Jay Asher: Dein Leuchten | Leseprobe read’n’go

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Romantisch wie eine heiße Schokolade vorm Kaminfeuer

Jedes Jahr zu Weihnachten reist Sierra mit ihren Eltern nach Kalifornien, um dort auf der Familienplantage Weihnachtsbäume zu verkaufen. Doch diesmal wird Sierras Welt auf den Kopf gestellt – von Caleb, dem Jungen mit den Grübchen, der Weihnachtsbäume verschenkt und eine dunkle Vergangenheit verbirgt …

Vorhang auf

Wer ist der Junge mit den Grübchen, der Weihnachtsbäume verschenkt?

Sein Lächeln bleibt, das Grübchen auch.

Ich drücke das letzte Poster an den Holzmast neben der Einfahrt zu unserem Verkaufsplatz und schieße je eine Nadel in die oberen Ecken. Als ich das Poster nach unten glattstreiche, höre ich Andrews Stimme hinter mir.

»Brauchst du Hilfe?«

Meine Schultern verspannen sich. »Ich schaff das schon.«
Ich schieße noch zwei Nadeln in die unteren Ecken. Dann trete ich einen Schritt zurück und gebe vor, mein Werk so lange zu bewundern, dass Andrew genügend Zeit hat, sich zu verdrücken. Als ich mich endlich umdrehe, entdecke ich, dass Andrew gar nicht mit mir gesprochen hat, sondern mit einem umwerfend gutaussehenden Typen in unserem Alter, der ein paar Zentimeter größer ist als er. Mit der einen Hand hält der Typ einen Baum aufrecht, mit der anderen streicht er sich die dunklen Haare aus den Augen.

»Danke, geht schon«, sagt er, und Andrew entfernt sich.

Der Typ schaut mich an und lächelt, dabei entsteht ein hübsches Grübchen in seiner linken Wange. Sofort spüre ich, wie ich rot werde und senke den Blick. Mein Magen ist in Aufruhr und ich hole tief Luft und ermahne mich, dass ein süßes Lächeln absolut gar nichts über die Person aussagt.

»Arbeitest du hier?« Seine Stimme ist sanft und erinnert mich an die alten Schlagersongs, die meine Großeltern in der Weihnachtszeit laufen ließen.

Ich blicke auf und bemühe mich, wie ein Profi aufzutreten. »Hast du alles gefunden, was du brauchst?«

Sein Lächeln bleibt, das Grübchen auch. Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht und zwinge mich, den Blick nicht abzuwenden. Unwillkürlich möchte ich einen Schritt auf ihn zu machen.

»Ja, habe ich«, sagt er. »Danke.«

Wie er mich anschaut – fast schon mustert – macht mich ganz nervös. Ich räuspere mich und schaue schließlich doch weg, aber als ich wieder hinsehe, geht er schon weiter, den Baum auf der Schulter, als wöge er fast nichts.

 

Ich brauche
ein Wunder
zu Weihnachten!

»Die knallrote Gesichtsfarbe steht dir prima, Sierra.«

Andrew steht neben dem Laternenmast und schüttelt den Kopf. Am liebsten würde ich ihm etwas Sarkastisches an den Kopf werfen, aber meine Zunge ist immer noch verknotet.

»Wusstest du, dass Grübchen eigentlich eine Missbildung sind?«, fährt er fort. »Das heißt, er hat einen Muskel im Gesicht, der zu kurz ist. Ist irgendwie eklig, wenn man drüber nachdenkt.«

Ich verlagere das Gewicht auf einen Fuß und schenke Andrew meinen schönsten Sind wir hier fertig?-Blick. So gemein bin ich normalerweise  nicht, aber bei ihm hilft offensichtlich nur noch ein Amboss auf den Kopf, wenn er glaubt, seine demonstrative Eifersucht sei der Weg zu meinem Herzen.

Ich bringe den Tacker zurück zum Tresen und warte dort. Vielleicht kommt der Typ mit dem Grübchen noch mal vorbei, weil er Lametta braucht oder eine unserer Gießkannen mit dem extralangen Hals. Oder vielleicht braucht er Lichter oder einen Mistelzweig. Aber dann komme ich mir bescheuert vor. Schließlich habe ich Heather haarklein all die Gründe aufgezählt, warum ich mich auf niemanden einlassen möchte, solange ich hier bin. Trotzdem hat sich der Gedanke festgesetzt. Vielleicht hätte ich ja doch nichts gegen ein bisschen Verfallsdatum-Dating? Am Nachmittag schicke ich Heather eine Nachricht: Wie genau würde so ein Urlaubsflirt denn aussehen?

Du bist
es wert.
Das weiß
ich.

Gerüchte, Gerüchte. Gerüchte?

»Und jetzt erzähl mir alles über den Typen, der hier war.«

»Ich habe keine Ahnung, wer er ist. Es gibt nicht viel zu erzählen.«

»Wie sieht er aus?« Heather zieht den Deckel von einer Tupperdose ab, darin ist Truthahnsalat mit Walnüssen und Selleriestücken. Ihre Familie versucht immer noch, die Reste von Thanksgiving loszuwerden.

»Ich habe ihn nur ganz kurz gesehen«, sage ich, »aber er sah aus, als wäre er in unserem Alter. Er hat ein Grübchen, das …«
Heather beugt sich mit schmalen Augen vor. »Und dunkle Haare? Ein Killer-Lächeln?«

Woher weiß sie das?

Heather zieht ihr Handy heraus, tippt ein paarmal darauf herum und zeigt mir dann ein Foto aus dem Netz von genau dem Typen, von dem ich gesprochen habe. »Ist er das?« Sie sieht nicht erfreut aus.

»Woher wusstest du das?«

»Das Erste, was du erwähnt hast, war sein Grübchen. Damit war es klar.« Sie schüttelt den Kopf. »Außerdem wäre das wieder mal typisch. Tut mir leid, Sierra, aber das geht nicht. Nicht Caleb.«

Er heißt also Caleb. »Und warum nicht?«

Sie lehnt sich zurück und berührt mit den Fingerspitzen die Tischkante. »Er ist einfach nicht die beste Wahl, okay? Wir suchen dir jemand anderen.«

Das reicht mir nicht, und das weiß sie.

»Es gibt so ein Gerücht«, sagt sie. »aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es stimmt. So oder so, etwas ist passiert.«

»Was denn für ein Gerücht?« Das ist das erste Mal, dass ich sie so geheimnisvoll über jemanden reden höre. »Du machst mich ja ganz nervös.«

Sie schüttelt den Kopf. »Ich will mich da nicht einmischen. Ich tratsche wirklich ungern, aber ich gehe nicht auf einen Pärchenabend mit ihm.«

»Erzähl es mir.«

»Es ist unbestätigt, okay? Es wurde mir nur weitererzählt.« Sie schaut mir in die Augen, aber ich sage kein Wort, bis sie damit rausrückt. »Es heißt, er habe seine Schwester mit einem Messer angegriffen.«

»Was?« Mir dreht sich der Magen um. »Der Typ ist … lebt sie noch?«

Heather lacht, aber ich weiß nicht, ob es an meinem entsetzten Gesicht liegt oder weil sie nur einen Witz gemacht hat. Mein Herz hämmert immer noch, aber schließlich lache auch ich ein wenig.

»Nein, er hat sie nicht umgebracht«, sagt Heather. »Soweit ich weiß, geht es ihr gut.«

Also war es doch kein Scherz.

»Aber sie wohnt nicht mehr hier«, erzählt Heather weiter. »Ich weiß nicht, ob das an der Messerattacke liegt, aber davon gehen die meisten aus.«

Ich strecke mich auf meinem Bett aus und lege die Hand an die Stirn. »Das ist heftig.«

Heather tätschelt mir das Bein. »Wir suchen einfach weiter.«

Am liebsten würde ich ihr sagen, sie solle sich die Mühe sparen. Ihr sagen, dass ich nicht mehr an einem Urlaubsflirt interessiert bin. Vor allem, wenn mein Radar dermaßen daneben liegt, dass ich mir prompt den Typen aussuche, der seine Schwester mit einem Messer angegriffen haben soll.

Doch da war was...

Caleb und Sierra teilen eine besondere Leidenschaft.

Unterm Mistelzweig.

»Kann ich dir irgendwie helfen?«, frage ich. »Ich weiß, du hast schon einen Baum …«

»Also erinnerst du dich doch an mich.« Er wirkt ein bisschen zu zufrieden deswegen.

»Ich bin für die Inventur verantwortlich«, sage ich und schiebe damit diese Erinnerung aufs rein Geschäftliche »und ich verstehe was von meinem Job.«

»Klar.« Er nickt langsam. »Was für einen Baum habe ich denn gekauft?«

»Eine Silbertanne.« Keine Ahnung, ob das stimmt.

Jetzt habe ich ihn beeindruckt.

Ich verschanze mich hinter dem Tresen, so trennen uns die Kasse und der Mistelzweig. »Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«

Er reicht mir das Preisschild von einem Weihnachtsbaum. »Dieser ist größer als der davor, deshalb laden ihn zwei von den Jungs gerade auf meinen Truck.«

Ich merke, dass ich ihm zu lange in die Augen starre, also reiße ich den Blick los und richte ihn auf die nächstbesten Aufsteller. Für einen Moment sagt er nichts, was mich zwingt, ihn wieder anzusehen. Er schaut sich alles ganz genau an. Vielleicht braucht er ja wirklich noch etwas. Oder aber, er sucht nach einer Ausrede, um länger zu bleiben. Als er die Getränke entdeckt, wird sein Lächeln breiter. »Ich nehme auf jeden Fall noch eine heiße Schokolade.«

An der Getränkestation zieht er einen Pappbecher vom umgekehrten Becherturm ab. Als Caleb das Papier von einer Zuckerstange löst, um damit das Kakaopulver in seinem heißen Wasser umzurühren, setzt mein Herz einen Schlag aus. Er lässt die Zuckerstange los und sie dreht sich weiter im Strudel der Flüssigkeit.

»So mache ich meinen auch«, sage ich.

»Tut das nicht jeder?«

»Es ist wie ein billiger Pfefferminz-Mocca«, erkläre ich ihm.

Er legt den Kopf schief und betrachtet sein Getränk mit neuen Augen. »So könnte man es auch nennen, aber das klingt irgendwie beleidigend.« Er wechselt die Tasse von einer Hand in die andere und streckt mir die freie über den Tresen entgegen.

»Ich freue mich, dich offiziell kennenzulernen, Sierra.«

Ich schaue seine Hand an, dann ihn, und zögere den Bruchteil einer Sekunde. Sofort sacken seine Schultern nach unten. Auf keinen Fall möchte ich ihn wegen eines Gerüchts, bei dem sich nicht einmal Heather sicher war, voreilig abstempeln. Ich schüttle ihm die Hand. »Du bist Caleb, stimmt’s?«

Sein Lächeln schwindet. »Jemand hat dir wohl von mir erzählt.«

Ich erstarre. Selbst wenn er nicht der Typ ist, mit dem ich einen Urlaubsflirt anzetteln werde – er verdient es nicht, von jemandem vorverurteilt zu werden, der gerade erst seinen Namen erfahren hat. »Ich habe deinen Namen wahrscheinlich bei jemandem aufgeschnappt, der dir geholfen hat«, sage ich.

Er lächelt, aber sein Grübchen hat das Weite gesucht. »Also, wieviel schulde ich dir?«

Als ich ihn abkassiere, zieht er einen Geldbeutel hervor, der mit Scheinen vollgestopft ist. Er reicht mir zwei Zwanziger und sehr viele Eindollarnoten.

»Ich hab’s noch nicht geschafft, mein Trinkgeld von gestern Abend zu wechseln«, sagt er und eine leichte Röte steigt ihm ins Gesicht. Das Grübchen gräbt sich wieder in seine Wange.

Nur durch reine Willenskraft vermeide ich es, ihn zu fragen, wo er arbeitet, damit ich nicht zufällig-absichtlich dort auftauchen kann. »Eindollarnoten können wir immer gebrauchen«, sage ich. Ich zähle sie ab und gebe ihm fünfzig Cent Restgeld heraus.

Er steckt die Münzen in die Tasche und die Röte verschwindet, sein Selbstbewusstsein kehrt zurück. »Vielleicht sehen wir uns ja noch mal vor Weihnachten.«

»Du weißt, wo du mich findest«, erwidere ich.

Kalte Tage.
Heiße Schoko.
Und du.

Eine absolute Lese-Empfehlung für alle Weihnachtsfans!

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»Eine bittersüße Geschichte über die erste Liebe und Vergebung.«

NYT-Bestsellerautorin Jennifer Niven