Carrie Hope Fletcher | Leseprobe read’n’go

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Wie schön der Winter ist, merkt man erst, wenn der Sommer ewig ist

Er strich sich die Haare aus dem Gesicht, das immer noch hellrot war.
»Okay. Dinner. Du und ich. Evie …«
»Snow.«
»Evie Snow?« Er hob eine Augenbraue.
»Evie Snow«, bestätigte sie und streckte ihm die Hand hin.
»Ich heiße Vincent.«
»Vincent …«, drängte sie, da sie seinen ganzen Namen wissen wollte. (Da sie eigentlich alles über ihn wissen wollte.)
»Vincent Winters.«
Und als sie das Lächeln in seinen Augen erblickte, ohne seine Lippen ansehen zu müssen, überkam sie das Gefühl, dass dies hier möglicherweise der Beginn ihres bisher größten Abenteuers sein könnte.

Eine paar Zeilen zum Inhalt

Evie ist 82 Jahre alt, als sie im Kreise ihrer Familie friedlich einschläft. Doch ihre Reise ist noch nicht vorbei – mit einem Mal befindet sie sich im Lift ihres früheren Londoner Apartments. Im Spiegel des Fahrstuhls schaut ihr ein vertrautes Gesicht entgegen: schokobraune Augen und goldene Locken. Evie ist wieder 27 Jahre alt und an den Ort zurückgekehrt, an dem sie am glücklichsten war. Mit Vincent, den sie vor langer Zeit verlor …

Steckbriefe der Hauptprotagonisten

Evie Snow:

Blonde Locken, weibliche Kurven, schokobraune Augen, ist 27 Jahre und Tochter aus gutem Hause. Bis zu ihrem 27. Lebensjahr ist sie im Anwesen der Eltern eingesperrt, spielt Tennis und langweilt sich. Sie ist ihrem besten Freund James Summer versprochen. Dann bricht sie aus und zieht nach London, um Trickfilmzeichnerin zu werden. Stattdessen landet sie bei einer Tageszeitung als Cartoonistin.

 

Vincent Winters:

Groß und schlaksig, zerzauste rabenschwarze Haare, grüne Augen, bisexuell, verdient sich sein Geld als Straßenmusiker in der Londoner Metro, bis er irgendwann die Aufnahmeprüfung einer Musikhochschule besteht. Beim Spiel auf seiner schwarzen Geige hat er stets die Augen geschlossen.

Wo warst du am glücklichsten?

Dort, wo alles begann: London. Apartment 72.

Der Geiger und die Künstlerin

Mit Rückenschmerzen von ihrem schrecklichen Schreibtischstuhl und schwirrendem Kopf voll vom Trubel des Bürolebens saß Evie in der U-Bahn nach Hause und starrte zufrieden aus dem Fenster, den Anflug eines Lächelns um die Mundwinkel. Die ersten Tage waren nie leicht. Sie waren voller Erwartung, Nervosität und Stress.

Evies großer Ehrgeiz war, Trickfilmzeichnerin zu werden. Zumindest momentan hatte sie sich damit zufriedengeben müssen, Cartoons für ein Lokalblatt zu zeichnen, mit dem letztlich Fish and Chips eingewickelt werden würden. Aber das war in Ordnung, weil sie wusste, dass alle großen Künstler klein anfingen, und es auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung war.

An der Endstation blieb die U-Bahn stehen, und der Fahrer verkündete durch die knackende Lautsprecheranlage: »Bitte alle aussteigen!« Eilig stopfte Evie ihr Buch in die Tasche. Beim Aussteigen verfing sie sich mit dem rechten Absatz ihrer neuen Schuhe und strauchelte, sodass ihr die Tasche von der Schulter glitt und ihr Buch zu Boden fiel. Es purzelte ein Stück weiter und verschwand zwischen den dahineilenden Beinen der abendlichen Pendler. Als Evie ihre Balance wiederfand und sich aufrichtete, sah sie gerade noch, wie es von einer hastenden Geschäftsfrau versehentlich außer Sicht getreten wurde.
»Verdammt«, entfuhr es Evie.

Während sie sich trotz ihres schmerzenden Fußes durch die Menge drängte, sah sie, dass das Buch unten auf eine abwärts fahrende Rolltreppe geschoben worden war und gegen die hervorstehende Kante gedrückt wurde, an der die Rolltreppe unter dem Boden verschwand, sodass die Seiten mit jeder Stufe, die darunter hindurchlief, weiter zerknittert und zerdrückt wurden. Der traurige Anblick des Buches versetzte ihrem Herz einen Stich, und sie eilte zu seiner Rettung, wobei sie darauf achtete, nicht selbst die Rolltreppe zu betreten. In dem Moment, als sie sich bückte, um der Metalltreppe ihr Buch zu entreißen, hörte sie es.

»Es war sehr leise, aber definitiv da, und bei dem Klang ging ihr das Herz auf. «

Eine Geige, die von einem, wie es sich anhörte, äußerst talentierten Geiger gespielt wurde. Evie hatte noch immer nicht den besten Weg von der Arbeit zu ihrer neuen Wohnung herausgefunden und wollte nur noch ihre müden Muskeln in ein heißes Bad eintauchen und sich dann in ihrem warmen Bett zusammenrollen, doch sie achtete weder auf ihre Rückenschmerzen noch ihren immer noch schwirrenden Kopf oder die schmerzende Ferse, dachte nicht mehr daran, zu ihrem Anschlusszug zu gehen, sondern betrat die aufwärts fahrende Rolltreppe.

Während sie immer höher getragen wurde, wurde der Klang lauter und immer schöner, und langsam kam der Geigenspieler in Sicht. Sie erblickte seine schmuddeligen rabenschwarzen Haare und den dazu passenden schwarzen Mantel mit violetter Paspel, die so dunkel war, dass man überhaupt nur ahnte, dass sie violett war, wenn man richtig hinsah – und Evie sah richtig hin. Nur sehr wenige Menschen gingen vorüber, und keinem einzigen schien das Talent aufzufallen, das da vor ihnen stand. Seine wild wuchernden Augenbrauen waren so fest zusammengezogen, dass Evie sich fragte, ob sie sich je voneinander trennen ließen. Doch als die Musik sanfter wurde, geschah das Gleiche mit seinem Gesicht. Seine Miene spiegelte Zufriedenheit wider, und seine Augenbrauen trennten sich mit Leichtigkeit und legten sich über seine geschlossenen Augen.

Er sah auf seltsame Weise gut aus. Sein Nasenrücken wies eine Einkerbung auf, wo er wohl einmal gebrochen gewesen sein musste, und die Spitze war groß und rund, die Art Nase, die Evie gern ihren besonders hinreißenden Cartoongestalten verpasste. Seine leicht gewellten Haare hatten schon seit mindestens einer Woche keine Bürste mehr zu Gesicht bekommen, und während er im Moment zwar über sein Instrument gebückt dastand, schätzte Evie, dass er sie um mindestens dreißig Zentimeter überragen würde, sobald er sich aufrichtete. Doch am faszinierendsten fand sie, dass er seine Musik lebte. Wenn er auf seiner schwarzen hölzernen Geige in Moll spielte, verzog er das Gesicht melancholisch oder legte es in Falten. Wenn die Musik in Dur erklang, verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln und seine ganze Miene wurde fröhlicher. Wenn sich die Noten bewegten, tat er es ebenfalls. Er existierte nicht in dieser Welt, sondern lediglich in der Welt, die er mit seinen Fingern und dem Bogen erschuf.

Evie wusste nicht zu sagen, wie lange sie ihm schon zusah, und es war ihr auch gleich. Sie hatte sich mit dem Rücken an die Wand gelehnt, gegenüber von der Stelle, wo dieser Mann seine Straßenmusik machte, und war völlig gebannt. Da bemerkte sie den Geigenkasten zu seinen Füßen. Obwohl die Passanten ihm kaum Beachtung schenkten, hatte er heute dennoch eine beachtliche Summe eingenommen. Sie wünschte, sie hätte etwas beizusteuern, doch ihr letztes Kleingeld hatte sie für eine Tüte ihrer Lieblingsbonbons in dem Laden in der Nähe ihrer Arbeit ausgegeben. Sie nahm eine Hand voll bunter Bonbons aus der Tasche. Sie waren einzeln in durchsichtige Plastikfolie verpackt, und jedes Bonbon war glasig und hatte ein paar kleine Bläschen im Innern. Evie wählte ein grünes, das zu ihrem Mantel passte. Dann hängte sie sich die Tasche fest über die Schulter, ging zu seinem Kasten und legte das Bonbon auf den Münzhaufen.

Da seine Augen immer noch geschlossen waren und er in Gedanken ganz bei seiner Musik war, bemerkte er nicht, dass da jemand war. Evie sah ihn ein letztes Mal an, wiegte sich zu der Melodie, die er in seinen Fingern wirbeln ließ, und ging dann, um ihren Bahnsteig zu finden. Zufälligerweise befand sich der Durchgang gleich neben dem Geiger. Es war beinahe, als hätte er sie mit seiner Musik dorthin geführt.

Nach einem Monat war Evies Arbeit zur Routine geworden. Sie stellte ihren Schreibtischstuhl auf die ideale Höhe ein, sodass sie beim Zeichnen nie mit krummem Rücken dasaß. Wenn sie nicht um Punkt neun, sondern um Viertel vor ins Büro kam, schaffte sie es, einem unangenehmen Gespräch mit ihrem widerlichen Chef im Aufzug zu entgehen. Sie fand heraus, dass sie es in ihrer zehnminütigen Pause am Vormittag zum nächsten Coffeeshop und zurück schaffen konnte, sofern die Schlange nicht allzu lang war. Und das Wichtigste war, dass sie der Klang dieser einzelnen Geige auf dem abendlichen Heimweg besänftigte. Die Musik legte einen Schalter in ihrem Hirn um und ließ sie völlig gelöst weitergehen. Ein schlechter Tag in der Arbeit ließ sich dank einer einzigen Note vergessen, und im Gegenzug für die ahnungslose musikalische Hilfeleistung des Geigers warf sie jedes Mal, wenn sie an ihm vorüberging, ein Bonbon in seinen Geigenkasten.

Orange mag ich am liebsten. Danke, meine Süße.
XXX

An einem bestimmten Abend ging Evie mit einem dunkelvioletten Bonbon mit Schwarze-Johannisbeer- Geschmack an dem Geiger vorbei. Als sie es gerade wie üblich in seinen Kasten werfen wollte, fiel ihr ein kleines Stück Pappe auf. Sie sah zu dem Mann hoch, dessen Augen wie immer geschlossen waren, und bückte sich, um die Nachricht zu lesen, die dort in runder Schnörkelschrift stand.

Orange mag ich am liebsten.
Danke, meine Süße
xxx

Wieder blickte sie zu dem Mann auf, der sich die schwarze Geige unters Kinn geklemmt hatte. Er wusste nicht, wer sie war oder auch nur, dass sie da war, und dennoch fühlte sie sich ihm näher als irgendjemandem sonst auf der Welt. Die Leute in der Arbeit behandelten sie, als hielte sie sich für eine Prinzessin, einzig aufgrund ihrer Familie, in die sie ohne eigenes Zutun hineingeboren worden war. Dabei wollte sie nichts als zeichnen, bis sie Bleistiftsplitter in den Fingern hatte, um von einem Chef befördert zu werden, der dachte, ihre Augen befänden sich auf ihrer Brust – bloß um einen Beruf ausüben und das Leben einer unabhängigen Frau führen zu können, anstatt ihrer Mutter nachzugeben und einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte. Und jetzt saß sie in der Hocke und blickte zu einem Mann auf, an dem sie jeden Tag vorüberkam und der den Soundtrack zu ihrer Heimfahrt lieferte, einem Mann, der noch nie ein Wort mit ihr gewechselt oder auch nur ihr Gesicht angesehen hatte und der anhand der Bonbons, die sie ihm hinlegte, dennoch wusste, dass sie da war, und der sich nun zum ersten Mal an sie wandte, und Evie fühlte eine stärkere Verbindung zu ihm als zu den Menschen, denen sie sich eigentlich verbunden fühlen sollte.

Evies Herz machte einen kleinen Satz, ein knisternder Funke in ihrem Innern, der einen Gedanken in ihrem Hirn verursachte: Ist das der Beginn eines neuen Abenteuers?

Sie steckte die Hand in die Tasche, vorbei an Skizzenbüchern und losen Bleistiften, bis ganz nach unten, wo ihre Fingerspitzen auf leere Verpackungen und ihre allerletzten Bonbons stießen. Aufgeregt zog sie so viele wie möglich heraus und griff nach den letzten drei orangefarbenen. Dann holte sie einen Stift hervor, drehte das Stück Pappe auf die unbeschriebene Seite und kritzelte schnell ein kleines Cartoon-Selbstporträt hin, das ihre Locken, runden Wangen und ihr großes Grinsen betonte. Sie signierte es mit Alles Liebe, Evie und legte die Pappe dann zurück in den Kasten, die drei orangefarbenen Bonbons oben auf in einer Linie.

Er spielte immer noch mit fest geschlossenen Augen, als sie wieder aufrecht vor ihm stand. Ihr wurde klar, dass sie sich noch nie derart nah an ihn herangewagt hatte, und noch nie hatte sie sich so sehr gewünscht, er möge die Augen aufmachen. Sie wollte wissen, welche Farbe sie hatten, ob sie voller Leben waren oder kalt und hart, ob er sie, wenn er sie anblickte, tatsächlich sehen würde. Doch im Moment spielte er weiter, und sie wollte ihn nicht stören. Wenn man einen Musiker mitten im Lied störte, dachte sie, war es vielleicht, als würde man einen Schlafwandler mitten im Traum aufschrecken, und sein erster Eindruck von ihr, sollte es einen solchen je geben, durfte auf keinen Fall ein schlechter sein.

Der nächste Tag …

Nach einem recht ereignisreichen Abend war der folgende Tag mehr als trostlos verlaufen. Als sie das Büro am Abend verließ, hatte sie das Gefühl, die Klänge jener Geige seien das Einzige im Leben, worauf sie sich freuen konnte. Die Sache, an der sie sich mit aller Kraft festhielt. Die Sache – die sie nicht hören konnte. Als sie aus dem Zug stieg, spitzte sie die Ohren, aber da war nichts. In der Annahme, das geschäftige Treiben der abendlichen Pendler übertöne seine Musik vielleicht, lief sie durch den Gang zum Fuß der Rolltreppe und blieb unvermittelt stehen, sodass jemand mit ihr zusammenstieß und leise etwas Unfreundliches vor sich hin murmelte. Sie lauschte noch angestrengter und war sich jetzt sicher, dass da nichts war, überhaupt kein Klang, und das Herz rutschte ihr durch die Brust bis in die Schuhe. Und wenn er zu einem anderen Bahnhof gezogen war? Und wenn sie ihn nie wiedersehen würde? Und wenn sie ihm nie das Päckchen mit orangefarbenen Bonbons geben können würde, das sich in braunes Papier gewickelt in ihrer Tasche befand?

Sie betrat die Rolltreppe und machte sich darauf gefasst, die Stelle, an der er sonst seine Straßenmusik machte, leer vorzufinden, oder schlimmer noch, sie von jemandem eingenommen zu sehen, der viel weniger Talent besaß und viel weniger interessant zu beobachten wäre. Doch als die Rolltreppe sie nach oben trug, war er da, an seinem üblichen Platz, die Geige im Schoß unter seinen schützenden Händen. Ihr Herz schlug höher, plumpste dann jedoch sofort wieder zurück bis an ihre Fersen, als ihr dämmerte, dass dies der Tag wäre, an dem sie mit ihm reden würde. Sie fühlte sich völlig überrumpelt und unvorbereitet, und als ein anderer Pendler sie von hinten anrempelte, wurde ihr klar, dass sie nach dem Verlassen der Rolltreppe wie angewurzelt stehen geblieben war und allen den Weg versperrte. Sie trat nach rechts und versuchte einen Moment lang, ihre Gedanken zu ordnen, doch es nützte so wenig, als hätte sie gar kein Gehirn im Kopf.

Kurz sah er ihr in die Augen, bevor sein Blick wieder weghuschte. Er wirkte nervös. Als wartete er auf jemanden. Evie zupfte am Kragen ihres Mantels und fragte sich, warum es sich in den Bahnhofstunneln auf einmal so heiß anfühlte. Doch sie hatte Tintenkleckse auf ihrem burgunderroten Rock, und falls sie mit ihm reden würde (und sie musste definitiv mit ihm reden), wollte sie nicht unordentlich aussehen. Folglich behielt sie den Mantel an und spürte, wie ihr die Röte in Nacken und Wangen stieg. Er sah ihr wieder in die Augen, und diesmal war sein Blick ein wenig länger auf sie gerichtet. Unsicher.

Sie hielt es nicht mehr aus. Mit einem tiefen Atemzug, den sie zitternd wieder entweichen ließ, ging sie auf ihn zu. Beim Näherkommen fiel ihr etwas ein: Ich werde endlich wissen, welche Augenfarbe er hat. Ihr drehte sich der Magen um. Dann noch ein Gedanke: Was werde ich sagen? Es war zu spät. Ihre Zehen berührten jetzt seinen Geigenkasten, und er sah von seinem Klappstuhl zu ihr auf.

Er lächelte, und ihr Herz schlug so schnell, dass ihr schwindelte.

»Hallo, Süße«

Zwar lächelte er, doch seine leicht brüchige Stimme verriet seine Nervosität. Dieser schmuddelige Mann, der ganz in Schwarz gekleidet war, mit einer Spur von diesem sehr dunklen, fast gar nicht vorhandenen Violett, hatte die Art Lächeln, das einen dazu veranlasste, ihm alles anzuvertrauen, was einem am Herzen lag. Man wusste, dass es bei ihm gut aufgehoben wäre. Evie zog eine Augenbraue in die Höhe, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Woher hast du gewusst, dass ich es bin?« Evie, errötest du etwa?, schalt sie sich. Sofort aufhören! Doch die Stimme in ihrem Kopf war die ihrer Mutter, also entschied Evie, nicht darauf zu achten. Er hielt das Cartoon-Selbstporträt hoch, das sie ihm gezeichnet hatte.

»Du bist sehr gut. Selbst wenn ich nicht finde, dass deine Wangen auch nur annähernd so dick sind, wie du sie dargestellt hast.« Er steckte die Zeichnung in die Tasche zurück, und Evie wurde klar, dass er beabsichtigte, sie zu behalten.

»Danke. Ich heiße übrigens Evie.«

»Ja, ich weiß«, sagte er. »Und ich möchte mich bei dir für die Bonbons bedanken. Besonders für die orangen. Die mag ich …«

»Am liebsten, ja, ich weiß. Weshalb ich mir gedacht habe, dass dir das hier vielleicht gefallen könnte.« Sie zog das ordentlich in braunes Papier eingewickelte Päckchen hervor, in dem sich jedes orange Bonbon befand, das sie in ihrer Wohnung hatte finden können. Auf der Stelle verwandelte sich dieser Mann in einen kleinen Jungen, und seine Augen strahlten, als wäre Weihnachten.

»Für mich?« Ein Anflug von Unsicherheit huschte über sein Gesicht, und seine Hand verharrte in der Luft, ohne tatsächlich nach dem Päckchen zu greifen.

»Ich kenne sonst niemanden, der die Orangefarbenen so sehr mag wie du. Ich persönlich meide sie.« Als sie ihm das Päckchen in die Hand schob, streifte ihr kleiner Finger seinen Daumen, und sie zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Insgeheim verdrehte sie die Augen über sich selbst. Beruhige dich, du Idiotin.

»Danke.« Er nahm das Päckchen entgegen, ohne es anzusehen. Sein Blick war unverwandt auf sie gerichtet, und ihm fiel auf, dass sie ein Funkeln in den Augen hatte.

Es war gleich da – in ihren Augen. Keine Täuschung des Lichts. Es war tatsächlich richtig da. Vielleicht lag es an ihrer leicht gekräuselten Nase, wenn sie ihn anlächelte, was zu kleinen Fältchen an ihren Augenwinkeln führte, oder vielleicht lag es an der Art, wie ihre Augenbrauen ihre Augen umrahmten, aber woran es auch immer liegen mochte, wenn er dieses Funkeln erblickte, hörte er in seinem Kopf nur noch eines: sein lachendes Herz. Er war sich deutlich bewusst, dass er in diesem unterirdischen Tunnel schwitzte, den Mantel bis ganz oben zugeknöpft und dieses sehr hübsche ungewöhnliche Mädchen vor sich, und er wusste, dass ihm die Haare an der Stirn klebten. Er tat sein Bestes, sie zurückzuschieben, damit Evie es nicht bemerken würde. Doch sie bemerkte es und fühlte sich besser, denn ihr liefen selbst gerade Schweißperlen den Rücken hinunter.

»Und ich möchte mich bei dir für die Musik bedanken …« Ihre Stimme verlor sich. Das klang richtig dumm, dachte sie. »Dein Geigenspiel, meine ich. Es ist wirklich etwas ganz Besonderes.«

Er sah auf seine schwieligen Hände, die das ordentlich eingewickelte Bonbonpäckchen hielten. »Versuch das mal, jeder Musikschule in einem Radius von fünfzig Meilen zu erzählen.«

»Sie wissen es noch nicht?« Jetzt fand Evie es komisch, vor ihm zu stehen und auf ihn hinabzuschauen. Sie fragte sich, ob er noch einen Klapphocker hatte.

»So gern ich auch spiele, mache ich nicht zum Vergnügen Straßenmusik.« Er versetzte seinem geschlossenen Geigenkasten einen Tritt, sodass das Innere klimperte.

»Sieht aber aus, als hättest du Erfolg. Jedes Mal, wenn ich vorbeikomme, ist dein Kasten randvoll.«

»Es reicht, um die Miete für eine ganz winzige Wohnung in einem zwielichtigen Stadtteil zu bezahlen. Wie oft kommst du überhaupt vorbei? In meinem Kasten sind nun schon eine ganze Weile Bonbons.« Er stützte die Ellbogen auf die Knie, und ihr fiel auf, wie schlaksig er war und dass er eigentlich nicht recht zu wissen schien, wie er dasitzen sollte.

»Ich habe vor einem Monat eine Stelle beim Teller angetreten. Am ersten Tag habe ich mich auf dem Heimweg verlaufen. Ich habe dich spielen gehört, entschied, der Sache auf den Grund zu gehen, und wie sich herausgestellt hat, ist mein Bahnsteig gleich dort drüben.« Evie wies auf das Schild an der Wand hinter ihm. »Also vielen Dank, dass du mich hierher geführt hast. Ohne dich hätte es viel länger gedauert, bis ich es gefunden hätte.« Sie lächelte und empfand eine Wärme im Innern, und er lachte glucksend. Doch sie spürte, wie sich gefürchtetes Schweigen anbahnte, und sie wollte keine Gesprächspause, denn das bedeutete …

»Ich sollte mich wahrscheinlich auf den Heimweg machen«, sagte sie widerwillig. Es war ohnehin unwahrscheinlich, dass er vorgehabt hatte, sich lange mit ihr zu unterhalten. Es war lediglich ein Gespräch aus gängiger Höflichkeit, weil sie ihm so viele Bonbons geschenkt hatte.

»Oh, wirklich?«

Ein Schmetterling in ihrem Bauch flatterte mit den Flügeln. War das Enttäuschung auf seinem Gesicht? War es schrecklich von ihr zu hoffen, dass dem so war?

»Wahrscheinlich«, wiederholte sie und legte den Kopf schräg. Also das ist Flirten, dachte sie mit einem Grinsen und blickte ihn unter den Wimpern hervor an. Es fühlte sich seltsam natürlich an. Sie war sich nicht sicher, ob ihr das gefiel.

DINNER?

»Bevor du gehst, gibt es da etwas, das ich dich fragen wollte.« Er beugte sich hinunter und öffnete den Geigenkasten. An der Innenseite des Deckels klebten sämtliche orangefarbenen Bonbonpapiere, die sie ihm je gegeben hatte, und bildeten die Frage DINNER? Die Papiere glänzten im Licht und raschelten in der Brise, die vorüberfahrende Züge in benachbarten Tunneln hervorriefen.

Jegliche natürliche Flirtstimmung, die Evie zuvor verspürt hatte, ließ sie nun völlig im Stich. Sie blickte von dem behelfsmäßigen Schild auf. Auch wenn er offensichtlich ein wenig nervös war (man merkte es an seinen zitternden Augenbrauen), bedeutete sein Lächeln, dass er ihr verblüfftes Schweigen sichtlich genoss.

»Ich weiß nicht recht, wie ich antworten soll.«

Sein Gesicht verzog sich sofort peinlich berührt. Von der Hitze in dem Tunnel waren seine Wangen bereits ein wenig rosa, doch jetzt liefen sie feuerrot an, und die Röte ergoss sich bis zu seinen Ohrenspitzen.

»O Gott, es tut mir so leid. Es ist ein wenig dreist, was? Schließlich kenne ich dich überhaupt nicht. Wir sind nicht Romeo und Julia, verflucht noch mal«, schalt er sich und schloss den Deckel mit gesenktem Kopf. »Ich habe mir nur gedacht, dass du echt süß zu sein scheinst. Die Art Mensch, die ich gern kennenlernen wollen würde, und …«

»Nein, nein! Das habe ich nicht gemeint …«

»Es ist in Ordnung, du musst keine Ausreden erfinden.« Seine Worte waren an den Boden gerichtet.

Evie bückte sich unbeholfen, um zu versuchen, ihm in die Augen zu sehen. »Nein, was ich eigentlich gemeint habe …«

»Ehrlich, ich akzeptiere voll und ganz, dass es ein Nein ist.«

»NEIN! Es ist kein Nein!«

Er lugte durch seine Haare, die er sich strategisch ins Gesicht hatte fallen lassen, und seine grünen Augen glitzerten.

»Ich habe bloß gemeint, dass ich bei so einer großen Geste nicht weiß, wie ich auf passende Art Ja sagen soll«, erklärte sie rasch, bevor er wieder das Wort ergreifen konnte. »Aber das ist es definitiv. Ein Ja, meine ich.«

»Wow! Ähm. Okay.« Er strich sich die Haare aus dem Gesicht, das immer noch hellrot war. »Okay. Ja. Okay. Dinner. Du und ich. Evie …«

»Snow.«

»Evie Snow?« Er hob eine Augenbraue.

»Evie Snow«, bestätigte sie und streckte ihm die Hand hin.

»Ich heiße Vincent.«

»Vincent …«, drängte sie, da sie seinen ganzen Namen wissen wollte. (Da sie eigentlich alles über ihn wissen wollte.) »Vincent Winters.« Und als sie das Lächeln in seinen Augen erblickte, ohne seine Lippen ansehen zu müssen, überkam sie das Gefühl, dass dies hier möglicherweise der Beginn ihres bisher größten Abenteuers sein könnte.

Gibt es etwas Schöneres als einen handgeschriebenen Liebesbrief?

Liebe Evie
Lieber Vincent

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Über Carrie Hope Fletcher

Autorenporträt Carrie Hope Fletcher

Carrie Hope Fletcher, geboren 1992 in London, ist Schauspielerin, Sängerin und erfolgreiche Vloggerin mit ihrem YouTube-Channel »ItsWayPastMyBedTime«. Nach ihrem Sachbuch »All I Know« wurde auch ihr Romandebüt »Eine Liebe ohne Winter« zum Sunday-Times-Bestseller. Carrie Hope Fletcher lebt in der Nähe von London und spielt am Queen’s Theatre im West End.

Unter dem Titel »Song For Evie and Vincent« hat Carrie ein Liebeslied zum Buch geschrieben, das ihr auf ihrem YouTube-Channel anhören könnt. >> Hier geht’s direkt zum Video

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