlich total absurd war. Trotzdem konnte ich sie in jeder Faser meines Körpers spüren.

Er senkte die Hand und legte sie wieder zwischen uns.

Ich atmete zitternd aus. »Du bist … du bist so doof!«

»Aber du liebst mich trotzdem«, sagte er.

Ja!

Wahnsinnig und aus tiefstem Herzen und bis ans Ende aller Tage. Ich hätte noch tausendmal mehr Beschreibungen dafür finden können. Ich war schon in Sebastian verliebt, seit … ach Gott, seit er sieben war und mir die schwarze Schlange, die er in seinem Garten gefunden hatte, geschenkt hatte. Keine Ahnung, wie er darauf kam, ich könnte sie haben wollen, aber er trug sie zu mir und ließ sie vor mir fallen wie eine Katze, die ihrem Besitzer einen toten Vogel bringt.

Ein verdammt merkwürdiges Geschenk – die Art von Geschenk, die ein Junge einem anderen Jungen machen würde – und damit eigentlich eine perfekte Beschreibung unserer Beziehung. Ich liebte ihn, ein schmerzhaftes, schamvolles Begehren, während er mich immer nur wie einen seiner Kumpels behandelte. So war es von Anfang an gewesen und so würde es vermutlich bis in alle Ewigkeit bleiben.

»Ich kann dich nicht ausstehen«, widersprach ich.

Er sagte:

»Aber du liebst mich trotzdem.«

Heute

Grelles Licht blendete mich und zwang mich, sie gleich wieder zuzukneifen. Als ich dabei unwillkürlich zurückwich und mich leicht bewegte, schossen sofort wieder zahlreiche Schmerzpfeile durch meinen Körper.

Was war los mit mir?

»Lena?« Die Stimme kam näher. »Lena, bist du wach?«

Ich kannte diese Stimme – sie gehörte meiner Schwester. Aber das konnte nicht sein, weil Lori in Radford sein müsste. Auf dem College. Glaubte ich wenigstens.

Ich hatte keine Ahnung, welcher Tag es war. Samstag? Sonntag?

Kühle Finger legten sich auf meinen Arm. »Lena?«

Ich versuchte erneut, die Augen zu öffnen, und diesmal war ich auf das Licht vorbereitet. Mein Blick wurde klar, und ich schaute auf eine abgehängte Decke, wie die in meinem Klassenzimmer. Dann sah ich nach rechts und da saß Lori auf einem von zwei Stühlen neben mir.

Sie war es tatsächlich.

Und auch wieder nicht.

Meine Schwester sah einfach fürchterlich aus und das tat sie sonst nie. Ihr umwerfendes Aussehen war ihr sozusagen in die Wiege gelegt, selbst frühmorgens noch, aber jetzt hatte sie die ungewaschenen Haare zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zurückgebunden, ihre Augen waren blutunterlaufen und die Haut darunter geschwollen und rot. Selbst ihr graues Radford-University-T-Shirt war total zerknittert.

»Hey«, flüsterte sie lächelnd, aber etwas an diesem Lächeln stimmte nicht. Es war schwach und angestrengt. »Du bist aufgewacht, Schlafmütze.«

Hatte ich lange geschlafen? So fühlte es sich zumindest an. Als wäre ich tagelang im Tiefschlaf gewesen. Aber ich lag nicht in meinem Bett und auch nicht in meinem Zimmer. Ich leckte mir die Lippen. Sie fühlten sich ganz trocken an, so wie mein Mund und meine Kehle. »Was …?« Ich bekam nicht genug Luft und brachte die Worte kaum heraus. »Was ist … passiert?«

»Was passiert ist?«, wiederholte sie und kniff dann die Augen so fest zu, dass sich in den Augenwinkeln Fältchen bildeten. »Du liegst auf der Intensivstation in Fairfax. Im Krankenhaus«, erklärte sie leise, schlug die Augen wieder auf und sah zur Tür.

»Ich … das verstehe ich nicht«, flüsterte ich heiser.

Ihr Blick flog zu mir zurück. »Was?«

Die Worte herauszubekommen, war ungeheuer anstrengend. »Warum bin … ich auf der Intensivstation?«

Loris Augen suchten in meinem Gesicht. »Du hattest einen Autounfall, Lena. Einen sehr …« Ihre Stimme brach und sie atmete tief durch. »Einen sehr schlimmen Autounfall.«

Mein Kopf war voller Schatten.

Heilige.

Scheiße.

»Sobald wir der Meinung sind, dass du dazu bereit bist, verlegen wir dich auf eine normale Pflegestation. Wegen möglicher Infektionen und Entzündungen überwachen wir noch eine Weile deine Werte. Heute wirst du aber schon mit den ersten Atemübungen anfangen und morgen darfst du zum ersten Mal aufstehen und ein paar Schritte gehen.«

Ich kapierte das alles nicht.

»Und wenn alles gut geht, wovon ich ausgehe, können wir dich Anfang nächster Woche entlassen.«

Anfang nächster Woche?

»Es wird noch eine Weile dauern, bis deine Verletzungen ganz ausgeheilt sind, und mit dem Volleyball wirst du erst mal pausieren müssen.«

Mein Herz sank. Nein. Ich musste spielen! Sonst …

»Aber du wirst mit ziemlicher Sicherheit wieder vollständig gesund werden und von ein paar zumutbaren Einschränkungen abgesehen keine

Langzeitschäden davontragen. Aber darüber werden wir uns ein anderes Mal unterhalten.« Dr. Arnold erhob sich. Ich fragte mich, was er mit zumutbaren Einschränkungen meinte. »Der Gurt hat dir das Leben gerettet. Wären die anderen angeschnallt –«

»Danke«, warf meine Mutter hastig ein. »Vielen Dank, Dr. Arnold. Ich kann nicht sagen, wie dankbar ich – wir alle – für das sind, was Sie getan haben.«

Moment mal. Irgendwas fehlte doch. Etwas Wichtigeres als Volleyball und Infektionen. Wie war ich hierhergekommen? Was war passiert?

»Welche anderen?«, stieß ich hervor und schaute Lori an.

Meine Schwester sank mit bleichem Gesicht auf den Stuhl neben Mom.

Dr. Arnolds Gesicht war auf einmal ganz ausdruckslos, als hätte er eine Maske übergezogen. Er sagte noch ein paar Worte darüber, wie lange ich nach Meinung der Ärzte noch auf der Intensivstation bleiben müsse, und verschwand dann hastig.

Mein Blick wanderte zu Mom. »Was … was hat er gemeint? Welche anderen?«

Keinem von uns ist ein Morgen versprochen.

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Jennifer L. Armentrout

schreibt Romane für Jugendliche und Erwachsene und wurde bereits vielfach ausgezeichnet. Ihre Bücher klettern immer wieder auf Platz 1 der New York Times-Bestsellerliste und ihr Spiegelbestseller »Obsidian« wird derzeit verfilmt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Hund Loki in West Virginia. Wenn sie nicht gerade liest oder schlechte Zombie-Filme anschaut, arbeitet sie an ihrem neuesten Roman.