Jandy Nelson: Ich gebe dir die Sonne | Leseprobe read’n’go

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Dieses Buch glüht wie die Sonne selbst

Jude und ihr Zwillingsbruder Noah teilen alles miteinander: die Sonne, den Mond, den Himmel. Noah malt ununterbrochen, während Draufgängerin Jude in ihrer Freizeit Kopfsprünge von den Klippen macht und für zwei redet. Ein paar Jahre später sprechen sie kaum ein Wort miteinander. Etwas ist passiert, das die beiden auf unterschiedliche Art verändert und ihre Welt zerstört hat …

Vorhang auf

Die Zwillinge Jude und Noah halten fest zusammen. Für immer?

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NOAH
JUDE

Weiter ohne Anfangsgeschichte

Woher kommt der Titel?

Die Zwillinge Jude und Noah spielen, seit sie klein sind, ein ganz besonderes Spiel.

Das Spiel der Zwillinge

»Kann ich das haben?«

Das ist ein Schock für mich. Sie hat mich noch nie um eine Zeichnung gebeten. Ich hasse es, Zeichnungen zu verschenken. »Für die Sonne, die Sterne, die Meere und alle Bäume würde ich darüber nachdenken, sie wegzugeben«, sage ich, weil ich weiß, dass sie sich niemals darauf einlassen würde.

Sie weiß, wie sehr ich die Sonne und die Bäume haben will. Seit wir fünf sind, teilen wir die Erde zwischen uns auf und zum ersten Mal ist die Herrschaft über das Universum für mich in Reichweite.

»Machst du Witze?«, sagt sie und stellt sich gerade hin. »Dann bleiben mir ja nur noch die Blumen, Noah.«

Gut, denke ich, darauf wird sie sich niemals einlassen, das wäre also erledigt. Doch das ist es nicht. Sie greift nach dem Block und hält ihn schräg, dabei guckt sie das Porträt so an, als würde sie erwarten, dass der Engländer mit ihr spricht.

»Okay«, sagt sie. »Bäume, Sterne, Meere. In Ordnung.«

»Und die Sonne, Jude.«

»Oh, na gut«, sagt sie zu meiner großen Überraschung. »Ich gebe dir die Sonne«.

»Dann hab ich jetzt praktisch alles!«, sage ich. »Du bist ja verrückt!« »Aber ich habe ihn.« Vorsichtig reißt sie den nackten Engländer aus meinem Block, nimmt ihn mit rüber zum Bett und setzt sich.

Ich
gebe
dir die
Sonne!

Das Spiel der Zwillinge: So geht es weiter

»Bäume sind cool«, sage ich geistesabwesend. »Aber die gehören meinem Bruder, nicht mir«, füge ich ohne nachzudenken hinzu.

Mir wird klar, was ich eben über die Bäume gesagt habe. »Oh, mein Bruder und ich haben die Welt zwischen uns aufgeteilt, als wir noch klein waren«, erkläre ich ihm. »Und dann musste ich ihm die Bäume und die Sonne und noch ein paar andere Sachen geben, weil ich ein unglaubliches kubistisches Porträt haben wollte, das er gemalt hatte.«

Die Überreste des Porträts befinden sich immer noch unter meinem Bett. Als ich in dieser Nacht von Brians Abschiedsparty nach Hause kam, sah ich, dass Noah es zerrissen und die Schnipsel in meinem ganzen Zimmer verteilt hatte. Und ich dachte mir: Richtig so, ich habe keine Liebesgeschichte verdient. Nicht mehr. Liebesgeschichten werden nicht für Mädchen mit schwarzen Haaren geschrieben, Mädchen, die zu dem fähig sind, was ich gerade meinem Bruder angetan habe.

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»UMWERFEND.«

Lauren Oliver, Autorin

»Einfach unvergesslich.«

Huffington Post

Noah, 13 Jahre

So fängt alles an.
Mit Zephyr und Fry – den Soziopathen von nebenan –, die hinter mir hergeschossen kommen, und dem Waldboden, der unter meinen Füßen bebt, während ich durch Luft, Bäume, gleißend grelle Panik sprenge.
»Du gehst über die Kante, du Pussy!«, brüllt Fry. Dann ist Zephyr auf mir, drückt mir einen, beide Arme auf den Rücken, und Fry hat sich meinen Skizzenblock gegrapscht. Ich will ihn mir zurückholen, doch ich bin armlos, hilflos, versuche, mich aus Zephyrs Griff zu winden. Keine Chance. Ich blinzele, damit die beiden sich in Motten verwandeln. Nichts da. Sie sind immer noch sie selbst: Fünf Meter lange Arschgeigen aus der Zehnten, die aus lauter Jux und Tollerei lebende, atmende dreizehnjährige Menschen wie mich von der Klippe stoßen.

Zephyr hat mich in den Schwitzkasten genommen, seine Brust brandet an meinen Rücken, mein Rücken an seine Brust. Wir schwimmen in Schweiß. Fry blättert den Block durch. »Was hastn gemalt, Bubble?« Ich stelle mir vor, wie er von einem Laster überrollt wird. Er hält ein Blatt mit Skizzen hoch. »Zeph, guck dir mal die ganzen nackten Kerle an.«
In meinem Körper stockt das Blut. »Das sind keine Kerle. Das ist der David«, stoße ich hervor und bete, dass ich mich nicht anhöre wie eine Rennmaus, bete, dass er nicht weiterblättert zu den Zeichnungen, die ich heute gemacht habe, als ich sie heimlich beobachtet habe, Zeichnungen von ihnen, wie sie aus dem Wasser gestiegen sind, mit ihren Surfbrettern unterm Arm, ohne Neoprenanzüge, ohne alles, total glitzernd und – äh – Händchen haltend. Da habe ich mir vielleicht ein wenig künstlerische Freiheit zugestanden. Sie werden also denken … Oh Mann, das war’s dann wohl. Ich bin so gut wie tot. Die Welt beginnt Saltos zu schlagen. Ich schleudere Fry Worte entgegen: »Sagt dir das was Michelangelo? Schon mal gehört?« Ich werde nicht so handeln wie sonst immer. Mach auf hart, dann bist du hart, wie Dad immer sagt und sagt und sagt –so als wäre ich irgendein kaputter Regenschirm.
»Ja, von dem hab ich gehört«, kommt über Frys fette Punschlippen, die sich mit seinen übrigen feist wulstenden Zügen unter der gewaltigsten Stirn der Welt drängeln, sodass man ihn nur allzu leicht mit einem Nilpferd verwechseln könnte. Er reißt das Blatt aus dem Block. »Hab gehört, der war schwul.«
War er wirklich – meine Mom hat ein ganzes Buch über ihn geschrieben. Was Fry natürlich nicht weiß. Er nennt jeden schwul, wenn er nicht gerade Homo oder Pussy besser findet. Und in meinem Fall: Homo und Pussy und Bubble.
Zephyr lacht ein finsteres Dämonenlachen, dessen Vibrationen mich durchlaufen.

Riskier was, mach einen zweiten, dritten oder vierten Versuch. Erschaffe die Welt neu.

Jude, 16 Jahre.

3 Jahre später.
Hier bin ich.
Mit einem vierblättrigen Kleeblatt in der Tasche stehe ich im Atelier der CSA neben meiner Skulptur. Den ganzen Morgen habe ich auf allen vieren in einem Kleeflecken vor der Schule verbracht – für nichts und wieder nichts, alles leer gepflückt. Aber dann – heureka! – hab ich mir mit Kraftkleber ein viertes Blatt an ein gewöhnliches dreiblättriges Kleeblatt geklebt, es in Zellophan gewickelt und in die Tasche meiner Kapuzenjacke gesteckt, gleich neben die Zwiebel.
Ich bin eine Bibeltreue. Andere Leute haben das Evangelium, ich hab die Grandma-Sweetwine-Bibel. Hier einige exemplarische Auszüge:

Ein Mensch, der im Besitz eines vierblättrigen Kleeblatts ist, vermag alle üblen Einflüsse abzuwehren.
(Die Kunstschule ist voller übler Einflüsse. Besonders heute, denn da ist nicht nur mein Feedback-Tag, ich habe auch noch eine Besprechung mit meinem Tutor und werde vielleicht rausgeworfen.)

Zur Abwehr ernster Krankheiten habe stets eine Zwiebel in der Tasche.
(Hab ich. Man kann nicht vorsichtig genug sein.)

Wenn ein Junge einem Mädchen eine Orange schenkt, wird ihre Liebe zu ihm um ein Vielfaches stärker werden.
(Kann ich nicht beurteilen. Bis jetzt hat mir noch kein Junge eine Orange geschenkt.)

Die Füße eines Geistes berühren nie den Boden.
(Darauf kommen wir noch. Bald.)

Es klingelt zum Unterricht.
Und da sind sie. Die anderen aus dem zweiten Jahr der Tongruppe. Jeder Einzelne von ihnen ist bereit, mich mit einem Kissen zu ersticken. Ups, ich meine: Jeder Einzelne von ihnen starrt entgeistert auf meine Skulptur. Die Aufgabe war mal wieder ein Selbstporträt. Ich bin abstrakt geworden – mit anderen Worten: Matschklops. Degas schuf Tänzerinnen, ich Matschklopse. Kaputte, zusammengeklebte Klopse. Dies ist mein achter.

»Was funktioniert an dieser Arbeit?«, fragt Sandy Ellis, der Keramikmeister, Ton-Lehrer – und mein Tutor. So fängt bei ihm jede Kritik an.
Keiner sagt ein Wort. Anfang und Ende des typischen Feedback-Sandwiches von Kaliforniens Schule der Aliens ist Lob – dazwischen sagen die Leute die schrecklichen Dinge, die sie wirklich denken.