Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll` los!

Drei Familien,
getrennt durch Jahrhunderte ...

... unauflöslich verbunden
mit der Geschichte der Bienen.

China im Jahr 2098

Die Arbeiterin TAO bestäubt von Hand Bäume, denn Bienen gibt es längst nicht mehr. Mehr als alles andere wünscht sie sich ein besseres Leben für ihren Sohn Wei-Wen. Als der jedoch einen mysteriösen Unfall hat, steht alles auf dem Spiel: das Leben ihres Kindes und die Zukunft der Menschheit.

 

Ohio, USA, im Jahr 2007

Der Imker GEORGE arbeitet hart für seinen Traum. Der Hof soll größer werden, sein Sohn Tom irgendwann übernehmen. Der aber träumt vom Journalismus. Bis eines Tages das Unglaubliche geschieht: Die Bienen verschwinden.

 

England im Jahr 1852

WILLIAM, Biologe, Samenhändler und Vater von acht Kindern, verlässt seit Wochen das Bett nicht. Sein Geschäft liegt brach. Doch dann kommt er auf eine Idee, die alles verändern könnte: die Idee für einen völlig neuartigen Bienenstock.

 

Wenn kleine Dinge große Bedeutung entfalten.

Wo möchtest Du einsteigen? Klicke auf William und George und scroll dann zu Tao

WILLIAM
GEORGE

Zu TAO

TAO
Was wäre eine Welt ohne Bienen?

Bezirk 242, Sichuan, 2098

Wie verwachsene Vögel balancierten wir auf unseren Ästen, das Plastikgefäß in der einen Hand, den Federpinsel in der anderen.

Langsam, so vorsichtig ich konnte, kletterte ich aufwärts. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen im Arbeitsbezirk eignete ich mich nicht für diese Aufgabe, ich war nicht zierlich genug, meine Bewegungen waren oft zu fahrig, mir fehlte die nötige Feinmotorik. Ich war nicht geschaffen dafür, und trotzdem musste ich jeden Tag hier sein, zwölf Stunden am Stück. (…)

Das kleine Plastikgefäß war gefüllt mit dem luftigen, leichten Gold der Pollen, das zu Beginn des Tages exakt abgewogen und an uns verteilt wurde, jede Arbeiterin erhielt genau die gleiche Menge. Nahezu schwerelos versuchte ich, unsichtbar kleine Mengen zu entnehmen und in den Bäumen zu verteilen. Jede einzelne Blüte sollte mit dem kleinen Pinsel bestäubt werden, der aus eigens zu diesem Zweck erforschten Hühnerfedern hergestellt worden war. Keine künstliche Faser hatte sich als so effektiv erwiesen. Das hatte man wieder und wieder getestet, in meinem Bezirk hatte man dafür genügend Zeit gehabt. (…)

»Wo kommen die hin?«, fragte eine Frau aus meinem Team.

»Sicher zu Feld 49 oder 50«, antwortete eine andere.

»Da haben sie bislang noch nicht angefangen.«

Mein Magen krampfte sich zusammen. Auf welches Feld sie genau kamen, spielte doch keine Rolle. Es ging darum, was sie dort machen mussten.

Die Pfeife ertönte ein zweites Mal. Wir kletterten wieder nach oben, ich bewegte mich langsam, aber mein Herz raste. Nein, die Kinder waren nicht jünger geworden. Es war der Gedanke an Wei-Wen, der mich das glauben ließ. In fünf Jahren war er acht. In nur fünf Jahren war er an der Reihe. Hier draußen waren seine fleißigen Hände mehr wert als irgendwo sonst. Seine kleinen Finger waren bereits feinjustiert für diese Art von Arbeit.

Achtjährige an diesem Ort, tagein und tagaus, steif gewordene kleine Körper in den Bäumen. Nicht mal eine Kindheit war ihnen vergönnt, wie mir und meiner Generation, denn wir hatten in die Schule gehen dürfen, bis wir fünfzehn gewesen waren.

Es war kein Leben.

Meine Hände zitterten, als ich das Plastikgefäß mit dem wertvollen Staub anhob. Wir müssten alle arbeiten, lautete die Parole, um uns zu ernähren, damit die Nahrung angebaut werden könne, von der wir lebten. Alle sollten einen Beitrag leisten, selbst die Kinder. Denn wer brauche schon Bildung, wenn die Kornvorräte zur Neige gingen? Wenn die Rationen jeden Monat schrumpften? Wenn man abends hungrig ins Bett gehen müsse?

Ich drehte mich um, damit ich auch die Blüten in meinem Rücken erreichen konnte, nur dieses Mal bewegte ich mich zu hastig. Ich stieß gegen einen Ast, den ich nicht bemerkt hatte, verlor das Gleichgewicht und lehnte mich auf die andere Seite, um es wiederzuerlangen.

Und da war es. Dieses trockene Knacken, das wir alle so hassten. Das Geräusch eines brechenden Zweigs.

Wie alles mit allem zusammenhängt ...

Das Schicksal der Menschen und der Bienen.

Jetzt
kaufen
20,00 €

»Dieser Roman wird Ihnen noch lange im Kopf herumsummen.«

Trønder-Avisa

»Brillant, einfach wunderschön.«

Dagbladet

WILLIAM
Kann eine einzelne Idee alles verändern? Die eigene Welt, die Welt im Ganzen?

Maryland, England, 1852

Ich stand am Schreibtisch. Ich hatte ihn vor das Fenster geschoben, wo die Lichtverhältnisse am günstigsten waren, der am besten geeignete Ort im Zimmer und der gemütlichste. Dennoch hatte ich schon seit Monaten nicht mehr hier gesessen.

Auf dem Tisch lag ein einsames Buch. Hatte Edmund es dort hingelegt, während ich schlief?

Es war von einer dünnen Staubschicht bedeckt, die Seiten waren vergilbt, und der braune Ledereinband fühlte sich trocken und rissig an, als ich es in die Hand nahm. Jetzt erkannte ich das Werk wieder, ich hatte es zu meiner Studentenzeit in der Hauptstadt gekauft, damals verzichtete ich durchaus einmal eine Woche lang auf mein Frühstück, um mir ein neues Buch leisten zu können. Doch genau dieses hier hatte ich nie gelesen, vermutlich hatte ich es in der Schlussphase meines Studiums gekauft. Das Buch war 1806, vor bald 45 Jahren, in Edinburgh erschienen, sein Verfasser hieß François Huber und der Titel lautete New Observations on the Natural History of Bees.

Es handelte von Bienen, vom Bienenstock, diesem Superorganismus, in dem jedes Individuum, jedes kleine Insekt, dem großen Ganzen untergeordnet war.

Warum hatte Edmund dieses Buch aus dem Regal gezogen? Ausgerechnet dieses?

Ich holte meine Brille, die ich erst mit dem Hemdzipfel vom Staub befreien musste, und setzte mich hin. Die Lehne des Schreibtischstuhls am Rücken zu spüren, war wie ein Wiedersehen mit einem alten Freund.

Der Deckel des Buchs knarrte widerspenstig, als ich es aufschlug. Sorgfältig strich ich das Titelblatt beiseite, dann begann ich zu lesen.

GEORGE
Oft sind es die kleinen Dinge, die zeigen, dass etwas nicht stimmt.

Ohio, USA, 2007

In diesem Jahr hatte ich die meisten Königinnen schon ausgetauscht, einzelne durften jedoch weiterleben. Es waren einige wenige, treue Königinnen, die bis zu drei Jahre lang weiter Eier legten. Musterköniginnen. Mit ihnen züchtete ich gern.

Bei einer von ihnen stand ich gerade, an einer rosafarbenen Magazinbeute, in der ein sehr gewissenhaftes Bienenvolk lebte. Eines, das den meisten Nektar sammelte. Bienen, auf die ich mich verlassen konnte und die wie die Wilden produzierten, ich hatte in diesem Jahr schon zwei Honigräume aufgesetzt. Zwei schwere Kisten voller Honig. Ich war seit einer Woche nicht mehr hier gewesen, weil ich mich in der Zwischenzeit um die Beuten an anderen Orten gekümmert hatte.

Der Gedanke an Tom schwirrte mir im Kopf herum, sodass ich mir das Flugbrett nicht genau ansah, ehe ich den Deckel abnahm. Wir hatten nichts mehr von ihm gehört. Nichts über das Stipendium oder was er sonst plante. Vielleicht hatte er mit Emma telefoniert, während ich unterwegs war, und sie hatte es nicht erwähnt. Ich wartete einfach ab. Vielleicht überdachte er auch die verschiedenen Möglichkeiten, und keine Nachrichten waren gewissermaßen gute Nachrichten. Und er wusste schließlich, wo er mich erreichen konnte, es war ja nicht so, dass der Hof Flügel bekommen hatte und davongeflogen war.

Hatte ich ihn verloren?

Ich legte den Deckel auf dem Boden ab, und erst jetzt setzte meine Konzentration wieder ein. Denn das Geräusch war nicht so wie üblich. Nicht so, wie es sein sollte. Es war viel zu still.

Ich entfernte die Isolierung. Jetzt müsste ich sie doch bald hören?

Ich warf einen Blick auf das Flugbrett, die Löcher.

Keine Bienen.

Dann sah ich in die oberste Zarge hinein. Die Vorräte waren in Ordnung. Viel Honig.

Aber wo waren sie?

Vielleicht in der nächsten Zarge. Ja. Da mussten sie sein.

Ich nahm sie ab. Mein Rücken streikte. Denk dran, in die Knie zu gehen. Ich versuchte, gelassen zu bleiben. Setzte sie ordentlich im Gras ab, richtete mich auf und sah in die nächste Zarge hinein.

Nichts.

Der Brutraum. Sie mussten im Brutraum sein.

Hastig entfernte ich das Königinnengitter. Die Sonne stand direkt über meinem Kopf und schien in den Innenraum.

Leer. Er war leer.