Jürgen Domian: Dämonen – Hansens Geschichte | Leseprobe read’n’go

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Hansens Geschichte

So soll es also sein. Hansen ist mit sich im Reinen. Sein Entschluss steht fest. In neun Monaten, an seinem sechzigsten Geburtstag, dem 21. Dezember, will er sterben. Im Schnee. In der längsten Nacht des Jahres. Aber nicht zu Hause in Berlin oder einfach irgendwo, sondern weit oben in Europa, in Nordschweden. Das ist sein Plan. Er will bei tiefen Minustemperaturen, vielleicht werden es 20 oder 30 Grad unter null sein, hinausgehen in den dunklen, verschneiten Winterwald, sich irgendwo auf einen Baumstamm setzen, eine Flasche Whisky trinken und sich dann nackt ausziehen. Ja, nackt in den Schnee will er sich legen, auf den Rücken, alle viere von sich gestreckt, die Welt und das Leben vergessen, schlafen und sterben. Endlich zu nichts werden. Vielleicht wird der Himmel sternenklar sein. Das wäre schön, ein schöner Tod. Vielleicht gibt es sogar Polarlichter. Welch ein Spektakel! Der Tod nähme Hansen an die Hand und verabreichte ihm eine Portion LSD. Besser ginge es nicht.

Sich selbst zu töten war immer eine Option für ihn gewesen, fast ein Trost in schweren Zeiten.

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Warum will Hansen sich töten?

Hansen aber hat nicht das Gefühl, in einer Krise zu stecken noch an einer Depression oder sonst einer psychischen Krankheit zu leiden. Er will einfach nicht mehr. Sein Beruf langweilt ihn schon seit langem. Fast dreißig Jahre ist er durch die Lande gereist und hat Filme gedreht, fürs Fernsehen. Unspektakuläre Dokumentationen, die aber stets ihre Abnehmer fanden und Hansen durchaus gute Einkünfte bescherten.

Wo er nicht überall war, und womit er sich nicht alles beschäftigt hat! Die Folgen des Klimawandels, Gift im Essen, Altnazis in der deutschen Justiz, Wandern auf den Kilimandscharo, die schönsten Eisenbahnstrecken Asiens, Krankenhauskeime, Ärztepfusch, Homosexuelle in Russland, allgemeines Tempolimit, Parallelgesellschaften in Deutschland, die Geschichte der Samen, Armut in Brasilien, die Zukunft der Solarenergie, der Jakobsweg und so weiter und so weiter.

Aber Hansen hat einfach keine Lust mehr. Es gibt auch nichts, was ihn beruflich noch reizen würde. Er hat keine Träume mehr. Nichts brennt mehr in ihm. Und schon über ein halbes Jahr lang hat er gar nicht mehr gearbeitet. Da ihm kürzlich eine Lebensversicherung ausgezahlt worden ist und er zudem eine beachtliche Summe angespart hat, kann er sich das Nichtstun locker leisten.

Es ist aber nicht der Beruf allein, der ihn anödet. Das Leben an sich und wie er es bis vor Kurzem geführt hat, erscheint ihm wie eine fortwährende Wiederholung. Aufstehen, frühstücken, Nachrichten, Zeitung lesen, essen, trinken, arbeiten oder irgendetwas unternehmen, irgendwelche Gespräche führen, Kino oder Fernsehen, Wein am Abend, schlafen. Und am nächsten Tag dasselbe von vorne. Und seine Freunde, Bekannten und langjährige Wegbegleiter? Fast alle leben in festen bürgerlichen Strukturen. Es sind Familienväter, alleinerziehende Mütter,  Journalisten, Werbeleute, zwei Ärzte, ein paar Anwälte und Regisseure, eine Lehrerin, ein Psychologenehepaar, ein Buchhändler und einige Leute, die im mittleren oder gehobenen Management arbeiten. Mit allen hat er sich bis vor ein paar Monaten regelmäßig getroffen – bis er keine Lust mehr hatte auf ihre Geschichten und ihre Meinungen.

 

„Gut“, sagt Kay, „nimm den restlichen Wodka mit auf deine Reise, ich werde dann gleich abhauen.“
Hansen nickt und schweigt.
„Hast du dein Gepäck schon im Auto? Oder soll ich dir helfen, noch etwas runterzutragen?“
„Es ist schon alles unten.“
„Wann genau wirst du wieder zurück sein?“
Hansen schweigt.
„Na, so ungefähr?“
Hansen schweigt weiter.
„Ich werde nie mehr zurückkommen …“
Kay wird bleich.
„Wie meinst du das?“
„Ich werde mir in Schweden das Leben nehmen.“
Kay schweigt und ist weiß.
„Warum?“
„Ich will nicht mehr, es ist vorbei.“
„Bist du krank?“
„Nein.“
„Warum willst du nicht mehr?“
„Die Angst vor dem Tod ist geringer als die Last zu leben.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Kay, ich bin anders als du. Ich empfinde keine Freude mehr und bin ohne Hoffnung. Ich habe mein Leben gelebt. Es gibt nichts mehr zu tun. Was jetzt noch kommen könnte, wäre eine Monotonie, eine endlose Wiederholung, also bleierne Langeweile und Lähmung. Der Tag meines Todes wird mindestens so gut sein wie der Tag meiner Geburt.“
„Warum Schweden?“
„Ich will besoffen im Schnee sterben, bei großer Kälte. Außerdem mag ich das Land sehr, du weißt es.“
„Aber jetzt ist es nicht kalt dort.“
„Ja, ich habe noch etwas Zeit. Die letzten Lebensmonate möchte ich in großer Natur zubringen. Als Todestag habe ich meinen Geburtstag ausgewählt.“
„Der 21. Dezember, dein sechzigster …“
„Ja.“

 

Hansens Geschichte

Tag 133
Dämonen

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Jürgen Domian wurde 1957 in Gummersbach geboren. Von 1995 bis 2016 moderierte er die bimediale Telefon-Talkshow »Domian«. 2003 wurde er für die Sendung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sein Buch »Interview mit dem Tod« wurde zum Bestseller.

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»Die Stille und der Tod, das sind meine Themen – mit Hansen gehe ich ihnen auf den Grund.«

Jürgen Domian

Tag 133. Nebel über Hansens See, kühle Luft, die Sonne wird heute nicht scheinen, in der Nacht hat es stark geregnet. Die letzten Wochen war Hansen wieder ganz allein. Er hat keinen Menschen gesehen, er hat kein Wort gesprochen, und ihn hat auch niemand gesehen. Nicht einmal mit dem Auto ist er unterwegs gewesen, denn durch Zufall hat er in unmittelbarer Nähe seiner Hütte einen Wanderweg entdeckt, der weit hinaus in die Natur führt. Jeden Tag war er dort unterwegs. Wieder viele Stunden. Was soll er auch in der Hütte? Sie dient ihm nur als Platz zum Schlafen und Essen. Zwar ist die weite Umgebung seines Hauses nicht so spektakulär wie die wilden Landschaften der Nationalparks, dennoch hat Hansen auch hier das Gefühl, allein auf der Welt zu sein, umgeben von lichten Fichtenurwäldern,  schroffen Fjells und Birkenwaldungen. Seine Stimmung in der letzten Zeit war dumpf und apathisch. Er hat zwei belanglose Mails an Philipp geschrieben, ist dabei aber nicht näher auf den Herrn der gelben Erde eingegangen, hat wenig nachgedacht und wurde von seinen Erinnerungen weitgehend in Ruhe gelassen. Heute allerdings ist alles anders. Vielleicht liegt es am Nebel über dem See.

Hansen sitzt am Holztisch seiner Hütte und frühstückt. Wie einsam er sich fühlt. Er isst, er trinkt Kaffee, schaut dabei aus dem Fenster auf den See, er friert etwas und kann plötzlich gar nicht glauben, dass er einmal ein ganz normales Leben geführt hat – mit Wohnungen in verschiedenen Städten, einem Beruf, Frauen, Sohn, Freunden, Opernbesuchen, Reisen, Bankkonten, Weihnachtsfeiern, Lebensversicherungen, Autopannen, Grillabenden, Smalltalks, Besäufnissen, Steuerbescheiden, Partys und so weiter. War er das wirklich gewesen? Er, Hansen? Oder hatte eine andere Person all das erlebt? Und jetzt? Wer oder was ist er jetzt? Wer ist Hansen? Diese Fragen werden immer bohrender. In den letzten Jahrzehnten war er sich seiner sehr sicher und gewiss gewesen. Das ist nun vorbei.

Die Stille zersetzt das Ich. Zersetzt sie auch Meinungen, Anschauungen, Überzeugungen – getroffene Entscheidungen? Wer ist Hansen? Ein fast sechzigjähriger Mann, der in genau 133 Tagen sterben wird. Wird er in 133 Tagen sterben? Will er es noch? Er ist sich plötzlich nicht mehr so sicher. Aber natürlich! Basta, basta! Er stirbt ja jetzt schon jeden Tag – ein bisschen. Der Tod frisst seine Tage. Ein Zurück gibt es nicht. Niemals!

Ihm wird kalt ums Herz. Was ist der Mensch?

 

Er bleibt stehen und lauscht in den Wald, schaut in den Wald. Jetzt spürt er es ganz genau: Er ist nicht allein! Er sieht nichts, er hört nichts. Und doch fühlt er sie, weiß, dass sie da sind, überall im ganzen Wald, wohin er sich auch wendet, und er spürt, wie sie, die Wesen des Waldes, ihre Aufmerksamkeit ganz und gar auf ihn richten,  den Eindringling. Haben die Wesen Augen? Das weiß Hansen nicht. Aber ihm ist zumute, als würden die Wesen ihn anstarren. Alle, selbst die, die weit von ihm entfernt still zwischen Bäumen und Sträuchern stehen. Überall stumme Wesen. Muss Hansen sich vor ihnen fürchten? Er hat das Gefühl, dass sie ihn kennen. Ein jedes Wesen kennt ihn – und sein Leben, sein ganzes Leben. Selbst Karl kennen sie und seine Eltern, sie wissen um alles. Soll er weitergehen – oder stehen bleiben? „Was wollt ihr?“, ruft er in den Wald. „Warum schaut ihr mich alle an?“ Hansen bewegt sich nicht von der Stelle. Er meint ein Raunen zu hören, und dann scheint es Hansen, als würden alle Wesen gemeinsam im Flüsterton rufen: „Dein Weg ist richtig, aber er ist auch falsch. Geh weiter, geh weiter!“

„Ich habe keine Wahl“, sagt Hansen leise.
„Ach“, flüstern die Wesen im Chor, „wer so denkt, hat schon verloren. Der rechte Weg hat keine Richtung.“
Hansen friert.
„Wie soll ich das verstehen?“, ruft er.
„Auf das Verstehen kommt es nicht an. Der Verstand ist nur etwas für den Alltag – nicht aber für das Leben.“
„Was ist denn das Leben?“
Stille. Hansen dreht den Kopf in alle Richtungen. Und dann klingt es so, als würden die Wesen durcheinander, aber immer dasselbe im Flüsterton sagen: „Du, Hansen, bist das Leben, du, Hansen! …“
„Nein“, schreit Hansen zurück in den Wald, „ihr irrt, ihr irrt, mein Leben gehört schon jetzt dem Tod, es ist bald zu Ende.“
Die Wesen reden nun derart durcheinander, dass Hansen nichts mehr versteht. Dann plötzliche Stille, und wie aus einem Munde antworten die Wesen im Flüsterton: „Nur dein Ich stirbt, nicht du. Das, was du wirklich bist, kennt weder Zeit noch Tod. Geh weiter, geh weiter!“

Genau in diesem Moment verstummen die Stimmen und ein paar Vögel beginnen einen lautstarken Gesangswettstreit. Hansen fühlt sich wie benommen, er schaut sich um, nach oben in die Bäume und in alle Richtungen. Vor ihm der Wanderweg. Er geht weiter.

(..)

Und dann dreht sich die Gestalt um, und Hansen sieht, dass sie kein Gesicht hat, nur eine aschgraue, fleischige Fläche dort, wo eigentlich Augen, Mund und Nase sein sollten. Die Gestalt bewegt sich etwas auf Hansen zu. Sieht er sie wirklich nur in seinem Inneren, oder ist sie gar real? Hansen meint verrückt zu werden vor Angst. Er fühlt sich wie gelähmt, kann weder weitergehen noch etwas sagen oder schreien. Wer ist diese Gestalt? Der Tod? Das Böse? Wohnt in Hansen das Böse?