Catherine Aurel: Grimaldi – Der Fluch des Felsens | Leseprobe read’n’go

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Ihr Aufstieg: vorherbestimmt. Ihre Liebe: stark wie ein Felsen. Ihre Geschichte: eine Legende.

Genua im 13. Jahrhundert: Raniero, der Erbe der reichen Familie Grimaldi, verliebt sich unsterblich in die schöne Babetje. Als die Grimaldi nach einem blutigen Umsturz aus der Stadt verbannt werden, opfert er sein Glück für die Zukunft seiner Familie und heiratet die Tochter eines Verbündeten. Mit Erfolg: Die Grimaldi erobern den Felsen von Monaco — ihre neue Heimat. Doch um die Macht zu wahren, begeht Raniero eine grausame Tat. Wie durch einen Fluch brechen fortan brutale Schlachten, perfide Intrigen und gnadenlose Schicksalsschläge über die Grimaldi herein. Der Kampf um das Fürstentum beginnt. Und um die Liebe.

Wie alles begann ...

Der kleine Raniero hatte Angst vor Geistern, seine Mutter hatte Angst vor Menschen.

Auf dem Meer kreuzten Galeeren, alle Wege ins Landesinnere waren besetzt.

Der kleine Raniero hatte Angst vor Geistern, seine Mutter hatte Angst vor Menschen. Nicht vor allen, aber vor den Feinden, die Monaco belagerten. Auf dem Meer kreuzten Genueser Galeeren, weitere Truppen hatten alle Wege ins Landesinnere besetzt. Raniero fürchtete diese natürlich auch, aber er wollte die heimatliche Burg trotzdem nicht verlassen, schon gar nicht nachts, wenn der Himmel schwarz, das Feuer der Fackel schwach und die Geister der Toten stark waren. Isabella Grimaldi nahm darauf keine Rücksicht. Sie packte ihren Sohn so fest am Oberarm, dass er ihre spitzen Fingernägel spürte, und zerrte ihn aus dem schwülen Gemach seines Vaters, wo sie seit Wochen auf dessen Tod warteten. Alles dort war schwer – die heiße Luft, das dunkle Brennholz neben dem Kamin, die roten Vorhänge des Himmelbetts –, nur Carlo Grimaldi, einst ein stattlicher Mann, schien geschrumpft zu sein und kaum mehr als eine Feder zu wiegen.

»Dein Vater wird sterben, das ist Gottes Wille, wir aber, wir werden leben, denn das ist mein Wille«, erklärte Isabella. »Wenn wir jetzt nicht fliehen, fallen wir in die Hände unserer Widersacher.«

Sie sagte nicht, was dann geschehen würde, aber Raniero konnte es sich denken. Die feindlichen Genuesen würden sie als Sklaven im Morgenland verkaufen, in einen ihrer finsteren Kerker werfen oder auf grausame Weise töten. Was davon am schlimmsten war, das wusste er nicht, er wusste ja nicht einmal, wohin er seinen Blick richten sollte – ob ein letztes Mal zu seinem Vater, der seit Monaten im Bett lag, seit Wochen nicht mehr selber essen konnte und seit Tagen vor sich hin dämmerte, oder lieber in den dunklen, kalten Gang. Denn dort lauerten gewiss die Gespenster jener Sarazenen, die einst die hiesige Küste überfallen, die Menschen verschleppt oder sie gemeinsam mit Schweinen über die Klippen gestoßen hatten, weil sie die Menschen für gottlos, die Schweine für unrein hielten. Nun ja, die Gestalt, die ihnen entgegentrat, hatte wenig mit einem Geist gemein. Bruder Filippos Leib war rundlich, seine Wangen rosig, und seine eigentliche Aufgabe lag darin, für die Seele des Vaters zu beten. Offenbar hielt er deren Weg ins Jenseits jedoch für nicht so bedrohlich wie den von Isabella und Raniero in die Freiheit.

»Ich werde euch zum Hafen bringen und so lange bei euch bleiben, bis ihr in Sicherheit seid!«, rief er. Raniero erschauderte. Um den Hafen zu erreichen, mussten sie eine schmale Treppe nach unten nehmen. Ein falscher Schritt würde genügen, um von jenem steilen, fast senkrechten Felsen zu stürzen, auf dessen lang gestrecktem Plateau die Burg von Monaco errichtet worden war. Und nicht nur davor hatte Raniero Angst. Die kreisförmige Steilwand des Mont Agel, der gleich hinter der Burg emporragte und wegen ihrer Form auch Tête de Chien genannt wurde – Hundekopf –, war fast so gefährlich wie ein Geist. Zumindest hatte Ranieros einstige Amme erst kürzlich behauptet, dass jener Hund dann und wann erwachen, sein riesiges Maul aufreißen und alle Menschen in der Nähe verschlingen würde, auf dass auch sie versteinerten. Als sie ins Freie traten und die kühle Nachtluft sie traf, hielt Raniero unwillkürlich den Atem an und lauschte, ob ein bedrohliches Knurren zu hören war. Doch der Berg blieb stumm, und das Einzige, was zu Stein zu werden schien, war Ranieros Herz, das schmerzhaft gegen seinen Brustkorb schlug.

Man kann das Meer nicht lieben, es ist zu gewaltig, zu unberechenbar ...

Du darfst mich nicht lieben, ich werde Dir nur wehtun.

Raniero war wie alle Genuesen ein leidenschaftlicher Kaufmann, doch das, was ihn immer wieder sein Schiff besteigen ließ, war weniger die Gier nach Geld als die Sehnsucht nach Freiheit. Auf dem Meer fühlte er sich wohler als in den engen Gassen; dem heftigsten Sturm trotzte er lieber als den Zudringlichkeiten anderer Menschen. Auch nun, da er Giuditta fest an den Schultern gepackt hielt, sorgte er für genügend Abstand, damit ihr Körper, dünn und zart, den seinen, steif und ungelenk, nicht berührte.

»Ianus …«

»Der Hund ist längst wieder aufgetaucht, du hingegen nicht, weswegen Caterina ihre Dienerin zu mir geschickt hat. Du solltest nicht hier sein, schon gar nicht heute … dieser dumpfe Knall, als würde ein Turm einstürzen … wir wissen immer noch nicht, was das alles zu bedeuten hat …« Sein Griff wurde fester.

»Nun komm mit nach Hause!«

Er machte Anstalten, Giuditta hochzuheben, zögerte aber, als ihm aufging, dass sie dafür zu groß war, und das gab ihr Zeit, sich von ihm loszureißen und zu rufen: »Wir müssen doch zu Babetje! Der Mann, der ihr Gewalt angetan hat, muss bestraft werden!«

Raniero blickte sie verwirrt an, als sie von dem Erlebten berichtete. Wahrscheinlich verstand er kein Wort, doch als sie ihn an der Hand nahm und in Richtung der Lagerhalle zog, folgte er ihr.

Was wäre wohl aus der Familie Grimaldi geworden, wenn er sich widersetzt oder Giuditta Babetje gar nicht erst gerettet hätte? An dieser Stelle wäre es ein Leichtes gewesen, ein Zweiglein vor das Schicksalsrad zu werfen, sodass es ins Stocken geraten würde. Doch es drehte und drehte sich, Giuditta und Raniero betraten die Lagerhalle, und in dieser lag kein ohnmächtiger Mann mehr. Nein, er hatte sich erhoben, wankte zwar noch etwas, aber schaffte es trotzdem, eine schwere Truhe hochzustemmen. Und Babetje hielt nicht länger das Holzbrett mit den Muscheln, um ihn notfalls niederzustrecken – sie half ihm dabei.

»Warum, zum Teufel, hast du nicht verhindert, dass das Mädchen mich fast totschlägt?«, schimpfte der Mann.

»Ich hab’s eben nicht kommen sehen, du doch auch nicht!«, entgegnete Babetje. »Wenn eine Frau um Hilfe schreit, gehen für gewöhnlich alle schnell weiter, was bedeutet, dass wir hier unsere Ruhe gehabt hätten. Das Mädchen aber …«

»Und wenn es mit den Männern der Credenza wiederkommt?«

»Bis eben wusste ich nicht mal, warum genau du diese fürchtest. Du hättest mich früher in deine Pläne einweihen müssen.«

Der Mann grummelte Unverständliches. Als er mit der Kiste auf den Ausgang der Lagerhalle zutrat, konnte Giuditta erkennen, was sich darin befand – Armbrustbolzen, Katapultgeschosse, Steinschleudern, Brandpfeile. Und dann waren da noch Stoffe, wenn auch nicht die viel gerühmten flämischen, aus denen Caterinas Unterwäsche bestand, nein, dicke Filzabdeckungen, die man in Essig tränkte, um den Angriff eines Feindes abzuwehren.

Es war das erste Mal, dass Giuditta Waffen sah. Es war auch das erste Mal, dass sie Bekanntschaft mit Lüge und Betrug machte. Fassungslos blickte sie Babetje an und konnte nicht glauben, dass diese Frau nicht ein Opfer dieses Mannes war, sondern gemeinsame Sache mit ihm machte. Raniero starrte ebenfalls fassungslos auf Babetje, die so selbstbewusst schien, so stark. Ihre Haare hatten sich etwas gekräuselt, ihre Sommersprossen wirkten im Tageslicht noch neckischer, und ihr Mund war so herzförmig wie der Ansatz ihrer Brüste.

Es war das erste Mal, dass Raniero Grimaldi Bekanntschaft mit der Liebe machte.

»Im Leben zählt nicht die Liebe«, sagte Raniero entschlossen, »es zählt die Familie.«

Klirrend fiel der Dolch aus seiner Hand ...

»Porca miseria!«, fluchte Francesco wieder und wusste zugleich: Es ist aus. Er würde Ana niemals küssen. Er würde niemals als Pirat sein Unwesen treiben, weil sie ihm diesen Kuss verweigerte. Er würde nicht verhindern können, dass sie ins Kloster ging. Er dachte an sie, er formte mit seinen Lippen ihren Namen … er sah sie sogar! Nicht dass er seinen Augen traute. Gewiss war es nur eine Sinnestäuschung, dass hinter Odoardos hassverzerrtem Gesicht ihres auftauchte und voller Liebe war. Doch als er zwinkerte, erkannte er, dass Ana kein Trugbild war, dass sie das Reliquiar, in dem sich ein heiliger Finger oder nur dessen Nagel befand, in ihren Händen hielt und dieses mit ganzer Kraft auf Odoardo Spinolas Kopf schmetterte. Klirrend fiel dem der Dolch aus der Hand. Dumpfer klang es, als sein Leib zu Boden sackte.

Francesco starrte Ana mit aufgerissenen Augen an. Nie war sie ihm so zart erschienen, nie ihr Haar von solch glänzendem Blond. Kein Mensch schien sie zu sein, ein Lichtschein, der das Grau einer zerstörten Stadt kurz zu erleuchten vermochte. Und doch war sie stark genug gewesen und das Reliquiar spitz und schwer genug, um einen Mann niederzustrecken.

»Was … was machst du hier?«, rief er.

»Ich … ich habe vom Fenster aus den Kämpfen zugesehen«, stammelte sie. »Ich musste doch sicher sein, dass du noch lebst.«

»Du hast einfach dein Heim verlassen?«, rief er fassungslos. »Obwohl du so viel Angst vor Lärm und Dreck hast? Obwohl du wusstest, dass dich auf den Straßen nicht nur das erwartete, sondern auch Blut und Tod?«

Sie senkte ihren Blick, während er sich aufrappelte. »Ich machte mir auch Sorgen um meine Brüder, die auf der Seite der Guelfen kämpfen«, sagte sie, klang aber kleinlaut.

»Sei’s drum. Du bist mir zu Hilfe gekommen, nicht ihnen. Das ist der Beweis, dass du mich liebst!«

Diesmal leugnete sie es nicht. »Francesco …«, setzte sie hilflos an.

Während sie mit der einen Hand immer noch das blutverschmierte Reliquiar hielt, nahm er die andere. »Wenn ich gestorben wäre, hättest du für meine Seele beten können … so wird eine weitere Sünde meine Seele schwärzen. Ich werde dich nämlich jetzt küssen.«

Sie wich zurück. »Dafür ist keine Zeit.« Nur allzu deutlich vernahm auch er wieder das Klirren von Waffen, das Ächzen von Verwundeten in ihrer unmittelbaren Nähe, und überdies begann Odoardo Spinola, wieder zu zucken. Francesco sah ein, dass er sie in Sicherheit wissen musste, bevor er sie küssen konnte.

»Ich werde dich zurück nach Hause bringen!«, erklärte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Das geht nicht. Vor dem Palazzo der Grillo wird immer heftiger gekämpft.«

Er überlegte fieberhaft, entschied – obwohl dieser ein Rivale um ihre Liebe war – den Schutz von Jesus Christus zu suchen.

»Dann lass uns zum Kloster von San Francesco fliehen«, sagte er und stellte voller Genugtuung fest, dass sie seine Hand nicht losließ, nein, sich sogar noch fester daran klammerte.

Das änderte sich auch nicht in den nächsten Stunden, als sie sich immer wieder vor einer Horde Kämpfender verstecken mussten. Längst war die fahle Dezembersonne vom Himmel gerutscht. In der Dunkelheit würden sie kaum die Hand vor dem Gesicht sehen, und sie beschlossen, hier auf die Morgendämmerung zu warten. Ana versteifte sich zwar, als er sie an sich ziehen wollte, doch seine Hand ließ sie weiterhin nicht los.

Eine Legende?

»Verflucht seien die Grimaldi! Niemals soll einer von Euch das Glück in der Liebe finden.«

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