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Rezensionen zu
Das dritte Königreich

Karl Ove Knausgård

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...wo es für uns Leser*innen kein Entrinnen mehr gibt

Hugendubel Buchvertrieb GmbH

Von: Peter Wohlrab aus Pinneberg

28.05.2024

Ich habe den neuen Knausgård bekommen und in drei Tagen verschlungen. Wie kann eine Buchreihe nur so gut sein!!! Diese Mischung aus Philosophie, Spannungsgeschichte, Schauerroman, gepaart mit psychologischer Tiefencharakterisierung, ist umwerfend. Mit geradezu testamentarischer Wucht zieht uns Karl Ove Knausgård in seinen dunkeldüsteren Kosmos, wo es für uns Leser*innen kein Entrinnen mehr gibt. Und jetzt heißt es wieder warten! Zum Heulen, sag ich Ihnen. Mich dürstet es nach mehr jener Literatur.

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An Karl Ove Knausgård scheiden sich, so ist jedenfalls mein Eindruck, die Geister. Für die einen schwafelt er endlos herum, die anderen halten ihn für einen begnadeten Erzähler. Ich gehöre zu den anderen. Und das, obwohl ich eigentlich noch gar nicht so viele seiner Bücher kenne. Seinerzeit unternahm ich den Versuch mit „Aus der Welt“ in sein Werk einzusteigen, allerdings addierte sich die bemerkenswerte Trostlosigkeit dieses Buches zu meiner eigenen, woraufhin die Lektüre aus simplen Selbstschutzgründen abgebrochen werden musste. Und ein Neueinstieg in Knausgårds Welten gelang mir eben erst mit der hier vorliegenden „Morgenstern“-Reihe. Die allerdings hat mich von Beginn an begeistert, weswegen ich halt zu den eben erwähnten anderen gehöre. Der dritte Teil der Reihe lässt mich jedoch ein wenig ratlos zurück, muss ich zugeben. Dabei hat der Roman viele positive Aspekte, die es unbedingt hervorzuheben gilt. Dazu gehört ganz zuvorderst, so banal das klingen mag, seine Länge. Oder besser: seine Kürze. Denn während die ersten beiden Teile noch mit knapp 900 und etwas über 1.000 Seiten daherkamen, gelingt es Knausgård ausnahmsweise, seine Gedanken auf „nur“ 656 Seiten zu komprimieren. Das erreicht er dadurch, dass er sich in dieser Fortsetzung auf das beschränkt, was er eigentlich mit der Reihe ausdrücken will – dazu gleich mehr – und dass er zu diesem Zweck eben auf die in den ersten beiden Teilen noch enthaltenen, erzählerischen Spielereien verzichtet, in denen man schon mal auf ein ewig langes, als gänzlich außerhalb des sonstigen Textes liegend empfundenes Essay über das Leben, das Universum und den ganzen Rest – nicht das Buch! – treffen konnte, das in der typischen Knausgårdschen Weise trotzdem faszinierend zu lesen war, oder auf verwirrende Sequenzen, in denen im Koma liegende Figuren des Romans eine bizarre Geisterwelt betreten, die natürlich trotzdem ebenfalls faszinierend zu lesen waren. Im dritten Teil hält sich der Norweger jedoch nicht mit solch, mit Verlaub, erzählerischem Tand auf und konzentriert sich – so weit jemanden mit einer solch weitschweifigen Erzählweise das eben möglich ist – auf die Intention der Reihe. Und diese ist ein weiterer Pluspunkt. Denn wenn ich mich richtig erinnere, wollte Knausgård mit seinem Mehrteiler verdeutlichen, wie unterschiedlich dieselben Ereignisse von verschiedenen Personen wahrgenommen und interpretiert werden können. Wie beschränkt der einzelne Mensch in seinen Möglichkeiten ist, die Vorgänge in der Welt zu begreifen. Und dass es, so meine persönliche Interpretation, es vollkommen egal ist, wie lange und wie gut man jemanden schon kennt, man damit dann aber allenfalls in der Lage ist, zu erahnen, wie und was diese Person denkt, dass man aber dennoch nicht beurteilen kann, wie es ist, diese Person zu sein. Und die Umsetzung dieses Vorhabens ist vordergründig, das muss man zugeben, eigentlich gut gelungen, auch wenn der Ansatz dafür recht simpel erscheint. Während die Ereignisse der ersten beiden Teile aus der Sicht einer Fülle von Personen geschildert wurden, rückt Knausgård im dritten Teil Charaktere in den Mittelpunkt, die in den ersten beiden Teilen primär am Rande Beachtung fanden, beispielsweise als Ehefrau oder Ehemann der Protagonisten aus den ersten beiden Teilen. Dazu setzt der Autor inhaltlich vieles auf null und erzählt bereits Geschehenes im Prinzip nochmal, nur eben aus der Sicht der Figuren, die bisher nicht zu Wort kommen. Als Beispiel sei hier mal Arne genannt. Gleich zu Beginn des ersten Buches der Reihe treffen wir auf Arne, der mit seiner Frau Tove und den drei gemeinsamen Kindern Urlaub an einem Fjord macht. Und zu Beginn von „Das dritte Königreich“ treffen wir eben auf Tove, die mit ihrem Mann Arne und den drei gemeinsamen Kindern Urlaub an einem Fjord macht. Haben wir im ersten Teil diesen Urlaub aus der Sicht von Arne vermittelt bekommen, so erhalten wir eben jetzt die Sichtweise von Tove. Das mag vielleicht ein bisschen so klingen wie „Fifty Shades of Grey 4.0 – Jetzt aus der Sicht des Milchmanns“, aber es hat was. Und es ist eben exakt das, was Knausgård wollte. So erhalten wir, um beim erwähnten Beispiel zu bleiben, eben aus der Sicht von Arne sowie der von Tove ein schlüssiges Gesamtbild, das sehr viel mehr hergibt, als wenn es diese zusätzliche Perspektive nicht gegeben hätte. Daraus entwickelt sich nur naturgemäß leider eine gewisse inhaltliche Redundanz, die zulasten des großen Ganzen, des Handlungsrahmens an sich, geht, was mein eigentliches Problem mit dieser Fortsetzung ist. Erzählerisch ist das alles ganz großes Kino und meinetwegen hätte der dritte Teil gerne einen ähnlichen Umfang wie die Vorgänger haben können, durch das Prinzip „Ich erzähle jetzt dasselbe nochmal, nur anders“, tritt aber eben die gesamte Plotentwicklung ein wenig auf der Strecke. Dazu gesellen sich dann noch Handlungsstränge um irgendwelche satanistischen Bands, die ich selbst mit viel Wohlwollen meinerseits noch bestenfalls als hanebüchen empfunden habe. Ja, klingt skurril – man muss dabei gewesen sein. Knausgård verliert sich in meiner Wahrnehmung ein bisschen in seinem Vorhaben, und vergisst dabei, die Dynamik, vergisst, den eigentlichen Plot des Romans nennenswert voranzutreiben, was er durchaus hätte tun können, wenn er sich im Umfang des Buches an den ersten beiden Teilen orientiert hätte. Wäre diese Buchreihe ein Puzzle, so könnte man sagen, dass er bereits zahlreiche Teile einsetzt, noch bevor er den Rand fertig hat. Und ganz ehrlich, wer legt bei einem Puzzle schon so richtig los, solange er den Rand noch nicht fertig hat …!? Und so bleibt eben nach 656 Seiten für mich der Eindruck, zwar außerordentlich gut unterhalten worden, aber im Bezug auf die Handlung kein bisschen klüger geworden zu sein, als vor diesen 656 Seiten. Wer daher Freude am Lesen selbst hat, und kein Problem damit, wenn eine Erzählung einfach mal nur um ihrer selbst willen ein bisschen durch die Gegend mäandert, der kann bedenkenlos zugreifen. Dazu muss allerdings gesagt werden, dass eine Lektüre des Buches wenig Sinn ergibt, wenn man die ersten beiden Teile nicht kennt. Wer diese Voraussetzung mitbringt, wird allerdings gut unterhalten. Und ich – ich warte jetzt schulterzuckend auf den vierten Teil …

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