Bärbel Schäfer: Meine Nachmittage mit Eva | Leseprobe read’n’go

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Zwei Frauen.
Zwei Generationen.
Zwei Erfahrungswelten.

Bärbel Schäfer

In meinem Buch geht es um Menschlichkeit und Herzenswärme. Es ist auch ein politisches Gegenwartsbuch. Es geht um Gefühle. Im Mittelpunkt stehen die Erinnerungen und Erfahrungen der fünfundachtzigjährigen Shoa-Überlebenden Eva Szepesi. Mutter von zwei Töchtern. Sie treffen auf mein heutiges Leben, meinen Alltag und meine Beobachtungen. Ich bin Bärbel Schäfer. Mutter von zwei Söhnen, Journalistin und Autorin.

Eva

Eva trägt eine tätowierte Nummer auf ihrem Unterarm. Wenige glückliche Sommer hatte sie als Kind, bevor sie alleine aus Budapest vor den Nazis fliehen musste. Sie war erst elf. Ein Kind. Ein kleines Mädchen auf der Flucht. Das einzige, das ihre Mutter ihr damals mitgegeben hat, war eine selbstgestrickte blaue Jacke. Mit der Jacke am Körper, einem Stoffbeutel über der Schulter und ihrer Puppe Erika im Arm sah sie ihre Familie ein letztes Mal am Bahnhof. Evas Bruder Tamas wurde vergast. Er war sieben Jahre alt. Ihre Eltern wurden deportiert und in den Gaskammern von Auschwitz getötet. Eva überlebte das Konzentrationslager. Ein russischer Soldat der Roten Armee dachte, Eva sei tot. Als er merkte, dass sie noch atmete, trug er Eva am 27. Januar 1945 aus dem Lager. Da war sie zwölf.

 

»In einer Zeit, in der in der ganzen Welt Rassisten, Antisemiten und neue Nazis nicht nur auf der Straße, sondern auch in Parlamenten Auftrieb erhalten, schreibt Bärbel Schäfer ein wichtiges Buch über das Warum und Woher. Sie geht ehrlich und glaubwürdig mit ihrer Familiengeschichte um.«

Iris Berben

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Wattewolkengleich

Wie ein Kuss unter Liebenden umschließen unsere Kinderlippen die Sommeraprikosen.

Süße Frucht. Ihre Prallheit ist Lebenslust. Sommer zum Anbeißen.

Eva pflückt die farbigen Fruchtbälle direkt im Garten vom Aprikosenbaum, der schwer an seinen Früchten trägt. Sie ist erst sieben. Dann acht und neun Sommer alt, als sie mit ihren Cousinen auf dieser grünen Insel hinter dem Haus lebt und lacht. Ferienzeit. Der Baum ist das Herzstück im sommerlichen Gartengrün. Mit jedem weiteren ungarischen Sommer wurde er kräftiger. Für Eva war das Blätterdach Proberaum fürs Puppenspiel, Schutz, Klettergerüst, Schattenspender und Picknickplatz. Er stand im großelterlichen wilden Garten. Aprikosengarten. Der betörend schöne Baum entfaltete sich Ende April. Erblühte. Trug Früchte. Und verlor seinen Blättercharme im Herbst. Er hielt verlässlich das Band beim Gummitwistspiel, schwang die Schaukel und war zentraler Abzählplatz beim Versteckspiel. Als verwurzelter Ohrenzeuge schwieg er, wenn unter seinen grünen Armen die Mädchengeheimnisse ausgetauscht wurden. Eva kletterte nie in seine Krone. Es zog sie nicht auf die wogenden Äste im Sommerwind. Sie bastelte lieber lange Gänseblümchenketten an seinem Fuße. Ein ruhiges Kind. Er liebt mich, er liebt mich nicht. Geduldiges Kind. Manchmal band sie ihre weißen Schleifen an ihren dicken Zöpfen noch fester, als die Mutter es am Morgen bereits getan hatte. Verträumtes Kind. Ihr dunkles Haar glänzte wie nasse Lakritze.

 

Sogar die Hoffnung hatten wir aufgegeben.

Hoffnung kostete Kraft. Hoffnung wurde zu oft enttäuscht. Das kostete wieder Kraft.

Und trotzdem. Ich habe überlebt, weil ich jeden Tag aufgestanden bin. Ich wusste, den Appell zu verpassen, bedeutet in Auschwitz Tod. Ich war schutzlos. Eine Fliege an der Wand. Ein klappriges, ausgemergeltes Mädchen ohne Haare. Jeder Soldat hätte mich jeden Tag einfach abknallen können, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ich konnte jede Sekunde zerquetscht werden in dieser Todesfabrik. Alle spielten ihre Macht und ihre Machtfantasien aus. Ohne Gefühl. Ich habe alles gesehen. Menschen, die tagelang am Galgen hingen. Männer, denen die Schultern ausgekugelt wurden. Erschießungen. Erniedrigungen. Juden, die stundenlang nackt in der Kälte stehen mussten. Unbeweglich. Bewegung bedeutete Tod. Stundenlang mussten wiederum andere ihre Arme nach vorne ausstrecken, um auf ihren Händen ein Stück Seife zu balancieren. Fiel die Seife zu Boden, Tod. Einzelhaft. Aus dunklen, winzigen Zellen hörten wir die Schreie. Winzige Stehzellen, in denen bis zu vier Juden eingepfercht wurden. Brustkorb an Brustkorb, so eng, kaum Luft gab es dort unten.

 

Wie ein Schatten fuhr eine Hand sanft über Evas Kopf. Sie lag im ersten Stock des Etagenbettes auf nackten Holzbrettern und bemerkte, dass niemand mehr schrie, Befehle erteilte und Deutsch sprach. Seit Tagen dämmerte sie so dahin. In der Baracke war es bis auf das Stöhnen der Halbtoten still. Draußen fiel leise der Schnee. Es war Januar in Auschwitz. Sie war fast drei Monate hier, als der russische Soldat die Baracke betrat. Es dämmerte. Er beugte sich mit seinem Ohr ganz nah an Evas Mund. Spürte ihren Atem. Das Kind lebte. Vorsichtig schob er die Leichen, die ihren knochigen Körper bedeckten, beiseite und befeuchtete ganz zart mit einem Schneeball ihre aufgeplatzten Lippen. Der Mann hob sie hoch, und das Winterlicht bohrte sich unerträglich grell und schmerzhaft in Evas Augen. Die Fellmütze rutschte ihm tief in die Stirn. Darauf leuchtete der rote Stern. Eva versuchte ein Lächeln. Es war dieser Moment, in dem sie Adolf Hitler besiegte.

 

Während Eva mir das erzählt, halten wir uns an den Händen. Weinen zusammen.

Ihre Worte hängen in meinem Brustkorb. Wie gefangene Vögel flattern sie um mein Herz. Ich traue mich hinzuhören. Fragend sitzenbleiben. Will Aufspringen. Ich will die Fenster aufreißen und schreien. Lauthals schreien in diesem Land des Schweigens. Den Schmerz rausschreien, Evas Schmerz. Will ihn kleinbrüllen und wegbrüllen. Ich will das Kind in ihr umarmen und trösten. Zu spät. Alles zu spät.
Wie konnte sie danach weitermachen? Wie kann sie jetzt nur so still und leise weinen? Wie kann sie nicht schreien? Stumme Wut. Kleine, zarte, verletzte Eva Diamant. Sie spricht weiter. Die Worte fallen in langen Sätzen aus ihrem Mund. Ungeduldige Wortketten verschlingen sich zu schmerzhaften Wortschlangen. Vergangenes sitzt mit uns am Wohnzimmertisch. Wird zum Heute. Angst kriecht unter die gehäkelte Tischdecke, unter die Zuckerdose. Eva knetet ihr Papiertaschentuch und spricht weiter. Nicht den Raum verlassen. Kein Wort will ich verpassen. Sie spricht, endlich.

 

Wir haben viele Wochenenden mit den Großeltern väterlicherseits verbracht. Wir übernachteten bei ihnen, wenn unsere Eltern feiern gingen. Nie fiel ein Wort. Nie wurde über den Krieg gesprochen. Ein weißer Fleck voller dunkler Schatten. Dabei hingen in unserem Treppenhaus Fotos von Verwandten. Fragte ich die Großeltern nach persönlichen Geschichten dieser Verwandten, wischten sie mit einer festen Handbewegung diese Frage weg. Auf erneutes Nachfragen, Vortäuschen von Nichtwissen. Selbst als Kind merkte ich, dass ich belogen wurde. Wie vielen meiner Freunde beschlich uns das Gefühl, unsere Eltern und Großeltern verwischten ihre Vergangenheit, verschoben Wahrheiten, erzählten Legenden. Wurden wütend und abwehrend. Stumpf und stumm, anstatt uns einfach die Dinge so zu erzählen, wie sie vorgefallen waren.
Und ich? Bohrte ich genug nach? Als ich älter wurde und von der Geschichte hörte und lernte, ging ich nach Hause zurück und fragte laut und deutlich genug nach unserer Familiengeschichte? Unüberhörbar und klar? Konnte ich meine innere Lähmung, meine Angst vor der Wahrheit meiner Familien als Rechtfertigung meiner Zögerlichkeit verwenden? War die anschließende noch intensivere Beschäftigung mit dem Dritten Reich, mit Hilfe von Büchern, Filmen, Diskussionsrunden eine Kompensation der beschränkten Fähigkeit, dasselbe mit meiner Verwandtschaft zu tun? Details über meine Wurzeln auszuhalten?

Wider das Vergessen!

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»In einer Zeit, in der in der ganzen Welt Rassisten, Antisemiten und neue Nazis nicht nur auf der Straße, sondern auch in Parlamenten Auftrieb erhalten, schreibt Bärbel Schäfer ein wichtiges Buch über das Warum und Woher. Sie geht ehrlich und glaubwürdig mit ihrer Familiengeschichte um.«

IRIS BERBEN