M.D. Headley: Magonia | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

Worum geht´s?

Seit sie klein ist, leidet die 16-jährige Aza an einer seltsamen Lungenkrankheit, die ihr ein normales Leben unmöglich macht.

Als sie eines Tages ein Schiff hoch in den Wolken erspäht, schiebt sie das Phänomen auf ihre akute Atemnot.

Bis jemand auf dem Schiff ihren Namen ruft …

Ein Traum?

Ich atme ein. Ich atme aus. Der Himmel ist voller Wolken. Ein Seil wird von oben herabgelassen, aus dem Himmel zur Erde hinunter.

Ein Frauengesicht blickt mich an, und rings um uns herum Hunderte und Aberhunderte von Vögeln.

Der Schwarm fließt wie Wasser, wogt hinauf in die Luft, schwarz und golden und rot, und alles ist gefahrlos und kalt, strahlend erhellt durch Sterne und Mond.

Ich nenne es Traum, aber es fühlt sich echter an als mein Leben.

Ich schaue zu Jason hinüber, um ihn anzulächeln, doch er ist in sein Buch versunken. Als ich mich gerade wieder dem Test zuwenden will, sehe ich draußen vor dem Klassenzimmerfenster, über den Deckel des Leguan-Terrariums hinweg, etwas am Himmel.

Nur für eine Sekunde, aber es ist seltsam vertraut, etwas, von dem ich geträumt, oder das ich vielleicht mal auf einem Bild gesehen habe.

Ein Mast. Und ein Segel.

Mehr als ein Segel – zwei, drei. So wie bei Großseglern.

Ausladend, weiß, flatternd. Und aus dem Sturm heraus taucht der Bug eines Schiffes auf.

Ich strecke die Hand aus, um Mr. Grimm am Ärmel zu zupfen. Verärgert sieht er mich an. Ich deute nach draußen.

Er folgt meinem Blick und einen Moment lang rührt er sich nicht vom Fleck, starrt nur angestrengt aus dem Fenster. Dann nimmt er die Brille ab und schaut wieder hin.

»Scheiße«, sagt er.

»Was?«, frage ich. »Sehen Sie es? Sehen Sie es auch?«

Er schüttelt den Kopf.

»Sturm«, sagt er und zerrt an den Jalousien.

Als die Dinger mit Karacho auf die Fensterbretter heruntersausen, und das Zimmer wieder bloß ein Zimmer ist, höre ich ein Pfeifen, langgezogen und hoch. Nicht wirklich ein Pfeifen. Mehr als ein Pfeifen.

Nein, falsch: Viel mehr als ein Pfeifen.

Aza, ruft es, das Pfeifen. Aza, bist du da draußen?

Aza, komm nach draußen.

»Das Schiff war eine Wolkenformation. Einfache Antwort«, sagt Jason.
Ich fange an zu protestieren.
»Einen Moment«, bremst er mich.
»Unerklärliche visuelle Phänomene. Grüne Strahlen lösen ständig irgendwo UFO-Panik aus.«
Ich hebe die Hand.
»Die Menschen verstehen ungefähr die Hälfte der Gründe, weshalb Licht das tut, was es tut«, fährt Jason fort, ohne eine Zwischenfrage zuzulassen. »Es gibt eine eigene Kategorie von Luftspiegelungen, bei denen Leute Schiffe am Himmel sehen.«

Während er redet, recherchiere ich per Handy hinterher. Aber das, was ich gesehen habe, hatte nichts mit dem zu tun, was er daraus machen will. Ich bin leicht angefressen. Er sollte mir glauben. Er ist derjenige, der mir immer glaubt.

»Du schlägst das nach? Bist du sauer, weil ich deine Geschichte nicht schlucke, ohne sie zu hinterfragen? Wie wäre es denn mit Spuklichern?« Jason dreht sich um und grinst mich an, was mich noch mehr verstimmt. »UFOs, Schwarze Helikopter, Phantom-Luftschiffe. All so was.«

Dann fügt er der Liste noch ein Wort hinzu, und aus irgendeinem Grund lässt mich das jäh zusammenzucken.

»Magonia.«

Aza, komm jetzt.

»Aza«, sagt Jason und beugt sich zu mir herüber. Ich möchte mich auch an ihn lehnen. Ich will es, und ich setze sogar dazu an, aber ich kann nicht atmen, und ich bin ich und er ist er, und wir sind beste Freunde, und was ist das hier? Eine Runde die Kranke küssen?

Blitz.

Weiß, knisternd, die Haare stehen uns am ganzen Körper zu Berge, Ozon. Oh mein Gott, der Blitz hat bei uns im Garten eingeschlagen. Draußen vor den Kellerfenstern. Direkt davor. In drei Metern Entfernung. Wir springen instinktiv auf, weg von einander.

AZA!, kreischt eine pfeifende Stimme. AZA. KOMM JETZT!

Jason hat die Arme um mich gelegt. Das bringt mich genauso aus der Fassung wie alles andere.

»Verrückt«, meint er.
»Was, verrückt?«
»Das Wetter. Und die Vögel. Jede Menge Vögel.«

AZA! Komm nach Magonia!

Auf einmal vernehme ich ein Zwitschern, viel näher, als es eigentlich sein sollte. Als ich mich umdrehe, um das Fenster zu schließen, ist der Garten voller Vögel. Vielleicht fünfzig an der Zahl, Rotkehlchen, Krähen und Eichelhäher, Möwen, Meisen und Schwalben.

Auf meinem Fensterbrett sitzt ein leuchtend gelber Vogel mit schwarzem Schnabel, der die Flügel ausgebreitet hat, als trüge er ein Cape aus Ringelblumenblütenblättern.

Er ist derjenige, der zwitschert.

Hier, sagt er, sie ist bereit.

Und dann, völlig ohne Vorwarnung, fliegt mir der Vogel in den Mund.

Welchen Teil der Geschichte möchtest Du weiterlesen?

Aza
Jason

Weiter ohne

Egal wie viel Zeit uns bleibt – ich nehme sie mir.

Werden sich Aza und Jason wiedersehen? Was erwartet Aza in Magonia?

Jetzt 
kaufen
16,99€

Ich öffne die Augen

Ein Seil senkt sich herab aus den Wolken. Es baumelt aus dem Himmel vor meinem Fenster herunter, und es gibt keine Luft mehr hier drin, keine Luft irgendwo –

Ich mag den Himmel. Er besitzt für mich eine Vernunft, die dem Leben abgeht.

Alle fliegen. Die Schiffe fliegen, ja, ja, genau das passiert, und sie haben keine Flügel. Sie … schweben einfach mitten im Nichts vor sich hin. Auch ich befinde mich an Deck eines riesigen Schiffs. Segel und Takelage. Planken. Wir schaukeln sanft in der Brise.

Einen Augenblick später steht Zal hinter mir und hält mich fest, weil ich schwanke, als hätte ich keine Beine, eine Qualle. »Aza Ray Quel, das ist dein Land.«, verkündet sie mit dröhnender Stimme. »Das hier sind die Schiffe deines Landes Magonia. Die Amina Pennarum liegt ganz vorne. Es gibt kein besseres und kein mutigeres als sie.«

Eine Crew blauer Leute versammelt sich um uns. »Das hier sind ihre Offiziere.«
»Kapitänstochter«, sagen sie im Chor, diese uniformierten Blauen mit ihren seltsamen Pfeifstimmen. Sie heben die Hand an die Braue und salutieren mir auf dieselbe Weise, wie alle zuvor der Kapitänin salutiert haben.

»Die Amina Pennarum ist auf dem Weg, einen Schatz zu bergen, Aza«, flüstert Zal. »Du wirst diejenige sein, die ihn aus der Tiefe holt.«

Ja, ich weiß, Menschen sterben.

Ich kann nicht schlafen. Mir geht es nicht gut. Es gibt Dinge, über die ich nie werde sprechen wollen. Dinge wie das, was in diesem Krankenwagen passiert ist.

Dinge wie: Ich habe gesehen, wie dieser Rettungssanitäter Aza aufgeschnitten hat.

Dinge wie: Wir haben einen Rettungshubschrauber gerufen. Der Sanitäter aus unserem Krankenwagen sprang hinaus und hat versucht, den Helikopter einzuwinken. Ich habe den Hubschrauber kommen hören, auf die Sturmwolken über dem Krankenwagen zu. Dann gab es einen Knall. Die Wolken fingen Feuer.

Vier Menschen sind an diesem Tag gestorben, der Pilot und der Notarzt im Hubschrauber und unser Sanitäter, der draußen war, als der Helikopter explodierte.

Meine Trauer reicht gerade mal für eine. Ich kann kaum an mich halten.

Ich wusste, dass es kommt. Ich habe es nicht kommen sehen.

Das Grab ist zu klein, als dass ich hineinklettern und die Knie an die Brust ziehen könnte, damit sie mich mit zudecken.

Die Bäume biegen sich. Ein Ast bricht ab und kracht nicht allzu weit entfernt zu Boden.

Ich hebe den Blick und lasse meinen Ballon los. Und als ich das tue, sehe ich etwas aufblitzen – Ein weißes, sich blähendes Segel, und einen hellen Lichtpunkt, der aus den sich verdüsternden Wolken herausscheint. Ich sehe etwas, Taue, den spitzen Bug eines –

Ein Gegenstand fällt aus den Wolken herab, und ich höre Azas Stimme. Ich schwöre es.

 

Ich höre, wie Aza laut meinen Namen ruft.

Sogar Menschen, die noch nie ein Wunder gesehen haben, können an Wunder glauben.