Jaeger: Supermacht Wissenschaft | Leseprobe read’n’go

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»Zukunft? Wir sind mittendrin – wir wissen es nur noch nicht.« (Lars Jaeger)

 

Fleisch aus 3D-Druckern, Roboter so klein wie Viren, gentechnisch optimierte Designer-Kinder, 120-Jährige, die aussehen wie 40-Jährige, künstlich hergestelltes Leben – all dies könnte schon in unserer Lebenszeit Wirklichkeit werden. Der Trend ist beunruhigend: Bislang formte der Mensch die Natur nach seinem Willen. Doch die modernen Technologien können den Spieß auch umdrehen: Sie formen den Menschen. Algorithmen, die über Leben und Tod entscheiden, Eingriffe in die Genetik und künstliche Intelligenz definieren menschliches Leben neu. Unser Alltag, unsere menschliche Existenz ändern sich radikal. Die Frage ist: Wollen wir diesen Epochenwandel?
Nur, wenn wir verstehen, was gerade um uns herum und mit uns passiert, bleiben wir mündig! Ein aufrüttelndes Buch, das aufklärt und Orientierung gibt.

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Unsere Zukunft zwischen Himmel und Hölle

Lernen Sie einige der wichtigsten Schlüsseltechnologien kennen, die unsere Zukunft bestimmen...

Künstliche Intelligenz - Die Kontrolle über unser Leben

Das alte fernöstliche Spiel Go kennt nur wenige Regeln, ist aber in seinen strategischen Feinheiten um Größenordnungen komplexer als das Schachspiel. Ein Spieler kann ein Leben lang darauf verwenden, seine Fähigkeiten auszubauen und neue Strategien zu erfinden. Dagegen lässt sich das Schachspiel eher als ein kombinatorisches Problem betrachten. Die Spieler rechnen die möglichen Varianten von Zügen bis zur rechentechnisch maximal möglichen Tiefe durch. Entsprechend sind Schachcomputer dem Menschen schon länger weit überlegen. Bereits 1997 schlug der IBM-Computer Deep Blue den damaligen Weltmeister Garri Kasparow.

Beim Go-Spiel ist das anders. Hier spielen Intuition und Kreativität eine weitaus größere Rolle für den Erfolg als stures Rechnen. Die Maschine muss genauso wie der Mensch, lernen, wie man am besten spielt.

Der überraschende Sieg des Computers ›AlphaGo‹ über den Go-Weltmeister Lee Sedol im März 2016 zeigte einer breiten Öffentlichkeit, wie weit die Lernalgorithmen der Künstlichen Intelligenz (KI) bereits sind. Denn AlphaGo ist nicht nur ein schneller Rechner. Er besteht zum größten Teil aus lernenden – man ist versucht zu sagen: lebendig – neuronalen Netzen, die Lern- und Denkprozesse des menschlichen Gehirns nachahmen. Die der heutigen KI zugrunde liegenden Lern- und Optimierungsverfahren (das so genannte deep learning) ermöglichen eine maschinelle Intelligenzsteigerung in die Breite. Zukünftige Computer werden nicht mehr nur ausschließlich den bestimmten Zweck bewältigen, für den sie konstruiert wurden (beispielsweise Schachspielen oder schnell rechnen), sondern auf einem sehr viel ausgedehnteren Gebiet einsatzfähig sein. Die Forschung auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz feiert große Durchbrüche auf dem Weg, ihren Traum wahr werden zu lassen, die menschliche Intelligenz nachzubilden und gar darüber hinauszugelangen.

Doch wie viel soll und darf ein Computer lernen? Eine solche dem Menschen überlegene künstliche Intelligenz, eine sogenannte ›Superintelligenz‹, könnte wiederum die Wissenschaft noch schneller vorantreiben, den technischen Fortschritt noch massiver beschleunigen und ihrerseits weitere künstliche Systeme schaffen, die dann noch intelligenter sind. Solch eine Rückkopplung sorgt dafür, dass Menschen mit dem rasanten technischen Fortschritt intellektuell nicht mehr mithalten könnten.
Im Jahre 1993 veröffentlichte der Mathematiker und Computerpionier Vernor Vinge die Prognose, dass wir »innerhalb von 30 Jahren über die technologischen Mittel verfügen werden, um übermenschliche Intelligenz zu schaffen.« Das wäre das Jahr 2023. Wir sind auf dem besten Wege, diese Voraussage zu erfüllen.
Sorge sollte uns der gleich anschließende Satz Vinges machen:
»Wenig später ist die Ära der Menschen beendet.«

 

Neuro-Enhancement - Vom Verstehen zum Verbessern

Mit Hilfe von Aufputschmitteln wie Modafinil und Methylphenidat (Ritalin) versuchen bereits Millionen von Menschen, ihre kognitive Leistungsfähigkeit künstlich zu verbessern (allerdings mit umstrittenen Ergebnissen).
Dahinter steht der Wunsch, fitter, intelligenter und schneller im Denken zu sein. Man muss nur eine Pille schlucken und schon verbessern sich Konzentrations- und Erinnerungsvermögen. Je nach Präparat – teils illegal erworben, teils auf Rezept besorgt – baut so mancher auch darauf, glücklicher und emotional ausgeglichener zu sein.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich das Wissen über Struktur und Dynamik unseres Gehirns vervielfacht. Je mehr wir seine Funktionsweise erfassen, desto zielgenauer können wir unser Fühlen, Denken und Erleben beeinflussen. Wissenschaftler arbeiten sogar an Mikrochips, die sich ins Gehirn pflanzen lassen und unsere Gemütsverfassung permanent verbessern, das Wohlempfinden anheben, unsere Intelligenz, unser Erinnerungsvermögen und unsere Konzentrationsfähigkeit steigern oder gar dauerhafte Glückseligkeit vermitteln.
In seiner Romantrilogie »Black Out«, »Hide Out« und »Time Out« (2010-2012) beschreibt der Schriftsteller Andreas Eschbach ein unheimliches Zukunftsszenario: eine Welt voller Menschen, die mit Hilfe von implantierten Chips direkt über ihre Gehirne kommunizieren können.
Sie müssen also nicht mehr miteinander sprechen, sie können miteinander denken. Als Folge existieren sie als Teil einer einzigen mentalen Entität mit einem zentralen Hyper-Bewusstsein (der sogenannten ›Kohärenz‹), die zugleich alle Gedanken der Menschen kontrolliert. Tatsächlich beginnen die technologischen Grundlagen des Eschbach’schen Szenarios heute Realität zu werden. Hirnforscher lassen heute schon Gehirne und Maschinen miteinander interagieren. Mit Hilfe von Hirn-Computer-Schnittstellen (so genannter brain Computer interfaces, BCIs) können zum Beispiel Inhalte aus dem Gehirn eines Menschen auf eine Maschine übertragen werden (siehe auch Kapitel 4).

 

Stammzellen – Die Alleskönner in unserem Körper

Am 25. Juli 1978 kam Louise Brown zur Welt, der erste Mensch, der nicht durch einen Geschlechtsakt der Eltern gezeugt wurde. Trotz des Horrors, den viele Menschen damals empfanden, haben bis heute weltweit ca. sechs Millionen gesunde Kinder durch IVF (In-vitro-Fertilisation) das Licht der Welt erblickt. Im September 2016 wurde das erste Kind mit drei Eltern geboren: Der kleine Junge aus Jordanien hat einen genetischen Vater, eine genetische Mutter (die die schwere Erbkrankheit des Leigh-Syndroms an ihre Kinder vererbt) und stammt ein wenig auch von einer weiteren Frau ab. Denn für seine Zeugung wurde der Zellkern, nicht aber die Mitochondrien, aus einer Eizelle der Mutter entnommen und der Spenderzelle der anderen Frau eingesetzt, aus der zuvor ebenfalls der Zellkern entfernt worden war. Anschließend befruchteten die Mediziner die kombinierte Eizelle mit Spermien des Ehemanns. Die Mediziner hatten also die Erbinformation des Elternpaares mit dem Ei-Plasma und den darin enthaltenen Mitochondrien einer Spenderin kombiniert. Und die nächste Revolution in der Fortpflanzungsmedizin steht schon an. Es ist denkbar, dass in Zukunft aus elterlichen Zellen Hunderte von Embryonen in der Petrischale gezeugt werden können. Nachdem DNA-Analysen detailliert die Veranlagungen jedes einzelnen Embryos bestimmt haben, können sich die Eltern für ihr Wunschkind entscheiden. Vielleicht lässt sich sogar aus der Hautzelle eines Mannes eine Eizelle herstellen, so dass homosexuelle Paare Kinder mit ihren eigenen Genen haben können. Oder ein Mensch ist gar biologischer Vater und biologische Mutter zugleich. Möglich wird all dies durch die Verwendung von Stammzellen. Dies sind Zellen, die sich noch nicht in spezielle Zelltypen wie zum Beispiel Muskel-, Haut- oder Fettzellen ausdifferenziert haben. Lange galt es als sicher, dass sich einmal festgelegte Zellen nicht wieder in Stammzellen zurückentwickeln können. Doch 2006 zeigte der spätere Nobelpreisträger Shinya Yamanaka, dass sich Stammzellen aus dem Körpergewebe eines Menschen künstlich erstellen lassen (so genannte ›induzierte pluripotente Stammzellen‹).
Als zelluläre Alleskönner sind Stammzellen besonders geeignet für genetisches Engineering. Sie sind in der Lage, geschädigte Zellen zu erneuern und unterstützen so zum Beispiel massiv die Regeneration von Knorpel und Knochen. Zur Behandlung von Leukämien und anderen Krebsarten werden Stammzellen schon seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt. 2011 gelang es sogar, menschliches Herzgewebe aus Stammzellen wachsen zu lassen. Im selben Jahr wurden in den USA bei Patienten, die an einer Netzhauterkrankung leiden, mit Stammzellentherapien signifikante Sehverbesserungen erzielt. Selbst die Heilung schwerer Krankheiten wie Parkinson, Diabetes oder Querschnittslähmung rückt mit Stammzellen in greifbare Nähe. Darauf wird in Kapitel 2 näher eingegangen.

Dr. Lars Jaeger, geboren 1969, studierte Physik, Mathematik und Philosophie. Er beschäftigt sich mit Fragen zur Geschichte der Wissenschaft, ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft und ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen. Auf seinem Blog und auf scilogs veröffentlicht er regelmäßig seine Gedanken zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen.

Supermacht Wissenschaft

TECHNOMANIA - WIR SIND MITTENDRIN

Dieses Buch nimmt Sie mit auf eine aufregende Reise. Die erste Etappe umfasst die heutige Landschaft von Wissenschaft und Technologie. Wir werden großartige Entwicklungen und Erfindungen, teils gar exotisch anmutende Wirklichkeiten kennenlernen. Auf der zweiten Etappe entdecken wir, dass wir nicht nur staunende Beobachter dieser exotischen Umgebungen, sondern längst schon Teil derselben sind. Ein Gänsehaut-Gefühl wird uns am Rücken entlangstreichen, wenn wir bemerken, dass diese Umgebung alles andere als ungefährlich ist. Durch die technologische Entwicklung stehen uns gewaltige gesellschaftliche und soziale Veränderungen nicht erst in fernen Zeiten bevor – wir sind schon mitten drin. Auf der dritten Etappe suchen wir schließlich nach der Route, auf der wir im neuen, unbekannten Terrain der Gegenwart unser Leben, unsere Freiheit und unsere Zukunft als Menschen nicht verlieren. Wenn es gelingt, diesen Weg zu finden, dann hat die Zukunft tatsächlich wunderbare Möglichkeiten für uns bereit. Wenn nicht, dann wird es das Menschsein, wie wir es kennen, bald nicht mehr geben.

 

Zukunft? Wir sind mittendrin!

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