Caleb Roehrig: Niemand wird sie finden | Leseprobe read’n’go

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Was ist mit January geschehen?

Flynns Freundin January ist verschwunden. Die Polizei vermutet ein Verbrechen und stellt Fragen, die Flynn nicht beantworten kann. Alle Augen sind auf ihn gerichtet, denn er war in der Nacht vor Januarys Verschwinden mit ihr zusammen…
Doch die Aussagen von Mitschülern und Freunden zeichnen ein völlig fremdes Bild von dem Mädchen, das Flynn so gut zu kennen glaubte. Er muss herausfinden, was mit January geschehen ist, ohne dabei zu verraten, dass er ebenfalls ein Geheimnis hat. Vor seinen Eltern. Vor seinen Freunden. Und vor allem vor sich selbst…

War das unser letzter Abend?

„Wenn du schon mir gegenüber nicht ehrlich sein willst, dann sei wenigstens dir selbst gegenüber ehrlich.“
„Danke für den Rat, Doktor Sommer. Ich werde darüber nachdenken.“
Sie starrte mich einen oder zwei Augenblicke an, dann zischte sie: „Verdammte Scheiße! Ich habe keine Lust mehr, Händchen mit dir zu halten und darauf zu warten, dass du dich irgendwann selbst magst, Flynn! Ich bin auch noch da – es geht nicht nur um dich.“ Wieder zog sie sich zurück in die Dunkelheit und ich hörte, wie sie aufstand. „Mir reicht’s. Ich hätte dich nicht anrufen sollen. Es war ein Fehler.“ Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern und versagte dann, und ich merkte, dass sie wieder weinte. „Es war alles ein großer Fehler.“
Ich rutschte unruhig auf meinem Platz herum, auf einmal fror ich auf dem Heubett im Mondlicht. „January …“
„Ich werde nicht mehr dein Rettungsanker oder dein Alibi oder dein Problem sein“, giftete sie auf einmal. „Entweder gibst du die Wahrheit zu oder du suchst dir jemand anderen, hinter dem du dich verstecken kannst, ich hab nämlich die Nase voll!“
Ihre Schritte polterten über den dunklen Heuboden, dann stieg sie die Leiter hinunter und durchquerte die Scheune unter mir. Ich hörte, wie sich das Tor quietschend öffnete, und erhaschte einen Blick auf ihr leuchtend blondes Haar, als sie zurück zu den Bäumen und Richtung Wiese lief.
Es war das letzte Mal, dass ich sie sah. Es waren die letzten Worte, die sie zu mir sagte.

Wie gut kann man einen anderen Menschen kennen?

Niemand kennt dieses Mädchen wirklich.

Über das Schülergewusel hinweg fragte ich sie schließlich: „Ti, was glaubst du denn, was January passiert ist?“
Sie antwortete nicht sofort – erst sah sie mich nicht mal an –, und ich spürte ein komisches Grummeln in meiner Magengrube. Ich wollte, dass sie mir sagte, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, es sei bestimmt nichts passiert, aber ihr Schweigen zog sich nervtötend in die Länge. Schließlich seufzte Tiana. „Keine Ahnung, Mann. Ich würde gern glauben, dass sie absichtlich untergetaucht ist und dass alles in Ordnung ist, aber … mir geht nicht aus dem Kopf, wie reich ihr Stiefvater ist. Ich meine, dieser Typ hat echt Kohle. Der verdammte Palast, in dem sie wohnen, ist nicht mal das größte Haus, das er besitzt!“
„Du glaubst, sie wurde entführt?“ Auch ich hatte schon an diese Möglichkeit gedacht, laut ausgesprochen klang es jedoch fast surreal, wie aus einer Seifenoper, und mir gefiel nicht, dass meine Handflächen jetzt ganz feucht und glitschig wurden. „Die Polizei hat allerdings nichts von einer Lösegeldforderung erwähnt.“
„Vielleicht gab es keine“, sagte Tiana, als wäre das ein wichtiger Punkt. „Vergiss nicht, ihr Stiefvater ist auf dem besten Weg nach Washington. Vielleicht wollen die Leute kein Geld, sondern was anderes von ihm, und vielleicht möchte er nicht, dass die Polizei erfährt, was das ist.“
„Du denkst, es könnte politisch motiviert sein?“
„Vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich denke.“ Diesen Eindruck hatte ich allerdings nicht, denn ihre Miene war noch düsterer als vor einer Minute. Da gongte es zum zweiten Mal und Tiana richtete sich auf und hob ihre Tasche vom Boden auf. „Ich muss in den Unterricht. Gib mir Bescheid, wenn du was hörst, ja?“
„Ja, klar“, antwortete ich automatisch, während Tiana den sich leerenden Flur hinunterging, aber ich war mit den Gedanken schon woanders. Januarys Klassenkameraden an der Dumas kamen aus Familien, die Jonathan Walker für seine politischen Zwecke nutzen wollte; konnte es nicht auch umgekehrt so sein? Soweit ich wusste, hatte man January zuletzt an der Schule gesehen. Vielleicht hatte ihr ein Erwachsener angeboten, sie am Dienstag nach der Schule nach Hause zu bringen, und dann Forderungen an Walker gestellt, nachdem die Polizei bereits eingeschaltet war …
Ich war so in Gedanken versunken, dass ich erst merkte, dass Tiana umgekehrt war, als ich fast mit ihr zusammenstieß. Mit verkrampftem Mund und besorgtem Blick platzte sie heraus: „Hör mal, ich wollte es dir vorher nicht sagen, aber du hast mich gefragt, was meiner Meinung nach mit January passiert ist, und die Wahrheit ist … Flynn, da lief irgendwas, von dem sie mir nichts erzählt hat, da bin ich ganz sicher. Ich habe es daran gemerkt, wie sie auf meine Nachrichten reagiert hat – nämlich gar nicht. Sie hat etwas vor mir verheimlicht. Wenn sie weggelaufen ist, hatte sie vielleicht einen Grund. Und wenn nicht … dann ist ihr, glaube ich, etwas Schlimmes zugestoßen.“ Tiana zitterte jetzt, ihre Stimme war ein Flüstern. „Und ich habe das schreckliche Gefühl, dass … dass wir January nie mehr wiedersehen werden. Dass sie einfach … weg ist.“
Und damit drehte sich Tiana um und lief eilig den Flur hinunter.

Nichts ist wie es scheint.

Wir müssen sie finden, bevor es zu spät ist!

„Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit“, begann Detective Moses mit lauter Stimme, die bis in die hintersten Reihen der Versammelten drang. „Wir sind heute hier, um nach January Beth McConville zu suchen. Für diejenigen unter Ihnen, die sie nicht persönlich kennen: Sie ist weiblich, weiß, fünfzehn Jahre alt, ungefähr eins fünfundsechzig groß und fünfzig Kilo schwer. Das Mädchen hat blaue Augen und langes, blondes Haar. Das sind die wichtigsten Personendaten und es steht alles hier auf diesem Flyer …“ – die Polizistin hielt ihn ein wenig höher, damit alle ihn sehen konnten – „… zusammen mit der Beschreibung der Kleidungsstücke, in denen die Vermisste zuletzt gesehen wurde: ein hellgraues Kapuzensweatshirt, dunkle Jeans und rote Stoffturnschuhe.
Ebenfalls auf dem Flyer stehen unsere Kontaktnummern. Wenn Sie January bei der heutigen Suche finden, rufen Sie eine dieser Nummern an. Wenn Sie ein Teil von Januarys Kleidung, ein weggeworfenes Handy oder Fußspuren entdecken, irgendetwas, das Ihnen verdächtig vorkommt oder fehl am Platz wirkt oder aussieht, als könnte es uns etwas über Januarys Verbleib verraten, rufen Sie eine dieser Nummern an. Auf keinen Fall sollten Sie etwas, das als Beweis dienen könnte, anfassen, bewegen oder fotografieren und ins Internet stellen. Wir haben hier alle dasselbe Ziel, und es ist wichtig, dass wir zusammenarbeiten.
Eins noch: Machen Sie sich nicht allein auf den Weg. Paradoxerweise gehen immer wieder Menschen bei solchen Suchaktionen verloren. Suchen Sie sich einen Partner – oder noch besser, eine Gruppe – und bleiben Sie zusammen. Stellen Sie sicher, dass mindestens einer von Ihnen jederzeit ein aufgeladenes, voll funktionstüchtiges Handy bei sich hat. Bleiben Sie, wenn möglich, immer in Hörweite anderer Gruppen und achten Sie aufmerksam auf ihre Umgebung. Sollte January bei ihrem Auffinden verletzt sein, versuchen Sie nicht, sie wegzutragen oder zu behandeln, es sei denn, Sie haben eine medizinische Ausbildung. Rufen Sie eine dieser Nummern an.“

Zwei können ein Geheimnis bewahren. Wenn einer von ihnen tot ist.

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bis zur letzten Seite mitfiebern.«

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