Ulla Scheler: Und wenn die Welt verbrennt | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Kannst du Feuer umarmen? Scrolle nach unten und tauche ein in die Welt von Felix und Alisa.

Intro

Er ist ein Junge mit bunten Kreiden, der Menschen in Bildern auf dem Asphalt einfängt. Sie ist ein Mädchen mit einem dunklen Geheimnis, das niemanden an sich heran lässt. Felix und Alisa.

Beide leben in ihrer eigenen Welt, bis sie sich durch Zufall begegnen. Und plötzlich ist es ausgerechnet Alisa, die Felix versteht wie niemand sonst. Zusammen sind sie stark, fast unschlagbar. Bis ein Haus brennt und Alisa von den Schatten der Vergangenheit eingeholt wird …

Felix

Hätte ich geahnt, was am 24. März passieren würde, hätte ich mir morgens die Haare gekämmt.

Aber so schnappte ich mir nur meinen Rucksack und meine Kreide, watete durch meine wie immer unordentliche Wohnung zu den Schuhen und zog die Tür hinter mir zu. Dann fuhr ich mit dem Fahrrad zu meinem üblichen Platz.

Alisa

Immer, wenn ich die Einsamkeit spüre, steige ich in die U-Bahn und fahre durch München, bis ich bei den Bildern bin.

Als ich die U-Bahn-Treppe nach oben komme, erkenne ich den Platz kaum wieder. Natürlich – normalerweise bin ich später hier und habe die Bilder für mich alleine. Heute geselle ich mich zu den Leuten, die in einem Halbkreis stehen und zuschauen.

Ich sehe, was sie sehen:

Kreidebilder, Menschen auf dem Boden. Sie strecken sich wie Seesterne, sie liegen auf der Seite, die Beine angezogen, kleine Menschenkugeln.

Und zum ersten Mal sehe ich auch den Künstler.

Ein junger Mann malt diese Bilder. Mit leichten Strichen wirft er ihr Bild auf den Boden. Die Sonne scheint, in den Blättern der Bäume schwebt ein Rauschen. Die Stimmen der Leute klingen heute heller, ganz klar, als würden sich alle über Glas unterhalten. Ich schaue den Künstler kaum an – nur seine Hand. Er hat außergewöhnlich schlanke Finger, die fast zerbrechlich aussehen, als hätte man Pergament über ein Keramikgestell gespannt. Die Kreide hält er leicht wie einen Pinsel, und trotzdem muss er fest aufdrücken, damit die Farbe kräftig wird und die Schattierung deutlich genug.

Er nimmt einen Schluck aus einer Wasserflasche, schraubt sie zu, stellt sie wieder auf den Boden und dreht sich plötzlich zu mir um. Als hätte er schon die ganze Zeit gespürt, dass ich dort stehe.

„Möchtest du dich hinsetzen?“, fragt er.

Der Asphalt ist warm. Mein Herz schlägt nur noch schneller, als ich mich setze. Gleich malt er mich. Wie sieht er mich?

Ich fühle mich sehr leicht. Wie das glitzernde Staubkorn, das im Sonnenstrahl über der Matratze schwebt.

Alisa

Mein Gesicht zeigt nichts von meiner Aufregung, und der Junge malt; die blauen Augen fixieren den Boden. Wenn er aufschaut, schaut er nicht mich an, sondern mein Gesicht. Ein feiner Unterschied, und trotzdem spüre ich, wie sein Blick meine Einsamkeit zurückdrängt.

Es ist anstrengend, sich nicht zu bewegen, und ich bin sowieso schon müde, also lasse ich zumindest meine Gedanken toben. Eine Erinnerung nach der nächsten zerren sie hervor – wie in den Nächten, in denen ich vor Schuld nicht schlafen kann.

Erinnerungen an uns. An die Nicht-Einsamkeit. Wie ich mir die Haare abgeschnitten habe. Wie ich mein Facebook-Profil gelöscht habe. Wie ich mich für Medizin eingeschrieben habe. Die ganze Geschichte.

Und er malt weiter, ein Gesicht, das die Angst nicht zeigt, ein ruhiges Gesicht von einem guten Menschen.

Dann schaut er mich an, mich, und legt die Kreide weg.

Mit wackeligen Knien stehe ich auf – er schaut mich immer noch an – und streife die Erinnerungen wie Ameisen von meinen Händen. Fast strecke ich die Hand aus, um mich an ihm festzuhalten. Natürlich nur fast.

Ich sehe mich selbst. Oder auch nicht. Dort liegt nicht die Alisa, die sich jeden Morgen vor dem Spiegel schminkt, damit sie sich weniger verletzlich fühlt. Die Kreide-Alisa ist ungeschminkt. Und sie hat lange Haare, die ihr in Wellen bis zur Brust fallen – anders als ich hier mit meinem schulterlangen Bob. Mein Atem stockt.

„Du hast Geheimnisse in den Haaren“, sagt er. „Würde dir so auch gut stehen, oder?“

Er betont das „auch“, und es klingt wie eine Entschuldigung.

„Schon okay“, sage ich. Dabei hat er mich gemalt, wie ich vor einem Jahr ausgesehen habe. Als hätte er die Haare, die ich mir vor dem Spiegel der Bahnhofstoilette abgeschnitten habe, einfach wieder angeklebt.

„Warte kurz“, bittet er. Er holt einen zerknüllten Zettel aus seiner Hosentasche und schreibt ein paar Zahlen auf. „Vielleicht willst du ja mal anrufen und mir eins deiner Geheimnisse erzählen“, sagt er und reicht mir den Zettel.

Ich fühle mich verletzlich wie eine Erdbeere, die aus der Schachtel auf die Straße gefallen ist. Tiefrot, gelbe Grübchen, das pelzige Innere. So zart auf dem rauen Asphalt.

Felix

Ich malte sie, und ich sah sie an: Der blaue Parka, den sie mit offenem Reißverschluss trug, war ein bisschen zu groß und zu warm für das Frühlingwetter, genau wie ihre Boots. Trotz der vergangenen grauen Wochen und ihrer offensichtlichen Müdigkeit schimmerte ihre Haut ein bisschen golden. Und sie hatte halblange dunkelbraune Haare, die irgendwie nervenaufreibend über ihr Schlüsselbein strichen. All das nahm ich wahr – im Bruchteil einer Sekunde.

Beim Malen wurde ich ruhiger. Ich konzentrierte mich auf jeden Strich, und irgendwann fühlte es sich nur noch richtig an, dass wir beide aus irgendeinem Grund gleichzeitig hier waren und ich sie malte. Nur bei ihren Augen stockte ich noch einmal. Von Nahem sahen sie nicht mehr nur braun aus, sondern es lag auch etwas Grau oder Grün darin. Ich entschied mich für Grün.

Am Ende sah das Kreidemädchen fast aus wie ihr Vorbild, fast. Ganz hatte ich sie nicht einfangen können, und das wurmte mich ein bisschen, aber da stand das Mädchen schon auf und stellte sich neben mich, um das Bild anzuschauen. Braun mit Grau, verdammt.

„Du hast Geheimnisse in den Haaren“, sagte ich erklärend. „Würde dir so auch gut stehen, oder?“

„Schon okay“, antwortete sie und lächelte. Ihre Stimme klang anders, als ich erwartet hatte – tiefer und sehr rau.

Warum war ich bei ihr so verdammt nervös?

„Warte kurz“, sagte ich und kramte einen Zettel aus meiner Hosentasche, auf den ich meine Handynummer schrieb. „Vielleicht willst du ja mal anrufen und mir eins deiner Geheimnisse erzählen.“

Hatte ich das eben wirklich gesagt? Hatte ich den Schritt gerade wirklich gemacht?

Sie nahm den Zettel, aber unsere Finger berührten sich dabei nicht.

Geld klimperte in der Kreidekiste, und ich war für einen Moment abgelenkt. Als ich mich wieder zu ihr umdrehte, sah ich von hinten nur noch ihre Haare, ihren Parka und ihre Beine, die mit schnellen Schritten davongingen.

Und ich spürte die Enttäuschung – als würde mir ein Faden plötzlich den Magen zusammenschnüren

War es ein Fehler, ihm zu schreiben? Vielleicht, aber da ist auch dieses Flattern in meinem Bauch.

Alisa

Es hat mich einfach überkommen. Es gibt kein Warum, nur Bauchgefühl und richtig.

Er ist überrascht von meinem Kuss. Erst mit Verzögerung legt er seine Hände sacht auf meine Schulterblätter, um mich näher heranzuziehen. Und dann küsst er mich: Sanft nimmt er meine Lippen zwischen seine. Ich spüre die Wärme überall – sie strahlt von ihm ab. Zum ersten Mal seit Monaten fühlt es sich so an, als würde jeder Teil meines Körpers Sauerstoff bekommen.

Vorsichtig löse ich mich wieder von ihm – dieses Millimeter um Millimeter zurückziehen, sodass das Gefühl entsteht, der Kuss hätte ganz von alleine aufgehört.

Ich lächele ihn an. Mein Körper glüht, als würde ich zum ersten Mal seit Langem wieder auf voller Geschwindigkeit laufen. Gerade fühle ich mich sehr ich, sehr in diesem Körper, in diesen weißen Sandalen.

Er lächelt sein Lächeln, ganz offen, ganz ehrlich, als hätte ihm noch nie jemand weh getan.

Vielleicht ist er ein bisschen zu vorsichtig, ein bisschen zu gut aussehend, die Wohnung ein bisschen zu Minimal Chic.
Vielleicht suche ich nur nach Gründen, ihn nicht noch einmal zu küssen.

Und plötzlich die Realisierung, die Erinnerung, ein Schlag in den Magen: Ich darf nicht. Wohin soll das führen, wenn ich ihm nie alles von mir erzählen kann? Er verdient jemand Anderen, einen guten, fröhlichen Menschen. Jemanden anderen als mich.

Das Gefühl, etwas verloren zu haben, ist auf einmal kaum auszuhalten, dabei steht er noch vor mir mit seinem Lächeln.

Ohne ein weiteres Wort drehe ich mich um und gehe. Das ist die einzige Art, wie ich es schaffe.

Interview mit Ulla Scheler

Woher nimmst du die Ideen für deine Geschichten?

Das ist meist irgendeine Sache, die mir auffällt, und dann kommt noch ein zufälliger Gedanke dazu, der das für mich spannend macht. Zum Beispiel bin ich heute Morgen viel zu früh aufgewacht und dann auch gleich aufgestanden. Natürlich war ich dann so müde, dass ich einen Mittagsschlaf machen musste – und als ich da aufgestanden bin, hat sich das angefühlt, als hätte der Tag noch einmal neu angefangen. Und da frage ich mich: Wie wäre das? Wozu würde das führen?

Waren Alisa und Felix in deiner Vorstellung von Anfang an so, wie sie jetzt sind? Oder haben sie sich langsam entwickelt, in der Dynamik ihrer Beziehung und während des Schreibens?

Auf jeden Fall Zweiteres! Ich glaube, das ist doch sehr ähnlich, wie Menschen aus Fleisch und Blut kennenzulernen: Man hat am Anfang eine grobe Idee von ihnen. Wenn man sie dann näher kennenlernt, bestätigt sich einiges – und vieles ist einfach Quatsch gewesen und man muss sein Bild anpassen.

Alisa hat ein großes Problem mit Nähe. Wenn du mit ihr befreundet wärst, was würdest du ihr raten?

Ich würde ihr die folgenden drei Fragen stellen: Wovor beschützt dich deine Angst? Woran hindert sie dich? Wie würdest du dich angstfrei entscheiden? Die Schwierigkeit im nächsten Schritt besteht dann darin, die Angst nicht wegzuschieben, sondern wahrzunehmen und gemeinsam mit der Angst trotzdem den eigenen Plan durchzuziehen. Go Alisa!

Der Junge und das Kreidemädchen – die mitreißende Geschichte einer berührenden, gefährlichen Liebe. Willst Du wissen, wie es mit Felix und Alisa weiter geht?

Jetzt kaufen 14,99€