Alwyn Hamilton: Amani – Rebellin des Sandes | Leseprobe read’n’go

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Alles für die Freiheit!

Die 16-jährige Scharfschützin Amani will bei einem Schießwettbewerb ihre Freiheit gewinnen. Doch dort kreuzt Jin ihren Weg, ein faszinierender Fremder, der von den Schergen des Sultans verfolgt wird. Er soll zu den Rebellen der Wüste gehören, die den abtrünnigen Prinzen unterstützen. Amani und Jin werden Reisegefährten wider Willen und kämpfen bald ums Überleben …

Das Abenteuer beginnt ...

In Amanis und Jins Händen liegt nicht nur die Zukunft ihres Landes, sondern auch ihre gemeinsame...

Schüsse in der Wüste.

Ich atmete tief und zittrig durch. Vielleicht hätte ich das bis zu Ende denken oder wenigstens hartnäckiger auf meinen tausend Fouza bestehen sollen. »Los, Junge«, sagte eine Stimme nah an meinem Ohr. »Du vertraust mir doch, oder?« Ich schaute den Fremden mit seinem überlegenen Lächeln an. »Ich kenne dich überhaupt nicht.«

Er zog mir den Hut vom Kopf. Ich war froh, dass ich daran gedacht hatte, mein Haar unter die Sheema zu stecken, die mir bis zu den Augen reichte, fühlte mich ohne den Hut aber dennoch entblößt. »Umso mehr Grund, mir zu vertrauen.«

Der Gang durch die Scheune schien endlos. Hasan grinste, als er die Flasche auf meinem Kopf ausbalancierte.

»Verdien dir dein Geld besser, ohne zu zittern, Kleiner. Sonst sieht jeder die Flasche beben wie ein Mädchen in der Hochzeitsnacht.«
Mein Zorn verlieh mir einen festen Stand. Die Flasche bewegte sich nicht. Nicht, als der Fremde an die Linie trat. Nicht, als er seine einzige Patrone in die Kammer schob. Nicht einmal, als er die Pistole hob und sie direkt auf meinen Kopf richtete. Nur dass ich keine Luft bekam. Er zielte sorgfältig, richtete die Waffe neu aus. Er ließ sich Zeit; meine Nerven waren kurz vor dem Zerreißen.

»Drück endlich ab, du Feigling!« Der Schrei kam in derselben Sekunde aus meinem Mund, in der der Schuss losging. Ich hatte keine Zeit zusammenzuzucken.

Die Menge brach in Buhrufe aus, und ich war immer noch am Leben und konnte sie hören. Ich neigte den Kopf und die Flasche fiel heil in meine Hände. Dann drehte ich mich um. Die Kugel steckte eine Haaresbreite von meinem Schädel entfernt in der Mauer. Erst da begann ich zu zittern. Ich war mir nicht sicher, ob aus Nervosität oder aus Aufgekratztheit. Ich legte beide Hände fest um die Flasche, damit man das Zittern, woher es auch kam, nicht sah. Unter dröhnenden Buhrufen ging ich zur Linie zurück. Der Fremde begegnete mir in der Mitte des Schießplatzes, als er zum Ziel ging. Eine Sekunde lang hielt er inne und setzte mir meinen Hut wieder auf.

»Alles in Ordnung?«, fragte er.
»Das war ganz schön knapp.« Ich zog den Hut wieder ins Gesicht.
»Was ist los, Bandit?« Als fände er irgendetwas verdammt komisch. »Fühlst du dich ein bisschen weniger unsterblich?«
Ich drückte ihm die Flasche in die Hand. »An deiner Stelle würde ich niemanden verspotten, der gleich mit einer Pistole auf deinen Kopf zielt.«
Lachend ging er weiter.

Und dann stand ich hinter der aufgemalten weißen Linie und er war das Ziel. Ich konnte die Flasche ohne Weiteres treffen, wenn ich das wollte. Wie standen die Chancen, dass Dahmad den Fremden wirklich irgendwo traf, wo die Sache tödlich endete? Und selbst wenn es so käme, was bedeutete mir der Fremde schon? Keine tausend Fouza Preisgeld.

Ich drückte ab. Die Flasche blieb heil.

Es war keine Entscheidung.
Es war Instinkt.

Ein Lächeln, ein Wunsch.

Wir saßen auf dem Boden hinter dem Tresen, damit sich der Fremde umgehend verstecken konnte, falls jemand hereinkam. Das meiste Blut war schon angetrocknet und sein Hemd klebte an der Haut. Ich musste es ihm mit seinem Messer vom Leib schneiden. Er hatte breite Schultern und nichts als harte Muskeln.
Ich hatte eine Flasche Schnaps vom Regal geholt. Der Fremde saß reglos da, als ich eine saubere Ecke seines Hemdes mit dem Alkohol tränkte und damit seine Haut abrieb. Wir hatten mehr Schnaps zur Verfügung als Wasser.

Einen Augenblick später meinte er: »Du solltest mir nicht helfen. Hast du den rechtschaffenen Kommandanten Naguib nicht gehört? Ich bin gefährlich.«
Ich schnaubte. »Ja, ja. Er auch.«
Mit mehr Wahrheit konnte ich nicht herausrücken, ohne ihm zu sagen, dass der Blauäugige Bandit ihm etwas schuldig war.

»Außerdem –« meine Hand schoss nach oben – »habe ich das Messer.« Er erstarrte, als er die Klinge an seinem Hals spürte. Die Härchen an seinem Nacken richteten sich auf. Dann lachte er.
»Das stimmt.« Beim Reden schabte seine Haut über die Messerschneide wie bei einer gefährlich gründlichen Rasur.
»Ich tu dir nichts.«
»Ich weiß.« Ich versuchte, es wie eine Warnung klingen zu lassen, als ich mich wieder seiner Schulter zuwandte.

Ich stach mit der Messerspitze in seine Haut. Seine Muskeln zogen sich unter meiner Hand zusammen, aber er schrie nicht.
»Ich glaube nicht, dass die Kugel die Muskeln in deiner Schulter in Mitleidenschaft gezogen hat«, sagte ich und arbeitet mich mit dem Messer vor. »Halt still.«

Ich drückte meine Ellenbogen in seine Seiten, um mich abzustützen. Auf die andere Schulter war ein Kompass tätowiert. Er hob und senkte sich mit jedem schweren Atemzug. Die Kugel fiel mit einem Pling auf den Boden und aus der Wunde schoss Blut. Rasch presste ich mit einer Hand das zerschnittene Hemd darauf.

»Die Wunde muss genäht werden.«
»Das wird schon wieder.«

Er betrachtete mich in dem rasch schwindenden Licht. »Ich weiß nicht einmal deinen Namen«, sagte er.
»Ich deinen auch nicht.« Ich blickte auf und strich mir mein dunkles Haar mit den Knöcheln aus dem Gesicht, damit ich mich nicht mit Blut besudelte. Ich wischte mir die Hände an einem der Stofffetzen ab, der noch mit Alkohol getränkt war.

»Jin.« Er hatte mir letzte Nacht einen falschen Namen genannt, auch wenn er das nicht wusste. Ich war mir nicht so sicher, ob das jetzt sein richtiger Name war. Ich hatte ihn noch nie gehört.

»Bist du sicher?«, hakte ich nach.
»Was meinen Namen betrifft?« Sein Mund verzog sich, als er seine verletzte Schulter kreisen ließ.
Dabei zog sich die nackte Haut an seinem Bauch ein wenig nach oben, sodass ich den Rand eines weiteren Tattoos über seinem Gürtel ausmachen konnte.
Plötzlich wollte ich unbedingt wissen, was für eines es war. Der Gedanke ließ mir die Hitze in den Nacken steigen.

»Ja.«
»Ziemlich sicher.«

Mein Blick huschte zu seinem Gesicht. »Bist du sicher, dass du mich nicht anlügst?«
Jins Augen tanzten auf eine Art und Weise über mein Gesicht, die mich ganz unruhig werden ließ. »Du weißt, dass ich ohne deine Hilfe jetzt tot wäre.«
Ich auch.
Aber das sagte ich nicht laut.

»Amani«, erwiderte ich stattdessen. »So heiße ich. Amani Al’Hiza.«

Es war verdammt schwer, einem Jungen mit einem solchen Lächeln zu trauen. Ein Lächeln, das den Wunsch in mir weckte, ihm sofort zu all den Orten zu folgen, von denen er mir erzählt hatte, und mich gleichzeitig warnte, dies auf keinen Fall zu tun.

Wo ist
mein
Prinz?

Ich bin ein Wüstenkind.

Ich merkte, dass meine Sheema lose um meinen Hals hing und ich wieder als Mädchen zu erkennen war. Ein Mädchen in Jungenkleidern. Rasch wickelte ich sie mir wieder um den Kopf. Noch während ich es tat, packte mich jemand um die Taille und hielt mir den Mund zu. Mein Angreifer zog mich von den Fahrgästen weg und drückte mich zwischen zwei Betten an die Waggonwand.
Ich blickte direkt in zwei mir vertraute Augen. »Du bist mir vielleicht eine«, sagte Jin. Dabei hielt er mich immer noch fest gepackt.
Die Panik wich. Jin war vielleicht nicht allzu gut auf mich zu sprechen, aber es war immer noch besser, von ihm geschnappt zu werden, als von einem Soldaten. Ich versetzte ihm einen Stoß, damit er seine Hand von meinem Mund nahm. »Ich werte das als Kompliment. Was tust du hier?«

»Diesen ganzen verdammten Zug nach dir absuchen«, antwortete er. Er klang erleichtert. »Komm mit.« Er wollte mich aus dem Ort zwischen den Betten ziehen. »Lass uns –«
Überall im Waggon blitzte es Weiß und Gold auf, die Farben fehl am Platz zwischen den schmuddeligen Dritte-Klasse-Fahrgästen.
Zu spät.
Es blieb keine Zeit mehr, um wegzulaufen und noch weniger Zeit, um sich etwas zu überlegen. Wir brauchten ein Versteck. Nur, dass es keines gab. Außer genau da, wo wir standen. Ich riss Jin zurück zu mir nach hinten. Meine Knöchel streiften den Rand des Sonnentattoos über seinem Herzen. Das war das Letzte, was mir auffiel, bevor ich ihn küsste.
Einen Augenblick lang biss er überrascht die Zähne zusammen und packte mich so fest am Arm, dass es wehtat. Dann presste er seinen Körper eng an meinen und drängte mich an die Waggonwand.
Ich war ein Wüstenkind. Ich dachte, ich wüsste, was Hitze ist.
Ich hatte mich geirrt.

Ich dachte, ich wüsste,
was Hitze ist.
Ich hatte mich geirrt.

Die Nähe jagte mir so unvermittelt einen Schauer über den Rücken, dass ich versuchte, mich von ihm zu lösen, bevor ich Feuer fing. Doch Jin umschloss mein Gesicht mit seinen Händen. Ich konnte nicht weglaufen. Nirgendwo hingehen.
Wollte es auch gar nicht.

Ich hatte das nicht zu Ende gedacht und jetzt blieben mir keine Gedanken mehr. Nur seine starken Finger an meinem Hals.
Sein Atem vibrierte in mir, bis ich nichts mehr spürte, außer Verlangen.
Mehr als Verlangen.
Eine Notwendigkeit.
Sein Daumen drückte auf die Stelle, an der Naguibs Pistole mich getroffen hatte. Ich stieß unwillkürlich die Luft aus.

Jin löste sich von mir und der Bann brach. Kühle Luft strömte in die Lücke zwischen unseren Körpern und an die Stelle, wo noch einen Moment zuvor seine Hände auf meiner Haut gelegen hatten. Jetzt lagen seine Handflächen rechts und links von mir auf der Wand.
Sein Blick lag nicht mehr auf mir. Er lag auf der Pistole an meiner Hüfte. Durch die Lücke unter seinem Arm sah ich eine Uniform aufblitzen. Er presste seinen Körper nicht mehr an meinen. Er will dich nicht haben, erinnerte ich mich, nur verstecken.

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Börsenblatt, 18.08.2016