Holly Black: Prinz der Elfen | Leseprobe read’n’go

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Die Geschwister Hazel und Ben leben in dem Ort Fairfold, der an das magische Elfenreich grenzt. Seit Jahrzehnten steht dort, mitten im Wald von Fairfold, ein gläserner Sarg, in dem ein Elfenprinz schläft – von Touristen begafft und von der Bevölkerung argwöhnisch beäugt, auch wenn Hazel und Ben die alten Geschichten nicht glauben. Seit Kindertagen fühlen sie sich zu dem schlafenden Jungen magisch hingezogen, ihm vertrauen sie alle ihre Geheimnisse an.

Inzwischen ist Hazel 16 und küsst immer neue Jungs, um die Leere in ihrem Herzen zu füllen. Doch als eines Tages der Sarg leer ist und der Prinz erwacht, werden die Geschwister in einen Machtkampf der Elfen gezogen …

Am Ende eines Waldweges, weiter über einen Bach und einen ausgehöhlten Baumstamm mit Asseln und Termiten, stand auf dem Erdboden ein Sarg aus Glas. Darin schlief ein Junge mit Hörnern und Ohren, so spitz wie Messer.

Soweit Hazel Evans wusste, war er immer schon dagewesen. So hatten ihre Eltern es ihr erzählt, die es wiederum von ihren Eltern gehört hatten. Und man konnte machen, was man wollte, er wachte nicht auf, niemals.

Nicht in den langen Sommern, in denen Hazel sich mit ihrem Bruder Ben auf dem Sarg ausstreckte und durch die Glasscheibe starrte, bis sie von ihrem Atem beschlug, während sie wilde Pläne schmiedeten. Er wachte auch nicht auf, wenn die Touristen kamen und glotzten oder irgendwelche Spielverderber schworen, er wäre nicht echt. Auch nicht an den Wochenenden im Herbst, wenn die Mädchen auf seinem Sarg tanzten und ihn zu den blechernen Songs aus ihren iPod-Boxen anmachten, oder als Leonie Wallace ihr Bier über den Kopf hob, als wollte sie dem ganzen verhexten Wald zuprosten. Er zuckte nicht einmal mit der Wimper, als Bens bester Freund Jack Gordon mit seinem Edding IM NOTFALL SCHEIBE EINSCHLAGEN auf die Seite des Sargs schrieb – oder als Lloyd Lindblad es mit einem Vorschlaghammer tatsächlich versuchte. Egal wie viele Partys rund um den Jungen mit den Hörnern stattgefunden hatten – Generationen von Partys, sodass die jahrzehntealten Scherben kaputter Flaschen grün und braun im Gras glänzten und die zerdrückten Blechdosen silbern, golden und rostig im Gestrüpp glitzerten – und unabhängig davon, was auf diesen Partys alles geschehen war – konnte nichts und niemand den Jungen in seinem gläsernen Sarg wecken.

Als sie klein waren, hatten Hazel und Ben ihm Blumenkränze geflochten und Geschichten erzählt, wie sie ihn retten würden. Damals wollten sie noch jeden retten, der in Fairfold gerettet werden musste. Als sie älter wurde, ging Hazel lieber nachts mit allen anderen zum Sarg, doch es schnürte ihr immer noch die Kehle zu, wenn sie auf das seltsame schöne Gesicht des Jungen hinunter sah.

Sie hatte ihn nicht gerettet, und Fairfold hatte sie auch nicht gerettet.

»Hey, Hazel«, rief Leonie und tanzte für den Fall, dass Hazel ebenfalls auf den Sarg des Gehörnten steigen wollte, auf die eine Seite. Doris Alvaro war auch schon oben, in ihrem Cheerleader-Outfit nach dem Spiel, das ihre Schule am Abend verloren hatte, und ihr brauner Pferdeschwanz wippte. Die Mädchen waren rot im Gesicht, weil sie so viel getrunken und die Mannschaft so ausdauernd angefeuert hatten.

Hazel winkte Leonie zu, aber sie stieg nicht auf den Sarg, obwohl sie Lust dazu hatte. Stattdessen drängte sie sich durch die Menge der Jugendlichen.

Es war eine dieser Frühherbstnächte, wenn Holzrauch in der Luft lag, kombiniert mit dem süßlich reifen Geruch von aufgewirbeltem Laub – alles schien möglich. Sie trug einen neuen grünen Pullover, ihre braunen Lieblingsstiefel und billige grüne Ohrreifen aus Emaille. Ihre roten Locken schimmerten noch immer sommerlich golden und als sie kurz vor der Party in den Spiegel gesehen hatte, um ein bisschen roten Gloss aufzutragen, hatte sie sich richtig hübsch gefunden.

Liz war für die Playlist zuständig und hatte ihr Handy an die Anlage ihres alten Fiat gehängt. Dance Music dröhnte so laut, dass die Bäume bebten. Martin Silver machte Lourdes und Namiya gleichzeitig an und machte sich anscheinend Hoffnung auf ein Beste-Freundinnen-Doppelpack, aus dem niemals, ganz bestimmt nichts werden würde. Molly lachte in einem Halbkreis von Mädchen, während Stephen in einem farbbespritzten Hemd auf seinem Truck saß. Er hatte die Scheinwerfer eingeschaltet und trank Schwarzgebrannten von Franklins Vater aus einem Flachmann.

Irgendetwas machte ihn so fertig, dass es ihm egal war, ob er davon blind wurde. Jack saß etwas weiter weg neben seinem (na ja, sogenannten) Bruder Carter, dem Quarterback, auf einem Baumstamm in der Nähe des gläsernen Sargs. Als sie lachten, bekam Hazel Lust, zu ihnen zu gehen und mitzulachen, aber gleichzeitig wollte sie auf den Sarg steigen und tanzen und drittens wollte sie nach Hause. Sie entschied sich, zu Jack und Carter zu gehen.

Jack, für den Hazel geschwärmt hatte, als sie jünger und dümmer gewesen war, wirkte überrascht, als sie angestolpert kam. Das war sonderbar, weil man ihn eigentlich nie überrumpeln konnte, denn er bekam alles mit. Seine Mutter hatte einmal gesagt, Jack würde den Donner hören, bevor es geblitzt hatte.

»Hazel, Hazel, mit sich im Reinen. Küsst die Jungs, bis sie weinen«, sagte Carter, weil Carter echt blöd sein konnte.

Carter und Jack sahen sich so ähnlich wie Zwillinge. Sie hatte dunkle Locken und braune Augen. Sie hatten dunkelbraune Haut, einen sinnlichen Mund und hohe Wangenknochen, von denen alle Mädchen in der Stadt träumten. Doch sie waren keine Zwillinge. Jack war ein Wechselbalg – Carters Wechselbalg, den die Elfen zurückgelassen hatten, als sie Carter gestohlen hatten.

Fairfold lag in der Mitte des Carling-Forstes, in dem es nur so wimmelte von Lichtalben.

Ein Ort, an dem die Elfen leben

Fairfold war ein merkwürdiger Ort, der genau in der Mitte des Carling-Forstes lag, einem verhexten Wald, in dem es nur so wimmelte von Lichtalben, wie Hazels Großvater sie nannte, oder Waldgeistern oder dem kleinen Luftvolk, wie es bei ihrer Mutter hieß. In diesen Wäldern war es nichts Besonderes, wenn ein schwarzer Hase im Bach schwamm – obwohl Hasen sich sonst nichts aus Schwimmen machten – oder wenn sich ein Hirsch von einem Augenblick zum anderen in ein rennendes Mädchen verwandelte. Im Herbst wurde ein Teil der Apfelernte für den grausamen und unberechenbaren Erlkönig abgezweigt. Im Frühling wurden Blumengirlanden für ihn geknüpft. Die Städter wussten das Ungeheuer zu fürchten, das sich im Herzen des Waldes zusammengerollt hatte und Touristen mit einem Schrei lockte, der sich wie eine weinende Frau anhörte. Die Finger waren Stöcke, das Haar Moos. Es nährte sich von Trauer und säte Verderben. Man konnte es mit einem Singsang hervorlocken, den Mädchen als Mutprobe bei Übernachtungspartys sangen. Außerdem gab es einen Weißdornbaum in einem Steinkreis, wo man erhandeln konnte, was man sehnlichst wünschte. Man musste bei Vollmond ein Stück Stoff von der eigenen Kleidung an die Äste hängen und abwarten, bis jemand aus dem Elfenvolk erschien. Im Vorjahr war Jenny Eichmann dorthin gegangen und hatte den Elfen versprochen, was sie nur wollten, wenn sie sie nach Princeton schafften. Sie war angenommen worden, doch an dem Tag, an dem der Brief mit der Zulassung gekommen war, bekam ihre Mutter einen Schlaganfall und starb.

Aus diesem Grund, wegen der Wünsche, dem Jungen mit den Hörnern und den sonderbaren Visionen besuchten viele Touristen die Stadt, obwohl Fairfold so klein war, dass der Kindergarten direkt neben der Schule lag und man drei Orte weiterfahren musste, wenn man eine Waschmaschine kaufen oder durch ein Einkaufszentrum schlendern wollte. Andere Städte hatten vielleicht das dickste Wollknäuel oder ein riesiges Käserad oder einen Stuhl, auf dem ein Riese sitzen könnte. Sie hatten spektakuläre Wasserfälle oder glitzernde Höhlen mit spitzen Stalaktiten oder Fledermäuse, die unter einer Brücke schliefen. Fairfold hatte den Jungen im Glassarg. Fairfold hatte das kleine Volk. Und für das kleine Volk waren Touristen leichte Beute.

»Und, glaubst du, Ben amüsiert sich besser als wir?« Jacks Frage riss sie aus ihren Gedanken an die Vergangenheit, seine Narbe und sein attraktives Gesicht.

Wenn Hazel es mit dem Küssen nicht ernst genug nahm, nahm Ben es dagegen zu ernst. Er wollte verliebt sein und war viel zu schnell bereit, sein ruhig schlagendes Herz zu verschenken. So war Ben immer schon gewesen, selbst wenn er dafür teurer bezahlt hatte als Hazel sich erinnern wollte.

Allerdings hatte er online auch nicht mehr Glück als andere.

»Ich glaube, das ist ein langweiliges Date.« Hazel nahm Jack die Bierdose aus der Hand und trank einen Schluck. Es schmeckte säuerlich. »Die meisten sind langweilig, sogar die Lügner. Vor allem die Lügner. Ich weiß gar nicht, warum er sich die Mühe macht.«

Carter zuckte die Achseln. »Sex?«

»Er mag Geschichten«, sagte Jack und grinste sie verschwörerisch an.

Hazel leckte den Schaum von ihrer Oberlippe und wurde wieder fröhlicher. »Jep, stimmt.«

Carter stand auf und musterte Megan Rojas, die gerade mit frisch lila gefärbtem Haar und einer Flasche Zimtschnaps angekommen war; ihre spitzen mit Spinnweben verzierten Stiefel sanken in die weiche Erde. »Ich hole mir noch ein Bier«, sagte er. »Wollt ihr auch noch was?«

»Hazel hat mein Bier geklaut«, sagte Jack und nickte ihr zu. Die schweren Silberreifen in seinen Ohren glänzten im Mondlicht. »Kannst du uns also zwei neue mitbringen?«

Versuch mal, keine Herzen zu brechen, während ich weg bin.

»Versuch mal, keine Herzen zu brechen, während ich weg bin«, sagte Carter wie im Scherz zu Hazel, doch sein Tonfall war ziemlich unfreundlich.

Hazel setzte sich auf den Teil des Baumstamms, wo eben noch Carter gesessen hatte, und sah zu, wie die Mädchen tanzten und die anderen tranken. Sie fühlte sich wie eine Zuschauerin, ziellos und verwirrt. Früher hatte sie einmal eine Mission gehabt, eine, für die sie alles aufgegeben hätte, aber es hatte sich herausgestellt, dass man nicht automatisch gewann, indem man alles aufgab.

»Mach dir nichts draus«, sagte Jack, als sein Bruder auf der anderen Seite des Sargs außer Hörweite war. »Du hast mit Rob nichts falsch gemacht. Wer sein Herz auf dem Silbertablett serviert, hat nichts Besseres verdient.«

Hazel dachte an Ben und überlegte, ob das stimmte.

»Ich mache einfach immer den gleichen Fehler«, sagte sie. »Ich gehe auf eine Party und küsse irgendeinen Typen, auf den ich in der Schule nie gekommen wäre. Typen, die ich eigentlich nicht mal mag. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie mir hier draußen im Wald eine geheime Seite zeigen würden. Aber sie sind immer gleich.«

»Geht doch nur ums Knutschen.« Jack grinste sie an; einen Mundwinkel hatte er hochgezogen und sie reagierte mit einem innerlichen Zucken. Er lächelte ganz anders als Carter. »Es macht einfach Spaß. Du tust niemandem weh. Es ist ja schließlich nicht so, als würdest du Jungs abstechen, nur damit mal was passiert.«

Sie war so überrascht, dass sie lachen musste. »Sag das mal Carter.«

Sie erklärte ihm nicht, dass sie gar nicht unbedingt wollte, dass etwas passierte, sondern vielmehr, dass sie nicht die einzige war, die mit einem Geheimnis herumlief.

Jack tat so, als würde er mit ihr flirten, und legte ihr einen Arm um die Schultern, freundlich und lustig. »Er ist mein Bruder, also kann ich dir reinen Gewissens sagen, dass er ein Idiot ist. Du musst dich so gut wie möglich mit den anderen öden Bewohnern von Fairfold amüsieren.«

Sie schüttelte lächelnd den Kopf und drehte sich zu ihm um. Er sagte nichts mehr und sie merkte, wie nah ihre Gesichter waren.

So nah, dass sie seinen warmen Atem auf ihrer Wange spürte. So nah, dass sie sah, wie die dunklen dichten Wimpern im Licht zu Gold wurden, und wie sanft sein Mund geschwungen war.

Hazels Herz schlug schneller, als die Schwärmerei der Zehnjährigen mit Macht zurückkam. Sie fühlte sich auf einmal wieder genauso verletzlich und lächerlich wie damals. Sie hasste dieses Gefühl. Jetzt war sie es, die Herzen brach, nicht anders herum.

Wer sein Herz auf dem Silbertablett serviert, hat nichts Besseres verdient.

Es gab nur eins, um über einen Jungen hinwegzukommen. Nur eins, das immer funktionierte.

Jacks Blick war unkoordiniert, er hatte den Mund leicht geöffnet. Das war der perfekte Moment, die Distanz zu überbrücken, die Augen zu schließen und ihre Lippen auf seine zu legen. Warm und sanft erwiderte er den Druck für einen einzigen Austausch ihres Atems.

Dann wich er blinzelnd zurück. »Hazel, damit meinte ich nicht, dass du-«

»Nein«, sagte sie und sprang mit brennenden Wangen auf. Er war ihr Freund, der beste Freund ihres Bruders. Er war wichtig. Es wäre niemals okay, ihn zu küssen, selbst wenn er es wollte, was er eindeutig nicht wollte, und was alles nur noch schlimmer machte. »Natürlich nicht. Tut mir leid. Tut mir leid. Gerade habe ich noch gesagt, ich sollte nicht rumlaufen und Typen küssen, und schon tu ich es wieder.«

Sie wandte sich zum Gehen.

»Warte«, sagte er und versuchte, sie festzuhalten, doch sie wollte nicht so lange bleiben, bis er die richtigen Worte gefunden hatte, um sie abzuwimmeln, ohne ihr wehzutun.

Hazel flüchtete mit gesenktem Kopf an Carter vorbei, um sich seinen besserwisserischen Blick zu ersparen. Sie kam sich dumm vor, und noch schlimmer, so als hätte sie die Zurückweisung verdient. Als würde es ihr recht geschehen. Es war eine Art karmischer Gerechtigkeit, die im normalen Leben eigentlich nicht vorkam, jedenfalls nicht so unmittelbar.

Hazel ging direkt zu Franklin. »Gibst du mir was ab?« Sie zeigte auf seinen Flachmann.

Er sah sie mit seinen blutunterlaufenen Augen verdämmert an, hielt ihr aber den Flachmann hin. »Schmeckt dir bestimmt nicht.«

Da hatte er recht. Der gepanschte Schnaps brannte bis ganz unten. Dennoch trank sie noch zwei Schlucke in der Hoffnung, alles vergessen zu können, was auf dieser Party schon passiert war. In der Hoffnung, dass Jack Ben nie erzählen würde, was sie getan hatte. In der Hoffnung, dass Jack so tun würde, als wäre nichts geschehen. Sie wünschte, sie könnte alles ungeschehen machen und die Zeit wie den Faden eines Pullovers aufribbeln.

Auf der anderen Seite der Lichtung sprang Tom Mullins, Linebacker und schwerer Choleriker, im Schein von Stephens Scheinwerfern so plötzlich auf den Sarg, dass die Mädchen absprangen. Er sah total besoffen aus, knallrot im Gesicht, und die Haare standen in alle Richtungen.

»Hey«, schrie er, hüpfte auf und ab und stampfte auf, als wollte er das Glas zertreten. »Hey, aufwachen, nicht schlappmachen. Komm schon, du alter Sack, raus aus den Federn!«

»Lass es«, sagte Martin und wollte Tom herunterscheuchen. »Schon vergessen, was mit Lloyd passiert ist?«

Lloyd war ein brutaler Feuerteufel, der gern ein Messer mit zur Schule nahm. Wenn die Lehrer die Anwesenheit überprüften, mussten sie sich mühsam erinnern, ob er nicht da war, weil er schwänzte oder weil er mal wieder suspendiert war. Im vergangenen Frühling hatte Lloyd eines Nachts einen Vorschlaghammer zum Sarg mitgebracht. Er richtete nichts aus, doch als Lloyd das nächste Mal etwas abfackelte, verbrannte er sich. Er lag immer noch in Philadelphia im Krankenhaus, wo sie Haut von seinem Hintern auf sein Gesicht verpflanzten.

Es wurde gemunkelt, der gehörnte Junge hätte Lloyd das angetan, weil es ihm nicht gefiel, wenn man seinen Sarg kaputtmachen wollte. Andere sagten, derjenige, der den Jungen mit den Hörnern verflucht hatte, hätte auch das Glas verflucht. Wenn also jemand versuchte, es zu zerschlagen, würde er sein Unglück heraufbeschwören. Tom Mullins wusste das alles, aber es schien ihm egal zu sein.

Das konnte Hazel ihm nachvollziehen.

 

»Aufstehen!«, brüllte er und trat und stampfte und sprang auf dem Sarg herum. »Hey, du Faulpelz, aufwaaachen!«

 

Carter hielt ihn am Arm fest. »Komm mit, Tom. Wir trinken Shots. Das willst du doch nicht verpassen.«

Tom sah ihn zögerlich an.

»Komm mit«, wiederholte Carter. »Oder bist du schon zu breit?«

»Jep«, sagte Martin und gab sich Mühe, überzeugend zu klingen. »Du verträgst einfach nichts mehr, Tom.«

Das wirkte. Tom kletterte vom Sarg, ging mit und protestierte lauthals, dass er mehr vertrug als die beiden zusammen.

»Tja«, sagte Franklin zu Hazel. »Mal wieder so eine Nacht in Fairfold, wo alle entweder besoffen oder Elfen sind.«

Sie trank noch einen Schluck aus seinem silbernen Flachmann. Allmählich gewöhnte sie sich daran, dass ihre Speiseröhre wie Feuer brannte. »Kann man sagen.«

Er grinste und seine rotgeränderten Augen funkelten. »Bisschen knutschen?«

So wie er aussah, war er genauso fertig wie Hazel. Franklin, der in den ersten drei Jahren in der Grundschule kaum ein Wort gesprochen hatte, und von dem alle annahmen, dass er manchmal überfahrene Tiere zum Abendessen aß. Franklin, der sich nicht bei ihr bedanken würde, wenn sie ihn fragte, was ihn quälte, weil er wahrscheinlich genauso viel vergessen wollte wie sie.

Hazel war ein wenig schwindelig und sehr unbesonnen. »Okay.«

Als sie von dem Truck fort in den Wald gingen, drehte sie sich noch mal zu der Party im Hain um. Jack beobachtete sie, aber sie konnte seinen Gesichtsaudruck nicht deuten, und wandte sich ab. Als sie händchenhaltend unter einer Eiche hergingen, glaubte Hazel, die Äste hätten sich über ihr bewegt wie Finger, doch als sie genauer hinsah, war alles Schatten.

Bewegung im Schatten.

Oder doch nicht?

Ein paar Tage später

In dieser Nacht wälzte Hazel sich herum, warf die Decke ab und redete sich gut zu, sich keine Sorgen zu machen. Sie stellte sich vor, sie wären weit weg, verschlossen in einem Tresor, der von Hunderten von Muscheln überwachsen war, in tausend vergrabenen Truhen, die mit schweren Ketten gesichert waren.

Am Morgen waren ihre Glieder schwer. Als sie sich auf die andere Seite drehte, um ihren Handywecker auszustellen, brannten ihre Fingerspitzen. Ihre Handflächen waren rot und voller Schrammen, und unter ihrem Daumennagel steckte ein Glassplitter, so lang wie eine Stecknadel. Auch auf ihren anderen Fingern glänzten winzige Splitter. Ihr Herz schlug schneller.

Stirnrunzelnd trat sie die Bettdecke weg und bemerkte dabei, dass ihre Füße voll getrocknetem Matsch waren. Als sie aufstand, fielen Erdbröckchen von ihren Zehen und Dreckspritzer zogen sich über ihr Bein bis zum Knie. Der Saum ihres Nachthemds war steif und schmutzig. Als sie das Laken zurückzog, sah ihre Bettwäsche wie ein Nest aus Gras und Stöcken aus. Sie versuchte, an die vergangene Nacht zu denken, doch sie erinnerte sich nur an vage Träume. Je mehr sie sich darauf konzentrierte, desto mehr rückten sie in den Hintergrund.

Auf dem Schulweg sprachen Hazel und Ben nur wenig, aßen ihr Frühstück und lauschten der morgendlichen Punk-Playlist des nächsten Collegesenders aus den kratzigen Boxen seines Käfers. 

»Was ist da los?«, fragte Ben und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf eine Gruppe von Schülern, die zu einem christlichen Jugendverein gehörten. Sie standen vor der Aula und alle strömten dorthin.

»Er war einfach nicht mehr da«, sagte Charlize Potts und verschränkte die Arme über ihrem riesigen Hollister-Hängershirt, das sie mit pinkfarbenen Jeggings kombiniert hatte. Ihr weißblondes Haar wallte über ihren Rücken.

»Wir waren heute Morgen vor der Schule im Wald, um ein bisschen aufzuräumen, damit die Touristen nicht über die Flaschen fallen, die ihr Loser da einfach liegen lasst. Pastor Kevin will nicht, dass die Stadt sich schämen muss. Der Sarg war leer. Zertrümmert. Irgendwer hat ihn nun endlich zerschlagen, würde ich sagen.«

Hazel erstarrte. All ihre anderen Gedanken waren verflogen.

»Er kann doch nicht einfach verschwinden!«, sagte jemand.

»Bestimmt ist er entführt worden.«

»Das ist ein Streich.«

»Was ist Samstagabend passiert?«

»Tom liegt mit gebrochenen Beinen im Krankenhaus. Er ist eine Treppe heruntergefallen, also kann er nicht wieder in den Wald gegangen sein.«

Hazel wäre beinahe das Herz stehengeblieben. Sie redeten doch nicht wirklich über das, was sie vermutete. Unmöglich. Als sie bedächtig nähertrat, fühlte es sich an, als würde sie durch etwas Festeres hindurchgehen als durch Luft. Ben überholte sie mit seinen langen Beinen und ging ganz nach vorn.

Kurz darauf drehte er sich zu Hazel um und sah sie mit glänzenden Augen an. Er musste gar nichts sagen, doch er legte ihr eine Hand auf die Schulter und flüsterte es ihr ins Ohr, als würde er ihr ein Geheimnis anvertrauen, obwohl alle über nichts anderes redeten.

»Er ist aufgewacht«, sagte er mit seinem Atem in ihrem Haar. Seine Stimme war leise und leidenschaftlich. »Der Junge mit den Hörnern – der Prinz – ist frei. Er ist nicht mehr gefangen, er könnte überall sein. Wir müssen ihn finden, bevor es jemand anderes tut.«

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»Keiner schreibt wie Holly Black.«

John Green, Autor

»Black kehrt zurück in die Elfenwelt, besser als je zuvor!«

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