Adriana Popescu: Mein Sommer auf dem Mond | Leseprobe read’n’go

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Dieses irre Ding namens Leben

Ist das nun unfassbar fantastisch oder unglaublich furchterregend?

Fritzi, Bastian, Tim und Sarah...

… sind sich da noch nicht so sicher. Und genau deshalb sind sie – alle aus jeweils eigenen Gründen – in einem psychiatrischen Zentrum für Jugendliche gelandet: mitten im Sommer, auf der Ostseeinsel Rügen, eingesperrt mit lauter Freaks. Denn seltsam sind ja immer nur die anderen. Aber nun sind sie erst mal dort in dieser Hogwarts-ähnlichen Klinik mitten im Ferienparadies, zusammengespannt als Gruppe und als sei das noch nicht genug, hat man ihnen auch gleich einen Kindergruppen-Namen verpasst: die Astronauten.

Die vier Astronauten

Fritzi 

ist eine begeisterte Leserin, die sich im Scheidungsgefecht der Eltern eine Angstneurose eingefangen hat.

 

Bastian

ist bereits das zweite Mal da und schlägt sich mit mehr als einem fiesen Dämonen – und den Folgen seines Handelns – herum. 

 

Sarah

teilt sich mit Fritzi das Zimmer und würde sich am liebsten dauerhaft unsichtbar machen, nur leider ist das auch keine Lösung.

 

Tim

wohnt mit Basti zusammen, ist etwas mehr als sportbesessen und blockt alles ab, was auch nur ein bisschen persönlich scheint.

FRITZI

»Es sieht gar nicht aus wie eine … eine …“

Meine Mutter betrachtet das große Gebäude vor uns und versucht dabei, die richtigen Worte zu finden. Schließlich zuckt sie stumm die Schultern.

„Eine Klapse?“

Mein Vorschlag bringt mir nur einen strengen Blick meines Vaters ein, der gerade meinen Koffer aus dem Auto hievt.

„Es ist keine Klapse, Fritzi. Das ist eine Einrichtung, in der Jugendliche mit psychischen Problemen Hilfe finden.“

Mama lächelt mich aufmunternd an, als wäre das nichts, wofür man sich in Grund und Boden schämen sollte, sondern ein hart erarbeiteter Erfolg: mit gerade mal sechzehn in die Therapie zu gehen.

Juhu! Wo bleibt meine Medaille?

Doch Irrtum, der Applaus bleibt aus.

Ich will nämlich gar nicht hier sein. Auch wenn Mama recht hat und das Gebäude vor uns eher an ein Internat aus einem Roman von Enid Blyton, als an ein Therapiezentrum für Teenager erinnert. Fast könnte man glauben, man wäre im englischen Brighton gelandet und nicht am letzten Ende der Insel Rügen, umgeben von Wasser und Einsamkeit. Fast könnte man glauben, ich wäre zum Urlaub machen hier. Die Luft schmeckt salzig und frischer als bei uns im Süden.

Binz auf Rügen.

Ausgerechnet Rügen.

Auf dem Weg hierher sind wir durch dichte Kiefernwälder gefahren, vorbei am feinsandigen Strand, der auch aus der Karibik importiert sein könnte, wären da nicht die vielen Strandkörbe, die so gar nichts mit den Bahamas zu tun haben. Überall finden sich kleine Häuser mit Reetdächern, Pensionen und Hotels, die verdammt teuer aussehen. Ständig kann man das Meer hören, weil man nie weit genug davon entfernt ist. Wenn ich jetzt die Augen schließen und den Lärm in meinem Kopf ausblenden würde, könnte ich es sogar hier, versteckt hinter der riesigen Düne, hören. Doch selbst das Meeresrauschen kann die Panik in meinem Brustkorb nicht davon abhalten, sich rasend schnell auszubreiten.

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, mich an die Atemübungen zu erinnern, die meine Therapeutin mir beigebracht hat. Aber wie immer, wenn die Panik mich überfällt, als wäre sie ein ausgezeichnet ausgebildetes Mitglied eines Navy Seal-Teams, ist mein Kopf so leer wie eine Geisterstadt im Wilden Westen – ganz ohne Sheriff. Ich bin total wehrlos. Der Panik ausgeliefert. Genau jetzt höre ich ihr hämisches Lachen in meinem Kopf – weil sie weiß, dass sie gewinnen wird. Mal wieder.

„Vielleicht kannst du es ja so sehen, Fritzi …“

Papa tritt neben mich; das Geräusch der Rollen meines Koffers auf dem feinen Kies der Auffahrt schallt überlaut in meinen Ohren und übertönt damit die leise, beruhigende Stimme in meinem Kopf, die mich zu tiefen Atemzügen überreden will. Mir wird warm, obwohl mir die salzige Meeresbrise ins Gesicht weht. Luft bekomme ich zwar noch, aber ob das zum Überleben reicht, weiß ich nicht.

„… als einen Sommer in Hogwarts.“

»Wenn man zu viel nachdenkt, verpasst man die Chance, das Leben zu genießen.«

BASTIAN

Eine kleine, weiße Pille, die in einem kleinen, blauen Plastikgläschen liegt. Daneben steht ein Glas Wasser.

„Du kennst den Spaß ja schon, Bastian.”

Hendrik, einer der jüngeren Pfleger, grinst mich an, als wäre er der Barkeeper in einem angesagten Club und ich sein Gast, der sich gleich den besten Cocktail der Stadt schmecken lassen darf. Ich atme tief durch, greife nach dem Gläschen und spüre die Pille auf meiner Zunge. Schnell kippe ich einen großen Schluck Wasser hinterher, weil ich den Geschmack in meinem Mund loswerden will. Ich leere das Glas auf ex und stelle es geräuschvoll ab.

„Ein gutes Gesöff! Mehr davon!”

Hendrik sieht mich etwas verwirrt an und nickt abwartend, denn jetzt kommt: DIE Erniedrigung des Tages. Ich öffne den Mund, strecke die Zunge raus und bewege sie so, dass er einen Blick in meinen leeren Mund werfen kann.

„Gut gemacht, Bastian.”

Als wäre es eine besondere Kunst, eine kleine Pille zu schlucken. Doch ich weiß, wieso Hendrik so gründlich nachschaut.

„Bis heute Abend dann.” Damit winke ich lässig und verlasse den kleinen Raum, in dem die Medikamente unter strenger Aufsicht ausgegeben werden, als wäre es nichts weiter als ein Schnellimbiss, in dem ich meine Bestellung verputzt habe.

Der Sonnenhof, mein liebstes Diner auf der Durchreise in Richtung Leben – das sich leider als 24 h-Service mit Vollpension entpuppt hat. Mit federleichten Schritten gehe ich über den Flur und nicke ein paar Mitinsassen zu, die mir entgegenkommen. Sobald ich an ihnen vorbei bin, höre ich sie tuscheln. In solchen Momenten könnte man glauben, ich wäre eine Art Berühmtheit.

Bevor mich jemand anquatschen kann, schlendere ich ganz lässig zu der großen Glasfront, durch die ich nach draußen auf die Sportanlage blicken kann. An einem sonnigen Tag wie heute ist immer viel los. Ich beobachte ein paar Jungs, die dort Frisbee spielen und lachen. Wie schräg: lachende Kids in einem Therapiezentrum für psychisch kranke Teens. Fast muss ich selber lachen, doch da sehe ich plötzlich die Gestalt neben mir in der Spiegelung. Groß, dunkel gekleidet, ein bisschen wie aus einer anderen Welt. Doch der lächerliche Helm mit den hornähnlichen Aufsätzen und die langen, schwarzen Haare verraten ihn.

Loki. Thors Adoptivbruder.

Ich blinzle schnell und schüttle dabei kurz den Kopf. Loki ist nicht mit mir im Sonnenhof.

Doch, das bin ich. Genau genommen bist du meinetwegen hier.

Ich atme tief durch und schüttele erneut den Kopf, doch Loki bewegt sich nicht, sondern starrt mich noch immer aus der Scheibe heraus an – mit strahlend breitem Grinsen.

Komm, lass uns spielen gehen.

Wie immer, wenn ich mir gerade etwas Optimismus erkämpft habe, kommt mein ganz persönlicher Bösewicht zu Besuch. In meiner Vorstellung sieht er immer anders aus. Mal wie Darth Vader, wenn er Luke seinen Stammbaum erklärt, mal wie Hannibal Lecter, kurz bevor er einem die Nase abbeißt, oder wie eine Mischung aus Batmans Gegner, dem Joker und dem Clown aus Stephen Kings ES. Heute ist es Thor-Bösewicht Loki Laufeyson, Odins Adoptivsohn. Es scheint ihn wenig zu interessieren, dass wir hier nicht in Asgard, sondern im Sonnenhof sind. Stattdessen konzentriert er sich auf seine einzige Aufgabe: mich zu nerven. Außer mir kann ihn niemand sehen oder hören, sonst würde ich auf der Bühne beim Supertalent stehen und nicht in der Therapie festhängen wie ein One-Hit-Wonder in Dauerschleife.

Was haben wir heute vor?

Ist mir scheißegal, was du so planst. Ich genieße die Sonne und lasse mir die Laune nicht vermiesen.

Ob Felix wohl auch in der Sonne Frisbee spielt … ?

Wütend schlage ich mit der flachen Hand gegen die Scheibe vor mir, in der sich sein breites Grinsen spiegelt. Sofort verstummt alles um mich herum. Ich spüre die Blicke der anderen in meinem Rücken und höre das fiese Lachen in meinem Kopf.

»Zeit mal aufs Herz statt auf den Kopf zu hören.«

FRITZI

 

„Du musst Franziska sein.“

Eine freundlich lächelnde Frau mit feuerroten Haaren steht hinter einem Tresen, an dem meine Eltern lehnen. Sie mustert mich eingehend.

„Fritzi, die bin ich.“

Hier drinnen ist alles sehr maritim eingerichtet. Wo ich den typischen Schulflurfußboden aus Linoleum erwartet habe, trete ich auf edles Parkett. Auf dem Tresen steht ein Schild, das um Diskretion und den nötigen Abstand bittet, als würde man hier Kredite für den Erwerb eines besseren Lebens abschließen.

„Ist das dein einziges Gepäck?“

Rotschopf deutet auf den Rollkoffer, der neben meinem Vater steht. Doch bevor ich antworten kann, hievt meine Mutter den Rucksack mit meinen persönlichen Schätzen – meinem Lieblingsbuch Harry Potter und der Gefangene von Askaban, meinem Kissen, dem iPod und den Kopfhörern, die mir dabei helfen, die Geräusche der Welt auszublenden – auf den Tresen.

„Das hier gehört noch dazu.“

„Das ist aber privat!“

Mein Versuch, den Rucksack zurück in meinen Besitz zu bringen, scheitert, weil ich zu langsam bin.

„Keine Sorge, du bekommst alles wieder.“

Gerade als ich heftigst rebellieren will, kommt ein Junge – vermutlich in meinem Alter – um die Ecke und schwingt sich breit grinsend mit einer lässigen Bewegung auf den Tresen. Er trägt kurze Jeans und ein graues T-Shirt mit einer halben Avocado als Brustmotiv unter der „Holy Guacamole” geschrieben steht. Er hat dunkelblonde Locken und ein ziemlich freches Grinsen, das durch eine abgebrochene Ecke am vorderen Schneidezahn bisschen schräg aussieht.

„Sie haben nach mir verlangt, Schwester Kora?“

„Bastian …“

Die Frau, die mein gesamtes Intimleben in Form meines Rucksacks in der Hand hält, wirft dem Jungen einen strengen Blick zu, doch es ist offensichtlich, dass sie ihm nicht böse ist.

„Wen erwischt es heute?“

Er macht keine Anstalten, seinen Sitzplatz aufzugeben. Meine Eltern sehen sich irritiert an. Merken sie endlich, dass dies hier ein großer Fehler ist?

„Das ist Franziska.”

Alle Augenpaare richten sich wie auf Kommando wieder auf mich, und kurz balle ich die Hände zu Fäusten. Auch etwas, das ich in der Therapie gelernt habe: Muskeln anspannen, dann entspannen und sich ausschließlich auf dieses Gefühl konzentrieren. Bastians braune Augen mustern mich neugierig. Kurz fühlt es sich so an, als könnte er mich mit diesem Röntgenblick durchleuchten.

„Franziska ist neu hier.“

„Fritzi, ich heiße Fritzi.”

Bastian mustert mich noch eingehender.

„Mein Beileid. Also weil du hier bist. Nicht wegen deinem Namen. Wobei der auch nicht gerade berauschend ist.“

Noch immer auf dem Tresen sitzend, nickt er mir mitfühlend zu, während ich seinen Blick noch nicht so recht deuten kann. Macht er hier sein freiwilliges soziales Jahr oder sich nur über mich lustig?

Bevor ich mich weiter in mein Gefühlschaos steigern kann, sieht Schwester Kora wieder auf und lächelt zufrieden.

„Ach schau an, du kommst zu den Astronauten.“

»Manchmal muss man einmal zum Mond reisen und zurück, um zu erfahren, wohin man wirklich gehört.«

BASTIAN

 

„Und dies hier ist Ihre Raumkapsel. Das Gepäck wird Ihnen gebracht. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Hotel entschieden haben.“

Dazu vollführe ich eine tiefe Verbeugung und verharre einen Moment in meiner Position. Ich habe der Neuen, Fritzi, den Speisesaal und alle weiteren Räume im Erdgeschoss gezeigt, und sie jetzt heil und am Stück an ihrer Zimmertür abgegeben. Besonders glücklich sieht sie nicht aus, unsicher wirft sie einen Blick ins Innere.

„Einzelzimmer?“

Fast muss ich lachen. Manche Frischlinge haben wirklich so gar keine Ahnung, auf was sie sich hier einlassen. Ich richte mich wieder auf und sehe von oben auf sie herab. Das mache ich nicht absichtlich, sondern nur, weil sie ziemlich klein ist. Die kurzen, braunen Haare und der sehr angriffslustige Blick passen nicht so recht zur Körpergröße. Ihr Spirit Animal ist sicher keine Schmusekatze, sondern eines dieser niedlich aussehenden Opossums, die dir sofort die Augen auskratzen, sobald sie vom Baum fallen.

„Du teilst dir dein Zimmer mit einem anderen Mädchen.“

Als Tusch lasse ich eine Kaugummiblase im Mund platzen, was wie ein lautes Klatschen klingt und meine Spezialität ist. Sie verdreht die Augen.

„Hast du sie auch rumgeführt?“

Fritzi könnte eine interessante Kandidatin werden. Sie will tough und cool wirken, aber dazwischen verliert sie immer ganz kurz die Fassung – so wie jetzt.

„Glaubst du etwa, ich mache das für jedes Mädchen?“

Sie zuckt die Schultern, was mich wissen lassen soll, dass es ihr total egal ist, was ich in meiner Freizeit so anstelle. Ihre zu Fäusten geballten Hände passen nur nicht ganz zu dem coolen Look. Okay. Cool kann ich auch.

„Wieso bist du eigentlich hier?”

Meine Frage überrollt sie wie ein ganzes Bataillon Sturmtruppen, einen Moment ist sie sprachlos, doch dann schießt sie sofort zurück.

„Wieso sollte ich dir das verraten?” 

Ha, jetzt hab ich sie.

„Okay, dann muss ich halt raten …“

Ich trete einen Schritt zurück und mustere sie eingehend. Es ist deutlich zu sehen, wie sehr sie es hasst, was ich da tue. Befürchtet sie, ich könnte den Grund für ihren Aufenthalt an etwas Äußerlichem erkennen? Doch außer dem viel zu weiten T-Shirt fällt mir nichts Merkwürdiges auf.

„Du hast eine gute Figur, bist aber vermutlich total unzufrieden mit dir und empfindest dich als zu dick. Ich tippe mal auf Magersucht.“

Ein kühner Schuss ins Blaue, aber es würde dem Klischee entsprechen. Fritzi sieht mich sprachlos und mit offenem Mund an. Ich spüre ein Grinsen auf meinen Lippen.

„Ich habe recht, oder?“

„Tickst du noch ganz richtig?“

Ihre Stimme klingt gereizt, deshalb lege ich dramatisch die Hand auf die Brust und sehe sie gespielt schockiert an.

„Hast du mich gerade psychisch krank genannt?“

Statt sich peinlich berührt zu entschuldigen, stemmt sie die Hände in die Hüften und funkelt mich herausfordernd an.

„Hast du mich gerade fett genannt?“

Mit dieser Antwort habe ich nicht gerechnet, doch sie imponiert mir.

„Nein.“

„Falls du es auf mein Dessert abgesehen hast, muss ich dich enttäuschen. Ich esse meinen Teller leer.“

Nein, Fritzi ist sicher keine von der eingeschüchterten Sorte, die hier nur ihre Zeit absitzt und hofft, unbemerkt wieder verschwinden zu können.

„Ach, wirklich?“

„Ja, stell dir vor, solche Mädchen gibt es.”

Noch schließe ich eine Essstörung nicht aus und hake nach.

„Kotzt du es dann vielleicht aus?”

„Wieso sollte ich?”

„Bulimie.”

„Hör mal zu, Avocado, ich finde mich nicht zu dick. Egal, was Typen wie du mir erzählen wollen. Und jetzt besten Danke für die Führung. Zumindest eins hab ich dadurch schon mal kapiert.“

„Was denn?“

Du gehörst definitiv hierher.“

Treffer und versenkt. Das muss man dem Mädel lassen. Ich schalte schnell wieder um auf professioneller Klapseführer.

„Nicht vergessen, heute um achtzehn Uhr dreißig ist Abendessen. Du solltest pünktlich sein, wenn du einen guten Platz bekommen willst.“

Meine Aufgabe ist erfüllt, ich sollte gehen. Doch ich bewege mich keinen Zentimeter und sehe sie noch immer an. Fritzi ist mir ein Rätsel. Eines, das gelöst werden will.

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