Nicola Schmidt: artgerecht – Das andere Kleinkinderbuch | Leseprobe read’n’go

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Kinder sind immer wunderbar.
All unsere Probleme sind reine – Benutzerfehler.

artgerecht!?

Im Supermarkt. Meine zwei Kinder und ich schaffen es an den Süßigkeitenregalen vorbei bis zur Kasse. Ich lege die Waren aufs Band. Der Fünfjährige klettert auf der Kassenabsperrung herum. »Bitte lass das, ich weiß nicht, ob das hält.« Die Zweijährige hat eigene Pläne. »Nein! Du darfst nicht die Tüten aus dem Regal dort reißen!«

Als die Kassiererin den Betrag nennt, fällt der Große von der Absperrung, die Kleine kriegt einen Tobsuchtsanfall und reißt mir das Portemonnaie aus der Hand. Die Kassiererin lächelt ihr vollautomatisches Lächeln: »Sammeln Sie Punkte?«

Nein, ich sammle keine Punkte. Ich sammle Fragen. Und Antworten. In diesem Fall fragte ich mich: Warum ist das Leben mit zwei Kleinkindern so anstrengend, wenn in all meinen Büchern steht, dass Menschen schon immer Kleinkinder hatten und wir uns als Menschheit ganz prima entwickelt haben? Das ist doch nicht – artgerecht?

Als ich mich auf die Suche nach Antworten machte, stellte ich fest, dass es nicht an den Kindern lag. Kinder sind immer wunderbar. All unsere Probleme sind reine – Benutzerfehler. Ich hatte zwei kleine Entdecker in die falsche Umgebung gebracht. Wenn meine Kinder im Wald waren, hatten wir praktisch keine Konflikte. Kaum betraten die zwei Forscher und ich aber einen Bioladen, wurde es kompliziert. Stück für Stück verstand ich, was Kleinkinder brauchen, um gesund und entspannt aufzuwachsen. 

Ich habe dieses Buch geschrieben, weil es so viel Wissen gibt, das Eltern im Alltag weiterhelfen kann. Familienleben soll leicht und schön sein. Wenn wir verstehen, was passiert, ist es viel leichter, damit umzugehen.

Wer sein Kind versteht, weiß, was zu tun ist.

Warum es keine Trotzphase gibt

Im Prinzip sind die Kinder nicht im »Trotzalter«, sondern in einer Phase der Autonomieentwicklung. Sie bewegen sich von der völligen »Wir«-Welt mit ihren Bezugspersonen hin in eine Welt, in der sie sich als eigenständiges Wesen wahrnehmen und eigene Ideen verfolgen. Dass diese Ideen nicht immer mit dem »Außen« zusammenpassen, ist neu und muss erst mal bewältigt werden.

Eigentlich ist das Trotzalter also eine Phase, in der die Kinder ihr »Ich« ausbilden und lernen, den daraus resultierenden Stress zu bewältigen.

Das geht schon im zweiten, bei manchen sogar im ersten Lebensjahr los und zeigt sich durch die ganze Vorschulzeit hindurch und darüber hinaus. Der Zeitraum ist sehr individuell. Diese Periode ist wichtig, weil die Kinder in die »Selber-machen!«-Phase kommen. Sie schützen die notwendige Entwicklung vor wohlmeinenden Eltern und verteidigen sozusagen ihren Raum, in dem sie üben können, Saft in ein Glas zu gießen, Schuhe anzuziehen oder Holz zum Feuer zu schleppen. Wenn das nicht klappt – der Saft auf dem Tisch landet, die Schuhe nicht auffindbar sind, das Holz zu schwer ist – oder wenn es nicht erlaubt ist, das Holz wild ins Feuer zu werfen (obwohl der kleine innere Forscher aber wissen möchte, was dann passiert), gerät das Kind »außer sich«: Es will eigentlich niemanden ärgern, aber es kann mit der Situation nicht umgehen.

Die Bewältigung von Stresssituationen ist ein sehr komplexer Prozess, den wir bis ins Erwachsenenalter hinein immer wieder üben müssen.

Womit treibt Sie Ihr Kind aktuell in den Wahnsinn?

Es schläft nicht gut ein
Es will nicht Zähneputzen

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Wir Eltern müssen nicht perfekt sein. Wir müssen nur unser Bestes geben.

Nicola Schmidt (links), zweifache Mutter, ist Gründerin des artgerecht-Projekts, Wissenschaftsjournalistin und Autorin erfolgreicher Elternratgeber. Sie bietet Aus- und Fortbildungen führ Fachleute und Wildniscamps für Familien an.

Claudia Meitert (rechts) studierte Kommunikations-Design in Nürnberg und Salamanca (Spanien). Nach Beschäftigung am Theater im Bereich Bühnenbild, diversen Auslandsaufenthalten sowie Tätigkeit in verschiedenen Agenturen als Art Director ist sie seit 2012 als freiberufliche Illustratorin international tätig.

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Artgerecht schlafen - so geht's

Was ein Kind zum Einschlafen benötigt, kann sehr unterschiedlich sein. Doch für die meisten Kinder, die nicht gut einschlafen, lässt sich sagen: Sorgen Sie für einen konsequenten Sinkflug.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten ein Verkehrsflugzeug zur Landung bringen. Sie können es nicht einfach im Flug anhalten und dann direkt runter auf den Landepunkt sinken lassen. Für die meisten Kinder gilt das Gleiche – ernsthaft. Wenn wir um 19.00 Uhr noch schnell im Supermarkt einkaufen oder Opa zu Besuch kommt, dann beschleunigen wir unser Kind sozusagen auf volle Reisegeschwindigkeit, weil so viele spannende Reize das kleine System noch einmal komplett wach machen. Jetzt innerhalb von kurzer Zeit einzuschlafen funktioniert meist nicht.

Der Sinkflug beginnt also schon, lange bevor wir überhaupt ans Schlafen denken. Viele Kleinkinder sind nach 16.00 Uhr bereits erledigt von ihrem Tag, besonders wenn sie sechs oder acht Stunden in der Betreuung waren. Nach 18.00 Uhr ist kaum noch eine Kooperation möglich, wir müssen also bis dahin irgendwie das Abendessen hinter uns gebracht haben. Das ist wichtig, denn wenn Kinder vor Müdigkeit – und dann Quengeligkeit – abends nicht gut essen, schlafen sie auch nicht gut. Am besten sind die Kinder um 18.00 bis 18.30 Uhr bereits bettfertig. Wenn das nicht möglich ist, lohnt es sich, zu dieser Tageszeit in den Full-Service-Modus zu wechseln, statt mit einem müden Vierjährigen darüber zu streiten, warum er sich nicht den Schlafanzug anzieht.

Hygiene für kleine Selbermacher

Waschen, Zähneputzen, Haarewaschen, das An- und Ausziehen – all diese Maßnahmen empfinden viele Kinder zwischen zwei und sechs als »übergriffig« und unzumutbar. Wir Eltern leben zwischen dem Wunsch, dem Kind seine Autonomie zu lassen, und dem Druck, uns an Wetter, Kita-Zeiten und gesellschaftliche Vorgaben anpassen zu müssen. Als Erstes sollten wir uns da vor Augen halten, dass Zähneputzen und Haarewaschen nicht »artgerecht« sind. Unsere Vorfahren haben das ganz anders gemacht. Sie kannten weder Zahnpasta, noch seiften sie ihre Haare mit Shampoo ein, das in den Augen brennt.

 

Dennoch müssen unsere Kinder lernen, wie man die grundlegende Hygiene beachtet. Folgendes kann helfen:

1.

Überlegen Sie, welche Maßnahmen wirklich wichtig sind und wo Sie nachgeben können: Wie oft muss ein Kleinkind wirklich duschen? Können wir die Ernährung umstellen und das Zähneputzen ein wenig in den Hintergrund treten lassen?

2.

Entscheiden Sie, welche Termine wirklich wichtig sind und was man ausfallen lassen kann, um den Stress aus dem Alltag zu nehmen: Besonders bei Kindern, die sich phasenweise nicht anziehen wollen, kann man Verabredungen in den eigenen Garten oder die Wohnung verlegen.

3.

Lassen Sie das Kind mitmachen und mitbestimmen: zum Beispiel entscheiden, was es anziehen will, wo Zähne geputzt werden, wer die Haare kämmt.

(…)

Wichtig ist, dass wir konsistent bleiben – wenn wir entscheiden, nicht mit einem nackten Kind auf die Straße zu gehen, sollten wir auch dabei bleiben.